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  1. #231
    Newbie Avatar von Griz Tremaran
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    Tag 3
    Citadel Bezirke - Turianisches Restaurant
    21:53 Uhr

    Der Quarianer entgegnete ihm kurz das er tatsächlich von der Migrantenflotte kam und leitete dann geschickt das Thema um.
    Ha, offensichtlich Heimweh, oh ja das kenne ich; er wirds schon schaffen, dachte sich Griz und musste innerlich lächeln.
    „Doch kommen wir zu Ihnen, Griz. Sie sind der erste Turianer, zumindest auf den ich treffe, der keine Vorurteile über meiner Rasse hat. Darf ich Sie fragen, wie Sie dazu kommen? Ich meine, das beste Beispiel für Voreingenommenheit...“ Tryss senkte Stimme, „... ist hier unser lieber Kellner.“ Anschließend nickte er noch kurz in die Richtung des Kellners und nahm dann einen Schluck Wasser.
    Griz setzte das Weinglas ab und antwortete ehrlich: "Eigentlich ist die Sache relativ simpel: ich habe mich nie wirklich als Turianer, geschweige denn unter ihnen wohl gefühlt. Aber ich denke selten darüber nach, warum das eigentlich so ist. Ich glaube...", nachdenklich starrte er an seinem Gegenüber vorbei in die Leere. "Ich glaube, es rührt daher, dass mich die anderen Turianer nie wirklich akzeptiert und mir so ihr voreingenommenes Gedankengut nicht ins Hirn gebrannt haben. Ich weiß es nicht. Aber es ist, wie es ist, und es ist gut so.
    Ich habe nie verstanden, was für einen Unterschied es macht, ob man mich jetzt als Turianer, Quarianer, Humanoid oder sonstwas bezeichnet, denn eigentlich wollen doch alle nur in Frieden ihr Leben leben, oder nicht?"

  2. #232
    Rookie Avatar von Calliope Morgan
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    <<< Die Citadel: Das Flux
    Die Citadel: Bezirke
    Calliopes Apartment
    22:58 Uhr


    Vor ein paar Jahren hatte sie sich ein winziges Apartment in den Bezirken gekauft – genauer, kurz nachdem ihr Vater gestorben und sie vor ihrer Familie endgültig in Ungnade gefallen war.

    Jetzt glitt die Tür vor der jungen Offizierin auf und Callie betrat nach wochenlanger Abwesenheit wieder ihr eigenen vier Wände. Noch hatte sie so etwas wie Urlaub und sie wusste irgendwie, dass sie es nicht über sich bringen würde, zur Saratoga zurück zu gehen und dort noch eine Nacht zu verbringen, ehe sie ihren Dienst auf der SSV Midway antrat. Vermutlich könnte sie das Schiff dann nie wieder verlassen.

    Callie hörte noch den Anrufbeantworter ab – eine Angewohnheit, die sie jedes Mal bereute, denn in ihrer wochen- und manchmal monatelangen Abwesenheit gingen für gewöhnlich eine wahre Flut von Anrufen auf ihrem Komm hier im Apartment ein.

    Die 31 Jährige hörte sieben Werbeanrufe einer Firma für asarische Kosmetik, zehn für Brustvergrößerungen, zwei für irgendein neues Aftershave und vier für den neuen „Fornax“ an. Dazwischen kamen noch ein Anruf einer früheren Mitbewohnerin aus Collegetagen und einer von einem Kameraden, mit dem sie vor langer Zeit während des Skyllianischen Blitzes gedient hatte.

    Callie löschte die meisten Anrufe, und ging dann ins Bad. Nach einer ausgiebigen Dusche – Hydro, nicht Ultraschall, ein Luxus, denn sie sich leistete und den sie auch genießen wollte, weil es auf der Saratoga bloß Ultraschallduschen gegeben hatte und sie das Gefühl von Wasser auf ihrer Haut schmerzhaft vermisst hatte – und dem Schlucken einer harmlosen, aber nützlichen Tablette, die verhindern würde, dass sie morgen mit einem ausgewachsenen Kater zum Appell antrat, schlüpfte sie aus ihrer Freizeitkleidung und unter die Bettdecke.

    Bevor sie einschlief, stellte sie den Wecker auf 6:15 Uhr. So würde sie noch genug Zeiten, ihre Sachen von der Saratoga zu holen, ehe die Midway eintraf.

    Es war seltsam, nach so langer Zeit wieder im eigenen Bett zu liegen, ganz allein, oder jemandem, der die Kabine mit ihr teilte. Auch die Stille war seltsam – das leise Geräusch des Antriebskerns und der Männer und Frauen, die draußen auf dem Gang, in der Messe und auf der Brücke ihre Schichten schoben, fehlte ihr.

    Und so dauerte es eine Weile, bis Callie in einen leichten, von surrealen Träumen durchsetzten, Schlaf fiel.

    00:14 Uhr
    Geändert von Andauril (30.08.2010 um 10:30 Uhr)

  3. #233
    Newbie Avatar von Tryss'Beeld
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    Tag 3
    Citadel Bezirke - Turianisches Restaurant
    21:53 Uhr

    Der Turianer hatte eine erfrischende Ansicht über das Zusammenleben der unterschiedlichsten Spezies. Die meisten Mitglieder der galaktischen Gesellschaft bevorzugten, auf eine verständliche Art und Weise, ihre eigene Rasse, der Quarianer empfand dies als vollkommen gerechtfertigt solange man anderen Individuen aufgeschlossen gegenüber stand. Das war allerdings Wunschdenken wie Tryss wusste. Vor allem die neueren Mitglieder in der galaktischen Gesellschaft, wie z.B. die Menschen, hegten starke Vorteile gegenüber den Angehörigen anderer Spezies.
    Das sollte natürlich nicht bedeuten, dass nicht auch längerfristige Mitglieder der Gesellschaft rassistisches Verhalten an den Tag legten. Der turianische Kellner, der sie bediente, war das beste Beispiel dafür. Schließlich waren die Turianer bereits seit geraumer Zeit ein Mitglied dieser Gesellschaft und hatten außerdem einen Sitz im Rat. Neben dem üblichen Misstrauen gegenüber andere Spezies gab es natürlich auch noch generelle Vorteile und Abneigungen gegen bestimmte Rassen, z.B. Tryss' Volk, den Quarianer. Der Dieb war schlechte Behandlung gewohnt, der sein Volk als Diebe und Bettler galten. Die Verwendung der Exoanzüge sorgte zudem nicht gerade für eine Verbesserung der Situation, da dies meistens ein gewisses Misstrauen erzeugte, dass auch die Volus zu spüren bekamen.

    „Es ist schön, jemanden mit ihren Ansichten kennenzulernen, Griz. Wie Sie vorhin bereits sagten, erfahren wir Quarianer im Allgemeinen eher eine schlechte Behandlung und von daher freue ich mich über jedes freundliche Gesicht“, gab Tryss ehrlich zu und musste bei den letzten Worten sogar leicht kichern. Wenige Augenblicke später erschien der Kellner an ihrer Seite und servierte die Gerichte. „Übernehmen Sie die Kosten für die gegangene... Dame?“, richtete sich der Kellner an Tryss während er die Wörter 'Sie' und 'Dame' auffällig betonte. Der Dieb nickte nur knapp und richtete dann seinen Blick auf sein Essen. Wie es in vielen turianischen Restaurants möglich war, so war auch hier das Essen bereits püriert und wurde in kleinen Flaschen, ähnlich der Wasserflasche, serviert. Wenigstens waren die pürierten Beilagen von in einer anderen Flasche serviert worden als der zerkleinerte Fisch. Tryss griff nach der Flasche mit dem Fisch und wünschte dem Turianer aufrichtig einen "Guten Appetit". Es dauerte wenige Augenblicke bis er die Flasche unter seinem Helm angebracht hatte und mithilfe eines Strohhalms, der in seinem Helm angebracht war, eine Kostprobe des Gerichts nehmen konnte.
    Da der Quarianer sein ganzes Leben lang die Nahrung in Form von Püree zu sich genommen hatte, verspürte er keinerlei Ekel oder Neid auf andere Spezies die ihre Nahrung 'normal' zu sich nehmen konnten. Der Fisch war gut. Das überraschte ihn, denn er hatte damit gerechnet ein minderwertiges Gericht vorgesetzt zu bekommen, so aber ließ er sich das Essen schmecken.
    Geändert von Tryss'Beeld (29.08.2010 um 13:01 Uhr)

  4. #234
    Let's Play-Gucker Avatar von Toran Bak'olo
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    Tag 3
    Uhrzeit: 21:53
    Citadel: Bezirke
    Turianisches Restaurant

    Es war nun schon eine ganze Weile her, dass Saren die Citadel angriff. Der Schmerz den ihm dieser Angriff zufügte sitzt nach wie vor tief. Er war zwar Attentäter und für seine kaltblütigkeit bekannt, aber der Verlust der Eltern tut immer weh, und das tief im Herzen. Es weckt Gefühle in einem, die man gar nicht mehr kannte. Toran dachte nie darüber nach wie sich die Familien fühlten, deren Vater, Sohn, Tochter oder Mutter er zur Strecke brachte, wie gesagt, kaltblütigkeit. Jetzt wo es ihn zum ersten Mal selbst getroffen hatte, dachte er zum ersten Mal darüber nach.
    Scheiß drauf! Diese Typen waren Kriminelle, größtenteils zumindest. Die haben es verdient!
    Toran vergas dabei nur eine Tatsache, er war selbst einer dieser Kriminellen, die er verachtete, die er schon, als er noch bei C-Sicherheit war, bevor sein Leben den Bach runterging, so sehr hasste. Es kam ihm nicht einmal annähernd in den Sinn, dass er so einer sein könnte. Das alte C-Sec Gefühl war nach wie vor da, er jagte die Bösen, er war dabei der Held, der Gute. Doch nun war es anders. Er war selbst einer dieser "Bösen" geworden, und es war ihm in Fleisch und Blut übergegangen.

    Es war eigentlich ein Wunder das er noch immer auf der Citadel war. 2183 war der Kampf, mittlerweile ist es schon das Jahr 2184. Doch nach dem Angriff ging es hier ziemlich chaotisch zu und man musste sich auf andere Sachen konzentrieren als auf einen ehemaligen C-Sicherheit Agenten der zum Attentäter wurde. Toran war das ziemlich recht, die Auftragslage war gut und nach all den Jahren schien ihn niemand mehr zu erkennen. Niemand konnte sich mehr an die Geschichte des Turianischen Polizisten erinnern, der seinem menschlichen Kollegen in den Rücken schoss. Schon Wahnsinn, wie sehr die Presse diesen Vorfall damals ins Rampenlicht stellte. Doch alles schien vergessen. C-Sicherheit suchte noch immer nach ihm, aber wahrscheinlich mit niedriger Priorität. Wie gesagt, im Moment gab es Wichtigeres.

