Temeraire ist tatsächlich der erste Fantasyroman einer weiblichen Autorin, den ich je gelesen habe. Nicht, daß ich das bewusst immer so ausgewählt hätte, aber es fiel mir auf, da der Roman eindeutig anders war, als die Bücher die ich bislang immer gelesen habe. Sozusagen mit fühlender Hand. Novik betont besonders stark die emotionale Seite ihrer Charaktere, beschreibt die Gedankengänge von Hauptfigur Captain William Laurence und versucht die starke Verbindung zwischen ihm und seinen Drachen möglichst deutlich herauszuarbeiten. Dass da die Action ein wenig in den Hintergrund tritt, ist da nicht sonderlich verwunderlich. Ich würde nicht behaupten, daß diese Vorgehensweise typisch für weibliche Autoren ist, dafür fehlt mir die Vergleichsgrundlage, jedoch wäre kein Barclay, kein Feist, kein Martin und auch kein anderer Tolkien-Imitator auf die Idee gekommen, seinen Roman so zu schreiben.
Was ihr zu Gute kommt, Novik muss nicht erst endlos viele Seiten langer Beschreibungen zu einer frei erdachten Fantasywelt aufwenden. Sie integriert die Drachen einfach nahtlos in eine alternative Erzählung unserer historischen Vergangenheit, des napoleonischen Zeitalters. Das ist ihr sowohl in der Beschreibung als auch stiltechnisch mit dem manchmal etwas steifen William Laurence gut gelungen und man hat keine Probleme, in diese Welt einzutauchen - alle Klischees, die ein Normalsterblicher vom spießigen, formal überladenen England der Jane-Austen-Romane hat, werden erfüllt. Gleichzeitig bieten die Drachenreiter und nicht zuletzt Laurence eigener Drache Temeraire einen dankbaren Gegenpol zum britischem Gentleman-Gehabe, was den Roman nicht nur für Hardcore-Fans attraktiv macht.
Die Action muss in diesem Roman zwar etwas kürzer treten als gewohnt, aber wenn Novik die Luftschlachten zwischen den Drachen und ihren Besatzungen beschreibt, erweist sie sich auch als talentierte Schlachtenerzählerin. In ihren Luftkämpfen darf mitgefiebert und mitgelitten werden - auch hier verliert sie nie den emotionalen Aspekt aus dem Auge. Und damit ist nicht das übliche "Rache für den Tod des besten Freundes" oder der "heldenhafter Opfertod" gemeint, sondern durchwegs bodenständige Empfindungen. Novik wirft den Leser auch nicht in eine raue, depressive Welt, sondern bewahrt sich stehts eine positive Grundhaltung für ihre Charakter auf und erhält damit auch den Glauben des Lesers an eine bessere Welt aufrecht. So entwickelt sich Temeraire zu einer gelungenen Einführung einer neuen Fantasyreihe. Das Buch regt den Appetit nach neuem Stoff aus der Welt von Temeraire und der Drachen an und man freut sich auf den zweiten Band, Throne of Jade.
Fazit: Ein absolut unterhaltsamer Fantasyroman mit liebenswürdigen Figuren
Wertung: 8 /10