Was genau wollen die Fans eigentlich? Ein Gespräch mit Retake Mass Effect
Durch diese gesamte Kontroverse über das Mass Effect 3-Ende, scheint es, als würden die Fans einen schlechten Ruf bekommen haben. Andere Stimmen haben sie für ihren Widerstand verspottet, während BioWare ihnen gegenüber bestenfalls tolerant, im schlechtesten Fall frustriert und ablehnend schien.
Ich entschied mich, es anders anzugehen und direkt mit ihnen zu sprechen. Für jedes schlüssige Argument gibt es einen flamenden Troll, der sein bestes tut um zu stören. Daher kann es schwer, ja fast unmöglich sein, die Forenbeiträge und Kommentare zu durchsieben, um eine klare Antwort auf die Frage, was die Fans eigentlich von BioWare erwarten, zu finden.
Darum arrangierte ich einen kleinen Chat mit Krista Hauser. Sie ist der Fan hinter
RetakeMassEffect.org, welches sich kürzlich mit
HoldtheLine.com zusammengelegt hat. Um meine Fragen zu beantworten, arbeitete sie mit mehreren anderen Admins und Leitern der Retake-Bewegung zusammen, welche die lauteste und am besten organisierte Fanvereinigung während dieser ganzen Kontroverse war. "Von Anfang an haben wir unermüdlich daran gearbeitet, die Community konstant zu informieren, wenn nötig zu moralisieren, verschiedene Retake-Initiativen zu belohnen und eine Atmosphäre der Höflichkeit und des gegenseitigen Respekts (zwischen den Retakern und auch zwischen BioWare und den Retakern) zu schaffen."
Ich stellte ihr einige Fragen, für die sie sich, um mir einheitliche Antworten geben zu können, mit Kaitlin Selzer (von der das vielbeachtete
Fan Testimony-Video stammt) und weiteren Communitymitgliedern beriet. Ich bin mir sicher, dass einige Fanansichten nicht berücksichtigt werden konnten, dies ist aber bei der schieren Größe einer solchen Community nicht zu vermeiden.
Wir sprachen über die Ending-Kontroverse, BioWares vor kurzem angekündigtes DLC und Markentreue.
Forbes: Was sind die festgelegten Ziele der Retake-Bewegung?
Hauser: Wir stehen und sprechen für die vielen BioWare-Fans, die über das Ende von Mass Effect 3 enttäuscht sind. Zufriedenstellung ist zwar ein subjektiver Ausdruck, jedoch hat ein beachtlicher Teil der ME3-Besitzer (einer Umfrage in der BioWare-Community zufolge über 65.000) seine negative Meinung über die derzeitigen Enden zum Ausdruck gebracht. Das ist keine lautstarke Minderheit sondern eine beträchtliche Sammlung von Fans, die von der untypisch mageren Qualität von dem , was eigentlich jeder als epischen Abschluss einer bahnbrechenden Trilogie erwartet hatte, enttäuscht, verwirrt und verärgert sind.
Wir von Retake wollen, dass das Ende von Mass Effect 3 den hohen Standards, die BioWare sich erarbeitet hat, gerecht wird. Wir wollen ein Ende, das für das steht, was die Trilogie so einmalig gemacht hat. Neben vielen Dingen wollen wir ein Ende, welches die Entscheidungen der Spieler aus allen drei Spielen widerspiegelt, dabei aber auch die Überlieferungen der Saga respektiert.
Weshalb denkt ihr, dass 'Retake Mass Effect' von den Medien falsch interpretiert wurde?
Bei einer Bewegung so groß wie 'Retake Mass Effect' ist es unmöglich, dass jede Gruppe oder jedes Mitglied wahrheitsgemäß für alle spricht. Verwechslungen sind daher nachvollziehbar, also tun wir unser bestmöglichstes in solchen Fällen zu korrigieren und zu klären. Bedauerlicherweise betrachten uns wohl einige Vertreter der Medien mit Geringschätzung (und bezeichnen uns als "anspruchsvolle Heulsusen" (engl.: "entitled crybabies")) und verbreiten weiterhin die Meinung, dass wir mit der Äußerung unserer Unzufriedenheit über die Enden und den Wunsch einer erneuten Überprüfung des Produkts seitens BioWare, einen für die Branche "gefährlichen Präzedenzfall" schaffen würden. Angesicht der Tatsache, dass BioWare offen zugegeben hat, das Fan-Feedback bereits mehrmals direkte Auswirkungen auf die Richtung der Franchise hatte, finden wir das verwirrend.
Es gibt auch die Fehleinschätzung, dass die Beschwerden über das Ende sich voll und ganz aus unseren individuellen Erwartungen ergeben. Die Tatsache ist aber doch, dass uns noch vor dem Release immer und immer wieder - von BioWare - gesagt wurde, dass wir ganz bestimmte Dinge vom Mass Effect 3-Ende erwarten können. Wir finden nicht, dass es nun unfair von den Fans ist zu erwarten, dass BioWare seine Versprechen auch einhält.
