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Ehe Rhaego erleichtert ausatmen konnte, weil Juliette sich wie ein Wirbelsturm auf die zwei Männer stürzte, die ihn angreifen wollten, traf ihn ein wuchtiger Schlag in die Kniekehlen. Stöhnend fiel er auf die Knie, außerstande seinen Sturz aufzuhalten. Schmerz schoss durch seine Beine, mehr als er sich je vorgestellt hatte. Plötzlich legte sich eine Hand um seinen Hals, eine weitere fasste nach seinem Hinterkopf. Rhaego griff verzweifelt nach dem Arm, versuchte ihn wegzuzerren, doch sein Angreifer schien es nicht einmal zu bemerken. Er spürte, wie sich die Muskeln anspannten, und wusste, dass dies nun das Ende war. Panische Angst flutete durch ihn hindurch und löschte jeden Gedanken aus, bis auf einen: Er wollte noch nicht sterben! Er hätte geschrien, wenn er die Luft dazu gehabt hätte, doch seine Lungen schienen ihm nicht mehr gehorchen zu wollen.
Ein Lichtblitz zuckte an ihm vorbei. Juliettes Säbel! Der Griff um Rhaego löste sich, doch ein letzter Tritt in seinen Rücken sandte ihn mit dem Gesicht voraus in den Staub. Zitternd versuchte er wieder zu Atem zu kommen. Schließlich richtete er sich langsam wieder auf, den Lärm des Gefechts in den Ohren.
Neben ihm erklang ein Klirren und Rauch stieg auf. Rhaego versuchte schwer atmend, einen Schild dagegen zu wirken, doch ehe er eine Verbindung zum Nichts aufgebaut hatte, hatte der Rauch ihn schon erreicht. Er wollte den Atem anhalten, doch es war zu spät: Ein Teil des Qualms hatte seine Atemwege erreicht. Es fühlte sich an, als würde seine Lunge verätzt. Hustend fiel er wieder nach vorne auf alle viere, atmete dadurch jedoch nur noch mehr Rauch ein. Ein dichter Tränenschleier verdeckte seine Sicht. Er verlor die Kontrolle über seine Arme und stürzte erneut zu Boden. Innerhalb von Augenblicken bestand seine Welt lediglich aus dem Brennen in seinem Rachen, seiner Lunge und seinen Augen.
Halb bewusstlos spürte er noch einen gewaltigen Ruck, als er irgendwo aufprallte und ein gleichmäßiges Schaukeln unter ihm.
Schließlich erreichte wieder klare Luft seine Lungen, doch noch immer konnte er nicht aufhören zu husten. Seine Sinne kehrten langsam wieder zurück und er hörte, wie die Händlerin die Ursache des Rauches erklärte. Hustend versuchte er, die Kontrolle über seinen Körper zurückzuerlangen. Schließlich schaffte er es, die Augen zu öffnen, während Juliette mühsam hervorbrachte: „Abenteurer. Vom Pesch verfolgte Abenteurer.“
Rhaego sah nur Schemen über sich, durch einen dichten Tränenschleier verzerrt. Während sich seine Sicht langsam, ganz langsam unter wildem Blinzeln klärte, fragte Leirâ: „Warum habt îr uns geholfen?"
Das würde mich auch mal interessieren, dachte Rhaego. Doch ehe die Händlerin antworten konnte, bewegte sich etwas neben ihm, dem Stöhnen und Keuchen zufolge Alrik. Rhaegos Augen waren mittlerweile wieder frei genug, um erkennen zu können, wie der Bursche sich langsam aufrichtete, dann das Gleichgewicht verlor und beinahe über die Kannte des Wagens gekippt wäre. Lediglich Leirâs vorschnellender Arm, der ihn an seinem Hemd wieder nach vorne zog, bewahrte ihn davor.
„Bei Andraste!“, keuchte Alrik, seine Worte fast unverständlich, weil sie durch viel Husten unterbrochen wurden. „Was war denn das?“
Etwas, worauf jeder Alchemist im Turm begierig wäre. Zumindest ist das der Beweis, dass ihre Künste tatsächlich nicht völlig nutzlos sind.
Er überließ es den anderen, Alrik erneut über das Teufelszeug aufzuklären – scheinbar hatte er die Erläuterungen der Händlerin nicht mitbekommen – während er selbst sich langsam aufrichtete. Er zog sich am Rand des Wagens hoch und lehnte sich schließlich in einer halbsitzenden Position dagegen. Die Händlerin drehte kurz den Kopf und musterte ihn aus blinden Augen, fast als ob sie ihn sehen könnte. Nun, sie schien sehr gut mit ihrer Blindheit auszukommen, wahrscheinlich hatte sie lediglich seine Bewegungen gehört. Doch der Ausdruck, der eine Sekunde lang über ihr Gesicht huschte, als sie ihn ansah, gefiel ihm nicht. Wie ein Falke, dachte er. Und er war die Maus. So ähnlich hatten ihn die Templer immer angesehen. Nein, das gefiel ihm ganz und gar nicht.
„Wiese habt Ihr uns geholfen?“, wiederholte er Leirâs Frage, da die Händlerin nach Alriks Unterbrechung sich scheinbar nicht mehr daran erinnerte. Wobei es passender wäre, seine Worte als Krächzen zu beschreiben. Licht, wie seine Kehle brannte.
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Adriana schwieg sich aus. Sie wollte, genauer gesagt sie konnte diese Frage nicht beantworten. Sie war in diesem Spiel nun mehr oder weniger unfreiwillig gefangen. Das einzige was sie wollte, war Profit. Irgendwie muss ja sein Geld verdienen. Sie hatte gedacht, dass sie mit den Informationen hätte irgendwie ein paar Silber abstauben können, aber der Versuch ging nach hinten los. Das sie der Gruppe in dem Dorf begegnet war, war mehr Zufall als geplant. Adriana versuchte sich einen Plan darzulegen.
Erst als der Magier sie nochmals eindringlicher danach fragte, fühlte sie sich, wenn auch nur ansatzweise, im Stande zu antworten.
"Hätten wir den Kampf nicht beendet, würden Kasha, Boomer und ich wohl nun mit dem Gesicht voran im Matsch liegen. Das und die Tatsache, dass Kasha eine sehr gute Menschenkenntnis besitzt, zwang uns förmlich dazu einzugreifen."
Man merkte ihr die Sorge an, die in ihrer Stimmer mitschwang. Die Ungewissheit, was sie nun in Orzamar erwartete war einfach zu groß.
"Darf ich fragen, was ihr nun vor habt?"
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„So Leid es tut. Ihr dürft nischt.“, antwortete Juliette schnell und entschieden bevor ein andres Mitglied der Gruppe etwas ausplaudern konnte. Alrik hatte schon den Mund aufgemacht. Gereizt durch den beißenden Rauch klang Juliettes Stimme rau und kratzig, abweisender als sie hatte eigentlich klingen wollen.
Aber nichtsdestotrotz würde die Adlige es nicht zulassen dass diese Adrianna davon erfuhr wohin sie zu reisen gedachten. Nicht jetzt, mit Leclerc an den Fersen. So weit käme es noch das sie ihren Verfolgern die Arbeit erleichterten indem sie Spuren hinterließen.
„Beim Erbauer!“, meinte Alrik schnaufend mit genauso kratziger Stimme. Er hatte sich an die Wand des Wagens gelehnt und hustete. „Wer waren die? Was…Au?“
Bevor er die Frage vor der es Juliette schauderte aussprechen konnte, griff er sich mehr überrascht als schmerzerfüllt an seine Seite. Als er die Hand wieder hob war sie blutig.
„Er ist verwundet!“, stieß die Söldnerin alarmiert aus und rutschte rasch zu ihm rüber. Ihre Sorge darüber verfolgt zu werden und keine Spuren zu hinterlassen, trat nun deutlich hinter die Sorge um ihren Gefährten. So sanft wie möglich nahm sie seine Hand die er erneut auf die Stelle pressen wollte wieder fort. Deutlich konnte sie die Wunde zwischen den zerschnittenen Stoffen seines Wamses sehen. Sie erforderte sofortige Aufmerksamkeit.
„Versuscht eusch nischt zu bewegen und bleibt ru`ig!“, wies die neben ihm kniende an und blickte sich rasch in Richtung des Kutschbockes um. Unsanft rumpelte der Wagen über den unebenen Boden und setzte seinen Insassen so manchen Ruck und Stoß aus. „Wir müssen an`alten!“
Schnell wandte sie sich wieder dem Burschen zu als sie seine Versuche etwas zu sagen vernahm. Es war kaum mehr als ein Husten das er zustande brachte, dank des Rauches und seiner Verletzung. Seine Lieder fingen an zu flattern und er sackte immer mehr in sich zusammen.
„Neinneinnein! Bleibt bei mir! Konzentriert eusch auf meine Stimme!“, forderte sie immer besorgter. Doch es half nichts. Alrik driftete immer mehr ab und wäre beinahe wie Sack Kartoffeln zur Seite umgekippt hätte Juliette ihn nicht aufgefangen. Sehr zu ihrer Erleichterung atmete er jedoch noch.
Als der Wagen endlich hielt legte Juliette ihn auf den Rücken um seine Verletzung zu beurteilen. Nachdem sie ihn seines Wamses entledigt hatte verband sie rasch seine Wunde nachdem sie sie untersucht und soweit es ging gereinigt hatte. Der Prophetin sei Dank, war die Wunde nicht lebensbedrohlich. Es lag zwar auch am Blutverlust aber es war hauptsächlich der Feind aller Krieger gewesen der dafür sorgte das Alrik ohmnächtig wurde: Erschöpfung.
Hilfe von ihren Gefährten lehnte sie von nun an ab. Es war schließlich nichts womit sie nicht fertig wurde und beruhigte die Hilfeanbietenden das er es überstehen würde.
Nachdem sie sich dessen sicher war folgte sie weiterhin ihren Kenntnissen in erster Hilfe, die sie sich in Jahren des Söldnerdaseins zwangsläufig angelernt hatte, indem sie ihn seitlich stabil hinlegte. Dabei achtete sie unter anderem darauf das der Mund des Fereldaners frei war, sodass die Atemwege frei blieben.
Jetzt hieß es abwarten. Abwarten und über den Schlaf dessen wachen der ihr das Leben gerettet hatte, bis er aufwachte.
Sie blickte Alrik in das jugendliche, stoppelige Gesicht und fragte sich ob sie das überhaupt verdient hatte dass man ihr das Leben gerettet hatte. War sie doch der Grund für die Gefahr in der die Gruppe nun schwebte, verfolgt von den Schergen ihres Vaters. War sie doch der Grund dafür das gleich mehrere Leben bedauernswert und gewaltsam endeten. Nicht direkt durch ihre Hand. Durch die Hände ihrer Häscher, doch war sie der einzige Grund warum die Häscher überhaupt hier waren.
Nagende Schuldgefühle stiegen in ihr auf wenn die Gedanken der heute Gefallenen ihren Verstand passierten. Sie war vielleicht nicht die Mörderin, aber sie war mitschuldig. Die Gesichter der Toten würden sich in ihren Verstand brennen und sie von nun an verfolgen, so wie all die anderen. Vorwurfsvoll, anklagend und unerbittlich.
Die Betroffenheit und ihre Schuldgefühle zeichneten sich immer mehr in ihren adeligen Zügen ab, während sie mit gesenkten Haupt, scheinbar immer noch auf den Ohnmächtigen starrte, doch blickte sie eher durch ihn hindurch.
Besonders das Gesicht einer der heute gestorbenen brannte sich besonders in ihr Gedächtnis und das obwohl sie sich nicht sicher war warum. Es war das Gesicht des Armbrustschützens der einen fürchterlichen Feuertod sterben musste. Sie kannte seinen Namen nicht. Aber irgendwie kam er ihr bekannt vor. Irgendwie kamen ihr die Augen die sie über die Zielvorrichtung der Armbrust angeblickt hatten bekannt vor. Doch es wollte und wollte ihr nicht einfallen und sie kam auch nicht dazu diesen Gedanken weiterzuführen.
Ein Mitglied ihrer Gruppe sprach sie an. Augenblicklich versuchte sie ernst und gefasst zu blicken, doch vielleicht fiel ihrem Gegenüber doch noch dieser kurze Moment auf, indem man die Trauer und die Last der Schuld in Juliettes Gesicht hatte sehen können.
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Adrianna, wie sich die Shem-Frau vorgestellt hatte, blieb Leirâ zunächst eine Antwort schuldig. Das war aber auch nicht weiter von belang, denn zunächst musste die Dalish Alrik davor bewahren, nicht von dem Karren zu stürzen. Sie bekam ihn gerade noch mit der rechten Hand am arm zu packen, einen Herzschlag lang hingen sie in der Schwebe, die kleine Elfe zu schwach um den Burschen zurückzuziehen, Schmerzen zuckten durch ihren Arm und Brustkorb, ehe sie wieder zurückfielen und auf Stroh landeten. Arlik stöhne, Leirâ grunzte. Sie lag nur da, atmete in kurzen Stößen. Sie würde ihren Bogen für eine Rast und eine warme Mahlzeit geben. In ihrem Magen rumorte es. Dann erweckte eine Bewegung neben ihr ihre Aufmerksamkeit, Rhaego rutschte hin und wiederholte krächzend ihre Frage, warum die Fremden ihnen geholfen hatten.
Es dauerte lange, ehe Adrianna endlich antwortete:
"Hätten wir den Kampf nicht beendet, würden Kasha, Boomer und ich wohl nun mit dem Gesicht voran im Matsch liegen. Das und die Tatsache, dass Kasha eine sehr gute Menschenkenntnis besitzt, zwang uns förmlich dazu einzugreifen. Darf ich fragen, was ihr nun vor habt?"
Ihre Stimme hatten einen seltsamen klang, die Worte kamen ihr zögerlich nur über die Lippen. Und Leirâ wurde das Gefühl nicht los, dass mehr dahinter steckte. Schließlich hatte sie sich in dem Dôrf eine Weile mit der Dalish Gefährten unterhalten, ehe die Jägerin dazu gestoßen war. Und dann war da noch das Gespräch zwischen Juliette und diesem Yanis gewesen, den sie, wie ihr nun schmerzlich bewusst wurde, zu der Gruppe geführt haben musste.
"Dreck!", fluchte sie leise vor sich hin und wollte sich gerade Juliette zuwenden, als diese plötzlich in Bewegung geriet:
„Er ist verwundet!“, rief die Kämpferin aus und stürzte sich förmlich auf Alrik. Leriâ irritierte Blick folgte ihr, dann glitt sie zu ihrer rechten Hand hinab. Und tatsächlich: auf ihrer Armschiene klebte Blut. Blut, das vorher nicht da gewesen war. Und Alrik hielt sich die Seite. Wieso war ihr das nicht zuvor aufgefallen? SO saß sie nur schweigend bei, wie Juliette Alriks Wunden notdürftig versorgte, ehe der Wagen endlich anhielt und sie ihn entkleidete. Da kroch die Dalish herüber und bettete Alrik Kopf in ihren Schoß.
"Was geschieht mit mir... muss ich jetzt... sterben?" fragte dieser mit schwächer werdender Stimme. Leirâ brachte ein Lächeln zustande und schüttelte sacht den Kopf.
"Nên. Du bist nur erschôpft. Schlaf." Seine Lieder flatterten, langsam driftete er davon und Leirâ fragte sich, ob er wohl zum ersten Mal ernsthaft verwundet worden war.Aber was Juleitte da tat sah fachkundig und nicht weiter gefährlich aus. Dann fanden der Jägerin Augen den Blick der Kämpferin. Es fiel der Dalish noch immer sehr schwer, die Empfindungen der Shemlen zu lesen, doch diesen Ausdruck in ihren Augen kannte sie. Sie selbst hatte ihn gehabt, als sie das erste Mal getötet hatte. Und auch die jüngeren Jäger, die nach ihr gekommen waren hatten diesen Ausdruck gehabt. Vorsichtig legte sie Alriks Kopf neben isch auf das Stroh in dem Karren, machte eine vorsichtige Bewegung auf Juliette zu. Und dann, ganz langsam, legte sie die Hand auf die Schulter der Gefährtin. Was hatte Vater damals zu ihr gesagt?
"Du bist unschuldig. Wir kêmpfen um zu ûberleben. Wir tôten, um zu ûberleben. Die Hahren verstehen, die Schôpfer verstehen. Sî haben uns so geschaffen. alles, was lebt, tôtet, um zu leben. Es ist der Lûf der Schôpfung." Sie saß nun so nah bei Juliette, dass sie sie beinah umarmte.
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Leirâs Augen waren groß, sanft und blau wie ein sonniger Frühlingstag und blickten, diesmal war sich Juliette sogar fast sicher, anteilnehmend zu ihr. Juliette konnte fast schon ihr Spiegelbild in den dunklen Pupillen der Dalish erkennen. Das Spiegelbild einer Schuldigen, einer Mörderin. War sie des Mitgefühls ihrer Gefährtin überhaupt wert?
Verzweifelt versuchte Juliette gefasst in die Augen der Dalish zu blicken, ihre Maske aufrecht zu erhalten und ihre durchgehenden Emotionen darunter wegzusperren wie sie es schon oft getan hatte. Doch ihre Gefühle rumorten. All ihre Schuldgefühle, ihre Reue und ihr Gram den sie sonst unter endlosen Gebeten begrub, runterschluckte oder in Alkohol ertränkte. Sie waren alle da und waren nie verschwunden. Bloß aufgestaut, bis zu dem Moment indem sie gebündelt wieder hochkamen. So wie jetzt.
Sie versuchte noch immer ihre Gefühle niederzukämpfen doch spätestens bei der tröstlich gemeinten Berührung der Elfe zogen sich tiefe Risse durch ihre Maske.
„Isch bin schuldig.“, brach sie mit zitternder Stimme und feuchten Augen hervor. Auch Leclercs Gerede über kindische Sturheit hatte mehr Spuren hinterlassen als sie ihm preisgegeben hatte. Tatsächlich hatte er nichts gesagt das sie sich nicht selbst schon vorgeworfen hatte nur hatten die Worte ausgesprochen von jemand anderem nie verheilte Wunden neu aufgerissen. „Jeder der `eute starb, starb wegen mir.“
Ein letzter Rest Stolz aber auch Vorsicht der noch nicht durch die Last ihrer Schuldgefühle fortgespült worden war ließ sie ein Schluchzen mehr schlecht als recht unterdrücken, ebenso wie es die Tränen die sich so langsam ansammelten zurückhielt. Doch war dieser letzte Rest Stolz und Vorsicht gefährlich nah daran nun voll und ganz fortgespült zu werden.
„Es `ätte nischt gesche`en dürfen. Es `ätte nicht so weit kommen dürfen.“
Ein Teil von ihr sehnte sich nun tatsächlich nach Nähe, doch das Misstrauen das sich durch all die Jahre tief in ihre Seele gebrannt hatte würde es nie zulassen hierfür den ersten Schritt zu machen. So bliebt sie weiterhin starr neben der Dalish sitzen, beinahe schon beschämt zu Boden blickend.
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Das erste Mal, seit Leirâ Juliette kennen gelernt hatte, empfand sie etwas tieferes für die Kämpferin, wie sie da zu schluchzen begann. Sie erinnerte sie zu sehr an sich selbst, nach ihrem ersten getöteten Shemlen. Sie hatte zwölf Winter gezählt. Und tief in ihrer Brust entsprang das Bedürfnis, die Menschenfrau zu umarmen, doch etwas hielt sie zurück. Juliettes in sich gekehrte Haltung, die Blicke der Anderen, das Blut der Elvenhahn in ihren Adern. Sie blieb sie dort sitzen, nahe bei ihrer Gefährtin und lies nur ihre Hand auf deren Schulter liegen.
"Ich habe mich entschîden, dîse Mânner zu tôten, nicht du hast mich dazu getrîben.", sagte sie schließlich. Sie wollte auch die linke Hand heben, musste jedoch erschrocken feststellen, dass der Arm sich kaum bewegte. Jetz, wo sie darauf achtete, hatte sich auch ein Kribbeln in ihm ausgebreitet. Frisches Blut rann erneut aus dem Schnitt am Oberarm. Sie räusperte sich, eine leichte Röte stahl sich in ihre Gesicht und sie guckte weg. Irgendwie war es ihr unangenehm, die Kämpferin um etwas bitten zu müssen:
"Kônntest du... Danach schûhen?", sie hielt den Arm hin. Wenn es nicht ihr Waffenarm gewesen wäre, oder sie selbst Verbände dabei gehabt hätte...
Nach kurzem Zögern kam Juliette ihrer Bitte nach, Leirâ zog zischend die Luft ein, als sie die Wunde reinigte. Dann fiel er etwas ein:
"Dîser Mann, Yâni, hat nach dir gefragt." Immer noch verlegen suchte sie wieder Augenkontakt mit der Kämpferin. "Was will er von dir? Warum sucht er dich?"