    Sein aktueller Auftrag war einmal wieder etwas interessanter, er sollte einen Batarianer töten, von dem keiner wusste wo er war, vielleicht würde ihn der Auftrag sogar von der Citadel wegführen, doch fürs erste musste er auf der Citadel nach Hinweisen auf den Verbleib des Batarianers suchen. Das Interessante war aber die Tatsache, dass vor Toran schon etliche damit beauftragt wurden ihn zu töten und es niemand schaffte. Ein ganz besonderer Reiz, der Toran dazu bewegt hatte, den Auftrag anzunehmen. Die Bezahlung war natürlich auch dementsprechend hoch.

    Den ganzen Tag versuchte er an Informationen zu gelangen, doch bisher noch keine heiße Spur. Dafür hatte er Hunger. Sein Weg führte ihn zu einem Turianischen Restaurant in den Bezirken, wo er erst einmal einen unterhaltsamen Streit beobachten konnte. Als sich die Aufregung legte, ging er nach allen anderen in das Lokal und der muskulöse Turianer setzte sich in eine Ecke, von der aus er die Personen genau mustern konnte. Vorallem ein Turianer und ein Quarianer, die an dem Streit beteiligt waren, zogen seine Aufmerksamkeit auf sich. Bald kam das Essen und er machte sich daran zu schaffen...
    Geändert von Toran Bak'olo (31.08.2010 um 17:34 Uhr)

  5. #235
    Newbie Avatar von Griz Tremaran
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    Tag 3
    Citadel Bezirke - Turianisches Restaurant
    21:54 Uhr

    Das Eis war also gebrochen und fast wie auf Befehl trat der Kellner erneut an den Tisch um das bestellte Essen zu servieren.
    Der Anblick rührte Griz fast zu Tränen, nicht das es Ungenießbar ausgesehen hätte, vielmehr war es Jahre her das er ein ordentliches Essen zu sich genommen hatte und die Tatsache das er sein Leibgericht geordert hatte machte die Sache auch nicht angenehmer.
    Der Quarianer wünschte ihm einen "Guten Appetit" und Griz nickte kurz zustimmend, bevor er beherzt einen Bissen nahm, den er lange im Mund zergehen lies und den Geschmack des zarten Fleisches genoss. Ein wohlig, warmes Gefühl machte sich in ihm breit und fast hätte er vor Zufriedenheit vergessen zu schlucken.

    Genüsslich führte er sich Bissen für Bissen zu Gemüte. die er nur von Zeit zu Zeit mit einem Schluck Wein unterbrach, bis der Teller geleert war.
    Glücklich lehnte er sich zurück und schwelgte in den Erinnerungen die das Essen in ihm hervorrief, während er leicht brummend über seinen Magen fuhr. Der Tag hatte mit dem Sonnenuntergang eindeutig eine Besserung vollzogen, im Vergleich zu dem rauen Rest des nun zur Neige gehenden Tages, den Griz in der Akte "Schlecht bis Verdammt Übel" abhaken konnte.

    Als er in die Realität zurückkehrte, blickte der Turianer fragend in Tryss' Richtung: "Also, wie gehts jetzt weiter?"

    22:09 Uhr

  6. #236
    Rookie Avatar von Calliope Morgan
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    Die Citadel: Bezirke
    Calliopes Apartment
    Tag 4
    6:15 Uhr

    Der Wecker klingelte schrill und laut. Sein Geträller riss Callie ruckartig aus dem Schlaf, und ebenso ruckartig setzte sich die junge Frau auf. Noch etwas desorientiert blinzelte sie gegen das Licht, das ihr in die Augen stach, und wusste für einen Moment nicht, wo sie sich befand. Dann jedoch fiel es ihr schlagartig wieder ein und Callie glitt aus dem Bett.

    Nach einer kurzen Dusche und einem Kaffee verließ sie ihr Apartment, schloss es zweimal hinter sich ab und machte sich im Eilschritt auf den Weg zu den Allianz-Andockbuchten. Der kurze Urlaub raste in schnellem Tempo seinem Ende zu. Die SSV Midway würde heute eintreffen und wenn sie ankam, wollte Callie bereit sein.

    6:30 Uhr
    >>> Die Citadel: Allianzandockbuchten

  7. #237
    Let's Play-Gucker Avatar von Toran Bak'olo
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    Tag 3
    Uhrzeit: 22:23
    Citadel: Bezirke
    Turianisches Restaurant

    Toran ließ sich Zeit beim Essen. Immer wieder schweifte sein Blick dabei auf den Turianer und den Quarianer an einem der anderen Tische ab. Sie schienen etwas vor zu haben, aber das sollte nicht sein Problem sein. Er war nur hier um etwas ordentliches zu essen und dann wieder zu verschwinden. Sein neues Opfer fand sich schließlich nicht von selbst. Die Minuten verstrichen und der Attentäter zahlte seine Zeche nach gut einer halben Stunde, inklusive Trinkgeld.
    Dann stand er auf, vergewisserte sich das seine Waffen gut auf seinem Rücken saßen und begab sich dann wieder aus dem Restaurant. Draussen ließ er seinen Blick in die dunklen Gassen stechen und verschmolz daraufhin mit den Schatten einer solchen. Sein Weg führte ins Flux.

    ---->Flux

  8. #238
    FRPG-Account Avatar von Octavian Visconti
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    Citadel: Bezirke – Krematorium
    11:45

    Fünfter Stock des Gebäudes, das Krematorium. Die Fahrstuhlmusik hörte auf zu dudeln, die Türen öffneten sich. Vor Octavian erstreckte sich ein klinisch gehaltener Raum – weiß gestrichene Wände, geschmückt mit dunkelblauen Strichen, Topfpflanzen und Landschaftsmalereien als Dekoration. Es wirkte mehr wie eine Arztpraxis. Sehr hell gehalten und das Metall darunter konnte man höchstens erahnen. Es sollte wohl den Eindruck für die trauernde Gäste erwecken, dass das Krematorium quasi das Licht am Ende des Tunnels sei, und zwangsläufig das letzte Licht, dass die toten Körper erhellte, bevor sie im Feuer zu Asche verbrannten. Dies war fragwürdig für Octavian, er hätte es bevorzugt, wenn das Krematorium, das zeigte was es auch wirklich war: Ein Ort, an dem man nicht sein wollte und zu dem man nie zurückkehren möchte. Ein Hort von Verderben und Unglück, die Akkumulation der Trauer eines jeden durch den Tod eines geliebten Menschen. Es wäre passender gewesen, so empfand Octavian, wenn dieses verfluchte, beschissene Krematorium einfach nur durch kalte Metallwände zusammen gehalten wurde, man in ihm friert und sich nicht zu schämen brauchte, wenn man die Wände voller Abscheu anspuckte oder voller Zorn gegen sie einschlug. Das Krematorium symbolisierte viel für einen jeden Trauernden. Es war vermaledeit. Ein nerviger Kloß im Hals, den man endlich runterschlucken möchte. Octavian schluckte.

    Sejan und Octavian verließen den Aufzug und gingen ein paar Schritte. Keiner der beiden hatte wirklich etwas die rund einminütige Auffahrt geredet, auch wenn Sejan wohl gerne etwas von sich gegeben hätte, etwas Kluges und Befreiendes, aber das gelang ihm nicht oder ihm fielen auch einfach keine passenden Worte dazu ein. Octavian seinerseits war nervlich angespannt und in der Fahrt aufwärts regte sich in ihm ein wirres Kribbeln. Es war kein Lampenfieber, aber wohl eher die Vorstufe zum Nervenzusammenbruch.
    Ein Schreibtisch war aufgestellt, gefertigt aus noblem Mahagoni-Holz. Es widerte ihn an. Mehrere Terminals befanden sich auf dem Schreibtisch und signalisierten die Wichtigkeit des Krematoriums dem unwissenden Besucher. Von hinten hörte man aufgeregte, leichte Fußtritte. Ein Salarianer, man erkennt sie einfach aufgrund ihres leichten und zierlichen Körperbaus.
    „Oh, Sie sind Herr… Visconti Octavian, liege ich hier richtig?“
    Verdrossen und mit einem eigentlich unnötigen Augenrollen drehte sich Octavian um, schüttelte dem schon eigentlich recht betagten Salarianer die Hand kräftig und blickte ihn doch etwas unsympathisch an. Nun da er sich hier in diesem Flur befand, wollte er es sich hinter sich bringen. Verzögerungen waren unangebracht.
    „Ihre Familie wartet bereits auf Sie. Wenn Sie gerade hier“, der Salarianer holte sein PDA heraus, „unterschreiben könnten. Es handelt sich hierbei nur um eine Formalität. Sie wissen schon, wer bei der Einäscherung zugegen war.“
    Octavian überflog die Liste. Antonius Visconti, Anna Vanderlyle, Lepidus Visconti und so weiter. Ihm wohlbekannte Namen, Leute, die er erwartet hatte und die er vermisst hätte, wären sie nicht hier. Er staunte nicht schlecht als er Lieutenant Tetans Namen las, aber andererseits war es selbstverständlich, dass Vaters Schutzengel bei der Einäscherung teilnahm, schon alleine wegen dem anschließenden Leichenschmaus. Es würden später beim Leichenschmaus mehr werden, so wie er Lepidus kannte, lud dieser vermutlich die halbe Citadel ein und inszenierte mehr ein Fest denn eine Trauerfeier aus dem Tode von Julius Visconti. Er setzte seinen Namen darunter und reichte dann den PDA an Sejan weiter.
    „Natürlich. Ich werde mich sofort aufmachen“, antwortete Octavian.
    Sejan setzte seinen Namen unter Octavians und der Salarianer riss Sejan den PDA etwas herb und überraschend aus der Hand, was Sejan deutlich missfiel und er schnaubte als Trotzreaktion.
    „Sehr gut. Ihr Bruder Lepidus Visconti möchte, dass die drei Söhne – damit meint er auch Sie – eine Rede halten. Ist das für sie genehm?“
    „So ist es üblich für uns Chardinisten.“, erwiderte Octavian und gab dem Salarianer keine Chance weiterzusprechen, da er sich bereits aufmachte. Der Salarianer schaute verdattert Octavian und dann Sejan an, Zweiterer packte den Salarianer am Arm und meinte kühl, aber dreist: „Sie können uns doch zeigen wo die Einäscherung stattfindet?“ Der Salarianer nickte eifrig und übernahm sofort die Führung der beiden.
    Octavian musste etwas schmunzeln als er vernahm wie Sejan den Salarianer aufforderte, aber er ließ Sejan gewähren. Es war selten genug, dass er mal jemanden herumkommandieren konnte, ein kurzes Vergnügen für diesen treuen, aber lausigen Diener.
    „Sie werden sehen“, sprach der Salarianer sofort weiter, „dass wir wirklich keine Kosten und Mühen scheuen um ihren Lieben einen würdigen Abschied zu bereiten. Unsere Räume sind goldverziert und nobel ausgestattet, für jede Kultur haben wir einen separaten Raum eingerichtet um das bestmögliche Ambiente zu schaffen, damit die Trauernden sich hier möglichst wohl fühlen. Dabei ist es uns selbstverständlich wichtig, stets den nötigen Respekt zu bewahren, wozu wir auch sehr neutral ausgestattete Räumlichkeiten besitzen. Ihr Bruder Lepidus hat sich für einen äußerst schicken, wenn ich das mal so formulieren darf, Saal entschieden, er wird Ihnen zweifellos gefallen.“
    Octavian bezweifelte, dass der Raum ihm gefallen würde. Lepidus hatte einen fürchterlichen Geschmack, das betraf nicht nur die Frauenwahl, was er eindeutig von seinem Vater geerbt hatte, sondern generell einfach und schlichtweg alles.
    „Wir nennen ihn den ‚Michelangelos Saal’ und ich denke, und darf behaupten, dass wir damit schon sehr gut die Noblesse und Eleganz des Saals zum Ausdruck bringen und damit eindeutig zeigen, dass er insbesondere für Menschen gedacht ist, wobei dieser Saal auch bei anderen Kulturen großen Anklang findet. Michelangelo war bekanntlich ja auch nicht irgendjemand, ich persönlich schätze den guten Herren auch sehr, also wirklich sehr.“
    Muss ich erwähnen, dass sich Octavian für das Geschwätz des Salarianers nicht interessierte und es gekonnt ignorierte? Ganz anders Sejan, der auf die Ausführungen des Salarianers mit einem giftigen ‚Pah!’ antwortete und dann fortfuhr: „Ersparen Sie uns das. Wenn es nach mir ginge, könnten wir den alten Mann auch einfach nur bei uns im Garten verbrennen. Dieser Ort ist direkt widerwärtig,“ stieß Sejan stolz raus und der Salarianer reagierte brüskiert, antwortete aber nicht, als er sah wie Octavian bei Sejans Kommentar lächelte. Der Geschäftsmann entschied sich dazu vorerst zu schweigen.