Ist die Bewegung mit der Ankündigung des Ending-DLC zufrieden?
Im Allgemeinen ist man zunächst klar skeptisch; viele Fans sind enttäuscht darüber, dass man nicht angeboten hat, die Enden neu zu schreiben. Dennoch besteht auch die Hoffnung, dass das DLC den Abschluss liefern wird, den das jetzige Ende vermissen lässt. Allerdings ist ein großer Teil der Community weniger optimistisch und der Meinung, dass nur ein komplett neues Ende die einzige akzeptable Lösung sei.
Viele finden, dass eine schlichte 'Klarstellung' des jetzigen Endes einfach zu wenig die verschiedenen Bedenken der Mass Effect-Fanbasis anspricht. Ein Hauptproblem dass die Retake-Bewegung hervorgehoben hat, bleibt beispielsweise im Spiel enthalten: nach jetzigen Informationen werden die Entscheidungen der Spieler nach wie vor kaum Auswirkungen auf das Ende haben.
Stellungnamen von BioWare und EA stellen eindeutig klar, dass man nicht die Intention hat, Dinge neu zu schreiben und das man zu dem Original-Ende steht.
Zurzeit haben wir nicht genug Informationen um beurteilen zu können, ob man mit dem Extended Cut DLC Fans zurückgewinnen kann oder nicht. So wie es derzeit beschrieben wird, hat das DLC das Potenzial, die emotionalen Bindungen mit den Charakteren, welche sie quer durch die Galaxie geführt haben, wiederherzustellen. Zu verstehen, was die Zukunft für Shepard, seine Freunde und Liebsten bereithält, wie sie - und der Rest der Galaxie - auf die letztendlichen Spielerentscheidungen reagieren, würde zumindest einen kleinen Abschluss darstellen. Jedoch besteht die Möglichkeit, dass die kognitive Dissonanz, verpackt in der Erzählung des Endes, weiterhin einen bitteren Nachgeschmack hinterlassen wird. Dieser wird wahrscheinlich verschärft werden, sollte das DLC keine Möglichkeiten zur Interaktion mit Charakteren oder keine weiteren Sprachaufnahmen beinhalten. (Zum jetzigen Zeitpunkt haben wir keine Informationen, dass entsprechende Sprecher am kommenden DLC mitarbeiten werden). Es gibt außerdem die Bedenken, dass die Ankündigung nur die Retake-Bewegung zum Schweigen bringen, die Aufmerksamkeit von der Ursache ablenken und die Fans besänftigen und zum Ablassen bewegen soll.
Um ehrlich zu sein - egal was passiert, Retake hat Spielegeschichte geschrieben. Wir haben den Präzedenzfall der Verantwortlichkeit innerhalb der Gaming-Industrie verändert und wenigstens zu einem gewissen Grad werden manche Dinge nie wieder so sein wie sie waren. Die Fans würden zurzeit am liebsten weniger PR-Gerede und mehr klare Antworten von BioWare und EA zu hören kriegen.
Sollte das DLC tatsächlich nur "Klärung", nicht aber "Veränderung" des Endes, was Retake sich ja wünscht, sein, werdet ihr dann weiterhin so intensiv wie bisher protestieren? Ich bin mir nicht sicher ob ich den Sinn des weiterhin anhaltenden Widerstands verstehe. Ich denke, die Unzufriedenen haben das Recht ihre Meinung kundzutun aber ist es überhaupt realistisch zu glauben, dass BioWare nach Ankündigung des kostenlosen DLC aufgrund von weiteren Protest einlenken und das gesamte Ende umschreiben wird?
Es gibt keinen Präzedenzfall anhand dessen wir beurteilen können, ob es realistisch oder nicht ist, von BioWare weitere Änderungen des Endes zu erwarten, sollten die Proteste anhalten. Die Ankündigung des DLC hat bewiesen, dass unsere Community eine überzeugende Stimme hat und das wir bereits eine große Übereinkunft erreicht haben.
Generell scheint es so, als wünschte die Community eine Beibehaltung der jetzigen Haltung. Wir werden BioWare weiterhin durch kreative und positive Aktionen unsere Leidenschaft zeigen. Wir werden auch weiterhin unsere Meinung zum Extended Cut DLC ausdrücken und auch Feedback dazu geben, da die Ankündigungen ja klarstellen sollte, dass das DLC die wichtigsten von den Fans dargebrachten Probleme ansprechen soll.
Unterstützt ihr die Indoktrinations-Theorie? Wenn ja oder nein, haltet ihr es für eine für BioWare schlüssige Möglichkeit, ein neues Ende daraus zu erstellen, während man das derzeitige Ende intakt lässt?
Die Indoktrinations-Theorie beruht sehr stark auf individuellen Fan-Interpretationen und -Vorlieben. Manche halten es für eine Bewältigungstherapie, um mit den jetzigen Enden fertig zu werden, statt den glanzlosen und enttäuschenden Abschluss einer ansonsten großartigen und vielgeliebten Trilogie zu akzeptieren.