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Rhaego runzelte die Stirn. War er der Einzige, dem es auffiel, dass die Händlerin seine Frage eigentlich nicht beantwortet hatte? Was sie gesagt hatte klang zwar gut, aber sobald man einen Moment darüber nachdachte, sagte es alles und nichts. Solche Antworten kannte er nur zu gut aus dem Zirkel. Andrastes Gnade leuchtet über den Gerechten, Rhaego, und jetzt mach dich wieder an die Arbeit. Es war die lange Version von Stell keine dummen Fragen.
Oder störte es die anderen einfach nicht, dass Adrianas Antwort noch immer offen ließ, warum sie ihnen half?
Alriks Gestöhne lenkte ihn von seinen Gedanken ab. Er war froh, als Juliette sich um seine Wunden kümmerte. Leirâs Prellung war schon schwer genug zu heilen gewesen – wobei nach Leirâs Verhalten seine Heilung weniger erfolgreich gewesen war, als er gedacht hatte. Scheinbar hatte sie wieder Schmerzen, obwohl er alles ihm mögliche gemacht hatte, um diese zu blockieren. Vielleicht war die Elfe im Kampf irgendwie dumm an die Rippe gekommen. Sein Mund zuckte. Die Blockade des Schmerzes hätte das eigentlich aushalten müssen. Er hatte gesehen, wie Menschen fröhlich herum sprangen, die wenige Minuten vorher von den meisten schon als tot betrachtet worden waren. Zugegebenermaßen, da waren auch begabtere Heiler am Werk gewesen, als er einer war, aber dennoch...
Nicht einmal das hatte er geschafft. Nun, er wusste, dass seine Fähigkeiten zur Heilung begrenzt waren, aber was hatte er sonst noch groß beigetragen? Er hatte sich fast töten lassen und nur dank Juliettes Hilfe überlebt. Er warf ihr einen kurzen Blick zu und sah zu, wie sie sich um Alrik kümmerte. Was hatte er denn bisher beigetragen? Er hatte einen – einen! – Mann besiegt, während Juliette und Leirâ sich um den Rest gekümmert hatten. Und das, obwohl ihm dieser Bereich am ehesten liegen sollte. Feuer war sein Element, er hätte in der Lage sein sollen, alle Angreifer zu besiegen, ehe sie ihn auch nur erreicht hatten.
Doch schon bei dem Gedanken daran wurde ihm schlecht. Er roch noch immer das verbrannte Fleisch, hörte diesen furchtbaren Schrei... Im Zirkel war er oft dem Tod begegnet und ständig der Drohung dessen ausgeliefert gewesen. Warum fiel ihm dieser Gedanke dann so schwer? Was konnte er denn eigentlich, wenn er trotz seiner Begabung sich nicht einmal verteidigen konnte?
Ja, natürlich, er hatte das Pergament übersetzt. Und zwar so großartig, dass er die Hälfte nicht verstand, und der Rest kaum Sinn ergab.
Er schnaubte. Wie nützlich er doch war. Hatte er sich nicht immer vorgestellt, welch großartiges Leben er in seiner Weisheit führen konnte, sobald er aus dem Zirkel entkommen war? Im Moment fühlte er sich einfach nur unnütz, überflüssig und Elend. Und das machte ihn wütend. Auf sich, aber auch auf alle anderen.
Auf die Händlerin, die sich weigerte, richtig auf die Frage zu antworten. Auf Alrik, der es zumindest schaffte, die Gruppe zusammen zu halten. Auf Leirâ, die gerade so vertraulich mit der Orlaisianerin flüsterte, und offenbar nicht durch so sinnlose Schuldgefühle wie er durch das Töten befallen wurde. Auf Juliette, die ihn gerettet hatte, und auf ihre Fähigkeiten im Kampf. Und offenbar war die Orlaisianerin auch so bewandert mit dem Heilen, dass Leirâ ihren Arm von ihr versorgen ließ.
Die Wut brodelte in ihm, und so war er dankbar für das Stichwort dass die Elfe ihm gab, um endlich etwas Dampf abzulassen.
„Das würde mich auch interessieren“, patzte er in das vertrauliche Gespräch der beiden Frauen. Eine leise Stimme in seinem Hinterkopf sagte ihm, dass er Juliette auf Knien dafür danken sollte, dass sie ihm das Leben gerettet hatte, aber er ignorierte das. „Sagtet Ihr nicht, es wären Räuber, die hinter uns her sind, Juliette? Würdet Ihr dann vielleicht mal erklären, wieso Euch einer von denen persönlich kennt? Und erzählt mir nicht, Ihr wärt ihm noch nie begegnet, nachdem ihr euch so lange so vertraut miteinander unterhalten habt. Er kannte Euren Namen!“ Ohne es zu bemerken wurde seine Stimme immer lauter. „Ich habe einfach keine Lust auf all diese Geheimnisse und Lügen!“
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„I`r `abt rescht. Keine Lügen me`r. Keine Ge´eimnisse.“, kam es nach kurzem Zögern kummervoll über Juliettes zerkratzte Lippen. Lange hatte sie dem wütenden Blick des Magiers nicht standhalten können, war sie doch geplagt von ihren Schuldgefühlen. Beinahe wäre sie an seinem Tod mitschuldig gewesen. Beinahe hätte ihm Leclerc das Genick gebrochen. Wegen ihrer Sturheit.
Dennoch zögerte sie. Es schauderte ihr davor ihren Begleitern die volle Geschichte zu erzählen. Aus Scham über ihr jämmerliches Schicksal und ihre selbstsüchtigen Taten, aber auch aus Furcht. Furcht davor als Schuldige angeprangert zu werden und gar zurückgelassen zu werden. Sie war schließlich schuld daran das der kleinen Gruppe eine ganze Truppe von Meuchelmördern wie Bluthunde auf den Fersen waren. Jene waren schließlich nur auf der Jagd nach ihr und würden die anderen vielleicht ziehen lassen wenn man die Gejagte ausliefern oder zurücklassen würde.
Aber es war auch zu einem kleinen Teil Vorsicht, denn die Händlerin war nach wie vor in Hörreichweite. War sie doch eine Fremde die auf kurz oder lang Leclerc in die Hände fallen konnte und ausplaudern könnte wohin die Gruppe zu reisen gedachte.
Doch ein anderer Teil von ihr drängte ebenfalls dazu zu gestehen. Jener Teil der diese Lügen, die Schuldgefühle Leid war, der es sich von der Seele reden wollte.
Zusammen mit den Blicken ihrer Gefährten brach dieser Teil die Mauern die Juliette um sich errichtetet hatte nun doch genügend auf.
„Wie i`r bereits erraten `abt, stamme isch aus einem der mäschtigen Adels`äusern von Val Royeaux.“, erklärte Juliette betrübt in dem Wissen das sie dem Magier bisher nichts über ihre Herkunft erzählt hatte. „Isch be`auptete isch sei geflo`en als isch an jemanden ver`eiratet werden sollte, den isch verabscheute. Das stimmte nur zur `älfte.“
Die Adlige spürte wie sich ein dicker Kloß in ihrem Hals bildete, als jedes Wort jene verhängnisvolle Nacht in ihrem Geiste mehr aufleben ließ. Angestrengt versuchte sie ein ungewolltes Schluchzen zu unterdrücken, doch es gelang ihr nur zur Hälfte während sie beschämt den Blick zu Boden richtete und die stahlgrauen Augen kurz schloss.
„Isch bin Witwe.“, hauchte sie aus. „Dursch die eigene `and zur Witwe geworden.“
„Es war ein Unfall. Isch wollte es nischt. Aber er war tot. So jung. Das `atte er nischt verdient.“, beteuerte sie fast schon verzweifelt klingend als sie den Blick wieder hob. „Danach `atte misch Panik ergriffen und isch bin geflo´en, bald darauf schon verfolgt von den Schergen meines Vaters und meines Schwiegervaters. Isch flo´so weit isch nur konnte, bis nach Ferelden schließlisch. Da dachte isch dann isch `ätte sie abgeschüttelt.“
Mutlos blickte sie zwischen ihren Gefährten hin und her. Ob die Händlerin und ihre Gehilfin nun noch zuhörten war ihr nun mehr oder minder egal.
„Es ist Ja`re `er das sie mir so discht auf den Fersen waren! Isch dachte wirklisch das isch sie los bin. Als sie mich dann doch aufgespü`rt `atten `egte isch die `offnung ungese`en verschwinden zu können und sagte nischts weil isch Angst ´atte das i´r misch zurück lässt wenn i`r erkennt welsche Gefa`r isch für eusch darstelle.“
Nun rann ihr doch noch eine Träne über ihr vernarbtes Gesicht. Doch zugleich zeichnete sich danach immer mehr Entschlossenheit auf ihren adligen Zügen ab. Sie wollte keine Gefahr mehr für ihre Gefährten sein.
„Isch will kein Mitleid. Isch `abe mit mir selbst genug.“, verkündete sie nun deutlich ernster. „Und ich bitte auch nischt um Vergebung. Die `abe isch nischt verdient.“
Bedeutungsvoll schwieg sie und blickte einem ihrer Gefährten nach dem anderen an.
Der immer noch bewusstlose Alrik, der von alledem nichts mitbekommen würde. Sie bereute es zutiefst dass er zu Schaden gekommen war. Ohne zu zögern hätte sie sich zwischen ihn und Leclercs Klinge geworfen.
Rhaego dem Magier, dem sie heute schon zweimal das Leben gerettet hatte. Obgleich sie ihn noch weniger als den Rest der Gruppe kannte hätte sie ihn noch hunderte weitere Male gegen die Schergen ihres Vaters verteidigt, obgleich er ein Magier war. Er hatte auch ihr das Leben gerettet. Er konnte einfach nicht so schlimm sein wie man ihr seid ihrer Kindheit eingetrichtert hatte.
Sie blickte zu dem liniendurchzogenen Gesicht der Elfe, deren große Augen einen Ausdruck angenommen hatten den sie nicht zu deuten vermochte. Hielt sie sie doch zu Anfangs für eine primitive Wilde, war sie dann dennoch eines besseren belehrt worden. Leirâ war viel mehr als schlicht eine Barbarin. Juliette bedauerte es zutiefst es wohl nie ergründen zu können.
„Es tut mir so leid das isch eusch in Gefa´r gebracht `abe. Das kann isch nie wieder gut machen.“
Sie blickte hinüber zu der stumpf blickenden Händlerin welche zusammen mit ihrer elfischen Begleitung etwas abgegrenzt zu ihnen waren.
„Mir tut auch jede Unanne´mlischkeit leid die i´r erlitten `abt, `ändlerin.“
Wieder an den Rest der Gruppe meinte sie, überzeugt davon dass man das nicht ablehnen würde:
„Am besten lässt i´r misch zurück. So könnt ihr die Reise fortfü´ren und isch büße für meine Verge´en.“
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Adriana wartete die Antworten der anderen ab, überlegte einige Zeit, was sie sagen sollte. Doch dann sprudelte es aus ihr heraus:
"Wisst Ihr, Lady de Ludin. So in etwa haben wir die gleiche Vergangenheit. Kasha und ich waren auch auf der Flucht. Eines Tages konnten wir uns aber dann sicher sein nicht weiter verfolgt zu werden. Nun ja, zumindest bis jetzt."
Sie setzte sich etwas um, suchte das Leuchten des Magiers, denn dieser saß ziemlich zentral in der Gruppe. So konnte sie halbwegs alle anblicken.
"Ich mache euch keine Vorwürfe und wenn Ihr meint, wir würden euch zurücklassen, dann habt Ihr euch geschnitten. Kasha, Boomer und ich, wir sind eine Familie und wir unterstützen uns gegenseitig. Wir würden uns freuen, wenn ihr uns begleiten würdet oder besser gesagt, wenn wir euch begleiten dürften."
Sie lächelte kurz, wurde sich dann aber ihrer Worte bewusst und verschwand hinter Wand aus Scham. Adriana drehte sich wieder zurück und kaute ein wenig auf ihrer Unterlippe herum.
"Wenn ihr Euch in irgendeiner Weise zu nahe getreten bin, so bitte ich Euch um Vergebung, Milady."
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Leirâ wollte Rhaego gerade daran erinnern, dass Juliette ihn gerettet hatte und er sie nicht so überfallen sollte, als die Kämpferin schon zu sprechen begonnen hatte. Als sie sich so schluchzend in ihr Geständnis steigerte, wanderte die Hand der Dalish zurück auf der Shemlen Schulter. Auch wenn sie nicht alles verstand, was sie sagte. Aber allem Anschein nach fühlte Juliette sich schuldig für den Tod eines Mannes, der sie gegen ihren Willen geheiratet hatte? Und irgendein Vater, welcher war sie sich nach dem Gestammel nicht ganz sicher, hatte der Kämpferin nun diesen Yanî auf den Hals gehetzt. Zum Schluss konnte sie kaum noch verstehen, was Juliette da sagte, so sehr schluchzte die Gefährtin. Sie wollte zurückgelassen werden? Wegen eines Unfalls -das glaubte die Elfe dem Rosenohr ohne Vorbehalt-, dem ein Mann zum Opfer gefallen war, der ihr Unrecht getan hatte? Doch bevor sie etwas zu dem Wunsch, zurückgelassen zu werden sagen konnte, lies sie sich noch zu einer Bemerkung hinreißen:
"Es hat den Anschên, dass wir alle Ausgestoßene sind."
Doch ehe sie Juliette versichern konnte, dass niemand wegen einem so irrsinnigen Grund verstoßen werden würde, zumindest nicht von ihr, kam ihr Adrianna zuvor. Und bei deren Worten regte sich etwas tief in der jungen Jägerin.
Eine Familie, das Exil gemeinsam ertragen. Trost und Zuflucht finden... sie schüttelte den Kopf.
"Vir Bor'assan. Niemals brechen." Doch eine kleine Stimme in ihrem Kopf hielt dagegen: Vir Adahlen. Gemeinsam stärker als allein. Sie richtete sich auf, musste sich von dieser Frage, diesen Zweifeln befreien. Dafür war jetzt nicht die Zeit. Stattdessen ging sie zum Ende des Wagens und lies den Blick schweifen. Unter ihnen, ein ganzen Stock den Weg hinab konnte sie,. hinter einem Wäldchen noch dünn die Rauchfahne des Dôrfes erkennen. Sie beugte sich leicht nach vorn, lauschte. Nichts zu hören außer den Geräuschen des Waldes, hier un da das Rieseln von Felsen und Wasser. Sie waren ein ganzes Stück höher als das Dorf, aber... Moment! War das Hufgetrappel? Oder Einbildung? Einerlei:
"Wir mûssen wêter. Und nîmand wird den Wôlfen überlassen."
Sie drehte sich um und schaute sie der Reihe nach an. Ihr Blick blieb an dem Dalish-Flachohr hängen. Wie gern hätte sie die Geschichte der stummen Elfe erfahren. Sie zuckte mit den Schultern. dafür hatten sie jetzt keine Zeit.
"Fâr zu. Wir mûssen so vîl weg wî môglich zwischen usn und dîse Lête bringen."
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Juliette wollte kein Mitleid. So hatte sie es gesagt, und von Rhaego hätte sie sowieso keins bekommen. Aber was war das für ein komisches Gefühl, das langsam in ihm aufstieg? Verständnis?
Nein! Sie hatte ihn belogen – hatte sie alle belogen! Mitgefühl war eine Schwäche, war das nicht die zentrale Lektion im Zirkel gewesen? Und trotzdem hatte sie ihm das Leben gerettet, in letzter Sekunde. Nun ja, immerhin hatte sie ihn erst in Gefahr gebracht. Und doch konnte er ihr das nicht ganz verübeln, denn hätte sie nicht getan, was sie glaubte tun zu müssen, säße er noch immer im Turm fest.
Schweigend musterte er die Umgebung, während die anderen Juliette ihr Verständnis ausdrückten. Wieso konnten sie ihr einfach so vergeben, ihrer aller Leben in Gefahr gebracht zu haben? Immerhin hatte Juliette ihnen nicht das Leben gerettet, eher andersherum, wenn er an den dicken Qualm dachte.
Nein. Nein! Er würde sich jetzt nicht damit beschäftigen, was er ihr schuldete. Er wollte nicht daran denken, sich nicht mit ihr auseinandersetzen. Wütend kniff er die Augen zusammen und wandte sich ab.
Endlich beendete Leirâ das Gespräch: "Fâr zu. Wir mûssen so vîl weg wî môglich zwischen usn und dîse Lête bringen."
Das Rumpeln des Wagens wurde stärker, als der Bär noch etwas beschleunigte. Rhaego ignorierte es jedoch und bewegte sich zu der blinden Händlerin hinüber, ohne Juliette noch eines weiteren Blickes zu würdigen. Beinahe wäre er gestürzt, als der Karren über eine besonders große Unebenheit holperte, doch er fing sich gerade noch und hielt sich für die nächsten Schritte am Rande des Wagens fest. Er glaubte, die Blicke der beiden Frauen in seinem Rücken zu spüren, während er sich schließlich äußerst unelegant neben die Händlerin plumpsen ließ.
„Lasst uns über Euren Stab reden“, eröffnete er das Gespräch, während die Händlerin ihn fragend ansah. Es verwirrte ihn jedes Mal, dass die blinde Frau ihm immer in die Augen blickte. Als ob sie genau wüsste, wo diese waren. Er schüttelte sich leicht, ehe er fortfuhr: „Könnt Ihr mit noch etwas mehr darüber erzählen? Es könnte sein, dass es einen größeren Zusammenhang zwischen ihm und unserem Vorhaben gibt, als es auf den ersten Blick erscheint.“ Er zögerte einen Moment, doch ihm blieb eigentlich keine Wahl. Wenn Adriana irgendetwas wusste, dann war das wichtig. „Diese Rune zum Beispiel, die in das Holz eingegraben ist – wisst Ihr, was sie bedeutet?“
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Adriana fasste über die eingelassene Rune. Ihre Finger fuhren die Einkerbungen entlang und zeichneten das Bild anstelle ihrer Augen. Sie konnte die Rune sehen - im übertragenen Sinne.
"Ich habe nie Nachforschungen angestellt. Es war mir bislang auch nicht wichtig. Der Stab war ein Geschenk eines Händlerkollegen aus Orzammar. Ein Zwerg namens Odwick überließ ihn mir aus Dank. Die Rune, so sagte er es mir, bedeutet Fährtenführer. Eine zwergische Legende die besagt, dass sie durch die Tiefen Wege führen soll. Doch dafür muss man aufhören mit den Augen zu sehen."
Sie lächelte. Diese kleine Anekdote war eine ihrer liebsten.
"Odwick meinte, da ich nicht mit meinen Augen sehe, würde der Stab mir wohl gute Dienste leisten, also überließ er ihn mir."
Was sie den anderen nicht erzählte war, dass sie ihm den Stab mehr oder weniger bei einer Wette abluchste. Sie überredete ihn einen Bären dazu zu 'überreden' ihn auf sich reiten zu lassen. Der langen Geschichte kurzer Ausgang war natürlich so einfach wie vorhersehbar. Odwick fiel vom Rücken Boomers, genauso wie Adriana ihr Wohlgefallen erhielt. Das zwergische selbstgebraute Bier war im Nachgang also um einiges schmackhafter und Odwick gab zu, dass er es hätte kommen sehen müssen. Die beiden verband dadurch eine enge Freundschaft und der Zwerg, der an der Oberfläche lebte und seine Angst in den Himmel zu fallen überwunden hatte, arbeitete gerne mit der blinden Frau zusammen.
Der Tag wurde kürzer. Vor einigen Stunden hatte Adriana der Gruppe noch angeboten zusammen soweit zu reisen, wie es Boomer vermochte und sich dann zu trennen, um ihnen zum Einem einen halbwegs guten Vorsprung zu verschaffen und zum Anderen Boomer wieder zu entlasten. Die Bärin war zwar stark, doch eine solche Belastung konnte selbst sie nicht auf Dauer ableisten können. Innerlich war Adriana zerrüttet. Sie wusste nicht so richtig, was sie erwartete. Doch sie war sich gewiss, dass dieses eines der interessantesten Abenteuer werden würde. Die letzen Sonnenstrahlen krochen über den Bergkamm und erhellten die verwehten Wege mit einem rot schimmernden Licht. Adriana bemerkte, dass ihre Antwort wohl nicht die erhoffte war und sah dem Magier nach, wie er wieder zurück in den Wagen kroch, als sie von der mit einem oraisanischen Akzent unterlegten Stimme angesprochen wurde.
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Rumpelnd fuhr der Wagen über unebene Wege, die kaum mehr als breite Trampelpfade waren, vorbei an der so langsam in herbstliche aber immer noch kräftige Farben wandelnden Landschaft des Bannorns. Ein kühler Wind wehte und verlieh dem Land nur noch mehr des Charakters der den meisten Fereldenern gemein war, sogar ihr Aussehen wiederspiegelte: Kühl, ursprünglich (um nicht zu sagen primitiv) und vor allem stark bewachsen. Mehrere Stunden waren sie durch mal lichtere, mal dichtere Wälder unterwegs nachdem sie den Winhorn umgebenden Wald hinter sich gelassen hatten. Tunlichst vermieden sie es leichter befahrbare Wege zu bereisen, wie den kaiserlichen Hochweg, da es ihren berittenen Verfolgern sonst ein Leichtes gewesen wäre sie einzuholen.