    Die drei bogen ab, nachdem sie mehrere verschlossene Türen passiert hatten. Offensichtlich war das Krematorium deutlich größer als Octavian zuerst vermutet hatte, denn vor ihnen tat sich bereits ein weiterer langer Flur auf, gepflastert mit weiteren Landschaftsbildern und allen möglichen religiösen Symbolen – von turianischen Geistergötzen über Christuskreuze, Buddha-Statuen und muslimischen Halbmonden bis hin zu der asarischen Göttin. Ein Tummelplatz für Götter aller Kulturen und ein Varieté zum Amüsieren für Atheisten.
    Sie kamen gerade an einem der Einäscherungsräume vorbei, als die Tür aufzischte und eine Trauergemeinde an ihnen vorbeizog, geführt von einer jungen menschlichen Dame, die krächzend und heulend ihre Urne trug. Die Tränen kullerten über ihre Wange und man sah wie die eingetrockneten und frischen Zähren sich miteinander verbanden und ein von Elend gezeichnetes Gesicht formten. Octavian war etwas erschaudert und er brachte ein kurzes, aber doch liebevolles „Mein Beileid“ heraus, nahm sich aber nicht Zeit für ein ungewolltes Gespräch und ging an den Trauernden vorbei, dem Salarianer folgend. Er hörte noch wie die junge Frau hinter ihm schluchzte „Mein Junge, mein Junge, was hast du getan?“ und Octavian fühlte Mitleid mit ihr und all den schwarz gekleideten Angehörigen.
    „Die Mutter hat ihren Sohn verloren“, sprach der Salarianer Octavian an, da er bemerkte wie Octavian stehen blieb und dem Trauerzug hinterher schaute: „Der Sohn war noch keine achtzehn Jahre alt und arbeitete für einen kleinen Drogendealer hier auf der Citadel. Ein paar Batarianer haben ihn eines Nachts aufgelauert und ihn kaltblütig erschossen. Verdammte Dreckskerle, wenn sie mich fragen.“ Sejan stieß ein unangebrachtes Lachen hervor, da er wusste, wie Octavian zu Batarianer stand.
    „Gehen Sie weiter.“, antwortete Octavian.

    Letztendlich bogen sie erneut ab und vor ihnen erstreckte sich der scheinbar letzte Gang. Am Ende befand sich eine Tür, die mit einem Turianer verziert wurde. Offenbar eine Einäscherungskammer für die reichsten Turianer. Daneben befand sich eine äußerst schlichte Einäscherungskammer und zwei nervöse, hibbelige Salarianer standen vor ihr.
    „Von wegen kein Platz mehr!“
    „Unser ganzer Clan ist da drinnen. Was für eine Unverschämtheit. Es ist mein Großcousin.“
    „Meiner doch auch. Unverschämt, ich werde die alle verklagen.“
    „Unsere Familie?“
    „Ja.“

    Etwas weiter vorne befand sich eine weitere Einäscherungskammer, deren Muster im Moment Octavian noch nicht recht erkannte, aber das Christuskreuz über ihr war voluminös und strahlte Omnipräsenz aus. Ohne Zweifel handelte es sich hierbei um den ‚Michelangelo Saal’
    Im Gang ging jemand Zigarette rauchend und Haare raufend auf und ab, vor und zurück. Den Blick auf den Boden gesenkt, immer wieder den Kopf schüttelnd. Seine Hände zitterend und die schwarzen Haare waren ungekämmt. Er stieß immer wieder ein ‚Nein’ und manchmal ein ‚Nein, nein!’ aus und dazwischen fluchte er. Er trat gegen die Wände mit seinen Schuhen, geschätzter Wert eintausend Credits, und der Anzug wirkte keineswegs elegant, da die Person mehr wie ein Penner wirkte mit dem offenen Sacko und dem herausragenden, schmutzbefleckten Hemd, und das trotz einem ungefähr zweitausend Credits teuren Smoking. An der Wand, neben der Tür, um die er seine Runde drehte, und die mit einem großen, goldenen Kreuz geschmückt war, stand eine Flasche Whisky und eine leere Flasche Wodka. Ein paar Schlücke zu viel getrunken, wie üblich eben. Die Folge war eine rote Backe, eine Angewohntheit aus den Jugendjahren – er schlug sich wenn er zuviel getrunken hatte. Er war verzweifelt und verwirrt zugleich, Wut und Trauer waren allzeit bereit, das Glück und die Zufriedenheit ruhten in seiner Waffe und der Macht über ein recht kümmerliches Reich. Erbe von Julius Visconti. Neuer, ungewollter Geschäftsführer von Corefield Design. Octavian fühlte sich willkommen. Ladies and Gentlemen – Antonius Visconti.