Aus erzählerischer Sicht stellt es zweifellos ein Mittel zur Kreierung eines neuen Endes dar, während man dabei viel bis alles vom jetzigen Ende intakt lässt. Unabhängig davon, ob sie die Theorie nun nutzen, hoffen wir, dass BioWare zumindest anerkennt, dass sie ein erstaunlich komplexes Werk der Hingabe von Menschen ist, die vollständig in die unglaubliche Welt eingesogen wurden, die sie geschaffen haben.
Was denkt ihr, ist die Rolle eines Fans bei der Gestaltung der Inhalte der Spiele, die sie spielen? Glaubt ihr, dass Crowd-Sourcing eine gute Grundlage zum Schreiben von Skripten darstellt oder sollten Unternehmen lieber auf ihre eigene "künstlerische Integrität", unabhängig von Fan-Input, vertrauen.
Spiele gehören ihren Entwicklern und künstlerische Integrität ist wichtig. Wenn jedoch ein Unternehmen etwas mit der Absicht, es an ein Zielpublikum zu verkaufen, erschafft, in der Vergangenheit bereits nach Fan-Feedback gefragt und dieses verarbeitet hat, und sehr spezifische Versprechen hinsichtlich dessen, was die Verbraucher erwarten können macht, hat es die Verantwortung, ein Produkt zu liefern, das die Erwartungen, die natürlich entstehen, durch ihr eigenes Handeln erfüllt.
Wir finden es wichtig, dass die Entwickler sich der Tatsache erinnern sollten, dass es nach wie vor die Fans sind, die den Erfolg eines Spiels bestimmen. Diese sind diejenigen, die das Spiel, DLC, Merchandise usw. kaufen, also egal wie ein Entwickler von seinem Produkt hält - wenn die Fans es nicht mögen, wird es sich nicht verkaufen. Man könnte sagen, dass es ohne Entwickler keine Spiele geben würde. Ohne Fans aber, würde es keinen Bedarf nach Entwicklern geben.
Nach all dem Drama um Mass Effect, von Day One DLC über die Ending-Kontroverse, vertraut ihr der Marke BioWare da überhaupt noch? Oder hat das ganze eure Wahrnehmung über die Kanadier dauerhaft verändert?
Vergeben ist leichter als vergessen. Selbst wenn BioWare es den Fans recht machen und uns das verlangte Ending-DLC liefern würde, wäre es immer noch schwer, den bereits angerichteten Schaden wieder gutzumachen. Nichtsdestotrotz ist BioWare aber nach wie vor eine vielgeliebte Marke, die Situation ist also nicht hoffnungslos sondern vielmehr etwas, was jeder Fan wohl für sich selbst entscheiden muss.
Die Fans werden EA wohl deutlich weniger schnell vergeben als BioWare, da es nicht das erste Mal ist, dass die fragwürdigen Geschäftspraktiken des Erstgenannten ans Licht gebracht wurden.
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Ich schätze Frau Hauser und den Rest ihres Teams, welche sich Zeit nahmen, um mit mir zu sprechen.
Ich persönlich habe die Retake-Bewegung von Beginn an unterstützt und hatte bereits die Champagner-Flasche kalt gestellt, also BioWare den beispiellosen Schritt machte und das kostenlose DLC ankündigte, welche das Ende beheben soll.
Ich war ein wenig enttäuscht, als Fans größtenteils negativ auf diese Neuigkeit reagierten und meinten, dass dieser Schritt nicht weit genug ginge und man stattdessen ein komplett neues Ende wolle. Die Fans haben ja das Recht, das Ende der Saga weiterhin nicht zu mögen, ich denke aber es ist weder richtig, etwas zu beurteilen bevor es überhaupt veröffentlicht wurde, noch zu erwarten, dass die Leute bei BioWare ihre Ansichten noch weiter ändern und das Ende umschreiben statt zu erweitern. Ich denke nach wie vor, dass die Indoktrinations-Theorie den besten Ausweg liefert, da sie dadurch sowohl ihr jetziges Ende behalten als auch ein daran anschließendes neues Ende schaffen können.
Alles in allem haben die Fans jedes Recht, einem Unternehmen ihre Enttäuschung mitzuteilen. Ich dachte dass zum ersten Mal eine Online-Bewegung genug Leidenschaft hat, um etwas zu ändern - und das haben sie, durch die Erstellung des DLCs. Egal wie diese Sache letztendlich ausgeht, es war eine wirklich faszinierende Serie von Ereignissen. Diese Angelegenheit wird wohl erst unter der Erde sein, wenn der neue Inhalt im kommenden Sommer veröffentlicht wird. Und selbst dann wäre ich nicht überrascht, wenn nicht noch mehr Chaos erzeugt werden würde. Wir werden die Bewegung und alles was auf ihrem Weg noch passiert begleiten, wenn sie zu guter Letzt ihre Reise beendet.