Unter gewöhnlichen Umständen hätte Juliette gemeint das Lecerc sie auch auf unebeneren Wegen leicht einholen könne, ein Wagen wie dieser war schließlich nicht für das Befahren solcher erdacht und noch weniger für Verfolgungsjagden. Doch der weiße Bär überraschte alle mit seiner Kraft und Ausdauer und zog den Wagen meilenweit in einem Tempo das Zugpferde bei dieser Strecke schon früh erschöpft hätten.
Juliette, nah am Rande des Wagens und des noch immer bewusstlosen Alriks sitzend, blickte besorgt auf die unübersehbaren Spuren die sie hinter sich ließen. Selbst ein Blinder hätte ihnen folgen können.
Normalerweise wäre sie schon früh dafür gewesen sich von der Händlerin, ihrer Gehilfin und dem schnaufenden Tier zu trennen, doch durch Alrik, dem sie nun einen kurzen Blick zuwarf, blieb ihnen nichts anderes übrig. Nur sie wäre wohl stark genug gewesen den Burschen zu tragen aber verletzt und ohnmächtig wie er war, hätte sie ihn sich nicht einfach wie einen Sack Kartoffeln über die Schulter werfen können, ohne zu riskieren seine Verletzung noch zu verschlimmern. Nun lag er gebetet auf mehreren Lacken, Decken und Mänteln und seinem Kopf auf Leirâs Schoß um ihn so gut wie möglich zu polstern. Diese holprige Fahrt war auch kaum besser aber wenigstens kamen sie schnell voran.
Um es ihren Verfolgern dennoch nicht zu leicht zu machen, entschlossen sie sich, soweit sie der Bär zu ziehen vermochte zu fahren, sich einen geeigneten Lagerplatz oder gar Unterschlupf für die Nacht zu suchen und sich dann früh morgens zu trennen.
Langsam wanderte ihr Blick von dem Bewusstlosen im Schoß der Elfe hoch zu eben jener. Die Erschöpfung des Kampfes in Winhorn hatte sie alle gezeichnet, so auch Leirâ. Müde blickte sie in die vorbeiziehende Landschaft nur um ab und an auf den jungen Fereldener zu blicken, fast so als wundere sie sich selbst über diese Nähe zu ihrem friedlich schlafenden Mitreisenden, der unter anderem Umständen wohl ihr Feind gewesen wäre.
Nicht zum ersten Mal, fragte sich Juliette, wie ihr Leirâ bloß so schnell verzeihen konnte, obwohl die Söldnerin sie alle in Gefahr gebracht hatte. Verstand sie einfach nicht, welche Tragweite Juliettes eigensüchtiges Handeln für sie alle hatte? Dass sie nun den gefährlichsten Bluthund ihres mächtigen Vaters auf den Fersen hatten?
Dass er die Flüchtige nach all den Jahren selbst hier in diesem zurückgebliebenen Hinterwälderland wieder aufgespürt hatte, sprach für Leclercs Verbissenheit bei der Jagd.
Oder war sich die Dalish dessen wirklich bewusst und würde es trotzdem für Juliette auf sich nehmen und das ohne das die Adlige ihr dafür etwas gab oder es schlicht zweckmäßig war? Sie wäre seit langer Zeit die Erste. Seit so langer Zeit, dass Juliette das Gefühl jemand um sich zu haben der einen beistand, so ungewohnt vorkam und fast schon als unbekannt war nahm.
Erneut schämte sich Juliette, als sie sich fragte, ob sie das überhaupt wert sei. Aber, unerwünscht, stellte sie fest, war dieses warme, beruhigende Gefühl nicht…
Irgendwie schien die Elfe ihren Blick bemerkt zu haben und blickte zurück zu der Söldnerin, welche fast schon beschämt und zu sehr von Schuldgefühlen geplagt um zu sprechen, den Blick wieder abwandte, sich zugleich darüber aber ärgerte. Sie hoffte bloß das Leirâ das jetzt nicht missverstand, wagte es aber dennoch nicht wieder zu ihr zu blicken.
Stattdessen blickte sie einfach wieder zu Boden, wie sie es schon vor Stunden getan hatte, als sie die Schuldgefühle noch stärker geplagt hatten. Die ganze Fahrt über hatte Juliette nicht viel geredet, hatte sich auch nicht angemaßt zu bestimmen wohin sie nun gehen sollten und meist nur kummervoll geschwiegen. Wäre sie allein gewesen oder hätte man sie, für die Gefahr die sie sie über alle gebracht hatte, beschimpft hätte sie der Kummer wohl noch mehr gepackt, doch das Ausbleiben dessen und die Zuwendung von Leirâ und auch Adrianna halfen ihr letztendlich doch noch gerade ausreichend darüber hinweg.
Die Händlerin, welche vorne auf dem Kutschbock mit ihrer elfischen Gehilfin tuschelte, war es die sich dafür ausgesprochen hatte, sie so weit wie möglich zu fahren, sich dann zu trennen und ihre Verfolger damit vielleicht sogar auf die falsche Fährte locken zu können. Juliette war überrascht über diese Hilfsbereitschaft, die diese Frau, einer Gruppe von Fremden entgegenbrachte. Und obwohl sie damit sowohl sich selbst als auch ihre elfische Freundin Gefahr bringen konnte hatte sie kein Wort darüber verloren dass sie eine Gegenleistung erwartete.
Auch bei ihr fragte sich Juliette, die ihr über die Schulter einen Blick zuwarf, warum diese Frau das auf sich nahm. Bei einer Händlerin hätte sie erwartet dass diese sogleich den Preis für ihre Hilfe verlangte, zumindest war jeder Händler den Juliette bisher getroffen hatte so, aber sie nicht. Tat sie es vielleicht aus irgendeiner Form der Ehrerbietung? Schließlich hatte sie Juliette respektvoll, beinahe schon ehrfürchtig, beim Titel genannt und um Vergebung gebeten sie angesprochen zu haben, falls der Adligen das missfallen hatte. Unterbewusst hätte Juliette das zwar geschmeichelt, hätte sie gerade nicht mit einem ganzen Schwarm von Schuldgefühlen, gekämpft aber dennoch wollte sie nicht dass sich diese arme Frau glaubte ihr helfen zu müssen, obgleich sie sich damit in Gefahr brachte.
Wäre ihre Gemütsverfassung besser gewesen, hätte sich die Söldnerin schon früh neben die Händlerin niedergelassen, gleich nachdem der Magier, mit dem sie über irgendwelche Runen auf Stöcken geredet hatte, sich erhoben hätte. Gedankt hätte sie ihr, für ihre Güte ihnen zu helfen und vergewissert dass sich die Frau nicht dazu gezwungen fühlte, doch nun brachte sie es nicht über sich, schwor sich aber, es nachzuholen.
Aus den Augenwinkeln, sah sie auch den Magier, welcher sich scheinbar enttäuscht über den Verlauf des Gesprächs mit Adrianna wieder hinter den Kutschbock auf die Ladefläche gesetzt hatte. Er hingegen würdigte sie keines Blickes. Rhaego war somit der einzige der ihr nicht einfach so vergab und das obwohl die Söldnerin zweimal zwischen ihn und seinen sicheren Untergang getreten war und ihr eigenes Wohl für ihn riskierte hatte. Tatsächlich aber konnte sie es ihm nicht verdenken. Ohne sie, wäre er gar nicht erst in solch eine Situation geraten.
So oder so wusste sie dass sie auch noch ihm reden und sich bedanken musste. Ihre Ehre gebietete es ihr, auch wenn es ihr davor scheute. Auch er hatte sie schließlich vor Schaden bewahrt, indem er den Armbrustschützen der auf sie gezielt hatte verbrannte, doch sollte sie, als Gläubige, wirklich dafür dankbar sein, dass der arme Mann solch eines schrecklichen Todes starb?
Noch immer sah sie das verkohlte Fleisch deutlich vor ihrem inneren Auge und roch den beißenden Gestank des Feuertodes. Sie hoffte inbrünstig dass der arme Kerl nicht hatte leiden müssen und er nun an der Seite des Erbauers saß. Somit ein weiterer Unbekannter für dessen Seelenheil die Söldnerin beten würde. Es wurden immer mehr.
Ob der Magier ähnliche Gedanken hegte? Sie warf ihm einen weiteren, wie sie hoffte, unbemerkten Blick zu. Wenn Rhaego sein ganzes Leben lang im Turm verbracht hatte, war es dann vielleicht möglich, dass dies der erste Mann gewesen war der durch seine Hand starb?
Falls ja, wäre es ein weiterer Grund mit ihm zu sprechen. Ob er wollte oder nicht. Niemand sollte nach solch einer belastenden Tat alleine sein und niemanden zum Reden haben. Juliette hatte damals niemanden gehabt und litt noch heute darunter. Und sollte er wirklich Schuld empfinden, wäre es doch tatsächlich ein Beweis dafür dass er eben doch kein Monster war.
Es verging noch einige Zeit bis Juliette sich über ihre Scham hinwegsetzen konnte, um überhaupt wieder den Mund aufmachen zu können. Noch immer fuhren sie, doch kam der weiße Bär seinen Grenzen immer näher. Lange, schätzte die Adlige, würde er wohl nicht mehr durchhalten ehe er ruhen musste. Dann würden sie vermutlich ein Lager aufschlagen oder nach einen Unterschlupf suchen. Spät war es inzwischen. Rot schimmernd bahnten sich die letzten Strahlen der Sonne zwischen den Ästen der Bäume ihren Weg. Wer weiß ob sie heute noch die Gelegenheit bekäme sich angemessen bei der Händlerin zu bedanken?
So setzte sie sich über ihre restlichen widersprüchlichen Gefühle hinweg und kletterte näher zu der Händlerin.
„`ändlerin.“, sprach Juliette die andere Frau diplomatisch und angemessen freundlich an, einen freundlicheren Ton brachte sie momentan nicht zu Stande. „Isch möschte eusch in Namen meiner Begleiter und mir selbst dafür danken das i`r uns so ge´olfen `abt. O`ne eusch `ätten unsere Verfolger uns bestimmt bereits einge`olt. Wie können wir eusch dafür danken?“
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Adriana überlegte. Nicht zu lange, aber auch nicht zu kurz. Dann lächelte sie sanft. Wohl wissend, dass sich auch Lady De Ludin ausmalen konnte, dass Adriana nichts umsonst macht. So war Adriana nun einmal. Der Schutz ihrer Familie stand an erster Stelle und direkt danach folgte der Profit. Doch aus irgendeinem Grund, sie konnte nicht genau definieren, woran es lag, entschied sie sich dieses Mal anders.
"Ihr schuldet uns nicht mehr, als dass ihr diese Hetzjagd übersteht, Milady. Nichts kann so ungewiss sein, wie Sicherheit."
Unfreiwillig erinnerte sie sich an ihre Vergangenheit. Schreckhaft zuckte sie zusammen.
"Haltet euch immer eine Option der Hinterhand."
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Unwillkürlich zogen sich Juliettes zarte Augenbrauen ein Stück zusammen, als die Händlerin ausgesprochen hatte. Der Söldnerin gefiel nicht was sie hörte.
In den Augen dieser Frau war nicht zu lesen. Starr und stumpf blickten sie, bar von Gefühlen die die Adlige hätte erkennen können. Sie war wirklich ohne Zweifel blind, aber das machte sie nicht weniger gefährlich.
Auch ihre Mine gab nicht preis ob sie aufgesetzt oder ehrlich war. Kurz hatte sie gezuckt, wie als ob sie vor etwas erschrak, doch zu mutmaßen wovor, käme Rätsel raten gleich und dafür war nicht die Zeit. Diese Adriana, wäre sie von edlerem Geblüt, wäre sicher eine gute Spielerin im Spiel des Adels in Orlais, befand Juliette. Und als solche würde die Adlige sie nun auch behandeln.
„I´r sprescht rescht, Mademoiselle.“, antwortete Juliette zustimmend, ihre eigentliche Absicht verbergend. „Als Söldnerin ist mir das nur zu gut bekannt.“
„Unsere Zünfte `aben tatsäschlisch me`r gemein als die meisten ane`men.“, fuhr die Söldnerin scheinbar im Plauderstimmung fort und setzte auch ein freundliches Gesicht auf, gleich ob ihr Gegenüber sie sehen konnte oder nicht. „Isch `andle auch wie i`r. Nur biete isch natürlisch keine Waren feil sondern stelle ich mich in die Dienste des Meistbietensten.“
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Adriana lauschte den Worten der Orlaisianerin. Sie tat viel, um ihre Zweifel und ihr Gemüt zu überspielen. Aber Adriana hatte gelernt anhand von kleinen Nuancen in der Stimmlage Gefühle anderer wahrzunehmen. Gar war sie sogar geneigt, ihr Angst zu unterstellen. Doch dieses wagte sie nicht, denn wenn es so war, so war bedeutete es Scham für eine Adlige, die ihr gesamtes Leben im Schauspiel der Politik agierte, von einer Blinden ihrer wahren Gefühle überführt worden zu sein. Also lächelte sich kurz, ob der Bemerkung Juliettes.
"Ja, ich glaube, wir haben auch noch mehr gemein, Milady."
Sie schwieg kurz. Dann fuhr sie mit gedämpfter Stimme fort: "Was habt Ihr nun vor, Milady?"
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Juliette hatte geahnt dass diese Frage fallen würde. Sie hatte es regelrecht gespürt, ebenso wie sie spürte dass die Antwort auf diese Frage Folgen haben würde. Welche und ob sie sich vermeiden ließen, würde sich noch zeigen.
„Wir werden weiter zie`en. Gen Süden. Nach Redcliffe. Wir `offen dort ein Schiff für unsere weitere Reise zu finden.“, antwortete Juliette auf die Frage der Händlerin. Es würde Sinn für Flüchtige machen so schnell wie möglich so viel Raum wie Möglich zwischen sich und die Verfolger zu bekommen und wie würde man dies schneller erreichen als mit einem Schiff?
Man könnte vom Lake Calenhad aus in See stechen und von dort weitersegeln, vielleicht sogar Ferelden über den Seeweg verlassen um in der Sicherheit fremder Länder zu verschwinden. Nicht in allen Ländern von Thedas waren Orlaisianer so verhasst wie in Ferelden. Angesichts ihres flüchtigen Magiers wäre Tevinter ein nahe liegendes Ziel, hatten dort sowohl weder die Kirche, noch die Templer, noch das orlaisische Reich Macht.
Eine Rettung versprechende Möglichkeit.
Einzig und allein das, für Verfolgte, noch viel zu weit entfernte Redcliffe schien dabei von Unlogik behaftet. Waren doch die Docks des Calenhads Sees viel näher und wenn sich dort kein Schiff fände vielleicht noch der Hafen von West Hill.
Bewusst streute die Adlige scheinbar verräterische Nuancen in ihre Worte, die Schwäche, Unsicherheiten, fast schon Angst bedeuten mochten auch wenn sie nichts davon verspürte. Fast schon so als hielte sie ihr Gegenüber, vielleicht aufgrund ihrer Blindheit, für leicht zu übertölpeln, dass sie die Nervosität der Worte nicht erkennen würde.
Kurz darauf, nachdem sie sich erneut im Namen der Gruppe bei der Händlerin bedankt hatte, zog sich Juliette wieder zurück auf die Ladefläche des Wagens, als befürchtete sie zu viel gesagt zu haben und schwieg für den Rest der Fahrt. Nur Alriks Zustand überprüfte sie noch rasch, doch er war unverändert.
Schließlich, die Nacht war schon fast angebrochen, entschied die Händlerin dass der Bär rasten müsse und man hielt bald darauf an einer Lichtung in einem dichten Wald. Leirâ brach schon gleich auf um nach einen geeigneten Rastplatz in der umliegenden Umgebung zu suchen, während der Rest der Gruppe ihre verbliebenen Habseligkeiten packte. Sorgenvoll blickte Juliette auf den noch immer bewusstlosen Alrik. Wenn er nicht bald aufwachte würden sie ihn doch noch tragen müssen. Sie hoffte bloß dass sich sein Zustand dadurch nicht verschlechtern würde, ehe sie ihn vom Wagen der Händlerin hob um ihn so behutsam wie möglich vorerst auf den Boden zu legen.
Ein paar stille Minuten vergingen in denen keiner ein Wort sprach, als wenn keiner die Stille als erster brechen wollte. Als schnürten ihnen alle die Erinnerungen an Ereignisse des Tages die Luft ab, derweil alle sich auf die Nacht vorbereiteten. Während Rhaego und Juliette ihre Sachen packten machte sich die Händlerin samt ihrer Dienern und dem weißen Bären, ihren Wagen im nächsten Gebüsch unter einer Plane zu verstecken.
Während Juliette noch auf den bewusstlosen blickte, bemerkte sie wie der Magier sich seinen Rucksack auflud. Er schien sie immer noch keines Blickes zu würdigen, vielleicht war er aber auch schlicht in Gedanken versunken. Womöglich war er ihm Geiste immer noch in Winhorn, wo dieser Mann so grausam durch ihn starb.
Vielleicht war jetzt der Zeitpunkt gekommen um mit ihm zu sprechen, auch wenn es ihr Unbehagen bereitete in der Nähe dieser Fremden, die sich als klare Gefahr entpuppt hatte, mehr zu reden als unbedingt nötig.
Gerade hatte sich über ihre reuige Scheu hinwegsetzen können um den Mund zu öffnen und Luft zu holen, da kehrte die Elfe fast lautlos zurück. Die späte Zeit tat Not, so hatte sie den nächstbesten Rastplatz ausgewählt und führte sie nun durch den Wald, fort von dem Trampelpfad der sie hierher geführt hatte.
Nach kurzer Zeit kamen sie auf eine weitere Lichtung, einen kleinen Hain wie es aussah. Knorrige alte Bäume, überwachsen mit Moos ragten in die Höhe und ließen nur vereinzelt den Schein der Gestirne durch ihre Kronen leuchten. So war es obwohl der Mond hell leuchtete, dunkel in der kleinen Lichtung, sodass wohl nur Leirâs Blicke ungetrübt waren.
In aller Eile errichteten sie ihr Lager, vermieden es jedoch ein Lagerfeuer zu entfachen, trotz der Dunkelheit, um es ihren Verfolgern nicht einfacher zu machen.
Nachdem der immer noch bewusstlose Alrik auf mehreren Decken weich gebettet lag, entschied die Elfe sich etwas umzusehen. Sie sagte zwar nichts über ihr Befinden, die Dunkelheit und die Unkenntnis elfischer Emotionen taten ihr Übriges, aber Juliette kam nicht umhin zu vermuten, das Leirâ beunruhigt schien. Wahrscheinlich, vermutete die Adlige, hatte es mit ihren Verfolgern zu tun. Dieses Gefühl kannte sie nur zu genüge.
Nachdem die Elfe verschwunden war entschied sich die Orlaisianerin es nicht mehr länger aufzuschieben und mit dem Magier ein paar Worte zu wechseln.
Nach einem letzten Moment der Überwindung trat sie neben den Magier, welcher eben erst sein Gepäck durchsucht hatte. Es lag keinerlei Herablassung mehr in Juliettes Stimme oder Gesicht als sie sich fast schon behutsam an ihn wandte.
„Magier…Rhaego.“, verbesserte sie sich nach einem Augenblick. „`abt i`r einen Moment? Isch finde wir sollten, über das was `eute gesche`en ist spreschen.“
Sie sah seinen abgeneigten, mürrischen Blick und fügte hinzu: „Und das nischt als Feinde, sondern als Gefä`rten. Zivilisierte Menschen.“
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Leirâ zuckte zusammen. Sie war kurz eingenickt. Aber wieso auch nicht? Das ewige Geruckel des Wagens, das allgemeine Schweigen, nur selten von kaum mehr als zwei Sätzen unterbrochen. Darüber hinaus das Pochen in ihrem Schwertarm, die wirbelnden Gedanken in ihrem Kopf und die Müdigkeit. Letztere war nicht von der Hand zu weisen. Tage des ewigen Weiterziehens und nicht zuletzt die letzten beiden Tage forderten selbst von der erfahrenen und Entbehrungen gewöhnten Jägerin ihren Tribut. Hinzu kam das Schwinden der Sonnenstrahlen...
"Va-dà!" Schon wieder eingenickt. Sie schnaubte kurz, dann veränderte sie behutsam die Lage von Alriks Kopf. Allmählich schliefen ihr die Beine ein. Ab da dauerte es kaum noch einen Augenblick, bis der Wagen hielt und diese Adrianna meinte, die Bärin sie am Ende ihrer Kräfte.
Na, wenn du das beurteilen kannst, Shem. Die Arroganz der Rosenohren verblüffte sie immer wieder. Dennoch war sie dankbar, dass sie endlich hielten. Und kaum dass Alriks Haupt von ihren Schenkeln verschwunden war, war sie vom Wagen gesprungen. Sie massierte das Gefühl zurück in ihre lahmen, schmerzenden Glieder.
"Ich werde ênen Lagerplatz suchen.", meinte sie leise und entledigte sich ihres Bogens und des Köchers. Ohne ihren linken Arm waren die sowieso nutzlos. Mantel, Decke, Schwert, Tasche und Wasserschlauch lies sie ebenfalls zurück. Das Dar'Misu würde reichen müssen. So verschwand in den sich ausbreitenden Schatten.
