Die Citadel – Zivile Andockbuchten
Ellen ließ sich ohne große Umstände an einem der leeren Tische nieder und tippte ebenso umstandslos mit ihrem Zeigefinger auf den Taster in dessen Mitte, was sofort dafür sorgte, dass dem Mädchen die Menükarte angezeigt wurde. Statt ihr Augenmerk jedoch auf das Angebot zu richten, musste sie ungewollt und gezwungen ihr Handgelenk anstarren.
Early hatte ihr zwar MediGel für die Schnittwunden gegeben, jedoch hatte sie im Nachhinein ihre Zweifel, ob es eine besonders gute Idee gewesen war, dieses auch anzuwenden. Das Gel sah nämlich bereits seltsam gelblich aus, fühlte sich irgendwie runzlig an und machte insgesamt einfach nicht den Eindruck von brauchbarem MediGel. Letztendlich hatte die Sechzehnjährige trotz ihrer Bedenken jedoch auf das Mittel zurückgegriffen.
Vorsichtig tastete das junge Mädchen mit der freien Hand nun die Wundnarben ab, wodurch ihr ein unwohler Schauer über den Rücken lief. Ursprünglich haftete an dem Handgelenk das Armband, dass ihr ihre geisteskranken Eltern angelegt hatten. Ein Peilsender, über welchen sie jederzeit in der Lage gewesen waren, herauszufinden wo sich ihre Tochter aufhielt. Ellen wusste nicht, wie groß die Reichweite wirklich war, doch sie hatte sich dazu entschlossen kein Risiko einzugehen und dieses verdammte Ding irgendwie los zu werden.
Wie sie es geschafft hatte, dass mit einem alten, auf der Arcturus Station von einem betrunkenem Techniker geliehenem Werkzeug zu schaffen, war ihr einerseits ein Rätsel, andererseits sprachen die Schnittwunden, die sie sich bei der Arbeit zwangsläufig zugezogene hatte, wiederum dafür, dass es wohl doch nicht ganz so leicht gewesen war.
Die Wunden waren dank des fauligen MediGels inzwischen vernarbt und verunstalteten das Handgelenk des Mädchens mit einigen unschönen, aufgedunsenen Narben. Ellen schüttelte entschlossen den Kopf und schluckte schwer, als sie an die Schmerzen damals zurück dachte. Sie zog den Ärmel von Kates Jacke wieder vor, so dass ihr Gelenk erneut verborgen wurde und wandte sich der Holoanzeige zu, die ihr noch immer die einzelnen Snacks und Gerichte präsentierte.
Bereits nach wenigen Sekunden - eigentlich kaum, dass sie das Angebot entdeckt hatte - entschied Ellen sich. Zwei Croissants mit Butter und einen warmen Kakao. Die ließ die Bestellung durch eine einfache Eingabe über die Holoanzeige aufgeben und sackte dann wieder etwas in sich zusammen.
Irgendwie muss ich an diesen Terminals vorbeikommen, wenn die da merken dass ich Ellen Devereaux bin und die wissen, dass ich hier nicht sein sollte.. Das Mädchen stützte ihren Kopf auf ihre rechte Hand und seufzte leise. Die Möglichkeit besteht ja, dass so eine Suchanzeige von der Erde aus weitergegeben wird, zumindest bestimmt an die Kolonien, aber auch an die Citadel? Ein weiteres, schwermütiges Seufzen glitt ihr über die Lippen, dann kreuzte sie die Arme vor sich, legte sie auf den Tisch und lehnte ihren Kopf wiederum darauf. Hätte ich mich mal besser informiert, dann wüsste ich es und müsste nich Abstand zu allem halten, was irgendwie nach Polizei oder Sicherheit aussieht. Das heißt also auch, dasss ich die Citadel auch nicht betreten kann und das ist sehr unvorteilhaft…
Der nachdenkliche Gesichtsausdruck der jungen Devereaux wandelte sich langsam zu einem theatralischem schmollen. Die blöde Kate hätte mir wenigstens mal ihre Handynummer geben können! Immerhin ist sie jetzt volljährig, dass würde alles viel einfacher machen. Die Erleuchtung, dass ihr großes Schwesterchen inzwischen eine richtig erwachsene Frau geworden war, ließ Ellen kurz die Luft anhalten. Ob sie schon.. nein, bestimmt nicht, es ist ja Kate. Aber wieso ist sie kein berühmter Star geworden? Das würde es viel einfacher machen, sie zu finden… und somit wäre ich wieder beim ursprünglichen Thema, was nun? Ich muss an C-Sec vorbei und dann Kate finden.
„So, deine Bestellung.“ Ellen wurde von einem jungen Mann aus ihren Gedanken gerissen, welcher ihr zwei verführerisch aussehende Croissants und den Kakao direkt vor die Nase stellte. „Danke sehr!“ Statt sich nun weiterhin mit Sorgen zu überladen, konzentrierte sich das Mädchen mit größtem Vergnügen sofort darauf, ihr Frühstück zu verschlingen.
Genau das hatte sie bereits nach wenigen Minuten auch erledigt und während sie ihren warmen Kakao schlürfte ließ sie sich vollkommen und von allen Gedanken befreit ins Nichts fallen.
Es dauerte einige Zeit, bis sie aus dieser gedankenlosen, entspannenden Trance wieder zu sich kam. Um sie herum herrschte noch immer derselbe Betrieb wie zuvor, nicht zu viele und nicht zu wenige Gäste. Dazu noch ein angenehmer Geräuschpegel, so das alles in allem eine durchaus entspannte und wohlige Atmosphäre entstand. Ellen merkte wie das Schmunzeln auf ihren Lippen zu einem glücklichen Lächeln wurde. Sie war frei. Und selbst wenn sie Kate nicht auf Anhieb finden würde, so war sie doch frei. Sie saß alleine in einem Bistro, genoss das Treiben um sich herum und nahm sich so viel Zeit, wie sie wollte. Vor allem aber trug sie kein Armband, welches sie unentwegt daran erinnerte, dass sie nur das Eigentum ihrer sogenannten Eltern war.
„Möchtest du Zahlen?“ Ellen schwenkte wie bei einem Rekordversuch ihren Kopf zu dem Kellner. Erst jetzt dämmerte etwas in ihrem Kopf, was ihr binnen eines Liedschlags den Schweiß unter die Kleidung trieb. [i]Bezahlen! Gern! Wenn ich Geld hätte



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