Was ich bei diesem kryptischen Diabolus Ex Machina Ende von Mass Effect 3 problematisch finde ist die Tatsache, dass der
Stil dieses Endes nicht zum Rest der Trilogie passt und sogar in ein völlig anderes Genre abdriftet (ab dem Moment, in dem Shepard mit der Plattform zum Catalyst aufsteigt). Ich hoffe, euch schreckt der folgende Roman nicht ab, aber ich muss das etwas ausarbeiten, um meinen Punkt deutlich zu machen.
Zuerst stellt sich mir die Frage: Was
definiert, charakterisiert Mass Effect (für mich)?
Die Mass Effect Trilogie war
für mich persönlich, dass
meine Shepard mit
meinen Entscheidungen das Schicksal dieser Galaxis beeinflusst und bestimmt. Bioware betonte wieder und wieder, dass die Entscheidungsvielfalt, die Freiheit, selbst zu bestimmen, was mit den Figuren, den Spezies, der gesamten bekannten Galaxis passiert, das ist, was Mass Effect ausmacht und so großartig macht.
Und das war
bis zum Schluss von Mass Effect 3 auch absolut der Fall.
Ich war es, die Shepards Geschichte komplett beeinflussen konnte, die bestimmen durfte, ob Shepard ein Ritter in weißer Rüstung, ein grausames Monster, oder ein stinknormaler Mensch mit Gewissenskonflikten ist. Ich durfte Sidequests ablehnen oder annehmen, Hilflosen helfen oder nachtreten, die Bösewichte bestrafen oder mich von ihnen für mein Schweigen bzw. Nichtstun großzügig bezahlen lassen, tolerant oder rassistisch sein, Shepard eine geliebte Person an die Seite stellen oder alleine bleiben, tiefe Freundschaften mit Loyalität bis in den Tod knüpfen oder meine Crewmitglieder beschimpfen und zur Schnecke machen. Ich durfte die Allianz und Cerberus, den Citadelrat und Politiker bewerten. Ich durfte bestimmen, ob Shepard lustig, frustriert, wütend, verzweifelt, hoffnungsvoll oder hoffnungslos, verliebt ist. Ich konnte beeinflussen, wer die beschwerliche Reise überlebt, wer von Shepard aus dem Weg geräumt wird und wer sich aufopfern muss.
Und ich durfte die Antagonisten Saren, Sovereign, die Geth, Harbinger, die Collectors und wenn es mir beliebte auch Cerberus und den Illusive Man besiegen und mich mit meiner Crew erschöpft, aber siegreich zurücklehnen und sagen können: "Wir haben es geschafft."
Und ich musste mit diesen getroffenen Entscheidungen leben. Und manche davon waren ein notwendiges Übel, manche habe ich so sehr bereut, dass ich weindend und schluchzend vor meinem Monitor saß. Aber selbst dann durfte ich Shepard sagen lassen: "Es ist meine Schuld, dass sie tot ist." Andere Entscheidungen haben lieb gewonnenen Figuren verloren geglaubte Hoffnung zurückgegebe, das Leben gerettet, sogar ganze Spezies in jahrhundertelangem Streit wieder zusammengeführt.
Mass Effect war
meine Geschichte. Bioware hat mir die Möglichkeit gegeben, das Schicksal einer ganzen Galaxis selbst zu formen.
Wie kommt dieser Faktor im Mass Effect 3
Ende zur Geltung?
Die schlichte Antwort lautet leider: So gut wie gar nicht.
Im Laufe des dritten Teils wirken sich die in Teil 1 und 2 getroffenen Entscheidungen, sogar einzelne Dialogoptionen auf das komplette Mass Effect 3 aus, was so versprochen und so erwartet und so auch zufriedenstellend erfüllt wurde. Aber das
eigentliche Ende bleibt fast gänzlich unberührt. Sicherlich spielt die effektive Stärke der War Assets eine Rolle, ob Shepard oder Anderson am Ende überleben und auch meine Dialogauswahl beeinflusst, ob sich der Illusive Man selbst das Leben nimmt oder ob Shepard ihn töten muss. Aber keine einzige Entscheidung und auch nicht die War Assets beeinflussen in irgendeiner Weise,
was nach der Begegnung mit dem Catalyst geschieht.
In Teil 1 musste
jeder Saren, Sovereign und die Geth bezwingen, in Teil 2 musste
jeder von uns die Collector Base zerstören oder für den Illusive Man intakt lassen, also ist es auch in Ordnung, dass wir uns in Teil 3 für die Zerstörung oder Kontrolle der Reaper entscheiden müssen oder die Synthese wählen. Es besteht kein Bruch zu den beiden Vorgängern. Das Problem besteht aber darin, dass jede dieser drei Optionen in ihrem Kern identisch sind: bei jeder Option bleibt organisches Leben zurück (in welchem Ausmaß wissen wir nicht, in einer Option ist es eine Mischung aus organisch-synthetischem Leben), die Mass Relays vernichtet, die Normandy landet auf einem nicht näher bekannten Dschungelplaneten, der Stargazer erzählt dem Kind die Legende von Shepard. Was sich in den Optionen unterscheidet: die Reaper gehen oder werden zerstört, Shepard und Anderson leben oder sterben bzw. steigen zu einem transhumanen Wesen auf.