Selbst den großen, lichtempfindlichen Augen des Volkes waren Grenzen gesetzt und so musste die Dalish sich vor allem auf ihr Gehör verlassen. Mythal sei Dank konnten die spitzen Ohren Geräusche mehr als zuverlässig ausmachen.
Leirâ huschte zunächst den Trampelpfad ein Stück zurück, den sie gekommen waren. Es konnte nicht schaden, ihre Spuren zumindest ein Stück weit zu verwischen. Sie war desweiteren ganz froh, wieder in Bewegung zu sein. Und für sich. In ihrem Kopf wirbelte ein Chaos an Gedanken und Gefühlen umher:
Zum Einen das allgegenwärtige Heimweh, die Sehnsucht nach den Armen ihres Vaters. Rhaeogs gar nicht so unattraktives Gesicht. Die Sorge um Alrik. Die Gesichter der Männer, die sie heute verletzt oder gar getötet hatte. Verdammt, es war der Lauf der Dinge, zu töten um nicht selbst zu sterben. Doch die Lebensgefahr steckte ihr noch in den Knochen. Und die Frage nach ihrer Zugehörigkeit: Sie hatte mit Shemlen gegen Shemlen gekämpft.
Sie seufzte.
Dirthamen, wann ist alles nur so verwirrend geworden?
Sie wischte den Gedanken und ihre Spuren bei Seite. Die Sonne war verschwunden, der Mond stand am Himmel. Es wurde Zeit, sich nach einem geeigneten Lagerplatz um zu sehen. Wenig später hatte sie eine Lichtung gefunden. Doch etwas wollte da nicht passen...
Üblicherweise flößten ihr solche Orte inmitten der Natur Ruhe und Geborgenheit ein. Dieser jedoch nicht. aus irgendeinem Grund stellten sich ihr die Nackenhaare auf, kaum dass sie den kleinen Hain betreten hatte. Sie zuckte mit den Schultern und verzog das Gesicht ob der Schmerzen im linken Arm.
Mir fehlt die Zeit, einen anderen Platz zu suchen. Ich hole die Anderen.
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Als der Karren endlich hielt, stieg Rhaego wortlos herab und begann die vereinzelten Sachen, die er während der Reise hervorgezogen hatte, wieder hinein zu stopfen. Seine Glieder waren nach der langen Fahrt steif, doch er beachtete dies nicht. Im Turm war es ihm nach langen Studien bis tief in die Nacht ähnlich ergangen. Er wünschte sich, dass jemand etwas sagen würde – weshalb sprach Juliette nicht mit der Händlerin, oder weshalb wechselte die Händlerin nicht einige Worte mit ihrer Gehilfin? Irgendetwas, was ihn von seinen Gedanken ablenken würde, die ihn schon die ganze Fahrt über beschäftigten. Denn obwohl er müde und erschöpft war, hatten ihn das unaufhörliche Rumpeln und Schaukeln des Karren –und seine eigenen Gedanken – die gesamte Reise über vom Schlaf abgehalten, nicht einmal ein wenig eingedöst war er. Auch die Spekulationen über die merkwürdige, so bekannte Rune auf dem Stab der Händlerin hatten die finsteren Erinnerungen nicht lange ferngehalten.
Irgendwie hatte er es sich immer anders vorgestellt, wenn er den Zirkel endlich verlassen hätte. Freiheit – allein dieses Wort hatte ihn in vielen Nächten zum Träumen gebracht. Wenn er frei war, dann würde alles wundervoll sein. Er musste nur den Zirkel verlassen und sein Leben wäre perfekt – davon war er immer überzeugt gewesen.
Doch nun? Er war frei – zumindest relativ. Offiziell hatte er noch immer die Aufgabe, Leirâ und Juliette zu begleiten, doch wer würde ihn dazu zwingen können, nachdem auch der Templer tot war? Doch trotz seiner Freiheit fühlte er sich miserabel. Die Freiheit, wie er schon nach kurzer Zeit festgestellt hatte, war dreckig, kalt und von erschreckender Brutalität. Allein dieser Gedanke rief in ihm die Erinnerung an den Geruch verbrannten Fleisches hervor, das Gefühl der Macht, die in ihm geströmt war, durch ihn hindurch in diese Welt als beissende, heisse Flammen. Und er hatte das Richtige getan; er hatte Juliette vor dem Tod bewahrt, auch wenn sie es vielleicht –nach all ihren Lügen; immerhin war sie diejenige, die sie in diese Gefahr gebracht hatte – nicht verdiente. Doch eine leise, innere Stimme widersprach ihm bei diesem letzten Gedanken. Allein die Idee, Juliette leblos neben sich zu sehen – wie den anderen Kadaver, verbrannt, stinkig... er zwang sich, zu sienem ursprünglichen Gedanken zurückzukehren – allein die Idee, Juliette leblos neben sich zu sehen, bereitete ihm Unwohlsein. Sie war eine arrogante, ausländische Adelige mit einer irrationalen Abneigung gegen alle Magier – und sie hatte ihm das Leben gerettet.
Es war für ihn eine fast körperlich spürbare Erleichterung, als Leirâ zurückkehrte und sie alle zu dem Platz führte, den sie für die Nacht gefunden hatte. Während er stolpernd seinen Gefährten durch die hereingebrochene Dunkelheit folgte, war er wenigstens von anderen Gedanken abgelenkt. Sein Fuss verfing sich wieder in ein von der Nacht verborgenen Wurzel und er fing sich gerade noch. Mit zwei holprigen Schritten erlangte er sein Gleichgewicht zurück und verkniff sich einen Fluch. Alles, auch das, war besser als Denken.
Auf der Lichtung angekommen, kümmerten sich die beiden Frauen um Alrik. Rhaego warf einen Blick auf die bewusstlose Gestalt und fragte sich, ob er vielleicht noch einmal versuchen sollte, ob er ihn heilen konnte. Doch er kannte sich mit solchen unsichtbaren Verletzungen nicht aus und abgesehen davon verspürte er keine sonderlich grosse Lust, mit dem Nichts in Verbundung zu treten und seine Kräfte zu nutzen. Mit einiger Mühe verbannte er die Erinnerungen an das, was am Nachmittag geschehen war – was er angerichtet hatte - wieder aus seinen Gedanken.
Kurz danach verschwand Leirâ wieder in der Nacht und Rhaego widmete sich seinem Rucksack und suchte in dem achtlosen Durcheinander nach den Sachen, die er für die Nacht benötigen würde.
„Magier…Rhaego.`abt i`r einen Moment? Isch finde wir sollten, über das was `eute gesche`en ist spreschen.“ Er hatte nicht bemerkt, dass Juliette neben ihn getreten war. Und er hatte nicht sonderlich viel Lust, mit ihr – oder irgendjemandem sonst – zu sprechen. Sie musste seine Abneigung gespürt haben, denn sie fügte hinzu: „Und das nischt als Feinde, sondern als Gefä`rten. Zivilisierte Menschen.“
„Ihr seid nicht meine Feindin“, antwortete er brüsk. Eigentlich wollte er es dabei belassen. Doch irgendetwas – vielleicht war es die ruhige Stimme Juliettes, oder ihr beherrschtes Auftreten – oder vielleicht die Tatsache, dass sie ihn bei seinem Namen genannt hatte – brach einen Damm in ihm und er konnte nicht verhindern, dass die Gedanken, die ihn den ganzen Nachmittag beschäftigt hatten, aus ihm herausströmten.
„Ihr habt lediglich über mich – über uns alle – einen Verfolger gebracht, der nicht nur imstande war, uns ohne Probleme aufzuspüren, sondern uns auch noch absolut überlegen ist, sodass wir fast unser Leben verloren haben und nur haarscharf entkommen konnten – und nur mit weiterer Hilfe. Und dass alles ohne ein Wort der Warnung!“ Bitterkeit färbte seine Stimme, bis sie fast nicht mehr nach ihm klang. Mit einiger Mühe stoppte Rhaego die Worte, die aus seinem Mund flossen. Er konnte ihre Miene nicht lesen – selbst wenn das Mondlicht heller durch die Blätter gedrungen wäre, er hatte fast immer Probleme, die Stimmung der Orlaisianerin zu erraten. Es war nicht gerecht, was er sagte, und er wusste das. Er zwang sich hinzuzufügen: „Ihr habt heute mein Leben gerettet – vermutlich sollte ich Euch dafür danken – ich habe Euer Leben ge...“ Beissender Rauchgestank, ein lauter Schrei, der grausam langsam verklang. Die Erinnerung wollte sich einfach nicht verdrängen lassen. „Ihr habt keine Ahnung – Ihr könnte Euch das nicht vorstellen... diese Kraft, die durch Euch fliesst und dann freigesetzt wird... ein Teil von Euch, der all diese schrecklichen Sachen anrichten kann...“, brach es aus ihm heraus. Nein. Nein, es war nicht richtig, ihr das so zu erklären, es klang fast, als wäre es willkürlich geschehen, doch diesmal nicht, nein, er hatte es gewollt, er hatte es geplant, es war total unter seiner Kontrolle gewesen...
Und im Grunde genommen ging das die Orlaisianerin auch gar nichts an.
„Ach, vergesst es“, fügte er gereizt hinzu und wandte sich wieder seinem Rucksack zu.
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Nachdem sie ihren Gefährten geholfen hatte, ein Lager auf zu schlagen, und sie davon abgehalten hatte ein Feuer zu entzünden, zog sich Leirâ die Kapuze ihrer Gugel tief ins Gesicht. Dieser Ort gefiel ihr nicht. Wie ein unliebsamer Gedanke im Hinterkopf hielt sich dieses Gefühl.
"Ich will mich noch einmal umsehen.", sagte sie den Anderen und verschwand auf dem Pfad, den sie gekommen waren. Zunächst galt es, erneut, ihre Spuren zu verwischen. Und sich darüber klar zu werden, was dieses ungute Gefühl auslöste. Sie hockte sich auf eine dicke Wurzel und lauschte. Erkennen vermochte sie ohnedies kaum noch etwas.
Ihr scharfes Gehör machte zirpende Grillen und dunkle Schreie ausstoßende Eulen aus. Sie hörte es Rascheln im Unterholz und es knirschen auf den Wegen. aber etwas stimmte nicht. Ihre Nase zuckte, ihr Instinkt wollte sie auf irgendetwas aufmerksam machen.
Aber was? Andruil, was?
Sie riss die Augen auf. Natürlich! Das war es. Sie erhob sich und lief durch den Wald zurück zum Hain. Dabei lief sie auf dem Pfad der Jäger, machte nur gerade so viele Geräusche wie nötig.
Die Geräusche der Nacht, sie kommen alle von weiter weg. Rund um unseren Lagerplatz hört man kein einziges Tier. Kein Leben. Warum mied das Leben diesen Ort? Leirâ hielt außer Sichtweite ihrer Gefährten. Sie lagen im Kreis, die Fremden an den Bären gekuschelt, während Juliette und Rhaego miteinander sprachen. Alrik lag, auf eine Decke gebahrt, neben ihnen. Dahinter erhoben sich nur stumme, schwarze Bäume. Die Lichtung steig leicht an, und im hellen Mondenschein meinte die Dalish, auf der Kuppe etwas erkannt zu haben. Doch sie musste näher heran. Sie wählte den weg um das Lager herum. Ihre Gefährten mochten ein leises Rascheln oder das Knacken eines Astes gehört haben, doch zu Gesicht bekamen sie die Jägerin nicht. Die hatte schließlich die Findlinge erreicht:
fünf Steine, verwittert und halb herunter gerieselt, standen in einem Sternenmuster hier. Leirâ kauerte im Schatten und beäugte die Stelle misstrauisch.
Ich erkenne diese Symbole nicht. Sie sind nicht vom Volk, keines darunter, das Vater mich lehrte. Vorsichtig schlich sie näher heran. Jetzt hätte sie einen der Steine mit ausgestrecktem Arm berühren können. Doch sie tat es nicht. Und sie betrat die Mitte nicht. Die Spitzen ihrer Ohren zuckten kaum merklich.
Ich verstehe das nicht. Als würde Stille über den Steinen liegen... Vielleicht sollte sie Rhaego zu Hilfe holen. Er war in den Wegen des Jenseits bewandert, im Gegensatz zu ihr. Vielleicht war hier Magie am Werk. Und nach allem, was Leirâ über die Kunst der Künste wusste, war Magie immer so mächtig wie sie alt war. Und diese Steine waren alt.
Kein Grund, die Anderen zu beunruhigen. Es ist schließlich nicht sicher, dass hier Magie am Werke ist. Sie entschied, sich zuerst noch weiter um zu sehen. Sie umrundete die Steine, und wäre im Dunkeln beinah den Abhang hinabgestürzt.
Als hätte jemand den Hügel mit einem gewaltigen Beil abgeschnitten fiel dieser schroff einige Schritt in die Tiefe. Eine Kälte kroch der Dalish Rücken empor. Eine Kälte, die vom Fuße des Hügels aufzusteigen schien. Sie schluckte. Schüttelte sich kurz.
Und machte sich an den Abstieg.
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Stillschweigend hörte die Adlige dem Magier zu, ließ ihn sich ausreden, sowohl den nicht unberechtigten Vorwurf ihr gegenüber als auch seinen Versuch seine Eindrücke der Söldnerin, die keine Miene verzog, verständlich zu machen. Es kam ihr nur zu gut bekannt vor.
Sie hörte den leisen Hauch des Unglaubens über die heutigen Geschehnisse in seiner Stimme, das Entsetzen das sich nicht in Worte fassen lies und die noch unterdrückte Wut.
Er brach im Satz ab. Er schien nicht die richtigen Worte zu finden oder befand dass er nicht weiter darüber reden wollte.
„Ach, vergesst es“, fügte er gereizt hinzu und wandte sich von der noch immer schweigenden Söldnerin ab. Zorn lag in seiner Stimme, wohl auf sie, wohl auf ihre Feinde, wohl auf die ganze Welt und wohl zu nicht geringen Ausmaßen auf sich selbst, geboren aus dem Entsetzen. So etwas konnte tiefe seelische Wunden reißen, die vielleicht nie verheilen würden.
Ja, das kannte sie nur zu gut.
„I´r `abt rescht. Isch `abe keine A`nung von Magie und werde sie auch nie `aben.“, antworte Juliette verständnisvoll und fügte mit Bitterkeit in der Stimme hinzu. „Aber eure jetzigen Gefü`len kenne isch nur zu gut.“
Sie schwieg kurz, als vergewisserte sich ob er auch zuhörte. Er hatte ihr klar zu verstehen geben nicht mehr darüber reden zu wollen, doch das würde sie noch loswerden wollen.
„Nach meinen ersten Kampf auf Leben und Tod fü´lte isch misch auch nischt anders als i ´r jetzt. Es ist ein grausames Gefü`l, das zu beschreiben isch nischt im Stande bin.“
Er schien inne zu halten oder zumindest langsamer in seinem Tun zu werden. Bedingt durch die Dunkelheit vermochte sie nicht seine Mimik zu lesen, doch sie meinte er höre ihr nun zu.
„Isch bin keine Seelsorgerin, da´er weiß isch nischt wie isch eusch einen Teil eurer Last ne`men kann, doch wenn i`r weiter darüber reden wollt, `abe isch ein O ´r für eusch offen.“
Sie überlegte zögernd sie ob sie zu weit gehen würde wenn sie ihm nun eine Hand auf die Schulter legen würde und entschied sich lieber dagegen. Sie wollte es nicht gleich übertreiben und zog ihre Hand die sie fast schon ausgestreckt hatte rasch zurück.
„Dass einzige was isch mit Sischer`eit sagen kann, dass es nur natürlich ist das es euch so mitnimmt. Würde es das nischt, wä`rt i`r kein Mensch und genau das Monster als das Magier dargestellt werden.“
„I´r könnt eusch auch gewiss sein, dass isch eusch Rede und Antwort ste`en werde über meine Verbindungen zu unseren Angreifern.“, fügte sie noch hinzu.
Plötzlich überkam sie ein ungutes Gefühl, kaum mehr als eine Ahnung über sie.
„Wo ist eigentlisch Leirâ?“, fragte sie sich verunsichert umblickend.
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Geprellte Rippen. eingeschränkter, linker Arm. Kein Werkzeug, keine Waffen dabei.
Mythal, was hab ich mir gedacht?
Leirâ stand, die Füße gegen die Felsen gepresst, mit dem Rücken zum Abhang. Unter ihr gute vier Schritte nichts als Luft. Und keine Chance, mit dem Arm wieder nach oben zu klettern. Sie seufzte. Konnte im Dunkeln keinen Weg nach Unten ausmachen.
Ich hätte zurückgehen und mich abseilen lassen sollen.
Als ob. Die Rosenohren waren, schon seit sie gemeinsam reisten, immer so mit ihren Problemen beschäftigt gewesen, dass sie die Elfe kaum wahrgenommen hatten. Oder wie war es denn gekommen, dass sie in diesem Dôrf allein diesem Yanis in die Arme gelaufen war? Oder Alrik verletzt worden war? Juliette und Rhaego schienen nur noch miteinander beschäftigt.
Sie sind nun Mal nicht vom Volk, nicht von meinem Clan. Im Grunde bin ich eine Fremde unter Unbekannten. Aber das war nun ihr Schicksal. Das hatte sie zu ertragen. Das hatte sie ihrem Vater versprochen.
"Vir Assan.", sprach sie leise zu sich. Zaudere nie.
"Und nun pass ûf." Behutsam tasteten ihre Füße in der Finsternis nach einem Halt. Ganz vorsichtig löste sich ihr Rücken von der Wand, gemächlich verlagerte sie das Gewicht... Und trat ins Leere. Ein überraschter Aufschrei verließ der Dalish Lippen als sie zu fallen begann. Sie kippte vornüber, vor ihr nichts mehr. Kein Fels, kein Halten. Reflexartig wollte sie den linken Arm bewegen, doch dieser kam nur langsam in Schwung. Sie drehte sich, ihre Beine rutschten über die blanke Erde des steilen Abhanges.
Rechter Arm! Irgendetwas bekam sie zu fassen, ein Ruck ging durch ihren Körper. Sie hing, die Hand um eine hervorragende Wurzel geklammert, in der Luft. Schwer atmend. Aufgewühlt. Aber fürs Erste gerettet.
Beruhige dich. Sieh nach, wie tief es noch ist. Tief Einatmen. Unter ihr noch gut zwei Schritt bis zum Boden. Und vor ihr...
Nichts. Kein Abhang. Nur Schwärze. Kalte, klaffende Finsternis. Eine Gänsehaut lief ihren Rücken hinunter, sie musste hart Schlucken. Das Gefühl, welches sie ob ihres Lagerplatzes verspürt hatte, hatte hier seine Quelle. Dunkel und bedrohlich starrte es ihr entgegen.
"Wer...?"
Die Stimme war nur ein leises Zischen, doch bohrten sich die Worte wie Eiszapfen in ihren Schädel. Erneut schrie die Jägerin erschrocken auf, dann fiel sie. Zu befangen, um ihren Körper unter Kontrolle zu haben, schlug sie hart auf, rollte ein Stück über den feuchten Waldboden. Und blieb, etwa drei Schritte von dem Höhleneingang entfernt, liegen. Benommen von dumpfen Schmerz und Schrecken.
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„Nach meinen ersten Kampf auf Leben und Tod fü´lte isch misch auch nischt anders als i ´r jetzt. Es ist ein grausames Gefü`l, das zu beschreiben isch nischt im Stande bin.“
Konnte es wirklich sein, dass die unnahbare, unfehlbare Juliette de Ludin die gleichen Zweifel gefühlt hatte? Sie war eine Kriegerin, das Töten war ihr Beruf... Wie konnte sie mit diesem schrecklichen Gefühl leben? Vielleicht war es für sie leichter, da sie nur auf normale Weise tötete und mit Sicherheit noch niemanden verbrannt hatte. Aber Rhaego bezweifelte es. Nur zu oft hatte er die Verwundeten in den Händen der Heiler des Zirkels gesehen und wusste, dass auch eine normale Waffe einen grausigen Tod herbeiführen konnte.
Doch sie sprach schon weiter. „Dass einzige was isch mit Sischer`eit sagen kann, dass es nur natürlich ist das es euch so mitnimmt. Würde es das nischt, wä`rt i`r kein Mensch und genau das Monster als das Magier dargestellt werden.“
Monster. Das war es. Dieses Wort, dass er seit langen Jahren zu hören bekommen hatte. Monster. So hatten sie ihn und alle mit seinen Fähigkeiten genannt. Er hatte sich immer dagegen gewehrt, doch es hatte seine Spuren in ihm hinterlassen. Und nun begriff er einen weiteren Grund, weshalb ihm seine Tat so mitgenommen hatte: Denn auch wenn er es nie bewusst zugegeben hätte, hatte ein Teil von ihm sich nach dieser schrecklichen Tat tatsächlich als das Monster gesehen, als das ihn die Templer immer bezeichnet hatten.