    Octavian kam Antonius näher und breitete die Arme aus, als Willkommensgeste und Antonius, sobald er Octavian sah, stürmte in seine Umarmung, ihm voll vertrauend und wie gebrochene Menschen auf dem Weg zur Versöhnung gaben sie sich der Innigkeit der Umarmung hin. Antonius streichelte Octavian hastig und pustete seine Verzweiflung in Octavians Nacken. Die Glut seiner Zigarette hinterließ Brandspuren auf der Kleidung des Sicherheitchefs.
    „Es tut so verdammt gut dich zu sehen, so gut.“, bekam Antonius heraus.
    „Dich auch.“ Octavians Augen wurden feucht.
    Die beiden lösten sich von einander, sie beide sumsten leise ihr Klagelied und beäugten sich, ehe Antonius zaghaft „Hm“ von sich gab und sich über die Lippen fuhr mit dem Daumen und seine Zigarette zog. „Es ist so schwer, das glaubst du mir nicht?“ fing Antonus an, „Vater ermordet und ich kann nicht mehr. Die Firma ist fast das einzige, das mich am Leben hält, nur um Vaters Erbe weiter aufrechtzuerhalten, ihn noch lebendig zu spüren. Ich wache schweißgebadet auf und erledige all diesen Papierkram und tagsüber denke und denke ich und mir fallen keine Antworten ein, auf die Fragen, die ich mir irgendwie stelle, die ich aber nicht formulieren kann. Kennst du das, sag mir dass du das kennst, kleiner Bruder? Bitte, ich fühle mich in der Schwebe.“
    „Mir geht es gleich.“
    „Das beruhigt.“ Dann nahm er einen wutentbrannten letzten Zug der Zigarette, ehe er sie wegschmiss und zog sofort zwei weitere Zigaretten hervor und steckte eine davon Octavian ungefragt in den Mund. Der Salarianer wollte sich schon aufregen, dass man hier nicht rauchen dürfte, aber Sejan warf ihm einen bösen Blick zu und schickte ihn mit einer schroffen Handbewegung weg.
    „Weißt du, ich habe jetzt drei Tage lang Lepidus ertragen müssen. In seiner Kaltschnäuzigkeit und seiner Arroganz. Und ich denke mir, ich muss das Unternehmen führen, sonst würde der noch den Sessel von Vater erben und dann, oh ich schwöre es dir“, er zündete zuerst Octavians Zigarette an und dann seine und zog mehrmals an der Zigarette, Octavian tat es ihm gleich: „Lepidus würde das Unternehmen unseres Vaters genauso zu Grunde richten, wie er das Unternehmen unseres Großvaters zu Grunde gerichtet hat. Er ist ein Parasit, der sich ernährt und dann weiterzieht. Und schau dir nur dieses verschissene Krematorium an. Ganz alleine seine Wahl. Herrgott noch mal, er regt mich vielleicht auf in den letzten Tagen. Und dann ständig diese Andeutungen“, Antonius machte eine Fratze, indem er sein Gesicht enger zog, die Lippen spitzte und mit den Fingern eine wühlende Mause simulierte – er machte Lepidus nach: „Solche unterschwelligen Andeutungen, als wäre er uns allen überlegen und wie toll er ist mit seinem drecksverschissenen BWL-Studium. Verdammt, ich bin der, der bei der Allianz war. Ich bin der, der ihm in einem Fingerschnipp den Hals brechen könnte. Also braucht dieser Dreckskerl hier gar nichts groß von sich zu geben. Und dann, sowieso, dieser verfluchte Pavel. Er hat diesen Pavel eingeladen, was juckt mich das? Der steht da jetzt drinnen und labert was von Gottes Reich und Teilhards Lehren, von wegen These, dass wir alle Gott sind, und Lepidus – oh, ich durchschaue Lepidus, glaube mir – genießt all das, diese Zeremonie. Er hat ihn eingeladen, damit er sich in seiner Exklusivität, seiner Alleinstellung wälzen kann, und dabei merkt er dann gar nicht, wie normal er ist. Wie normal wir alle sind. Und das, ich sag es dir, regt mich, also regt mich wirklich auf!“ Antonius schlug mehrere Male seine Wut raus in die Luft und ließ dabei einen kräftigen Schrei aus. Er fuhr sich erneut durch die Haare und seine schwarzen kurzen Haare standen ab als stünde er unter Storm. Das tat er auch, irgendwie. Octavian versuchte seinen Arm zu greifen, aber er erwischte ihn nicht, denn Antonius versetzte der Luft schon wieder einen Kinnhacken.
    Antonius fuhr sich mit der Hand über sein Gesicht, zwang seine Lieder runter und gewährte seinen Augen etwas Rast. „Es pisst mich an, soviel kann ich dir verraten.“
    „Du bist betrunken.“ Was Besseres fiel Octavian nicht ein.
    „Ach, nein, wirklich?“
    „Rauf dich jetzt zusammen. Du bist ein Visconti und dein Verhalten ist unakzeptabel.“
    „Weißt du, du klingst jetzt gerade wirklich eins zu eins wie Lepidus – und dann bin ich eben betrunken. Aber dieser Betrunkene würde dir jetzt am liebsten die Fresse einschlagen.“ Antonius schnaubte in Octavians Gesicht, seine Augen auf Kollisionskurs mit Octavians. Das Schnauben, auf und ab! Die unbändige Wut schlummerte in Antonius und der Alkohol hatte sie vielleicht zum Vorschein gebracht, aber es lag wohl vor allem an seiner Rolle in der Geschichte der Viscontis und die er nun unweigerlich übernehmen musste.
    Octavian packte ihn an den Armen, sah ihn sein alkoholgetränktes Antlitz und umarmte ihn, kräftig und anständig, mit Herzlichkeit und Bruderliebe. Diesmal war es Octavian der Antonius rieb, beide mit der Zigarette im Mund standen sie nun da und wollten am liebsten heulen. Die Zigaretten brannten und da sie nicht ausatmeten, kam langsam das Verlangen zu Husten und zu Weinen immer näher. Antonius Zigarette fiel ihm aus dem Mund und zu Boden. Erneut hinterließ sie Aschespuren auf Octavians Gewand, aber das war Octavian egal.
    Octavian fing an langsam und vertraut zu sprechen, wurde dann aber auffordernder, so als gäbe es keine andere Option als dies jetzt zu tun: „Antonius, ich verstehe deinen Kummer. Wir alle fühlen denselben Schmerz, aber du musst verstehen, dass es jetzt wichtig ist, für uns alle da zu sein. Uns gegenseitig Trost zu spenden in dieser harten Zeit. Wir gehen da jetzt zusammen hinein, werden Vater unseren Respekt erweisen und danach, ich verspreche es dir, werden wir die Mörder zusammen fassen.“
    Antonius schluchzte auf und löste sich von der Umarmung. Er nickte, rieb sich unter seinem Auge, um damit eine wohl demnächst erscheinende Träne wieder zurückzudrängen, sie einzuzwängen und nickte eifrig wie es nur ein Betrunkener konnte.
    „Ich habe eine ziemlich schöne Rede vorbereitet“, erwiderte Antonius. Octavian lächelte und strich ihm die Wange entlang. Dann gab er ihm einen Kuss auf je eine Wange.
    „Da bin ich mir sicher. Komm, wir gehen.“

    „… Und Julius war stets besonnen und gütig zu uns allen. Er war ein Mann, voll von Tugenden, die wir schätzen und die wir an ihm liebten. Ein Hoffnungsschimmer für die Menschheit und alle anderen Rassen. Seine Stärke und Ehre möge uns auch in Zukunft Kraft geben.“
    „Bruder, es ist schön dass du endlich da bist.“
    „Es hat lange genug gedauert.“
    „Er war ein besonderer Mensch. Julius Visconti war eine Lichtgestalt in unserer tristen Welt und wir alle, die wir uns als seine Freunde bezeichnen dürfen, waren gesegnet von seiner Herzhaftigkeit und seiner Wärme. Ich betrauere seinen Tod. Ich betrauere den Tod… eines Freundes. Ich betrauere den Tod eines wahrhaften wundervollen Menschen.“ Pavel kam eine Träne: „Möge er in Frieden ruhen. Denn wir alle hoffen es, einst in Frieden zu ruhen. Gott möge ihn begrüßen.“

    Octavian und Antonius stellten sich in die hinterste Reihe. Sie spähten etwas durch die Reihen vor ihnen und Antonius sah einige bekannte Gesichter, die er alle später noch begrüßen würde. Er scherte sich aber jetzt gerade nicht sonderlich um sie und er fing an sich Gedanken zu machen, was er sagen sollte. Wollte er Vater ehren oder ihn verspotten, den Tod betrauern oder gar bejubeln, wollte er Hoffnung signalisieren oder den Kummer verbreiten. Er sah in Antonius Anzugstasche einen weißen Zettel auf dem wohl seine Rede stand und Octavian war versucht ihm diese zu stehlen, aber das brachte nichts.
    Pavel trat von der Bühne hinab und ein Murren ging durch die Menge, nicht wissend was als nächstes passierte. Doch Pavel erhob seine Hand und wies auf Octavian, woraufhin sich alle Blicke ihm zuwandten, er noch einen sanften Klaps von Antonius spürte und dann durch die Menge schritt. Er hatte dem Boden im Blick, denn er wollte niemanden ansehen während dieses schwermütigen Gangs zum Podest, auf dessen Wege er sich nur den Kopf zerbrach, wie er nun möglichst gelungen seine Worte formulieren konnte und damit den Eindruck eines guten Sohnes erwecken konnte.

    Er trat auf das Podest zu und sah die Liege seines Vaters. Obwohl er sich wohl lieber dem Podest zugewandt hätte, trat er zuerst näher an die Liege, zog das Leichentuch vom Kopf seines Vaters und schloss die Augen. Er versuchte sich an das Bild von ihm und seinem Vater zu erinnern und es erschien. Das gefiel ihm sehr.
    Er streichelte mit seinem Zeige- und Mittelfinger über die glatt rasierten Wangen des Vaters, die ein ungewohnter Anblick waren, dann durch die Haare, schließlich über die Nase und über den Mund, mit dem sein Vater ihn so selten geküsst hatte, aber so häufig seine Brüder. Ihm fiel es merklich schwer, wie man an seinem schweren Atmen erkennen konnte. Man kennt das ja schließlich. Ein leerer Blick, dafür mit Gefühlswallungen überfüllt, und nicht wissend was zu tun, ahnungslos welche Worte angebracht waren und welche Gesten richtig waren. Er fuhr etwas an den Lippen entlang, auf und ab, und ballte schlussendlich die Finger zu einer Faust, drückte erneut die Augen zu und rieb sich mit der anderen Hand quer durch das Gesicht. Er vernahm ein Geflüster in der Menge. Aber das zählte gerade nicht. Es war das letzte Mal, dass er seinen Vater vor sich sah, bevor er ihn selbst verbrennen würde. Über ihm war ein Fresko von Michelangelo, grandios kopiert, und als er nach oben schaute, empfand er es in diesem Augenblick als angebracht, auch wenn er es zuvor abstoßend fand. Das Fresko rief Theatralik vor, die er jetzt gut gebrauchen konnte. Er sank in die Knie und fing an zu zittern am ganzen Leib, er schluckte hart und immer heftiger. Aber er konnte nicht wirkliche eine Träne vergießen, so sehr er sie sich auch herbeiwünschte, was er sehr bedauerte. Er fuhr jetzt mit der ganzen Hand immer wieder über das Gesicht seines Vaters und in ihm kam der Wunsch vor einfach den Raum zu verlassen und all dies in sein geistiges Nirwana zu drängen. Die Leere aber schien langsam aber sicher der Realität zu weichen und klammheimlich schlich sich Trauer ein in die Handbewegung und sie wurde zärtlicher. Gefühlvoller berührte er nun seinen Vater als jemals zuvor. Alles was er war, lag tot vor ihm, schien es Octavian. Er sah die Dominanz des Vaters in jungen Jahren, die selbstquälerische Abspaltung von ihm in all den folgenden Jahrzehnten und die letztendliche Versöhnung mit ihm. Er beugte sich über ihn und gewährte seinem Vater den letzten Friedenskuss auf die Lippen. Dann brach er für einen Moment ins Schluchzen, ließ es für einen Bruchteil los. Hoffte, dass es ihn freisprach von all den Gefühlen, sei es nun Schuld, Hass, Respekt oder Liebe, und gewährte damit nicht nur sich selbst sondern auch seinem Vater im Geiste Versöhnung. „Nach allem“, flüsterte er: „Ich werde dich dennoch vermissen.“ Er schluckte den Kloß hinunter, der sich gebildet hatte, dann stand er auf und schritt zum Podest.