Und egal, wie ich mich entscheide: Was konkret mit Shepards Begleitern, den diversen Spezies und der Galaxis im Detail passiert, bleibt im Dunkeln. All das, was mich im Laufe dieser Trilogie maßgeblich interessiert und beschäftigt hat, das, was die Trilogie so emotional, so dramatisch, so tragisch macht und mich zum Lachen, Weinen und Fluchen gebracht hat, spielt plötzlich keine Rolle mehr. Alle Entscheidungen, die ich getroffen habe, um diese Galaxis zu einer besseren, stärkeren, friedlicheren zu machen, ist für die Katz. All die Leben die ich gerettet habe, all die, die ich geopfert habe, besizen keinerlei Relevanz mehr. Völlig umsonst habe ich die Kroganer und Turianer bzw. die Quarianer und Geth Frieden schließen lassen, denn von ihrer Heimat, der Galaxis, ihrer Spezies bleibt kaum as übrig,
egal wie ich mich entscheide.
Die Freiheit, die Entscheidungsvielfalt, die Bioware uns versprochen und gegeben und die die gesamte Trilogie bis dato definiert hat, existiert im Epilog nicht mehr. Der Stil ist gebrochen.
Zusammengefasst heißt das in meinen Augen:
Die Effect Trilogie ermöglicht es dem Spieler, die gesamte Geschichte maßgeblich zu beinflussen, die Beziehungen und den sozialen Umgang zwischen Shepard und den Figuren zu bestimmen, das politische Mit- und Gegeneinander der Spezies zu prägen, das ganze Bild der Galaxis neu zu formen und zu bemalen und
in Teil 1 und 2 ein gutes Ende zu erreichen. Die Atmosphäre des Spiels wird zwar mit jedem Teil zunehmden düsterer, hoffnungsloser, verzweifelter, aber Shepard gelingt es stets, das Unmögliche zu schaffen. Der Grundton des SciFi ist realistisch.
In Mass Effect 3 dagegen driftet das Ende ab der Plattformsequenz zu einer negativ behafteten, kryptischen-philosphischen Organics vs. Synthetics Problematik auf, im Laufe derer man ähnlich wie in I Robot, Battlestar Galactica oder Deux Ex mit einer KI darüber philosphieren darf, ob das, was die Reaper tun, gerechtfertigt ist oder nicht. Sicherlich tritt diese Thematik mit den Geth und EDI bereits vorher auf,
allerdings ohne unrealistische Space Magic.
Mass Effect war bisher ein realistisches SciFi mit einigen Fanservice-Elementen wie blauen Sexaliens oder der Deux Ex Materie Element Zero, die all diese Technologie und Biotik überhaupt erst ermöglicht. Aber der Grundton war Realismus und wurde auch physikalisch-chemisch realistisch erklärt. Plötzlich aber darf Shepard sich in einen weißen Strahl werfen und alles organische Leben mit Synthetischem verschmelzen lassen (mir möge das einer wissenschaftlich erklären!). Entscheidet man sich für die beiden anderen Optionen, macht es keinen Sinn, wieso eine Superwaffe,
die von den Protheanern und ihren Vorgängern entwickelt wurde, in Kombination mit dem Catalyst,
der zu den Reapern gehört, mir die Möglichkeit gibt,
alles synthetische Leben zu zerstören und nicht nur die Reaper (denn für die und nicht KI allgemein war das gedacht). Und dass die drei Entscheidungen in Form von drei physikalischen Wegen mit zwei Maschinen bzw. einem Lichtstrahl am Ende präsentiert werden ist auch ziemlich surreal.
Die Frage ist hierbei also: Wollten die Spieler so ein im Grundton und Stil völlig anderes Ende oder wollten sie lieber ein klassisches Ende, in dem die Reaper zerstört und alle glücklich werden oder die Reaper die gesamte Galaxis abernten und keiner mehr übrig bleibt?
Mir bleibt daher nur eine einzige Interpretation: Entweder hat Bioware völlig grundlos und enttäuschend den Grundstil der Mass Effect Trilogie und ihres SciFis geändert oder Shepard erlebt dieses Gespräch mit dem Catalyst nicht wirklich. Ob es sich um einen Traum oder Indoktrinierung handelt sei hierbei dahingestellt.
So oder so ist dieses Ende im Hinblick auf die oben erläuterten Charakteristika von Mass Effect
ein nicht passendes, fremdes Ende mit bitterem Beigeschmack.