Und Juliettes Worte implizierten... Dankbarkeit wallte in ihm auf für diese kleine Geste, die Juliette vollbracht hatte, als sie ihn „Mensch“ genannt hatte. Sie hatte ihn als vollwertiges Mitglied der Gruppe akzeptiert, ihn nicht mehr nur als verdammungswürdigen Magier gesehen – mehr, als er bis vor wenigen Momenten noch unbewusst von sich gedacht hatte.
„Wo ist eigentlisch Leirâ?“
Die Frage riss Rhaego erneut aus seinen Gedanken. Er erhob sich, seinen Rucksack noch unordentlicher als zuvor zurücklassend.
„Ich bin sicher, es geht ihr gut“, antwortete er. Leirâ war die beste von ihnen was Erkundungen in der Wildnis anging und er zweifelte nicht daran, dass sie sich irgendwo dort draußen umschaute. Oder sie wollte einfach einige Zeit für sich allen bleiben. Er wusste ja nicht, was so in dem Kopf der Dalish vor sich ging. Dennoch... sie war schon einige Zeit unterwegs. Und auch sie war vom Kampf recht mitgenommen gewesen.
„Aber wenn Ihr es für besser haltet, können wir uns nach ihr umschauen.“ Und er könnte die Suche ein wenig erleichtern, wenn nur nicht... Er überwand die unangenehme Erinnerung, in den Ohren noch die tröstenden Worte Juliettes, und entzündete eine Flamme auf seiner Handfläche, gerade so groß, dass ihr Schein bis zum unebenen Waldboden reichte. Das rötliche Licht ließ das Gesicht der Orlaisianerin seltsam verzerrt wirken. Ein rötlicher Glanz trat in ihre Augen, doch Rhaego konnte noch immer einen Anflug von Wärme sehen, fast so etwas wie... Freundschaft.
„Juliette“, sagte er, nach den richtigen Worten suchend, ehe er beschloss, sich kurz zu fassen. „Danke!“
Er glaubte, noch den Ansatz eines Lächelns zu sehen, doch er hatte sich schon abgewandt und fragte Adriana: „Kommt Ihr mit oder passt Ihr auf das Lager auf?“
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Einstiegspost
Die Elfe lief schnell, verfolgte den dreisten Dieb. Ihre Atmung ging schwer, aber sie wurde nicht langsamer, hielt das Tempo aufrecht, wollte ihn fangen, um jeden Preis. 'Warum? Warum ich? War das nicht alles schon mehr als genug gewesen? Erst das Desaster mit Radulf dann… -sie seufzte- … all die anderen Dinge. Da war der Kutscher, der sie freundlich aber bestimmt aus der Kutsche komplimentiert hatte, weil einer der anderen Fahrgäste sich über das Klingenohr beschwert hatte. Von diesem unplanmäßigen Halt aus war sie bis zur Herberge gegangen. Der Name 'Zum Nest' versprach weitaus mehr, als er gehalten hatte. Der Wirt war grobschlächtig und außer einem Gemeinschaftsschlafsaal gab es für Klingenohren keine Übernachtungsmöglichkeit.'
Leise auf orlais fluchend rannte sie weiter, während sie versuchte die Distanz zwischen sich und dem Dieb zu verkürzen. Hart schluckte sie.
"Ja, Du machst unseren wundervollen Spitznamen diebisches Klingenohr alle Ehre!" 'Dieser schwarze Wuschelkopf! Etwas war mit seinen Augen, doch sie konnte es nicht greifen. Wenn sie ihn kriegen würde dann… dann würde sie ihm das Herz herausreißen und roh verspeisen!' Die Stiche in ihrer Seite wurden stärker, was kein Wunder war nach der Strapaze. Aufgeben würde sie nicht, er hatte etwas gestohlen, das sie um keinen Preis aufgeben konnte. Die Dolche waren nicht einfach nur Waffen, nein, sie waren ihr Andenken an Anbihan, der so gefühlvoll gewesen war, bevor man ihm zu einer emotionslosen Marionette gemacht hatte. Tränen rannen ihre Wangen herunter. Sie beschleunigte.
Diesmal wurde ihre Anstrengung belohnt, direkt vor ihr sah sie ihn, jedenfalls musste er es sein, wer sonst? Und dann verschwand er aus dem Sichtfeld einfach so. Auch davon ließ sie sich nicht entmutigen rannte weiter, so wie man es erwarten konnte von jemandem der hinter den Vorhang geschaut hatte. Endlich stand sie dort, wo man er aus ihrem Sichtfeld verschwunden war. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht, nun da sie sah warum er aus ihrem Blickfeld verschwunden war. Dort ging es hinunter. Der Weg, nein, der Pfad führte gleich hier hinunter. Xydia machte sich daran den Weg hinunter zu tänzeln. Ein-/ zweimal nahm sie ihren Magierstecken zur Hilfe um nicht zu stürzen. Kaum das sie unten war, beeilte sie sich die Spur wieder aufzunehmen. Doch ehe sie dazu kam, vernahm sie ein Geräusch, einen Schrei? Es hielt sie nichts, sie stürmte los und blieb dann abrupt stehen, als sie jemanden am Boden liegen sah.
Xydia stützte sich auf ihren Magierstecken, schaute auf die Gestalt hinunter. Ein leichtes Kopfschütteln, dann ging sie in die Knie und ihre Hand legte sich auf die Schulter der am Boden liegenden Elfe. Ihre Stimme klingt freundlich als sie leise in Elven spricht: "Du brauchst keine Furcht zu haben..."
ooc: Kleidung - eine dunkelrote Jacke, die rockartig unterhalb der Hüfte ausgestellt ist, mit auf gestelltem Kragen, Aufschläge an Ärmeln sind schwarz abgesetzt; die Leggins ist schwarz und endet auf dem Spann des Fußes., Weitere Beschreibung folgt im nächsten Post
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Einstiegspost
Rowen riskierte einen schnellen Blick nach hinten über die Schulter und wurde prompt mit einem Ast belohnt, der ihm seitlich gegen die Stirn knallte und dort einen langen roten Streifen hinterließ. Zähneknirschend konzentrierte er sich wieder auf den Weg vor sich.
Die verdammte Elfe war immernoch da.
Es war wirklich lang her, dass ihm jemand so ausdauernd auf den Fersen geblieben war wie jetzt. Im Stillen musste er ihr ein wenig Respekt zollen. Die Hartnäckigkeit dieser Elfe würde für ein volles Dutzend Stadtwachen reichen!
Du wolltest doch eine Herausforderung. Da hast du eine.
Rowen befahl seiner inneren Stimme zu schweigen und hastete weiter durch den Wald. Dabei hatte das alles so gut angefangen. Ein einsames Gasthaus, ein paar nicht abgesperrte Türen... und eine Elfin, die so freundlich gewesen war, ihr Gepäck offen stehen zu lassen.
Er sah noch immer ihr Mord und Totschlag verheißendes Gesicht vor sich, als er sich diese beiden hübschen silbernen Dolche geschnappt hatte und sich sein und ihr Blicke kurz gekreuzt hatten.
Seitdem folgte sie ihm wie ein Bluthund, der ein schmackhaftes Kaninchen jagte.
Waren ihr diese beiden Waffen wirklich so wichtig, dass sie Rowen dafür durch den halben Wald verfolgen würde? Offensichtlich ja.
Inzwischen hielt er sich nicht mehr damit auf, über diverse Hindernisse zu springen und sie soweit möglich zwischen sich und seine Verfolgerin zu bringen. Das ganze hatte ihm nur eine Menge Energie gekostet und die Elfe war ihm, durch alles nicht merklich langsamer geworden, weiterhin auf den Fersen. Er konzentrierte sich stattdessen darauf, stur geradeaus zu rennen und dabei den schlimmsten Ästen und Gestrüpp auszuweichen. Ein Vorhaben, das die nächtliche Dunkelheit und der weiche, unebene Boden nicht gerade einfacher machten. Auch wenn er geduckt vorwärts rannte und mit einem Arm sein Gesicht schützte, hätte ihm der letzte Ast beinah ein Auge gekostet.
Und da war sie auch schon wieder. Er hörte das Knacken der Zweige hinter sich und wie die feindliche Elfe leise vor sich hin fluchte.
Gut so. Je mehr du schimpfst, desto weniger Luft bleibt dir zum Rennen.
Leider neigte sich auch Rowens Ausdauer langsam dem Ende entgegen. Er war zwar ein geübter Läufer, aber dieses schwierige, unebene Gelände und plötzlich auftauchende Hindernisse, denen er ständig ausweichen musste, forderten ihren Tribut. Er atmete viel zu schnell und das Stechen in seiner Seite steigerte sich allmählich ins Unerträgliche. Lange würde er dieses Tempo nicht mehr durchhalten.
Das wär's ja noch. Von meinem eigenen Opfer so lange gehetzt zu werden, bis ich stolpere und zu kaputt bin, um mich zu verteidigen.
Immer wieder sah er sich nach einem Fluchtweg um, einem Versteck. Irgendeiner Möglichkeit, diese lästige Elfe abzuschütteln. Aber jedesmal, wenn er ein bisschen langsamer wurde, holte sie ein wenig auf. Und weil die Frau durchaus den Eindruck machte, sich einem tollwütigen Mabari gleich auf ihn zu stürzen, sobald sie ihn zu fassen bekam, wollte er nicht riskieren, anzuhalten und sich zu verstecken.
Seine Hoffnung ruhte darauf, dass der Elfe vor ihm die Puste ausging und sie die Verfolgung abbrach. Oder dass er seinen Vorsprung so weit vergrößern konnte, dass sie ihn aus den Augen verlor. Ein kurzer Moment würde schon reichen...
Die Geräusche hinter ihm wurden lauter. Großartig! Während er über einen Fluchtweg nachgedacht hatte, war seine Verfolgerin ein gutes Stück näher gekommen. Wenn es so weiterging, würde sie ihn bald doch noch erwischen.
Jetzt gib doch endlich auf, verdammt! So wertvoll sind die Dinger überhaupt nicht!
Rowen mobilisierte seine letzten Reserven und legte noch einen Zahn zu. Mit der freien Hand bemühte er sich, einen der beiden gestohlenen Dolche aus seinem Gürtel zu ziehen. Er würde ihn irgendwo gut sichtbar ins Gebüsch werfen und so wie er seine Verfolgerin einschätzte, würde sie Halt machen, um das Teil einzusammeln. Womit er sich einen Vorsprung erkaufte und sie – hoffentlich – endlich abhängen konnte. Doch plötzlich hörte der Weg vor ihm auf und er tappte ins Leere. Ein Abhang! Gerade noch so bekam er einen herabhängenden Ast zu fassen und schaffte es, sein Gleichgewicht wiederzufinden. Der Plan mit dem Dolch war damit Geschichte, Rowen verwendete seine ganze Aufmerksamkeit stattdessen darauf, nicht zu stürzen, während er wie ein Wahnsinniger den den abschüssigen Weg entlang rannte und das Gefälle nutzte, um seine Geschwindigkeit nachmals zu steigern.
Hinter ihm war es leiser geworden. Hatte er sie etwa... aufgegeben?
Klar, das glaubst du doch selbst nicht.
Hastig untersuchte er die Umgebung auf ein Versteck. Bäume. Bäume. Noch mehr Bäume...
Ein schmales Stück Dunkelheit direkt am Abhang, ein wenig finsterer als die umgebende Nacht. Eine Spalte? Eine Höhle? Egal. Es war nahe dran und wie Rowen anhand des Raschelns und Knackens im Unterholz schließen konnte, würde seine hartnäckige Verfolgerin jeden Moment auf dem Abhang erscheinen. Und sobald sie den Sichtkontakt wiederhergestellt hatte, konnte sich die Jagd noch ewig hinziehen.
Rowen wechselte die Richtung und huschte in den Schatten. Wie erhofft fand er nicht den blanken Fels des Abhangs vor sich, sondern eine Spalte. Mit etwas Glück würde die Elfe diese übersehen und einfach daran vorbeirennen, weiter in den Wald hinein und einem Ziel folgen, das nicht da war. Was Rowen Zeit verschaffen würde, sich wieder hinauszuschleichen und das Weite zu suchen.
Kaum hatte er die schützende Dunkelheit der Höhle betreten, ertönte hinter ihm ein Schrei. Innerlich fluchend wich er rückwärts weiter zurück. Er sah einen Haufen lockere Erde vor dem Eingang herabrieseln. Kurz darauf folgte ein humanoides Objekt, das ausgerechnet vor der Höhle auf den Boden polterte und knapp vor dem Eingang liegen blieb.
Offenbar angelockt durch den Schrei, trat seine Elfenverfolgerin wieder auf den Plan und kauerte sich neben dem abgestürzten Körper nieder.
Na klasse. Jetzt sitze ich hier drin in der Falle.
Hätte er sich doch an die Bäume gehalten! Diese Ablenkung hätte ihm vielleicht genug Zeit verschafft, um davonzukommen.
Das hast du echt wunderbar hingekriegt.
Mit einer Hand an der Höhlenwand zog sich Rowen langsam weiter nach hinten zurück, bis es so dunkel war, dass er nicht mal selbst etwas erkennen konnte. Den anderen draußen musste es ähnlich ergehen. Hoffte er.
Wenigstens für den Augenblick in Deckung, drückte er den Rücken flach an die Wand und bemühte sich, wieder zu Atem zu kommen.
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Juliette lächelte den Magier aufmunternd an, als sie erkannte dass ihre Worte tatsächlich etwas Trost gespendet hatten. Bemüht darum dies nicht gleich wieder zu zerstören, zwang sie sich ihr Gesicht nicht zu verziehen als Rhaego ein lichtspendendes Feuer in seiner offenen Handfläche entstehen ließ, doch ein kurzes Zucken um Augen und Mund ließ sich nicht verhindern. Dank der schlechten Lichtverhältnisse schien er es jedoch nicht bemerkt zu haben.
Sie hatte ernst gemeint was sie ihm gesagt hatte, doch bereitete ihr seine Magie, diese Kraft die sie nie verstehen würde, nach wie vor Unbehagen. Ihrer Ansicht nach sollte einfach kein Sterblicher über solche Macht verfügen, doch zwang sie sich dieses Mal ihre Abneigung zu verbergen und unterdrückte den Reflex an den Andraste-Anhänger um ihren Hals zu greifen.
Wenigstens, so stellte sie fest, galt ihre Abneigung dieses Mal nicht dem Anwender der Magie, sondern lediglich der Magie selbst.
Die blinde Händlerin und ihre stumme Gehilfin entschieden sich schließlich ebenfalls mitzukommen um nach Leirâ, im Dunkel des nächtlichen Waldes, zu suchen. Juliette fragte sich zwar in wie fern die beiden damit eine Hilfe darstellen würden, aber sie war zu höflich um diesen Gedanken laut auszusprechen, während sie im Schein des magischen Feuers durch den Wald schritten.
Sie waren kaum ein paar Schritte gegangen, da fiel der Adligen, die abrupt stoppte ein, dass sie den bewusstlosen Alrik alleine im Lager zurück ließen. Würde er aufwachen und Hilfe brauchen wäre niemand da um ihn zu versorgen, mal ganz abgesehen von dem gewaltigen Schrecken den er erleiden würde, ganz allein und weit weg von seiner letzten Erinnerung aufzuwachen.
„`alt! Jemand muss sisch um Alrik…“, begann die Söldnerin fast schon vorwurfsvoll klingend als plötzlich ein überraschter Schrei durch die Nacht hallte. Es war Leirâ die schrie. Nahe.
Wie ein Ruck durchlief es die Adlige.
„I´r bleibt beim Lager!“, befahl Juliette harsch in Richtung der Händlerin und hatte sich bereits in Bewegung gesetzt ehe sie dem Magier zurief. „I`r kommt mit! Rasch!“
Ohne darauf zu achten ob ihren Anweisungen Folge geleistet wurde rannte sie los, der Feuerschein des Magiers dicht hinter ihr, in die Richtung aus der der Schrei kam. Ausdauernd hämmerten ihre Schritte auf dem Waldboden, eine Steigung herauf auf einen kleinen Hügel, auf dem fünf große schwarze Steine thronten, doch dafür hatte sie keine Augen, spätestens als Leirâ erneut schrie.
So eilte sie noch schneller nach vorne sodass der Abstand zwischen ihr und dem Magier mehrere Schritte maß und sie kaum noch im Lichtkegel des magischen Feuers bewegte. So sah sie den schier senkrecht nach unten abfallenden Hang viel zu spät.
Getragen von ihrem eigenen Schwund wäre sie beinahe in den Abgrund gerannt, doch allein der ausgezeichneten Reflexe einer Duellantin wie sie, war es geschuldet dass sie gerade noch so hielt. Überrascht auf keuchend ruderte die Adlige, mit mehr als nur den Zehen bereits über dem Abgrund, eher unelegant mit den Armen um das Gleichgewicht zu halten, doch just in diesem Moment bröckelte der Rand des Hanges unter ihrem Gewicht und sie rutschte ab.
Überrascht aufschreiend versuchte sie sich irgendwo festzukrallen aber ihre behandschuhten Finger fanden keinen Halt der ihr Gewicht halten konnte. Zu ihrem Glück war es nicht allzu tief. Gefolgt von einer kleinen Lawine aus Dreck und kleinen Steinchen rutschte sie den Hang hinab und rollte sich am Fuße dessen ab. Scharfe Schmerzen schossen durch ihr, im Kampf mit Leclercs, malträtierten Knie, sodass sie zischend Luft einsog.
„Merde!“, fauchte sie, am Hang kniend zwischen zusammengebissenen Zähnen, unschön in ihrer Muttersprache. Dreck rieselte hinter ihr herab, als der Magier vorsichtig an den Rand des Abgrunds trat, den Lichtkegel seines Feuers herab werfend. Im Lichte dessen konnte Juliette nun die schmale, weißhaarige Gestalt Leirâs liegen sehen…und noch jemand anderen.
Die Schmerzen in ihrem Knie waren vergessen.
Schnell wie der Blitz stand die Adlige, in der viel getragenen Duellkleidung, wieder auf, die behandschuhten Hände am Griff ihres verzierten Säbels, als stille Drohung, während ihre stahlgrauen Augen die Fremde unverwandt musterten.
Es war eine Frau etwa in Juliettes Alter, gestützt auf einen Stab, gekleidet in eine auffallend elegante dunkelrote Jacke (wenn Juliette sich nicht komplett täuschte im orlaisischen Stil) die neben Leirâ kniend, nun überrascht aufblickte.
„Tretet zurück!“, blaffte die Söldnerin bedrohlich die Unbekannte an. „Wer auch immer i`r seid.“
Einzig und allein die Tatsache das die Frau nicht wie eine Räuberin wirkte, dafür sah sie deutlich zu gepflegt aus, war es die Juliette davon abhielt ihre Waffe ganz zu ziehen. Dennoch blieb sie höchst misstrauisch und allzeit bereit ihren Säbel zu schwingen oder einen ihrer Wurfdolche nach der Fremden zu werfen.
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Atmen. Schmerzen. Leirâ starrte in die Dunkelheit über ihr und versuchte, die lustig tanzenden bunten Punkte darin wegzublinzeln.
Einfach atmen. Ein und aus. Sie stöhnte auf, als ihr Rücken in heißem, Schmerz entflammte. Ihr linker Arm bewegte sich nur träge. Da erschien plötzlich ein Gesicht über ihr. Sie meinte, die feinen Gesichtszüge des Volkes auszumachen, doch war es zu dunkel, um dies mit Gewissheit sagen zu können. Umso überraschter war sie, die Sprache ihrer Vorväter zu vernehmen:
"Du brauchst keine Furcht zu haben..." Scham stieg in ihr auf als sie erkannte, wie fremd diese Worte in Ohren klangen...
Im Gegenzug brachte die Jägerin nur ein gepresstes "Dirthamen..." hervor, ehe eine andere, wesentlich vertrautere Stimme ihr Ohr berührte:
„Tretet zurück! Wer auch immer i`r seid.“, schrie Juliette herüber. Die elfische Gestalt blickte auf. Leirâ verscuhte, sich aufzusetzen. Es gelang ihr mit Mühe.
"Julîtte, warte!", reif sie aus, noch halb erstickt vom Schmerz. Doch allmählich verging der erste Schock. Ihr Blick glitt zurück zu der Unbekannten.
„Andaran atish’an.“
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Dadurch, dass sie den Kopf der Frau zugewandt hatte, konnte man klar erkennen, dass Xydia eine Elfe war, ihre Ohrenspitzen lugten neugierig durch ihr schwarzes Haar hindurch, was auch die Ohrgehänge taten. Ebenso war ihr hübsches Gesicht deutlich zu sehen. So seltsam es anmuten mochte, sie war geschminkt. Die Augen mit Kol umrandet, die Lippen bläulich gefärbt und mit einem dunkleren Blauton abgesetzt, so dass sie einen Kontrast bildeten zu dem Schmuckstecker unterhalb ihrer Lippe. Ihre kastanienbraunen Rehaugen musterten nun die Frau ebenfalls. Was mochte in ihr vorgehen? Warum konnte sie nicht sehen, was offensichtlich war?