    „Ähm“, fing er an und er wusste nicht recht, wie er anfangen sollte. Er blickte in die Menge und sah die Gesichter, die er aber alle nicht recht zu erkennen schien unter dem Nebel, den gerade seine Niedergeschlagenheit gebildet hatte. Er rieb sich über die Augen um sich etwas wach zu machen. Und ihm wurde klar, dass trotz seines Schluchzens er gerade eben keine Träne vergoss. Das empfand er als schade. „Ich habe ein zwiegespaltenes Verhältnis zu Vater, wie viele von euch vielleicht wissen. Es fiel mir oft nicht leicht mich ihm mitzuteilen – so wie es auch jetzt ist - da wir doch verschieden waren, aber dann auch manchmal auf eine ganz selbstverständliche Art auch sehr ähnlich, uns überschnitten in unseren Denkmustern, unseren Zielen und Hoffnungen, unserer Vorstellungen vom Glück, was auch immer das genau sein mag. Vater war in seiner Art, in seiner ganz eigenen Art, ein großartiger Mensch. Und wenn ich das sage, dann meine ich das nicht unbedingt vollends positiv. Er war jemand, der seine eigenen Pläne verfolgte, immer. Und für jeden von uns hatte er einen Plan, für mich und meine Brüder, für meine Mutter und für euch andere vermutlich auch. Selbst in seinem Sterben hatte er vermutlich einen Plan. Und damit wirkte er oft auf mich einfach nur wie ein versoffener, notgeiler Bock, der zuviel Geld geerbt hatte und nun damit herumprasste. Das war er aber nicht, auch wenn diese Meinung jetzt vieles einfacher machen würde für mich.“ Octavian machte eine Pause und schloss die Augen. Das Bild von ihm und seinen Vater. Etwas positive Erinnerung würde nicht schaden. Die Menge vernahm sein Räuspern und lauschte dann wieder seinen Worten. „Und ja, ich nahm meinen Vater oft als Dreckskerl wahr, obwohl er mir und meinen Brüder fast schon alles gab, was man sich wünschen konnte. Aber vielleicht war es auch das. Es ist schwierig, sehr sogar. Sein Leben zu bestreiten und seinen Kindern bestmöglich zur Seite zu stehen sowieso. Ich habe selbst diese Erfahrung gemacht. Tragisch in gewisser Art. Ich habe es ihm nie gesagt, wie sehr ich mich damals ihm verbunden fühlte. Wie sehr ich ihn zu verstehen glaubte. Und wie sehr ich ihn deswegen liebte.
    Ich möchte euch eine Anekdote mitteilen, aber ich fürchte alles was ich sagen kann, ist“, er lächelte: „in irgendeiner Form zu verzerrt als dass ich es preisgeben könnte.“ Er dachte an die Nacht in Wien in der sie beide betrunken durch die Straßen zogen und sein Vater ihm mitteilte, er würde New D’sorni Studies übernehmen. Ihm tat das Herz weh. „Ich…“ Er räusperte sich erneut. „Ich… mir fehlen etwas die Worte und ich kann es nicht beschreiben. Ich hörte heute ein Lied im Radio und fühlte ihn dabei. Die Worte gingen ungefähr so:“ Er fing an zu trällern und bewegte dazu seinen Zeigefinger im Takt: „You’re stuck in my mind all the time.“ Er schniefte kurz.
    „Ich weiß nicht was das bedeuten mag, und ich weiß schon gar nicht mehr was ich sagen soll.“ Er legte seine Finger um das Podest und griff zu, versuchte es zu zerquetschen: „Wenn Antonius sagt, es fällt so schwer, dann hat er recht. Mir fällt es auch schwer. Mir ist unklar, was ich fühlen soll, wohin ich mich jetzt bewegen sollte. Mein Vater war allgegenwärtig schien es für mich. Und nun, jetzt, jetzt ist er einfach weg. Es ist schwierig, sehr sogar. Aber ich kann euch sagen, und das schwöre ich euch.“ Er blickte nach oben, gen das Fresko und dann die Menge. „Ich werde den Mörder finden.“
    Dann löste sich sein Griff vom Podest und er fühlte wie ein leichter Schwächeanfall ihn zu bedrohen begann, er fühlte sich schwindelig, so als verliere er jetzt doch noch die Kontrolle. Er griff sich an die Schläfe und stieß ein gehemmtes Reizgeräusch aus. „Vermutlich aber werde ich ihn nicht finden. Und das ist dann wohl auch okay so. Denn – es bringt ja auch alles nichts.“ Er orientierte sich wieder am Pult und fand Haltung.
    „Ich spreche in Demut und Trauer diese Worte, denn sie fallen mir schwer. Vater, ich werde dich vermissen. Mögest du in Frieden ruhen.“

    Er blieb oben stehen, starrte in die Menge, prägte sich ihre Gesichter ein und ihre Reaktionen. Er hätte sich mehr gewünscht, dass er noch mehr von sich preis gab, aber damit mussten sie leben. In seinem derzeitigen Zustand war er zu mehr nicht im Stande. Und trotzdem fühlte er sich irgendwie als hätte er sich gerade offenbart und würde nun auf den Ausspruch des Henkers warten. Er hatte Ballast abgeschüttelt, irgendwie, auch wenn er ihn noch deutlich verspürte. Verdammt, es wäre mehr möglich gewesen, aber jetzt konnte er nichts mehr ändern.
    Mit krüppeligem Gang stolperte er zurück, entfernte sich von der gesichtslosen Menge und strauchelte an Vaters Liege. Er drehte sich schockiert um und sah nur das regungslose Gesicht seines Vaters. Mehr gab es nicht zu sagen.
    Geändert von Octavian Visconti (31.08.2010 um 01:31 Uhr)

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    Citadel: Bezirke – Krematorium
    12:20

    Die miese Kopie von Michelangelos Meisterwerk über ihm beobachtete jeden seiner Schritte. Die Sixtinische Kapelle nahezu eins zu eins perfekt übertragen, nur alles in einem wesentlich kleineren Maßstab. Octavian versuchte für einen Moment die Sintflut zu entdecken, aber er dachte sich, dass da wohl nichts mehr käme. Er starrte dann in die Menge, die sich vor ihm erstreckte. Ingesamt waren wohl rund fünfzig Gäste geladen und die meisten kannte er. Er vermisste ein paar Gesichter. Holden fehlte, der treueste Raumfahrer seines Vaters. Isabel fehlte, eine seiner Geliebten in späten Jahren. Die D’sorni Schwestern waren nicht da, vermutlich feierten sie gerade auf Illium den Tod seines Vaters. Maurice war nicht hier, Vaters gehasster Halbbruder. Mutter fehlte. Und auch Octavian war nicht vollends anwesend. Sein Geist verabschiedete sich, während er wie ein Raubvogel die Meute betrachtete, darauf wartend, dass er jemanden die Augen auspicken könnte. Einfach nur so. Sein Gehirn raste gerade mit hundert Meilen pro Stunde geradewegs in die nächstbeste Leitplanke, die sich finden ließ. Ein blauer Orden zur erfolgreichen Offiziersausbildung, er holte ihn aus seiner Jackentasche heraus und legte die bedeutungslose Auszeichnung auf die Liege seines Vaters. Dann nahm er sie aber wieder an sich und steckte sie ein. Keine Zeit für Sentimentalitäten.

    Er entfernte sich ein paar Schritte von der Menge und blieb mit dem Rücken zu ihr stehen. Er fing an ein altes Klagelied zu summen. Und wollte sich wegzaubern. Dann trat Lepidus auf die Bühne, zog Antonius hinter sich her. Der älteste Bruder schleifte das betrunkene Wrack vor das Podest, klopfte ihm auf die Schulter und kam zu Octavian.
    „Mach’ jetzt ja keine Szene, Octavian“, drohte er ihm.
    „Das habe ich nicht vor, keine Sorge“, erwiderte dieser trotzig.
    Sie drehten sich beide um, jeder für sich mit seiner ganz eigenen emotionslosen Miene.

    Antonius stupste das Mikrofon an, pustete leicht rein und verzog sein Gesicht etwas verschreckt, als er die Lautstärke wahrnahm. Er räusperte sich und macht mit seinen Augen wilde Kreisbewegungen, signalisierend, dass ihm das alles aus dem Halse raushing. Er polsterte sich dann etwas auf und versuchte den starken Mann zu markieren, aber der Alkohol befand sich schon zu lange im Blut und die Muskelkraft reichte nur für ein paar lächerliche Sekunden aus. Antonius beugte sich nach vorne, mühte sich an dem Podest ab und musterte die Menge.
    „Ihr verdammten Arschlöcher!“ schrie er aus: „Was zum Teufel macht ihr hier eigentlich in diesem verwichsten Drecksloch, heult ihr rum von wegen, dass mein Vater tot ist und heuchelt irgendwie Beistand. Ich lass’ euch alle vor ein Exekutionskommando zerren, wenn ihr nicht verschwindet!“
    Die Menge blieb seltsam gelassen ruhig stehen. Jeder hatte wohl mit einem solchen Ausbruch gerechnet – Ziel verfehlt, Munition unnötig verschossen. Antonius rieb sich die Stirn und blickte zu Octavian und Lepidus. Ersterer war angespannt, das sah man ihm sofort an, letzterer dagegen stand gelassen, grinste dumm vor sich hin, dass den Ausdruck von Mitgefühl trug.
    „Aber ja, ich hab ganz vergessen, ich bin gar nicht mehr beim Militär, schade drum. Etwas Disziplin würde manchen von euch recht gut tun. Die Hälfte von euch Clowns mochte den Alten gar nicht und die andere Hälfte kannte ihn noch nicht mal. Außer vielleicht der alte Pavel, der ihn mit seinem Chardinistenscheiß vollgesülzt hat bis er irgendwann mal daran geglaubt hat. Darauf trinke ich, aber ich hab’ den Drink da hinten vergessen, also wenn jemand so freundlich wäre?“ Er fuchtelte mit dem Finger und schüttelte dabei den Kopf etwas, aber dann resignierte er mit seiner Forderung nach einem Getränk. „Gut, dann halt nicht. Vermutlich hab’ ich eh schon genug intus. Und nun, was gibt es sonst neues an der Front, hier im Westen? Ich habe Vater alles schon gesagt, was es zu sagen gab. Ich brauche nicht irgendwas zu erwähnen vor euch Lackaffen in euren schmucken Anzügen. Und ähm, ja, genau eines noch, ich will schließlich auch einen guten Schlusssatz haben wie Octavian. Ich behalte Corefield Design und ich werde ein supertoller Chef sein.“ Er wühlte etwas in seinem Anzug rum und holte einen Flachmann heraus, nahm einen kräftigen Schluck: „Denn schließlich ist es so. Ich bin morgen wieder nüchtern und ihr seid morgen die genau selben Aasgeier, die ihr schon immer wart.“ Antonius grinste fett und breit und vor allem mächtig betrunken die Menge an. Er machte auf dem Absatz kehrt, für ihn wirkte es vielleicht hastig, doch alles was andere sehen konnten, war ein Betrunkener, der kein wirkliches Körpergefühl mehr hatte. Er torkelte in Octavians Arme.