"Sacre Constructeur! Das wäre nischt gut, wenn isch tun würde was i'r sagtet! Sie bedarf 'ilfe. Die Erbauer liebt im Grunde von seine 'erzen jede Lebewesen. Nun macht mir die Freude und ver'arrt wo i'r seid, Isch werde der Elfe nischts böses tuen. I'r 'abt mein Wort. Darf isch fragen, ob i'r auch zu die Band' ge'ört die Dinge in die Gewa'ar nimmt, o'ne zu fragen ob die andere Person es möschte? Sprescht ruhig offen, isch möschte nischt me'r als meine Messer wieder'aben."
Auffällig war die Ruhe und Sanftheit mit der sie sprach. Xydia war mehr darauf bedacht zu helfen, als auf ihre eigene Sicherheit. Das mochte daran liegen, dass sie eine Fehleinschätzung beging, doch diese würde nur die Zeit zeigen. Mit ihren filigranen Fingern, die alle mit einem Ring geschmückt waren, berührte sie noch immer sanft die Schulter der Elfe. In ihrem Gesicht war etwas wie Mitgefühlt für die Elfe. Sie seufzte. "Lasst misch tun, was zu tun ist, danach können wir unsere 'ändel das aus feschten, wenn es sein muss…" Xydia machte eine Pause dachte nach. "Bitte ne'mt die 'and von Eure Waffen, als eine Zeichen für die gute Will'." Die Händlerzunge sprach Xydia mit sehr breitem Akzent. Sie hatte große Schwierigkeiten mit der Betonung, was zu diesem seltsamen Sprachduktus geführt hatte, der fast niedlich wirkte.
Als die Elfe, die Dalesh, sich bewegte, ja versuchte aufzusetzen ließ sie es geschehen, auch wenn es nicht gut war, aber alles andere hätte die Elfe noch weit mehr angestrengt oder aber schädigen können. So half Xydia ihr, unterstützte sie, gab ihr halt. "Aneth Ara. Vir sulhan'nehn. Vir dirthera*1. Nicht bewegen, lass Dich ruhig fallen, ich halte Dich." Es war eine Entgegnung auf das, was die Elfe gesprochen hatte und es war ein Versprechen. Ein Versprechen sie zu heilen. Ein Versprechen mit ihr zu reden. Fest dran glaubend, dass nun niemand sie behindern würde, konzentrierte sie sich. Kurz darauf war ein Knistern zu hören. Ihre Hände wurden von etwas umspielt das wie ein fahles bläuliches Licht wirkte. Xydia gab die magische Energie frei, ließ sie aus ihren Händen über den Körper der Elfe gleiten. Der Kristall der im Kopf Ihres Stabes eingefasst war tauchte die Szenerie in ein diffuses Licht
*Aneth Ara - Willkommensgruß unter Dalesh eigentlich; vir sulhan'nehn - wir werden singen und uns erfreuen; vir dirthera - wir werden die Geschichte(n) erzählen.
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Auf einmal verschwand Juliette aus seinem Lichtkegel. Rhaego legte eine Vollbremsung ein, verlor einen Augenblick das Gleichgewicht und stand schließlich wieder aufrecht am Rande des Abhangs, der Juliette verschluckt hatte. Das Manöver blieb natürlich nicht folgenlos – sein Knie schmerzte, da es unangenehme Bekanntschaft mit dem Boden gemacht hatte und an dieser Stelle drang Feuchtigkeit durch den Stoff. In dem Schein der Flammen auf seiner Handfläche – die während seiner Bremsung gefährlich gezuckt und beinahe ausgegangen waren – konnte er erkennen, dass sein Magiergewand über dem Knie nun einen hässlichen Fleck aus feuchter Erde hatte. Ehe er zum Fluchen kam, riss ihn die fordernde Stimme Juliettes aus seinen Gedanken.
Erst jetzt bemerkte er Leirâ, die am Boden lag und die Frau, die sich über sie beugte. Automatisch zog er mehr Kraft aus dem Nichts und ließ das Feuer höher und heller auflodern.
Eine kleine, recht magere Gestalt war es, die dort neben Leirâ kauerte, ihr Gesicht wirkte unter dem schwarzen Haar noch bleicher. Trotz ihrer männlichen Kleidung hielt Rhaego sie nicht für eine große Gefahr.
Als die Frau dann mit Juliette sprach, um sie zu beruhigen, hätte er seine Meinung fast geändert. Diesen Akzent erkannte er sofort, er war sogar noch etwas stärker als der der Kämpferin. „Bei Andraste“, murmelte er leise. „Nicht noch eine von denen.“
In diesem Moment tastete sich Adriana von hinten an ihn heran und legte ihm eine Hand auf den Rücken, wie um sich besser orientieren zu können.
„Was macht Ihr hier?“, zischte er ihr zu. „Hat Juliette Euch nicht gesagt, Ihr sollt auf Alrik aufpassen?“
Die kleine, schwarzhaarige Frau sprach unterdessen mit Leirâ – und Rhaego erkannte, dass sie auf Dalish mit ihr sprach, die klassischen Begrüßungsformeln. Erst jetzt bemerkte er die spitzen Ohren, die das dunkle Haar spalteten. Was macht eine Elfe hier mitten im Wald?
Die Händlerin schien seine Worte nicht zu bemerken. „Das ist eine Magierin! Sie kann Magie benutzen!“
Diese Worte spülten wie eine kalte Schockwelle über ihn hinweg. Er kam gar nicht auf die Idee, Adriana zu fragen, woher sie das wusste – woher sie überhaupt von der anderen Person wusste, die sie ja nicht sehen konnte. Wenn diese Fremde eine Verbindung zum Nichts hatte, war die äußere Erscheinung unwichtig, sie konnte noch so klein und dennoch sehr gefährlich sein! Vielleicht war sie eine von den wilden Dalish-Magiern, über die er schon einige Schauergeschichten gehört hatte.
„Juliette!“, rief er laut, während er sich bereit machte, einem eventuellen magischen Angriff entgegenzuwirken. „Sie ist eine...“
Doch ehe er seinen Satz beenden konnte, sprang ein fahles Licht um die Hände der Fremden auf, ehe sie die Energie auf Leirâ richtete. Er konnte nicht erkennen, was genau sie tat – er war mit solchen passiven Analysen von Magieanwendung nicht vertraut, auch wenn er gehört hatte, dass es möglich sein sollte. Na toll! Mich hätte Juliette schon längst gevierteilt, wenn ich es auch nur gewagt hatte, ohne Erlaubnis IRGENDETWAS mit Magie zu machen, erst recht, wenn es auf andere gerichtet ist. Doch er verschwendete keinen weiteren Gedanken auf die Ungerechtigkeit der Welt. Wichtiger war es, die Dalish-Wilde zu stoppen, ehe sie irgendwelche komischen Geistzauber über Leirâ warf.
„Hey! Was tut Ihr da eigentlich?“, rief er laut und vernehmlich. „Hört sofort damit auf!
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Es dauerte gar nicht lange, bis eine weitere Person vor dem Höhleneingang herunter purzelte. Rowen biss sich auf die Lippen und unterdrückte einen Fluch. Wie viele hatten sich da noch verkrochen? Und wie viele würden wohl in den nächsten Minuten auch noch hier herunterfallen?
Mindestens ein weiterer befand sich noch oben auf dem Abhang und erleuchtete die schräge Szene mit einer Fackel. Das Bild, das sich ihm bot, gefiel Rowen nicht wirklich. So blitzartig, wie die eben abgestürzte Menschenfrau wieder auf die Beine gekommen war und die Hand an ihren hübschen Säbel gelegt hatte... Das war kein zartes Mädchen, wie man es in den Städten fand. Das war jemand, der schon über Kampferfahrung verfügte. Dafür sprachen auch die Körperhaltung und die Art, wie sie der Verfolger-Elfe drohte.
Na toll. Eine Kriegerin. Das macht es mir nicht grade einfacher.
Er hatte schon einige Male erlebt, dass sich fremde Leute plötzlich zusammentaten, wenn es darum ging, einen Dieb zu fangen. Hier ebenfalls? Rowen schätzte, dass er in diesem Falle fünf, vielleicht sechs Schritt weit rennen konnte, ehe er ein paar Zoll guten Stahls im Rücken spüren würde.
Lassen wir es mal lieber nicht drauf ankommen.
Rowen spitzte die Ohren und beobachtete weiter die Geschehnisse vor der Höhle. Seine Verfolgerin redete gerade auf die Menschenfrau ein – falls man dieses komische Gehüstel, das sie da von sich gab, denn 'reden' nennen konnte. Die Betonung war falsch und ließ jedes Wort irgendwie lächerlich klingen. Währenddessen rappelte sich die weißhaarige Person, die zuerst abgestürzt war, langsam auf.
Bevor sich Rowen aber Gedanken darüber machen konnte, wo er diese Art von Sprachfehler schon mal gehört hatte, durchschnitt ein lautes „Juliette! Sie ist eine... “ die nächtliche Stille. Was auch immer der Rufer sagen wollte, erübrigte sich, als sich ein blaues Leuchten an den Händen der Elfe bildete und auf die Weißhaarige weiterwanderte. Ein eisiger Schauer kroch über Rowens Rücken und er wich unwillkürlich ein paar Schritt weiter zurück. Mit wachsendem Entsetzen sah er zu, wie auch der Stock der Elfe zu leuchten begann.
„Magier!“, keuchte er beinah tonlos.
Damals in Denerim hatte er auch schon ein paar Abtrünnige gesehen, die sich bei irgendwelchen kriminellen Banden herumtrieben und die Leute in Angst und Schrecken versetzten. Rowen wusste zwar an sich einen Dreck über die Magie und ihre Anwender, bis auf die Schauergeschichten, die die Kirche predigte, aber er wusste, dass man gut beraten war, ihnen aus dem Weg zu gehen.
Ich habe einen verdammten Magier bestohlen!
Konnte sie ihn wirklich mit einem Fingerschnippsen in Flammen aufgehen lassen?
Ach komm, mach dich nicht lächerlich. Das hätte sie doch schon lange getan, wenn sie es könnte.
Oder sie wollte nicht riskieren, den ganzen Wald gleich mit abzufackeln...
Rowen musste sich gewaltsam von dem Anblick losreißen. Falls es da draußen gleich zum Aufstand kam und die Elfe und der Mensch aufeinander losgingen, würde er das auf jeden Fall hören. Viel wichtiger war es, hier schleunigst wegzukommen. Dummerweise hatte das ganze Licht von draußen Rowens Nachtsicht ruiniert. Das Innere der Höhle war dunkel wie ein Grab und er konnte nicht mal mehr die sprichwörtliche Hand vor Augen sehen. Blind tastete er die kalte Felswand neben sich ab und wagte sich ein paar vorsichtige Schritte weiter. Die ersten Begleiterscheinungen der Blindheit meldeten sich: Farbige Flecken, die verwirrende Bilder vor seinen Augen formten und verschwanden, sobald er blinzelte. Er tat sein bestes, diese zu ignorieren, aber sein Verstand beschwor ein Horrorszenario nach dem andern herauf. War es wirklich eine gute Idee, noch tiefer in die Höhle zu gehen? Auch wenn die Finsternis so einladend und sicher wirkte...
Ja, und dann kommt irgendwo ein Loch, ich falle rein und breche mir den Hals.
Rowen blieb wie angewurzelt stehen. Ein kalter Hauch streifte seinen Nacken und kroch, eine Gänsehaut hinterlassend, ganz langsam über seinen Rücken weiter nach unten. Er blinzelte misstrauisch in die Dunkelheit vor sich und spürte, wie sich seine Eingeweide verkrampften. Nichts als Schwärze.
Sein Straßeninstinkt zupfte beinah flehentlich an seinem Verstand und raunte ihm zu, so schnell wie möglich die Beine in die Hand zu nehmen und zu verschwinden. Rowen war geneigt, dem zuzustimmen, auch wenn er nicht sicher war, vor was ihn sein Bauchgefühl warnen wollte.
Vor der Dunkelheit?
Will ich wirklich bleiben und es herausfinden?
Eigentlich nicht.
Ganz langsam wich er wieder einige Schritte Richtung Höhleneingang zurück und behielt dabei die Dunkelheit fest im Blick. Fast rechnete er damit, dass gleich irgendetwas hervorspringen und sich auf ihn stürzen würde.
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Juliette dachte nicht einmal einen Herzschlag lang daran der Bitte der fremden Frau, einer Elfe wie sie nun erkannte, nachzukommen und behielt ihre Hände gut sichtbar am Griff des Säbels und bedachte sie weiterhin mit finsteren Blicken. Die Fremde klang zwar freundlich und schien Leirâ helfen zu wollen und sprach eindeutig wie eine Orlaisarin, doch blieb sie eine Fremde. Eine Fremde der sie mitten im tiefsten Wald, zu einer Stunde in der rechtschaffene Leute schliefen und nur Gesindel das Übles im Schilde führte noch auf den Beinen war.
Und als genau solchem zugehörig würde die Adlige das fremde Klingenohr behandeln, bis sie eines besseren belehrt würde.
Doch war es verwirrend wie ruhig die sanft sprechende Unbekannte blieb, obgleich der unverhohlen kampfbereiten Haltung der bewaffneten Söldnerin, als hätte sie keine Spur von Angst. War es schlicht Leichtsinn? Immerhin war Juliette eine geübte Schwertkämpferin der man ihr Können ansah, deren Narben in ihrem Gesicht, ihren aristokratischen Züge einen kampfgestählten Ausdruck verliehen. Binnen eines Herzschlages könnten die Muskeln in ihrem Schwertarm in Bewegung regelrecht explodieren und schon wäre die Unbekannte gar einen Kopf kürzer wenn die Adlige es wollte.
Oder führte die Elfe etwas im Schilde? War sie vielleicht nicht alleine? Oder hatte sie einen anderen Vorteil in der Hinterhand, der ihr solch eine Ruhe verlieh?
Leirâs Bitten an ihre Gefährtin zu warten, tat ihr übriges, sodass Juliette statt vorzutreten und sich bedrohlich vor der Elfe aufzubauen, zögerte und verblieb wo sie war, während die Fremde der Dalish half sich aufzurichten.
Scheinbar war es der Verwirrung noch nicht genug, die Fremde fing nun auch noch an in einer fremden Zunge zu sprechen, die Juliette erst als die Sprache der Dalish erkannte als Leirâ im selben Wortlaut antwortete. Ohne ein Wort davon zu verstehen wohnte die Söldnerin argwöhnisch bei, ein ungutes Gefühl bei der Sache, das sich bei jeder Silbe zu verstärken schien.
Die unbekannte Elfe hörte auf zu reden, schien sich auf irgendetwas zu konzentrieren. Juliettes ungutes Gefühl, das ihr durch die Därme kroch, verstärkte sich noch weiter. Sie meinte fast die Härchen auf ihrem Nacken stellten sich auf als sie ein kaum hörbares Knistern zu vernehmen glaubte.
„Juliette!“, hörte sie auf einmal die Stimme des Magiers hinter ihr rufen. „Sie ist eine...“
Ein geisterhaftes Licht legte sich um die Hände der Fremden und schien auf Leirâ überzugehen! Die Fremde war eine Magiern!
Eine Mischung aus Entsetzen und Abscheu durchlief Juliette, als sich die Fremde als etwas weit gefährlicheres als gewöhnliches Raub- und Diebespack entpuppte, und es hatte ihre gewiss unheilvolle Kraft bereits auf ein Mitglied der Gruppe gerichtet.
„Hey! Was tut Ihr da eigentlich? Hört sofort damit auf!“, rief Rhaego hinter ihnen als die Adlige nur einen Wimpernschlag später den Säbel zog und seine beidseitig scharf geschliffene Spitze, innerhalb eines weiteren Wimpernschlags, an die Kehle der Magiern setzte.
„I`r `abt i`n ge`ört!“, blaffte die Orlaisianerin bedrohlich und fügte in ihrer Muttersprache nicht weniger gefährlich klingend hinzu: „Tretet zurück oder ich schneide euch die Kehle auf, Magiern!“
Das letzte Wort spuckte sie aus, als würde es vor Gift und Galle nur so triefen.
Das gnadenlose Funkeln in Juliettes stahlgrauen Augen ließ keinen Zweifel daran dass die Adlige ihre Drohung umsetzen würde.
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Leirâ war verwirrt. Zwar Sprach die Unbekannte die Sprache des Volkes, doch trug sie keine Vallaslin. Desweiteren ihre eigenartige BEtonung der Handelssprache...
Sie spricht wie Juliette. Was geht hier vor? Doch die Dalish war zu stark verletzt, um sich gegen die Behandlung der Frau zu wehren. Was auch nicht nötig war. Leirâ war schon magisch geheilt worden und im Gegensatz zu dem, was Rhaego an ihr versucht hatte tat das, was diese Fremde tat wirklich gut. Das blaue Licht umfing sie, wärmte und es knackte einmal hörbar, ehe jeder Schmerz fortgewischt war. Sie fühlte sich gut. Rücken, Arm und sogar Rippen schienen geheilt. Das Bewusstsein der Dalish war jedoch seltsam befangen, wie von einem dumpfen Schleier, als...
Hätte ich mich am Wein gelabt. Wie aus weiter Ferne nur drang Juliettes Stimme an ihr Ohr. Und es dauerte schier endlos, bis die Elfe ihre Schlüsse gezogen hatte. Juliettes verdammtes Misstrauen gegenüber der Magie.
"Halt ên!", rief Leirâ, Als die Kämpferin bereits auf Hiebweite herangetreten war.
"Sî...", es fiel der Jägerin, ob der Dumpfheit, irgendwie schwer, sich aufzurichten, "...hêlte mich." Sie saß auf dem Boden und hatte eine Hand ausgestreckt. Ihr Blick glitt von Juliette zu der Fremden und wieder zurück.
"Sî ist kêne Gefâr." Dennoch war Misstrauen angemessen. Sie wusste nichts über die Fremde und trotz der Grußformel würde sie weder eine Geschichte mit ihr teilen noch mit ihr Singen. Vorerst zumindest nicht.
"Ma serannas,", bedankte sie sich, "doch sag, wer bist du?" Doch sie blieb ihr die Antwort schuldig, denn just in jenem Moment erklang ein schrilles Kreischen, das jedem auf der Lichtung durch Mark und Bein ging. Und alle Blicke wurden auf den Höhleneingang gerichtet.
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Endlose Minuten verstrichen, bis sich Rowens Augen wieder an die Dunkelheit angepasst hatten. Er entdeckte, dass sich die Höhle zu einer kleinen Kammer verbreiterte. Ein paar Schritte weit musste er schon drin gewesen sein, ehe er, einer schlechten Vorahnung folgend, wieder umgekehrt war. Etwa in der Mitte der kleinen Kammer befand sich ein unförmiges Objekt, das ihm vielleicht bis zur Schulter reichen würde. Es war auf jeden Fall kein Felsen, sondern spiegelte leicht das Licht wieder und wirkte metallisch, sogar durch die dicke Schicht aus Staub hindurch, die sich über viele Jahre darauf niedergelassen hatte. Rowen kniff die Augen zusammen und tastete sich einen kleinen Schritt nach vorne, um es besser betrachten zu können.
In diesem Moment flammten zwei glühend rote Punkte in der Dunkelheit auf. Rowen schnappte erschrocken nach Luft und prallte mit dem Rücken gegen die Wand. Eisige Kälte breitete sich in seinem Inneren aus, nahm mit jeder Sekunde zu. Das Knirschen von uraltem, rostigen Metall hallte durch die Höhle, als sich das Ding in der Kammer bewegte. Es nahm die Umrisse eines Menschen in Rüstung an, der sich, unendlich langsam, aus einer knienden Stellung erhob. Der Blick dieser glutroten Augen durchbohrte den Elfen förmlich, ließ ihn wie erstarrt auf der Stelle verharren, unfähig den Blick von dem abzuwenden, was sich vor ihm abspielte. Um die Augen herum erkannte Rowen die Umrisse eines hämisch grinsenden Gesichts und eines aufwändig dekorierten, altertümlichn Flügelhelms. Nein, nicht ganz. Es war kein Grinsen. Es waren die blank liegenden Zähne eines menschlichen Skelettes, an dem hier und da nur noch ein paar alte Fetzen Fleisch baumelten. Und es war riesig.
Noch immer gefangen im Blick des untoten Wesens wurde sich Rowen bewusst, dass er den Kopf in den Nacken legen musste, um es weiter anzusehen. Das Ding vor ihm war größer als selbst der größte Qunari, den Rowen je gesehen hatte. Die Spitzen des Helms schrammten an der Höhlendecke entlang und der herabrieselnde Dreck schien das Monstrum einen kurzen Moment lang abzulenken. Endlich schaffte es Rowen, sich von den dämonischen roten Augen loszureißen und erblickte prompt ein gigantisches Schwert in der einen Hand des Untoten. Es musste beinah so lang sein, wie Rowen selbst groß war. Am anderen Arm war wiederum ein großer runder Schild befestigt.
Das Monstrum verharrte einen Moment, die Rüstung knirschte wieder, und es machte einen plötzlichen Ruck nach vorne, als hätte es gegen einen unsichtbaren Widerstand angekämpft, der sich soeben, wie ein reißendes Seil, aufgelöst hatte. Dann gab es ein ohrenbetäubendes, triumphierendes Kreischen von sich, das Rowen das Blut in den Andern gefrieren ließ. Und hob sein Schwert.
All das nahm der Elf innerhalb von Sekunden in sich auf. Adrenalin schoss durch seinen Körper, während er die Hände auf die Ohren presste, um den schrecklichen Lärm auszusperren. Mit einem letzten Blick auf den blanken Stahl vor sich, warf er sich zur Seite, drückte sich an der Wand ab und raste in blinder Panik aus der Höhle in Richtung Wald.
Für die Leute draußen war in seinen Gedanken kein Platz. Nur für den Berg aus Metall und totem Fleisch, der, von uralter, finsterer Macht getrieben, soeben hinter ihm aus der Höhle stapfte.
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Zuvor war nichts an ihr Ohr gedrungen vom Gesagten, bewusst gedrungen, doch nun in diesem Moment als die Frau ihr präsent wurde, brach alles was vorhin gesprochen ward über sie herein. Da war die Stimme des Mannes, der die Frau vor ihr gewarnt hatte. Warum? Trug er nicht Roben eines Verzauberers? Ein Apostate? Wer war die Silhouette hinter ihm?
Das Erste was an ihr Ohr drang, was sie wahrnahm, waren nicht Worte, sondern die Sprache als Solche. Die Frau mit den düsteren, grauen Augen sprach Orlais. Die Kleidung von ihr täuschte nicht darüber hinweg, dass sie aus einem Adelshaus kam. Und dann erst die Sprache oder besser gesagt der Sprachduktus, der unterstrich den Eindruck, den sie durch die Kleidung gewonnen hatte. Der Strom der magischen Kraft, den sie angezapft und manipuliert, gelenkt hatte, verstärkte sich für den Bruchteil einer Sekunde, versiegte abrupt. Nichts war mehr von dem magischen, bläulichen Licht zu sehen. Langsam wandte sie ihr Haupt der Menschenfrau zu, welche sie mit Worten und wohl auch mit dem Säbel bedrohte. Xydias Augen verrieten Unsicherheit. „Ich… ich… entbiete Euch meinen Gruß, werte Dame. Ihr habt keinen Grund an mir zu zweifeln, Madame. Erlaubt mir, dass ich mich vorstelle. Ich bin Verzauberin Xydia aus dem Weißen Turm zu Val Royeaux. Wollen Sie meine Hilfe, die ich ihrer Gefährtin habe angedeihen lassen so vergelten, Herrin?“ Ebenso hatte sie damit die Frage der Dalesh beantwortet, wenn auch nicht direkt. Xydia, die Elfe deutete auf die Waffe der orlaisianischen Herrin, ihre erste wirkliche Bewegung, bisher hatte sie die ganze Zeit innegehalten und sich nicht bewegt. Auch hielt sie noch die Elfe, die sie geheilt hatte. Kurz schweiften ihre Rehaugen zu der Elfe, ehe sich ihre Augen wieder auf die Adlige richtete. „Soll dies also mein Ende sein?“
Es war nicht ihr Tag gewesen, erst war sie aus der Kutsche geworfen worden, dann der lange Weg zu Fuß zur Herberge und kaum das sie dort angekommen war, hatte man ihr das letzte Unterpfand ihrer Liebe gestohlen und sie war verrückterweise dem Dieb hinterher gerannt und nun zahlte sie den Preis. Ihre Augen füllten sich mit Tränen doch wollte sie nicht weinen.
Vollkommen unerwartet traf sie eine Welle von Energie, negativer, arkaner Energie, die ihren Mund trocken werden und ihren Magen zusammenkrampfen ließ. Sie erschauderte. Wie in Trance erhob sie sich, ihre Hände vollführten komplizierte Muster in der Luft, aus ihrem Mund strömten arkane Worte, Worte der Macht. Ihr junges Gesicht war ernst geworden, da schien eine ungeheure Last auf ihren Schultern zu sein. Ihre Hände schossen nach vorne, schossen Blitze auf den Koloss vor dem der Dieb floh.
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Als die Elfe von Leirâ abließ, atmete Rhaego erleichtert aus. Ja, Juliette hatte ihre ganz eigene Art, das zu erreichen, was sie wollte. Er hätte nie gedacht, dass er jemals so froh über die blanke Klinge einer Kirchentreuen an der Kehle einer Magierin wäre. Doch er wusste nur zu gut von seinen Jahren im Turm, was ein einzelner Magier anrichten konnte.
Mühsam richtete die Dalish sich auf. „Sî hêlte mich.“ Rhaego kniff die Augen zusammen und musterte die orlaisiainsche Magierin erneut. Das Heilen war eine sehr komplexe Magie und nur wenige erlangten jemals wahre Meisterschaft darin. Sie musste also sehr fähig sein. Und nun, wo er die Zeit hatte, sie genauer zu betrachten, bemerkte er, dass sie nicht wie die Dalish gekleidet war – soweit er sich an die Bilder in den Büchern erinnerte – auch wenn ihre Kleidung teilweise elfische Merkmale aufwies. Also war sie vermutlich aus dem Zirkel, für eine Wilde war sie zu gut ausgebildet. Wahrscheinlich aus dem Orlaisianischem Zirkel...
Ein Schauer lief ihm über den Rücken, als er sie anblickte. Sie war eine lebendige Verbindung zu seiner Vergangenheit. Was machte sie überhaupt hier? Wieso war sie außerhalb des Zirkels, und vor allem: Wieso war sie allein? War sie ausgebüchst? Dann würde sie die Templer auf seine Spur bringen! Er hatte die Erlaubnis des Turms, sicher, aber wie sollte er ihnen erklären, wo sein Aufpasser verblieben war? Er würde seine neue Freiheit mit Sicherheit nicht wieder aufgeben!
Er bemerkte, wie verkrampft er war, schloss die Augen und atmete tief durch. Langsam beruhigte er sich wieder.
Ein unirdisches Kreischen zerriss die Nacht und ließ ihn zusammenfahren. Sein Herz schlug ihm bis zum Hals. Wo war das hergekommen? Unbewusst schob er die blinde Händlerin an seiner Seite etwas nach hinten, von dem gefährlichen Abgrund vor ihr weg. Im Schein der Flammen, die auf seiner Hand tanzten, sah er wie ein Schatten aus einer kleinen Spalte hervorschoss, sich unmittelbar danach auf die Seite warf und sich abrollte, ehe er am Fels entlang stolpernd so schnell wie möglich das Weite zu suchen schien. War das der Verursacher des Geräuschs gewesen? Gerade wollte er Juliette und Leirâ auf die unscheinbare, in dunkles Leder gekleidete Gestalt hinweisen, als eine Bewegung an dem Spalt seine Aufmerksamkeit auf sich zog.
Sein Atem stockte. Scheinbar war der Spalt doch nicht so klein, sondern lediglich von seiner erhöhten Position aus so erschienen. Mit dumpfen Geräusche schob sich eine gigantische Gestalt hervor.
Rhaego hatte keine Ahnung, worum es sich handelte. Auf den ersten Blick hätte er es einen Riesen genannt – oder irgendeine Abscheulichkeit, von denen er schon so viel im Turm des Zirkels gehört hatte. Doch dann sah er das Totenkopf-Grinsen und die lose Haut, die von den Knochen hing. Instinktiv duckte er sich, während ihm gleichzeitig einige Standardwerke der Bibliothek durch den Kopf schossen, wo sicher beschrieben war, um was für ein Wesen es sich handelte. Mit ganzem Herzen wünschte er sich, er wäre jetzt dort, anstatt diesem Monstrum in echt gegenüber zu stehen.
Der – was war es denn nun? Ein untoter Riese? - der untote Riese bewegte sich schwerfällig ganz aus der Höhle heraus auf die Lichtung. Der gigantische Kiefer öffnete sich und ein tiefes Fauchen kam heraus, das sich dann in dieses schreckliche, schrille Kreischen verwandelte, welches Rhaego durch den ganzen Körper fuhr und seine Knochen in Eis zu verwandeln schien. Es wandte den Kopf und der Schein der Flammen spiegelte sich in seinen riesigen, blutroten Augen, während es die Quelle des Lichts zu suchen schien, dass die Nacht erhellte und ihm nicht zu gefallen schien. Mit unausweichlicher Endgültigkeit erblickte es ihn und das Feuer, das er auf der Handfläche trug. Rhaego schluckte schwer, als es ihn fixierte und all die Bosheit seiner roten Augen auf ihn gerichtet war. Die Flammen auf seiner Hand begannen zu flackern und instinktiv vertiefte er seine Verbindung zum Nichts, spürte wie es mit jedem Herzschlag in ihm pulsierte, während er starr vor Angst das Monster anblickte, nicht fähig, sich von dem tödlichen Blick abzuwenden.
Plötzlich wandte das Wesen mit einem überraschten Schnauben den Kopf ab. Rhaego zog Luft in seine Lungen, als hätte er seit Minuten nicht mehr geatmet. Es war ihm wie eine Ewigkeit vorgekommen, doch vermutlich waren erst wenige Augenblicke vergangen, seit das Monster aus der Höhle getreten war. Ein helles, kaltes Licht, das nicht von seinem Feuer kam, warf einen bläulichen Schimmer auf die nächtliche Lichtung. Die elfische Magierin stand unweit des Monsters, ihr Gesicht zu einer Maske der Konzentration versteinert, während ein Geflecht aus arkanen Blitzen aus ihren Händen auf den riesige Leichnam schoss.
Der Koloss zuckte unter der gewaltigen Energiemenge leicht, als ob er lästige Stechmücken abschütteln würde. Dann hob er das gigantische Schwert in seiner Rechten, das Rhaego jetzt erst bemerkte. Ihm stockte der Atem, als das Monster mit der beinahe zwei Meter großen, rostigen Klinge ausholte. Die Bewegungen schienen durch die gigantischen Dimensionen langsam und behäbig, doch die Waffe war umso erschreckender, während sie in einem schimmernden Bogen auf die elfische Magierin zu schoss, die noch immer ihr zuckendes Blitzgeflecht aufrecht erhielt.
Im letzten Moment riss Juliette die Magierin zurück und das Schwert verfehlte sie um eine knappe Armlänge. Durch die Wucht von Juliettes Bewegung fiel die Elfe rückwärts auf den Erdboden, doch sie rollte sich in der selben Bewegung ab und kam wieder auf die Beine.
Leirâ hatte sich mühsam auf die Beine gestemmt. Nach einigen unsicher schwankenden Schritten schien sie ihr Gleichgewicht wiedergefunden zu haben und näherte sich dem Monster von hinten. Die beiden Kämpferinnen wollten sich scheinbar wirklich mit dem Monster anlegen und auch die elfische Magierin machte sich zu einem neuen Angriff bereit. Es gab auch keinen Ausweg, denn der Riese hätte jeder Flucht ein sehr schnelles Ende bereiten können.
Lediglich Rhaego und Ariane hatten eine Chance zu entkommen, wenn sie nun rasch handelten, während der Koloss aus dunkler Magie mit dem Rest beschäftigt war. Einen Augenblick schwankte er, dann griff er mit einem leisen Fluch auf das in ihm tobende Nichts zu. Er formte die gewaltigen Energien, die aus seiner Verbindung mit der Welt hinter dem Schleier her rührten, sammelte sie, komprimierte sie immer mehr, bis sich zwischen seinen Händen ein gewaltiger Feuerball gebildet hatte, doppelt so groß wie sein Kopf. Er schob so viel Kraft hinein, wie er konnte, und noch ein bisschen mehr, dann – der ganze Prozess hatte nur wenige Augenblick gedauert – stieß er das fauchende Inferno von sich auf das Monster. Das höllische Geschoss schlug seitlich am Kopf des Monsters ein und explodierte in Hitze und Licht. Ein furchtbarer Gestank erfüllte die Luft.
Einen Augenblick schöpfte Rhaego Hoffnung, doch dann verzog sich das blendende Licht. Mit seinen behäbig wirkenden Bewegungen wandte der Koloss sich um, einen großen, schwarzen Brandfleck im Gesicht, wo der Feuerball eingeschlagen war, doch das schien ihn nicht zu kümmern. Rhaego hätte schwören können, dass das tote Grinsen in dem fleischlosen Schädel sich verbreiterte, als das Monster sich ihm zuwandte.
Zum ersten Mal in seinem Leben schickte der Magier ein inbrünstiges Stoßgebet an Andraste, dann - während unter ihm Leirâ und Juliette zum Angriff übergingen - griff er wieder auf das Nichts zu und bereitete einen weiteren Feuerball, um ihn auf den untoten Riesen zu schleudern.
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Juliette fühlte einen kleinem schuldbewusster Stich als sie sah wie sich Tränen in den elfischen Augen der fremden Magiern sammelten, nachdem sie endlich ihrer Forderung nachgekommen war und von Leirâ abließ. Unter gewöhnlichen Umständen wäre sie fast geneigt gewesen den Säbel wieder zu senken, doch hatte sie es hier mit einer Magierin zu tun, einer Frau weitaus gefährlicher als man von ihrem Äußeren schließen könnte. So veränderte sich auch nicht die Mine der Adligen. Sie blieb hart und misstrauisch.
Sie hatte allen Grund an der Fremden und ihren Worten zu zweifeln und das sie Leirâ geholfen hatte würde sie erst glauben, wenn sie sie selbst untersucht hätte. Konnte man schließlich wissen ob die Fremde der Dalish geholfen hatte? Oder hatte sie nicht irgendetwas anderes mit ihr getan? Etwas dunkles von dem sie nur noch nichts ahnten?
Langsam fing sich Juliette, ihre Klinge immer noch auf die Fremde gerichtet, auch an zu fragen was die Magierin hier tat. Es war für die Söldnerin offensichtlich dass ihr unbekanntes Gegenüber aus ihrem Heimatland stammte. So war ihr Gesagtes, aus dem Zirkel der Magier in Val Royeaux zu stammen, wohl keine Lüge. Doch das erklärte nicht warum sie dann hier in Ferelden war. Noch dazu ohne Begleitung in Form einer Templereskorte.
Sie kam jedoch nicht dazu ihr Misstrauen in dieser Sache zu äußern.
Ein Schatten, beim zweiten Blick eine kleinwüchsige Gestalt schoss regelrecht, aus dem Dunkel der Felspalte, sodass Juliette gesteuert durch ihre Instinkte herumwirbelte um sich dem potenziellen Angreifer zu stellen, doch der schien sie gar nicht zu bemerken. Sie meinte menschliche Konturen zu erkennen doch wurde die Gestalt durch einen dunklen Kapuzenumhang verdeckt. Aus einer Ahnung heraus wollte sie der Gestalt gerade zurufen stehen zu bleiben als mit dem Schaben von Metall auf Stein eine weitere Gestalt im Dunkel des Felsspaltes erschien, jedoch ungemein größer und vor allem bedrohlicher.
Sie war riesengroß, über zwei Meter, mit rostiger uralt wirkender Rüstung, einem breiten Rundschild und einem gewaltigen Schwert, das Juliette sicher nicht mal mit beiden Händen hätte heben können. Fetzen von verrottetem Fleisch über blanken Knochen waren an jenen Stellen zu sehen die, die Rüstung nicht abdeckte. Doch was die Adlige wirklich in Starre versetzten waren die leuchtenden roten Augen des Ungetüms. Unheil verkündend funkelten sie zwischen dem alten Metall eines rostigen Flügelhelms hervor, inmitten eines blanken menschlichen Schädels. Ein schier dämonisches Abbild des Todes. Ein fleischgewordener Albtraum, der seine Beute erblickte.
„Der Erbauer steh uns bei.“, war das einzige was Juliette, gebannt durch den Anblick des unnatürlichen Wesens, in ihrer Muttersprache entsetzt aushauchend hervorbrachte. Noch nie in ihrem ganzen Leben hatte sie auch nur etwas ansatzweise Vergleichbares gesehen.
Erschrocken griff sie an ihren kleinen Anhänger als das Ding ein durch Mark und Bein gehendes Kreischen von sich gab. Jeder ihrer Instinkte schrie geradezu auf davon zu laufen doch Juliette war wie angewurzelt.
Wie paralysiert sah sie wie magische Blitze an ihr vorbei auf das Monster zu züngelten, doch erwiesen sich diese für Ungetüm als kaum mehr als ein lästiges Ärgernis. Es schüttelte sie einfach ab, als wären sie nichts, und ging zum Gegenangriff über, auf die Absenderin der lästigen Blitze.
Weit holte es mit seinem gewaltigen Schwert aus und hätte sie Magierin sicherlich in zwei Hälften gespalten, wenn sich die Adlige nicht im letztmöglichen Moment aus ihrer Lethargie riss und eingriff. Blitzschnell packte sie die Magierin am Kragen ihrer Jacke und zog sie noch rechtzeitig zurück sodass sie rostige Klinge durch die Lehre zischte.
Leirâ unterdessen war wieder auf die Beine gekommen und griff bloß mit ihrem Dolch bewaffnet das Ding an. Juliette fragte sich zwar ob es Sinn machte sich solch einem Ungetüm zu stellen doch wusste sie ebenfalls nicht ob sie ihm so einfach entkommen würden, so entschied sie sich rasch dafür Leirâ nicht im Stich zu lassen und ging ebenfalls zum Angriff über.
Wenigstens schien die Magierin, die gerade einen weiteren Zauber vorzubereiten schien, der Dalish wirklich geholfen oder zumindest nicht geschadet zu haben.
Beide schlugen und stachen sie zu, vorbei an Schild und Schwert des Dings, auf Lücken und vermeintliche Schwachstellen in der Verteidigung ihres unnatürlichen Widersachers einhackend. Jedoch schien sich das Ding kaum daran zu stören. Scheinbar mühelos parierte oder blockte es mindestens die Hälfte ihrer Attacken, während jene Angriffe die die Verteidigung tatsächlich umgingen kaum mehr als Kratzer zu verursachen schienen.
Mit einem feurigen Fauchen erhellte sich auf einmal das Dunkel der Nacht, als ein brennendes Geschoss seitlich am Kopf des Ungetüms explodierte und Rauch und Gestank verbreitete. Offensichtlich hatte sich nun auch der Magier, oben auf der Anhöhe, dankenswerterweise angeschlossen. Die Zähne knirschend schlug die Adlige die Augen vor dem beißenden Rauch zu und wirbelte sich einen großen Schritt zurück um blind wie sie war zumindest aus der Reichweite ihres Gegner zu gelangen, hoffend das der Dalish dasselbe gelang.
Das blendende Licht verzog sich doch mit ihm wurde der Blick auf das Ungetüm wieder frei und Juliettes aufgekeimte Hoffnung wurde jäh erstickt, als sie das Ungetüm angesengt aber immer noch aufrecht stehend erblickte. Es kam ihr schon fast vor als ob es geradezu höhnisch zu dem Magier aufblickte. Bevor es sich jedoch gegen ihn wenden konnte, preschte Juliette, gefolgt von Leirâ erneut vor.
Nicht um es zu besiegen, Juliette glaubte nicht dass dieses Monster mit ehrlichem Stahl zu besiegen war, sondern um den Magiern, Zeit zu erkaufen erneut Magie zu wirken. Wenn es von etwas aufgehalten werden konnte, dann war es Magie, hoffte Juliette.
Blitzschnell stach sie mit ihrem Säbel nach dem knöchernen Gesicht des Riesen, doch dieser wandte seinen Kopf beinahe verächtlich gerade so genug ab und schlug seinerseits mit seiner Klinge zu. Die Söldnerin dachte nicht einmal daran die schräg von oben kommende Klinge mit ihrer eigenen zu blocken und warf sich stattdessen behände zur Seite um in einer Seitwärtsrolle wieder auf die Beine zu kommen. Beinahe gleichzeitig nutzte Leirâ die Gelegenheit und stieß ihren Dolch durch eine Öffnung in der Rüstung ihres Widersachers in dessen Achsel.
Einen normalen Gegner hätte dies schwer verletzt doch dieser schnaubte nur ärgerlich und schlug aus der Rückhand nach der Elfin. Während diese der überraschend schnellen Waffe nur um Haaresbreite auswich setzte Juliette wieder nach um von der anderen Seite anzugreifen doch der Angriff des Ungetüms erwies sich als eine Finte.
Ohne Schaden anzurichten schabte der Säbel am hoch schnellenden Rundschild des Ungetüms ab als dieses einen horizontalen hüfthohen Hieb aufführte. Da sie nicht mehr rechtzeitig aus der enormen Reichweite ihres Gegner gelangen würde, lies sich Juliette notgedrungen nach hinten fallen, sodass das rostige Breitschwert nur wenige Fingerbreit von ihrem Gesicht vorbei zischte.
Das Ungetüm gewährte der am Boden liegenden Adligen jedoch keine Verschnaufpause und schlug von oben herab auf sie. In dieser äußerst ungünstigen Position blieb Juliette nichts Weiteres als sich zur Seite zu rollen. Verzweifelt versuchte sie aufzustehen doch das Ding nahm ihr jede Gelegenheit dazu und versuchte weiter auf sie einzudreschen. Unfähig zu Kontern war Juliette ihm völlig ausgeliefert.