    Vielleicht ist er betrunken, dachte sich Octavian während sein Bruder in seinen Armen Zuflucht und Halt suchte und fand. Aber selbst ohne den Alkohol hätte er ihnen einen solche Show geboten. Octavian versuchte Reaktionen im Publikum auszumachen, aber dieses blieb nur gesichtslos. Antonius stöhnte und knurrte, er lehnte sich mit dem Kopf an seine Schulter. Sicherlich würden es die Anwesenden verstehen, etwas anderes hatten sie von Antonius vermutlich gar nicht erst erwartet. Er liebte es anderen die Schuld zu zuschieben, wenn er sein eigenes Versagen sich nicht eingestehen wollte. Es war nur allzu menschlich und allzu sehr Antonius. Jeder von ihnen kannte ihn, sie wussten, worauf sie sich einließen als sie beschlossen hierher zu kommen. Und die Menge differenzierte sich. Er erkannte Anna, Antonius Verlobte, wie sie voller Mitleid ihren Liebsten betrachtete, wie er vollkommen fertig versuchte die schweren Tage zu vergessen. In der Menge machte er Gregory aus, vermutlich Antonius besten Freund, angestellt bei Corefield Design, wie konnte es auch anders sein – Freundewirtschaft. Antonius ehemaliger Captain stand weit hinten, Captain Hoggfield, mürrisch und prüfend wie sie ihn alle kannten. Octavian fragte sich, ob denn alle wirklich wegen ihrem Vater hier waren oder mehr wegen den drei Brüdern, und jeder der nicht hier war, war vielleicht dann doch der eigentliche Feind.

    Lepidus trat ans Podest, in seinem Gang war Hochmut zu erkennen, genauso wie ein Funken Edelsinn und die Opferbereitschaft für seinen Bruder einzustehen, zumindest dieses eine Mal. Lässig und ohne Last schlang er seine langen Finger um das Podest. Sein Moustache war perfekt frisiert für den heutigen Tag und er glättete ihn immer wieder etwas während der Beleidigungstirade von Antonius. Der braune Anzug mit schwarzer Krawatte und hellblauen Sacko wirkte schlicht und passend, aber trotzdem adlig. Die Rehaugen musterten die Menge, er schenkte jedem einen Augenblick sein Augenpaar, ehe er zum nächsten zog. Lepidus nahm sich Zeit und nützte sie, baute Spannung auf. Die leichte Glatze, hauptsächlich verdeckt von einem Seitenscheitel und den kurzen Locken auf der Seite, schimmerte im Licht unter Michelangelos Kunstwerk. Er atmete ein durch seine kleine Stupsnase, die schmalen Wangen machten Kaubewegungen, dabei war sich Octavian sicher, dass sich nichts in Lepidus Mund befand, nicht mal ein Kaugummi, das gebot schließlich sein Anstand, ausnahmsweise.

    „Wir haben es alle nicht leicht und wir mussten alle schon schwere Verluste erleiden. Unsere ganz persönlichen Tragödien. An diesem heutigen Tag haben wir uns versammelt um unser Leben gemeinsam durch eine weitere Tragödie zu verbinden. Jeder, der hier Anwesenden – wir alle sind Trauergäste. Und uns schmerzt das Herz und wir kommen mit unseren Gefühlen nicht zu recht, weil sie so weh tun.“ Er stoppte kurz und blickte Antonius an, der wiederum Lepidus mit Argwohn belauschte. „Wir trauern aus einem bestimmten Grund. Einen, den ich nur schwer über die Lippen bringen kann und noch weniger mag, aber es ist notwendig es zu sagen. Damit es Realität wird. Ich fand mich die letzten Tagen in einem unwirklichen Stadium wieder und manch ein Außenstehender hätte behauptet, mir fehle es allem, aber das scherte mich wenig, denn ich war nicht Herr meiner selbst. Das Leid – ich habe es beschimpft und verflucht, wollte mich damit nicht abfinden und flüchtete mich in den Schlaf, nur um nicht daran zu denken. Ich wollte traumlos schlafen, aber das gab es nicht.“ Octavian wurde skeptisch, er kehrte sein Innerstes nach außen. „Ich zerschlug teure Vasen und donnerte viel zu schnell durch die Citadel hindurch. Verzweifelt, auf der Suche nach einer Antwort. Und mir wurde klar, dass ich nicht mehr alleine außer Haus gehen wollte. Ich konnte der Citadel nicht mehr wie vor ein paar Tagen entgegentreten, denn zuviel hatte sich getan, zu viel Kummer hatte sich in meinem Herzen gebildet. Was brachte es alles noch? Mein wichtigster Mensch war weg und wenn Menschen sagen, es sei richtig und gut, dass Väter vor ihren Söhnen sterben, dann erhebe ich Einspruch, denn was ist wenn der Vater so glorreich und gütig war in seiner Vollkommenheit, in der ich ihn sah, dass ich mein Leben für ihn gegeben hätte.“ Lepidus machte eine flüchtige Pause, in der er sich die Augen rieb. „Ich überlegte mir, ihm zu folgen, aber meine Knochen hielten dem Druck nicht stand.“ Das kam überraschend. „Am Ende des Tages war das einzige, was ich wusste“, Antonius löste sich aus Octavians Umarmung, „und es tat so weh es mir einzugestehen“, Antonius kam schnellen Schrittes auf Lepidus zu, „Vater ist t-“, Antonius schlug ihm mitten ins Gesicht!

    Octavian hatte keine Lust Antonius aufzuhalten. Antonius brauchte dies und Lepidus war zu mildtätig als dass er irgendwie anders reagiert hätte, als er es erwartet hätte. Die Menge war schockiert, aber dann auch wieder nicht. Der Schlag war gekonnt und Lepidus fiel etwas zu sehr theatralisch nach links, versuchte sich noch ans Podest zu klammern, die Finger konnten aber der Wucht von Antonius Zorn nichts entgegensetzen – einfache Regeln der Physik. Die Faust traf Lepidus direkt neben dem Mund und ein paar Haare seines Moustaches bekamen die ganze Aggression zu spüren, sie würden sich wohl nie wieder davon erholen. Die Finger entglitten und Lepidus fiel endgültig zu Boden. Auf seinen Lippen war schon Blut und über ihm stand schwer keuchend Antonius. In seinen Augen war kein Zorn zu erkennen, sondern mehr eine Befreiung, er brauchte diesen Schlag. Wie der Scharfschütze den ganzen Krieg darauf wartet den einen Schuss abzufeuern. Antonius wurde es vergönnt, dem Scharfschützen nicht – darum beging er Selbstmord nach der Beendigung des Krieges. Lepidus versuchte hastig hinweg zu kriechen, entsetzt über die Tat seines jüngeren Bruders, er befürchtete einen Tritt in die Rippen oder dass ihn Antonius am Kragen hochzog und ihm eine Pistole in den Mund reindrückte. Aber derartiges kam nicht. Stattdessen holte Antonius sein Feuerzeug heraus und trat zum Leichnam des Vaters. Es handelte sich hierbei um ein Firmenfeuerzeug, besser gesagt eines jener Sorte, die gern als Werbegeschenk dienen. Antonius holte sich den Flachmann heraus, trank einen Schluck und reichte ihn Lepidus.

    „Vater ist t-.“ Und dann kam der Schlag und Lepidus fühlte in diesem Moment weniger den Schmerz als viel mehr die Entrüstung über seinen dämlichen Bruder, der ihm gerade eine herrliche Rede abrupt stahl und aus den Händen riss. Er hatte die Zuhörerschaft gefangen genommen mit seinen Worten und jetzt würde auf ewig dieser unangesprochene Satz im Raum schweben. Das war ein Gedanke, den er nicht auf sich sitzen lassen konnte, selbst wenn es sein Bruder war und dieser jede Zeile seiner Rede für gequirlten Varrenmist hielt. Es war sein Moment und Antonius hatte ihn ihm gestohlen! Aber Antonius machte keine noch größere Szene daraus, wenn das denn überhaupt möglich war. Er versuchte ihn zu durchleuchten, ihn zu verstehen, aber es gelang Lepidus nicht. Empörung stieg in ihm auf. Nicht nur hatte Antonius ihm gerade die Rede versaut, nein, nun führte er es nicht einmal zu Ende, was er soeben begonnen hatte. Das erzürnte Lepidus und ließ Verbitterung in ihm aufsteigen, sie begann ihn zu durchfließen.

    Antonius hielt den Flachmann ihm entgegen und schlussendlich raffte sich Lepidus auf, nicht ohne dabei ein Stöhnen von sich zu geben, und trat an seinen Bruder heran. Er senkte den Arm von Antonius und jener verstand die Geste, als Lepidus seinen Arm um ihn legte und Antonius versank wie so oft schon an diesem heutigen Tag in der Umarmung einer seiner Brüder. „Tut mir Leid“, keuchte Antonius und Lepidus antwortete nur mit einem leisen ‚sssh’ darauf, während er Octavian anblickte, der den Moment nicht recht verstehen konnte, aber in Lepidus Gesicht glaubte er eine gewisse Art von Falschheit zu erkennen, die er schon oft bei Lepidus bemerkte. Octavain trat an die beiden heran, holte dabei sein Zippo hervor. „Wir verbrennen ihn jetzt.“ Er nickte Pavel zu, der daraufhin auf die Bühne kam und drei Brennstäbe herausholte. Pavel montierte sie in den Löchern für die sie vorgesehen waren und entfernte sich in demütiger Pose.

    Die Liege diente einzig und alleine dazu die Einäscherung des Vaters möglichst bühnengerecht und pompös zu gestalten. Man zündete die Brennstäbe an und das Feuer würde sich ausbreiten über die Ränder der Liege, sodass es den Anschein hatte, der Leichnam würde brennen. Durch einen gemeinsamen Schub wurde dann die Liege mittels Schienen in den Ofen befördert, wo das Feuer nur eingeschalten werden musste um dann den Leichnam in einigen wenigen, raschen Augenblicken zu verbrennen. Der Ofen war mit kinetischen Schilden ausgestattet, spezialisiert darauf kein Feuer nach außen dringen zu lassen, womit der Ofen offen bleiben konnte und die Trauernden das Spektakel genauestens beobachten konnten.

    Die drei Brüder standen vor der mattweißen Liege, vor ihnen ihr Vater. Lepidus und Antonius trennten sich langsam voneinander und zu dritt näherten sie sich mit zaghaften Schritten, fast synchron, der Liege, in ihren Händen die Feuerzeuge haltend. Octavian war der Erste, der sein Feuerzeug anzündete und es unter den Brennstab hob, der daraufhin gleich Feuer fing. Antonius und Lepidus taten es ihm gleich.
    Die Brennstäbe spritzten Funken und das Feuer breitete sich aus. Innerhalb weniger Sekunden brannten die Ränder der Liege und mit einem beherzten Stoß wurde die Liege in den Ofen befördert, durch das kinetische Feld hindurch und man sah in der Dunkelheit des Ofens nur das leichte Lodern des Feuers, das immer stärker zu werden schien. Brenne, Vater!
    Octavian war erneut der Erste, der näher kam. Er erhob seine Hand, ließ sie dann aber senken. Er wollte nicht derjenige sein, der den Knopf betätigt. In Lepidus Augen erkannte er Erleichterung und Octavian entschied Lepidus diese Geste zu gönnen. Dennoch trennte sich Octavians Hand nur schleppend vom Knopf und er stellte sich anschließend vor den Ofen.

    Das Feuer des Ofens schoss aus den Rohren und fing an alles darin zu zersetzen. Octavian spielte in seiner Jackentasche mit dem blauen Orden, inspizierte ihn noch als er ihn herausholte und versuchte sich an eine Erinnerung zu klammern, die ihn mit dem Gegenstand verband, aber er fand keine, die es wert gewesen wäre und er schleuderte den Orden in den Ofen rein. Gefolgt von Antonius Flachmann und einer von Lepidus zahlreichen Urkunden. Geschlossen betrachteten sie die Flammen und in ihren Augen flackerte nicht nur das Feuer, das ihren Vater einäscherte, sondern das auch sie erwärmte und von dem sie Absolution einforderten.
    Geändert von Octavian Visconti (01.09.2010 um 04:37 Uhr)

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    Citadel: Bezirke – Krematorium
    12:35

    Die drei Brüder vor dem Feuer warfen lange Schatten durch den Raum. Das Licht wurde etwas gedämmt und trug somit zu dem Eindruck und dem Gefühl bei, dass die Anwesenden in sich trugen, sie fanden sich im Fegefeuer wieder. Und die Grimassen, die sie auf ihren Gesichtern trugen, erweckten den Eindruck, die Anwesenden stammten aus einer griechischen Tragödie, oder vielleicht auch einfach aus einer ziemlich schlechten Komödie. Entstellte, gequälte Göttermasken in Stein gemeißelt.

    Die Menge drängte nach vorne, begierig darauf sich von Julius zu verabschieden. Sie hatten aber nach wie vor genügend Respekt vor den Brüdern, vor Octavian, dass sie nicht überhastet oder gar unhöflich sich bewegten. Sie bildeten eine Schlange und warteten geduldig auf ihren kurzen Moment. Doch ging es nach Octavian so würden sie ewig darauf warten, denn er würde hier solange stehen bis das Feuer aus war und nur noch die Glut vereinzelt zu sehen sein würde, und dann würde er die Asche einsammeln, in die Urne gießen und sie im Weltraum verstreuen, wie es der Brauch der Chardinisten vorsah. Pavel war der Überzeugung, man solle sich nicht an weltliche Dinge halten, damit man die Toten nicht vergesse. Man sollte sie im Herzen tragen, sie als einen Teil seiner selbst akzeptieren und mit sich tragen, auch wenn man es vielleicht nicht wollte. Octavian wollte dies, aber er war sich unschlüssig, ob er es schaffen würde. Deshalb sollte es aber auch ihm vergönnt sein die letzte Geste zu tätigen, den Vorhang für Vater endgültig fallen zu lassen.
    Pavel berührte ihn barmherzig an der Schulter und wollte mit seinen faltigen Händen Trost spenden. Octavian erschrak etwas, aber ihm blieb in diesem Moment die Luft weg, zu viel Rauch hatte er schon eingeatmet. Er bemerkte die Geste von Pavel, er und seine Brüder sollten weitergehen, sich aufstellen und die Mitleidsbekundungen entgegen nehmen. Seine Brüder trennten sich schweren Herzens, aber Octavian wollte stehen bleiben, sei es auch nur in der Ecke und noch etwas das Feuer betrachten. So trat er zur Seite, in einen kleinen Winkel, direkt neben dem Feuer, wo er niemanden zu stören glaubte. Pavel wollte mehr, sah ihn mit aufforderndem Blick an, aber ihn scherte dies herzlich wenig. Er wollte noch etwas die Wärme auskosten. Damit musste sich Pavel abfinden.

    Pavel beugte sich über den Ofen und holte Chardins Buch ‚Der Mensch im Kosmos’ hervor – welch typische Geste für ihn. Er blätterte etwas im Buch, fuhr über eine persönliche Gravur drüber und schmiss es ins Feuer. Octavian erinnerte sich, Pavel war äußerst geduldig während der Zeremonie, ließ den anderen ihre Momente und regte sich kaum, auch wenn er sicherlich bei Antonius Beleidigungen innerlich erzürnte, oder ihn bemitleidete. Es sei einerlei, Antonius freute sich sicherlich über beides. Anna kam zum Ofen. Auch sie zeigte Mitgefühl, rief sich Octavian ins Gedächtnis, wie sie so dastand und mit ihrem Verlobten litt. Aber Anna war zu lieblich, als dass sie hätte ihren Verlobten aufhalten können. Sie faltete die Hände vor das Gesicht in dem Moment als sich Antonius von Lepidus löste, das erhaschte Octavian aus den Augenwinkeln und er merkte sich diese Geste, da er sie als ehrlich interpretierte. Octavian erkannte ein paar getrocknete Tränen auf ihrem Gesicht, als sie einen persönlichen Gegenstand, eine klassische, äußerst dünne, goldene Armbanduhr, aus ihren zarten, wunderschönen Händen ins Feuer gleiten ließ.
    Dann Claudia, Claudia! Ein mächtiges Dekolleté tragend, üppiger Schmuck auf dem ganzen Kleid. Was sie ins Feuer warf, erkannte Octavian nicht und er fand, sie hätte nicht unbedingt etwas ins Feuer schmeißen müssen. Sie hatte während der Zeremonie schon genug falsche Tränen vergossen. Närrin! brüllte er ihr in Gedanken zu.
    Eine Kolonne von alten Freunden Vaters war an der Reihe. Sie alle blieben für ein paar Sekunden stehen, murmelten etwas in ihre Bärte und gingen weiter. Sie standen, sofern Octavian sich jetzt nicht irrte, in eine der hinteren Reihen, bedächtig und stur wartend, ihre Mützen umklammert und still lauschend. Manche von ihnen kannte Julius sein ganzes Leben lang und die meisten versauerten ihr ganzes Leben auf der Erde, ängstlich vor dem Weltraum. Nun entschieden sie sich zu Vaters Tod zur Citadel zu fliegen, das fand Octavian nett. Sie waren Männer von altem Schlag, hatten morsche Knochen und hatten einen wackeligen Stand in den Reihen, wodurch sie immer wieder auf ihren Beinen schwankten und sich gegenseitig abstützen mussten während der Feier. Trotzdem lauschten sie den Worten der Redner und ertrugen alles in Gedenken an Julius und ihre gemeinsamen jungen Jahre. Vielleicht sogar hatte vor Pavel einer von ihnen eine Rede gehalten zur Feier der Sturm und Drang Jahre eines jeden. Das war sogar wahrscheinlich, aber dank Sejans knapp bemessenen Zeitplans, oder auch seiner schlichten Unfähigkeit, hatte Octavian diese nicht hören können. Schade drum, denn Vater hatte kaum etwas aus seinen jungen Jahren erzählt und es war ihm ein Rätsel, ob und inwiefern sich die beiden ähnelten in ihren ersten jugendlichen Lebenserfahrungen. Er nahm sich vor einen der Alten dazu später zu befragen. Seine Wahl fiel auf den einzigen Chardinisten aus der sechsköpfigen Gruppe, der sich dadurch identifizierte, dass er als einziger einen persönlichen Gegenstand ins Feuer warf. Es handelte sich hierbei um seine Baskenmütze.

    Octavian lugte kurz zu seinen Brüdern, die eifrig die Mitleidsbekundungen entgegen nahmen und dabei stets den Kopf immer wieder aufs Neue klagend und erschöpft in ihren Anzügen vergruben. Ein guter Geschäftsfreund von Julius trat an den Ofen heran und Octavian merkte sich, dass dieser reichlich verwirrt und wie ein begossener Pudel guckte bei Antonius Rede. Keine Pluspunkte für zukünftige, geschäftliche Verhandlungen.
    Sejan folgte ihm und blieb nur einen äußerst kurzen Moment stehen. Octavian hatte keine Ahnung, wie sich Sejan während der Rede verhalten hatte, er war wie verschwunden. Vermutlich hatte er sich versteckt hinter dem einzigen Kroganer in der Menge, der wiederum stets nah dran war Applaus zu klatschen, vor allem bei Octavians Worten, er würde den Mörder finden, aber wahrscheinlich, so schätzte Octavian, hatte Sejan dem Kroganer jedes Mal davor gewarnt. Sejan bückte sich zum Feuer, blickte dann Octavian an und flüsterte ihm zu, sodass es Octavian über das Lodern des Feuers kaum wahrnahm: „Herr, der Salarianer möchte Sie sprechen.“ Dann ging er auch schon wieder und verschwand hinter dem Kroganer, der ihm in der Reihe folgte. Octavian überlegte sich nicht einmal den Platz am Feuer zu verlassen, er blieb stehen, ohne Regung. Nerviger, gieriger Salarianer, der wohl dachte, sie würden die Rechnung nicht bezahlen. Trinkgeld würde er jedenfalls keines bekommen, das stand fest.

    Lieutenant Tetan war der nächste. Unüblich für seine Kultur warf er eine kleine Götzenstatue ins Feuer, was Octavian etwas unpassend empfand, aber man konnte nicht verlangen, dass sich jeder mit den Bräuchen der Chardinisten und Menschen genau auskannte. Octavian erkannte während seines letzten Satzes seiner Rede wie Tetan zustimmend nickte und er hoffte darauf die C-Sec würde ihm tatsächlich helfend zur Hand stehen. Ein Eindruck, den er von der asarischen Detective nicht unbedingt hatte, aber Tetan würde die Sache schon für ihn regeln, notfalls würde nach einem Gespräch mit Octavian eben Arglos auf den Fall ansetzen und dann hätte Octavian sowieso freie Hand gehabt. Auch Tetan blieb kurz neben Octavian stehen, musterte ihn und nickte ihm aufmunternd zu. Die beiden kannten sich schon eine beträchtliche Zeit und Julius Visconti und Tetan verband eine enge Freundschaft. Es war klar, dass Tetan den Mörder um jeden Preis aufspüren wollte.

    Er schaute noch etwas Tetan hinterher, lehnte sich dann aber mit dem Arm an den Ofen ab und zog eine Eisenstange aus einer Halterung. Zuerst etwas ungeschickt, dafür aber mit Esprit in den Bewegungen stocherte er etwas im Feuer herum und Funken sprangen auf und ab. Die Rohre waren mittlerweile verschlossen und das Feuer brannte auf Eigenbasis, nicht mehr lange und es würde versiegen. Octavian gedachte es solange am Leben zu erhalten wie möglich und wühlte etwas die Asche auf. Für einen Augenblick sah er die Eisenstange als Metapher an – Er, der unzerbrechliche Störfaktor im Leben, dem Feuer, seines Vaters. Wie ein Wort unter Vieren, das nicht recht in die Auflistung passte. Wie der fünfte Fehler bei einem Kindersuchspiel. Durch die aufgewirbelte Asche landeten ein paar Russpartikel auf seinem Körper, aber auf der schwarzen Kleidung sah man es nicht und deshalb machte er sich nicht die Mühe es abzuklopfen.

    Er fand es nun im Nachhinein gesehen äußerst schade, dass er nicht etwas länger beim toten Körper seines Vaters stand, aber solche Events standen unter einem ungeheuren Zeitdruck, schließlich wollten Menschen reden, vor allem Lepidus, und ein kauernder Sohn vor dem Vater, der ihn tagelang hätte anschauen können, war eine unliebsame Verzögerung. Aber er hatte seine Minute mit ihm, in der er Vater durchs graue Haar strich und ihm noch einmal das letzte Mal körperlich nahe war. In seinem Verstand und Herzen hatten sich Schwermut und Trübsinn aber schon seit Tagen verankert und die Hoffnung der tote Körper des Vaters oder die Einäscherung würden daran etwas ändern, ihn gar freisprechen von all den Lasten, stellte sich als verlogenes Wunschdenken dar. Dennoch konnte Octavian aber nicht leugnen, dass sich nichts getan hatte. Er fühlte sich freier, nicht mehr so eingekettet und in einer gewissen Form individueller. Der Tod des Vaters als Befreiungsschlags? Dieses Gefühl war schon vereinzelt an Bord der Corefield Design #3 zu spüren zwischen all den heftigen Gemütsschwankungen, schien aber nun greifbarer zu werden. Er hörte das Echo, bald würde er den wahren Klang der Stimme wahr nehmen. Es brauchte nur seine Zeit, wie es nun mal mit allen Wunden war.

    Vielleicht stellte er sich dementsprechend auch etwas kindisch und egoistisch an, hier vor dem Feuer ganz alleine zu stehen, so als wäre es nur sein Vater und nur sein Ofen und nur seine alleinige Einäscherung, aber so war er nun mal manchmal. Wie ein kleines Kind, das sich nur schwer von den Eltern trennen möchte, weil sie es auf ein Internat schicken oder in den Sommerurlaub zu den Großeltern.
    Er bedauerte vieles, aber er wollte nicht bedauern, dass er sich nicht die nötige Zeit nahm bei Vaters Einäscherung. Dieses Mal gedachte er es auszukosten, mitleiderregend sich im eigenen Seelenschutt laben, jede Sekunde das Feuer ihn im Herzen berührend, sodass er niemals diese Stunde vergessen möge. Er stocherte weiter und fand immer mehr Gefallen daran. Er begann fester die Eisenstange anzufassen, stach gekonnter und aggressiver. Immer schneller, er ritzte an der Liege herum, wirbelte die Asche in die Luft und ließ das Feuer den Rest erledigen. Dann schlug er zu mit der Eisenstange, zuerst nur einmal und er füllte wie die Reue in ihm aufstieg und er nahm es an. Er formte seinen Arm als würde er sie alle auspeitschen und schlug mehrere Male auf die Liege ein. Ganz in seiner eigenen Welt, die anderen ignorierend, die ihn fragwürdig anschauten, denn es füllte sich befreiend an den Schmerz zuzulassen und wenn man es nicht schafft zu weinen, dann ist der nächstbeste Weg wohl der Pfad des Zornabbaus. Fester und schneller, nur ein paar Augenblicke seien ihm noch vergönnt, dann war er wieder gefasst. Antonius hatte seinen Ausraster, Lepidus würde seinen heute noch haben – daran dachte er aber nicht, höchstens irgendwo im Unterbewusstsein, denn alles woran er dachte, wenn man es überhaupt so nennen konnte, war die Stange fester gegen die Liege zu dreschen. Und dann brach sie einfach. Mir nichts, dir nichts. Vielleicht im genau richtigen Moment. Octavian betrachtete sie sorgfältig als er sie wieder raus zog, sein Mund stand sperrangelweit offen und er atmete schwer den Rauch ein. Die abgebrochene vordere Hälfte lag im Feuer und die andere Hälfte glühte förmlich. Mit seinem Zeigefinger berührte er sie flüchtig und verbrannte sich, zog den Finger erschreckt zurück, ehe er für ein paar Sekunden den Zeigefinger wieder an die Stange ranführte und die Hitze ertrug. Eine Brandblase würde sich bilden. Sein Zeigefinger spürte nun denselben Schmerz, den sein Geist ertragen musste all die Tage. Und nach den paar Augenblicken der Selbstverstümmelung fiel die Eisenstange auf den Boden, machte einen Krach im schweigsamen Saal. Octavian wandte sich kurz den Leuten zu, die gerade am Ofen standen und ihn entgeistert anglotzten. Er kannte die Gesichter nicht, irgendwelche fremden Leuten, die entweder mal mit Vater regelmäßig Geschäfte gemacht hatten oder Freunde von ihm, für die sich Octavian nie interessiert hatte. Gerade deshalb weil er sie nicht kannte und sie ihn wohl auch nicht kannten, außer vielleicht aus Erzählungen, schämte er sich gerade für diese Maßlosigkeit, diese Zerstörungswut. Es war wie in seinem Raumschiff, nur dass diesmal Leute anwesend waren, die von jeder seiner Bewegungen schockiert waren. Er rieb sich den Zeigefinger etwas und die Brandblase hat sich bereits gebildet, sie fühlte sich ungewohnt angenehm an, diese Wölbung auf dem Körper. Aber es war ein weiterer Schritt zu Octavians Wiedervervollständigung. Diese vorher kaum gekannten Wutanfälle voller Jähzorn und Hemmungslosigkeit. Sie brachten ihn etwas näher, das spürte er. Und wenn sie nicht zur psychischen und mentalen Vervollständigung beitrugen, dann fühlten sie sich zumindest an und für sich gut an, und das war auch schon etwas, wofür es sich lohnte sie auszuführen und wofür die Scham danach nur als ein fairer Preis erschien.

    Doch das Augenpaar, welches nun vor ihm stand, das Feuer auffangend und mit Schönheit gesegnet, und das Octavian zuerst an dritter Stelle ausmachte, das sich jetzt aber nach vorne geschlichen hatte – es vermittelte Octavian keine Scham. Diese Frau, das wusste er, besaß Einfühlungsvermögen. Ihr ganzer Körper war davon gezeichnet, die gebückte Haltung und die aufgehellten Falten, sie sprachen Bände. Und dabei erkannte er kaum etwas, denn sie trug eine lange schwarze Robe und war verdeckt, nur ihr Gesicht konnte man leicht unter dem Schleier ausmachen und die vom Feuer gereizten Augen. Er kannte sie nicht und wusste nicht ob er sie kennen lernen wollte. Aber er wollte jetzt nicht zurück gehen vom Feuer. Jemand schrieb einst, am wichtigsten sei es, wie man durchs Feuer ginge. Das wollte Octavian jetzt prüfen, diese Worte, die er vor langer Zeit las. Quer durch und vielleicht schaffte er es zurück ohne Verbrennungen. Hauptsache war, dass er ging.

    Dann verpasste ihm die Alte eine. Einen sauberen Schlag mit der Handfläche. Heute war scheinbar der offizielle ‚Watschen für Visconti’-Tag. Vater konnte sich glücklich schätzen keine abbekommen zu haben… Octavian machte aber keine Regung, er spürte wie die Handfläche auf ihm klebte, Sekunden nach dem die Frau ihn schlug. Er griff mit einer Hand danach und rieb sie etwas. Er sah ihr in die Augen und dachte, dass es doch kein Einfühlungsvermögen war, dass er entdeckte, oder vielleicht war es gerade das, was er gebraucht hatte. „Führ dich auf, Jüngling“, sprach sie mit schleppender, keuchender Stimme als wäre sie ein Volus. „Du bist hier nicht alleine und wir alle trauern an diesem Tag.“
    „Nur ich werde auch noch am morgigen Tag trauern“, geiferte Octavian leise, aber ebenso schleppend zurück und er vermutete die Frau war taub, denn sie reagierte nicht darauf. Alsdann ging er zu seinen Brüdern, die ein paar Meter entfernt standen vor den drei Stufen, die den Abstieg zur Bühne erleichterten. Er war dankbar ob dieser Stufen. Im Gehen drehte er sich noch zur Frau um und sah wie sie ein Foto ins Feuer warf und seit langem war sie wieder eine Trauernde, die länger vor Vaters Feuer stand.
    Vermutlich hatten es die Brüder Visconti heute maßlos übertrieben und die Geduld der anderen schon zur Genüge beansprucht. Sie dachten wohl, sie wären einzigartig in all ihrem Sein. Ihrem Erbe, ihrer Verbindung zu ihren Eltern, ihren Erfahrungen und vor allem in ihrer Trauer. Was aber Octavian verstand und was ihm nie jemand beibrachte, war dass, wohl egal welchem Glaubensbekenntnis man angehörte, ein Todesfall stets Wunden aufreißen würde, die es galt zu heilen. Octavian war dementsprechend kein Einzelfall, aber dennoch ein Fall, der heraus stach, zumindest in seinen Augen.

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