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Leirâ war noch immer von dem Heilzauber benebelt. Es dauerte seine Zeit, ehe Xydias Ausführungen über ihre Herkunft das Verständnis der Dalish erreicht hatten. Plötzlich preschte ein Mann aus der Höhle, doch ehe die Jägerin reagieren konnte, betäubte sie das Kreischen. Und im nächsten Moment zuckten Blitze durch die Nacht, alle Haare an Leirâs Körper Körper richteten sich auf. Wo kamen die Blitze her?
Xydia!
Wem oder was galten die Blitze?
Groß. Riesig. Rüstung schimmert im Schein der magischen Lichter. Augen so rot wie Feuer. Schwert. Größer als ich selbst. Hebt sich.
"Mythal!", rief Leirâ aus und warf sich instinktiv auf den Boden. Doch der Streich galt nicht ihr, sondern der elfischen Magierin, welche diesem nur dank Juliette entkam. Aus den Augenwinkeln beobachtete die Jägerin, wie die Kämpferin Haltung annahm. Leirâ ließ das Ungetüm nicht aus den Augen, während sie sich mühsam aufrichtete. Zwar war die Benommenheit von ihr abgefallen, doch fühlten sich ihre Glieder noch taub an. Das Monster schien sie noch zu beachten, hatte den Kopf stattdessen dem Wald zugewandt. Ihre Instinkte trieben Leirâ zum Angriff, ihr Verstand bemerkte, dass sie lediglich das Dar'Misu trug.
Wie umsichtig von mir, Schwert und Bogen beim Lager zu lassen. Und mit einem stummen Gebet an Andruil auf den Lippen griff sie an.
Ihre Bewegungen kamen ihr langsam vor, doch kontrolliert genug um sie rasch an den Koloss heran- und wieder von ihm fortzutragen. Sie machte einen Satz, ihre Klinge prallte von der bronzenen Rüstung ab, landete und wich zurück. Wieder und wieder griff sie an und wich zurück, den Bewegungen eines Wolfes gleich, während sie verzweifelt versuchte, eine Lücke in der Rüstung dieses Wesens zu finden. Doch gerade, als ihr die Achseln als Schwachpunkt in den Sinn kamen, zerriss ein Zischen die Nacht, gefolgt von einer feurigen Explosion, welche die Dalish blendete. Einige Augenblicke war da nur Licht.
Feuer. Rhaego muss eingegriffen haben. Da bemerkte sie, dass Juliette vor ihr erneut nach vorn stieß. Durch die hellen Flecken und die Schwaden hindurch folgte Leirâ der Gefährtin, doch traf sie nur den Schild des Ungetüms. Sie machte eines Satz zur Seite und stand nun neben dem Wesen, welches sich Juliette zuwandte.
Meine Chance! Leirâ schüttelte den letzten Rest Benommenheit ab und schoss nach vorn, ihr Dolch drang tief in das Fleisch des Wesens ein, doch das reagierte nur mit einem Hieb. Im letzten Moment vermochte die Elfe sich unter der Klinge wegzuducken und wieder nach Hinten zu rollen. Statt Blut bedeckten nur Asche und Staub ihre Klinge.
Wir können es nicht besiegen. Ob die Magier eine Chance hatten kümmerte die Elfe in diesem Moment nicht, denn das Monster hatte Juliette zu Boden geworfen. Leirâ sah zwei Möglichkeiten und so, wie das Wesen den Stich in die Achsel abgeschüttelt hatte, würden es wohl auch aufgeschlitzte Kniesehnen nicht kümmern. Blieb nur noch...
Die Dalish preschte nach vorn, stieß sich ab und schlang den rechten Arm um den Hals es Wesens.
"Fórt!", gellte ihr Schrei durch die Nacht, als sie ihren Dolch im Auge des Ungetüms versenkte. Doch statt aufzuschreien, zu taumeln oder irgendwie betroffen zu sein, drehte es sich nur und schüttelte sich. Leirâ packte fester zu, aus weiter Ferne drang ein Fluch an ihre Ohren und sie sah noch den Feuerball auf sich zurasen. Hektisch drehte sie den Kopf, nur, um aus der anderen Richtung Blitze auf sich zurasen zu sehen.
"Mythal, halte dêne schûtzende Hand ûber mich.", stammelte sie, stemmte die Füße gegen den Koloss und sprang ab. Hitze rollte über sie hinweg, ein beißender Schmerz durchzuckte ihren Körper und sie segelte durch Rauch und Luft. Zum Glück schien sie keinen der Zauber voll abgekommen zu haben, doch sie hatte jegliche Orientierung verloren. Immerhin hielt sie noch ihre Waffe in der Hand.
Sie fiel, vor ihr schälte sich der Boden aus dem Rauch und gerade, als sie wild fluchend versuchte, sich zu drehen, schlidderte Juliette dorthin und fing sie auf, sodass sie nun beide die kurze Schräge zur Höhle hinabpurzelten. Sie kamen vor dem Eingang zum liegen.
"Ma serannas.", bedankte sich die Dalish, "Doch was nun? Wir schênen îm nichts anhaben zu kônnen."
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Magische Blitze zuckten an ihm vorbei, während er so schnell wie irgend möglich auf die Bäume zuhielt und in die schützende Finsternis des Waldes eintauchte. Waffengeklirr erfüllte die Luft. Versuchten die ernsthaft, gegen das Ding zu kämpfen? Offensichtlich ja.
Laufen, schön laufen. Nicht umdrehen. Nicht mal daran denken, sich umzudrehen.
So viel Dummheit auf einem Haufen ist nicht mein Problem.
Solche Leute mit Heldenkomplex hatte der Elf nie verstanden. War es die Suche nach dem spektakulärsten Tod, was sie zu solchen Handlungen trieb? Wenn jeder in eine andere Richtung davonlief, konnte das Monster immerhin nicht jeden einzelnen erwischen. Aber gut, Rowen wäre der letzte, der sich darüber beschweren würde. Eine bessere Ablenkung als das hätte er sich wohl kaum wünschen können.
Der Kopf des untoten Riesen drehte sich mit einem dunklen Grollen in die Richtung, in die der Dieb geflüchtet war. Offensichtlich nicht damit einverstanden, dass sich ein Teil seiner Beute soeben aus dem Staub machte, steckte er seine Waffe vor sich in die Erde, brachte sein Schild in einer lässigen Verteidigungsstellung zwischen sich und die Elfenmagierin und streckte langsam die knochigen Finger seiner freien Hand vor sich aus. Man konnte beinah sehen, wie einige feine Schlieren dunkler arkaner Energie um sie herumwirbelten. Dann schloss der Untote seine Finger zur Faust und ein unmittelbar darauf folgender leiser Aufschrei aus dem Wald verriet, dass sein Zauber ein Ziel gefunden hatte.
Rowen spuckte ein paar Tannennadeln aus und betastete mit zitternden Fingern den Waldboden um sich herum, schaute hinter sich. Nichts? Einen schrecklich langen Moment war er sich sicher gewesen, etwas eisig kaltes und unnachgiebiges hätte ihn gepackt und zu Boden gerissen. Aber da war nichts. Nur eine Wurzel, redete er sich ein. Ich bin einfach nur hängengeblieben und gestolpert. Nicht gut. Er fing schon an, Geister zu sehen. Wenn du dich nicht bald bewegst, wirst du auch einer werden. Also los jetzt, weiter.
Mühsam stemmte er sich auf die Füße, was ihm ungemein anstrengender vorkam als je zuvor. Mit leicht zusammengekniffenen Augen starrte er auf den Wald, oder besser dorthin, wo er den Wald vermutete. Alles vor ihm schien ineinander zu verschwimmen, die Welt war nicht mehr als ein undeutlicher Wirbel aus Dunkelheit und Schatten. Kaum festzustellen, wo oben und unten war, geschweige denn vorne und hinten. Rowen schüttelte den Kopf, um seine Sicht wieder zu klären, jedoch ohne Erfolg. Leise und gedämpft hörte er wie aus weiter Ferne das Kreischen des Untoten.
Beweg dich!
Vorsichtig tastete sich der Elf vorwärts. Er schaffte ein, höchstens zwei Schritte, ehe das Kreischen so laut und plötzlich in seinem Kopf dröhnte, dass Rowen mit einem schmerzerfüllten Jaulen auf die Knie sank. Es war boshafter und durchdringender als jemals zuvor und schon ein paar Sekunden bescherten ihm rasende Kopfschmerzen. Er muss hier sein. Direkt hinter dir. Beweg dich endlich!
Beinah kriechend schleppte sich Rowen weiter, die Hände auf die Ohren gepresst, doch der Lärm wurde nicht leiser, sondern schien sich noch weiter ins Unerträgliche zu steigern. Bis er begriff, dass das Geräusch direkt in seinem Kopf zu sein schien. Bin ich besessen?
Ihm war zumute, als würde es ihm jeden Moment den Schädel sprengen.
Blind und taub und beinah orientierungslos wählte Rowen auf gut Glück irgendeine Richtung und stolperte weiter, angetrieben durch nichts als reine Willenskraft und einen irgendwo tief verwurzelten Selbsterhaltungstrieb. Das Kreischen ließ ein wenig nach und der Elf schöpfte neue Hoffnung. Er musste wohl langsam die Reichweite des Dämons verlassen. Nur noch ein Stück, sagte er sich. Und dann bin ich diesem Wahnsinn entkommen. Tatsächlich, je weiter er sich bewegte, desto erträglicher wurde es. Weiter. Fast geschafft.
Das Grinsen des Totenschädels schien sich ein weiteres Mal auszubreiten, als der Untote seine Hand wieder öffnete und mit ihr sein Schwert aus der Erde zog. Ohne sich um die Umstehenden zu kümmern, hob er die Klinge zum Schlag und stapfte die paar Meter hinüber zu den Bäumen. Wartend. Lauernd.
Endlich wieder Stille. Das nach wie vor bestehende Hämmern hinter seiner Stirn ignorierend, trat der Elf auf eine freie Fläche hinaus und atmete erleichtert aus. Es dauerte noch einen kurzen Moment, bis sich seine seltsam verschwommene Sicht wieder klärte. Einen kurzen Moment zu lange. Rowen wurde sich nur kurz des rostigen Metallberges vor sich gewahr, eher er, mehr durch Instinkt als durch bewusste Handlung, zur Seite hechtete und nur um Haaresbreite dem Schwert entging, das nun krachend im nächsten Baum landete.
Was...? Extreme Verwirrung spiegelte sich in seinem Blick. Was war gerade passiert? Mit wieder erwachtem Entsetzen registrierte er, wie der altbekannte untote Koloss seine Waffe mit einem Ruck aus dem Baum befreite und sich die glühend roten Augen wieder auf ihn richteten. Warum bin ich wieder hier? Das Ding hier... war es eine Falle? Ich bin genau dahin, wo es mich haben wollte!
Das Monstrum ging wieder zum Angriff über, beendete damit effektiv jeden von Rowens Gedankengängen, und dem Elfen blieb nichts anderes übrig, als unter Einsatz seiner ganzen Gewandheit jedem Schlag auszuweichen und außerhalb der Reichweite des Schwertes zu bleiben. Er dachte nicht mal daran, seine eigenen Waffen zu ziehen. Was sollte er damit gegen das riesige Ding hier ausrichten?
Zu spät wurde ihm klar, dass ihn der Untote zwischen sich und der Felswand in die Ecke gedrängt hatte.
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Für die Elfe war es kein Kampf, kein physischer Kampf, denn das Monster, der untote Riese, konnte nur durch Magie bezwungen werden. All ihre Konzentration war darauf ausgerichtet, ihre Magie auf den Riesen zu lenken und so viel Schaden wie möglich anzurichten. Gedanken, die stören, gingen durch ihren Kopf. Warum hatten sich die Elfe und die Menschenfrau in einen direkten Kampf gestürzt? Das Risiko war so immens hoch. Warum handelte der andere Verzauberer nicht? War er nur ein Betrüger, ein Aufschneider, der nie einen Blick hinter den Vorhang hatte werfen können, einer der sich als Magi ausgab, aber selbst keine Magie weben konnte? Nicht denken, nicht jetzt! Das gewaltige Schwert des Riesens beschrieb blitzschnell einen Bogen, schoss auf die Magierin zu. Viel zu spät hatte sie den Angriff bemerkt, wenn die Menschenfrau sie nicht zu Fall gebracht hätte, wäre ihr Leben verwirkt gewesen. Der Aufprall war hart, wie Feuer brannte der Atem in ihren Lungenflügeln, als sie den Schwung nutzend wieder hoch federte, zum Stehen kam.
Noch in der Bewegung hatte sie wahrgenommen, dass eine Feuerkugel am Kopf des Riesen explodierte, das tote, welke Fleisch verbrannte. Sie hätte einen Moment gebraucht, nur einen Moment um ihre Atmung unter Kontrolle zu bekommen, aber sie hatte diese Zeit nicht. Ihre Stimme erscholl als sie fast vergessene Worte der Macht rezitierte und ihre Finger magische Zeichen in die Luft malten. "ce Nergis Thanatêr gennear agens Gehu reagens Pyrés!!!" Die Anstrengung dessen, was sie leistete, spiegelte sich auf ihrem Gesicht wieder.
Mit wachen Augen nahm sie wahr, dass dieses Monster keinen mehr zu beachten schien, nur noch den Elf, den Dieb, der sie bestohlen hatte. Ja, er war ein Dieb und ja, er hatte sie bestohlen, aber das hatte er nicht verdient, zu einem Spielball für das Monster zu werden. Einiges hatte sie schon gesehen, jedoch, dass dieses Ding scheinbar Magie weben konnte, dazu noch sehr mächtige, denn er schien die Wurzel und Äste zu befehligen, das noch nie. In die Ecke getrieben, hinter sich Fels, vor ihm der Untote, presste er sich an den Fels. Viele Optionen schien er nicht mehr zu haben. Es rührte sie an. Leise, nur ein Flüstern. "Meister… bitte hilf… lass es gelingen…"
All ihren Mut zusammen nehmend bewegte sie sich in Richtung des Monsters, dass sie weder zu beachten schien. Diesmal war sie vorsichtiger, hatte gelernt, dass man besser nicht in Reichweite des Giganten kam. Ihre Augen geschlossen, ihren Magierstecken als Fokus nutzend begann sie die Worte zu rezitieren. Erst leise, dann immer lauter, mit kräftigerer anschwellender Stimme. Mit Kraft rammte sie den Magierstecken in den Boden. Ein Knacken und Knirschen war zu vernehmen. Vom Stab aus lief ein Riss auf den Giganten zu, umkreiste ihn, bahnte sich den Weg wieder zurück zu Xydia. Der Boden gab unter dem Riesen nach, so dass seine Füße versanken. Ähnlich einer Windmühle ruderte er mit den Armen, kämpfte um sein Gleichgewicht. Die Magierin riss den Magierstecken aus dem Boden um ihn nur wenig später genau wieder in diese Wunde der Erde zu stoßen. Der Klang der Worte, die sie ausspie, war eisig. Dreimal wiederholte sie diese, schneller, härter, selbst ihr jugendliches Gesicht schien in diesem Moment kälter als Eis. Ein bläulicher Schimmer lief die Furche entlang und das Monster, die lebende Windmühle erstarrte zu einer Eisstatur.
Nach für sie schier unendlichen Minuten hatte sie den Elfen, der noch am Fels lehnte und dessen Augen nach einer Lücke zu succhen schienen, erreicht. Ein Zittern ging durch ihren Körper, die Elfe schlang ihren Arm um ihre Taille, während ihr Kopf sich dem Elfen zuwandte. Ihre Augen fixierten ihn. "Gib mir, was Du für misch in die Gewahrsam genommen 'ast." Dann sackte sie auf die Knie, hielt mühsam ihren Oberkörper noch aufrecht. "Es wird Dir keine Leid gesche'en…" Mit der anderen Hand hatte sie versucht, aus dem Kummerbund einen kleinen, silbernen Flakon zu ziehen. Doch kaum hielt sie ihn in ihren Fingern, verlor sie endgültig das letzte bisschen Halt, sackte in sich zusammen. Der Wind spielte mit ihrem Haar, so dass das Tattoo, eine Schwalbe am Hals hinter ihrem Ohr, gut sichtbar war. In diesem Moment ward ein Knirschen zu hören.
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Der Wirt redete schließlich. Schließlich redeten sie alle!
Yanis verließ das Geschäft und lies den gedemütigten und gebrochenen Schankwirt zurück. Er hatte was er wollte. Der Dreck des Marktplatzes knirschte unter seinen Stiefeln.
Schon kamen seine drei engsten Vertrauten zu ihm. Jean, Christophe und Grange.
„Aubert, Etahn und Arthur sind unterwegs, sie haben auch Juliens Leiche dabei. Ansonsten sind die Vorräte aufgefüllt!“ begann Christophe
„Die Spuren des Wagens führen ins Vorgebirge und dann in die Wälder. Ich hab 2 Mann oben gelassen die uns aufnehmen und die Spuren schon mal weiterverfolgen!“
Yanis sah zum letzten, Grange
„Wir haben die Pferde gefüttert und die Männer haben alle was warmes gegessen. Den Pferden geht es gut aber wir sollten erst wieder einen Gewaltritt machen wenn sie sich ausgeruht haben. Vor allem wenn wir ins Vorgebirge gehen und es wird bald dunkel. Wir müssen jetzt vorsichtig sein, damit sie sich nicht verletzen.“
Yanis nickte. Die drei bewiesen erneut wie erfahren sie waren.
„Also gut“ begann er und Grange zückte eine Karte der Umgebung. Sie zeigte das Gebirge und reichte bis Orzammer. Auch der Rest der Truppe kam nun ran wobei ein paar die Umgebung im Auge behielten.
„Der Wirt sprach von einem Pfad, für Pferde geeignet der durch das Gebirge führt hier zwischen diesen Sattel hindurch.“ Er zeigte mit seinem Fährtenmesser den Verlauf des Pfades.
„Wir brechen augenblicklich auf und…“ er sah in die Runde „Die Schonzeit ist jetzt vorbei! Wenn Juliette nicht vernünftig sein will dann zerren wir sie eben zurück nach Orlais! Hauptsache sie ist am Leben! Das gilt auch für ihre Begleitung. Wir gehen da keine Risiken mehr ein. Wir töten ihre Gefährten und schleppen Juliette zurück zu ihrem Vater! Fragen?“
Keine der Männer sagte ein Wort. Sie nickten lediglich und machten entschlossene Gesichter. Er hatte diese Leute handverlesen und wusste, dass keiner von ihnen so leicht verzagen würde.
Wenig später ritt der Tross los.
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Gebannt und atemlos wohnten die beiden Frauen dem magischen Spektakel bei ohne zu wagen in das Geschehen irgendwie einzugreifen. Nicht aus Furcht, trotz ihres angsteinflößenden dämonischen Widersachers. Beide waren sie Kämpferinnen. Es war einfach Ratlosigkeit. Sie waren Kämpferinnen, keine Magier. Und als solche wussten sie nicht wie sie gegen solch einen Gegner, der mit ehrlichen Stahl nicht zu verwunden war, vorgehen sollten, erst recht nicht als das Ungetüm selbst eine ungutes verheißende Kraft anwandte.
Die Gestalt die erst vor Herzschlägen aus der Höhle, aus der das Ungetüm getreten war, geflohen war, war ihr Ziel. Kaum war die Gestalt im Dunkel des Waldes verschwunden tauchte sie kaum ein paar Herzschläge später wieder auf, direkt auf das wartende Ungetüm, wie ein Lamm zur Schlachtbank! Juliette konnte sich das Ganze nicht anders als mit dunkler Magier, erklären, hatte sie doch die seltsamen Lichtspiegelungen gesehen die auf die unheilvollen Bewegungen des Ungetüms gefolgt waren.
Einzig und allein die bemerkenswerten Reflexe des Flüchtigen waren es zu verdanken dass er nicht in blutige Stücke gehackt wurde, doch trieb ihn das Ungeheuer schon bald in die Enge.
Das Eingreifen der fremden Magierin, mit einem beeindruckenden magischen Schauspiel, rettete ihn. Worte rezitieren die der Adligen einen Schauer über den Rücken sandten, lies den Riesen in den Boden einbrechen. Kaum blieb ihm Zeit, um das Gleichgewicht kämpfend, mit den Armen zu rudern da sank die Temperatur spürbar. Eisige Worte sprechend sandte die Elfe einen Stoß bläulicher Magie die ihren Gegner binnen Wimpernschlägen zu Eis gefrieren ließen.
Einige Augenblicke sagte niemand etwas. Alle starrten sie nur auf ihren bis jetzt unaufhaltsamen Gegner und erwarteten fast das er das Eis einfach abschütteln würde, durch er rührte sich nicht.
So schlecht Juliettes Meinung über Magie sonst auch war, dankte sie in diesem Moment dem Erbauer aus tiefstem Herzen dafür.
Doch ganz entspannte sie sich nicht. Die stechenden roten Augen des Dings blitzten immer noch durch das Eis. Besiegt war es nicht, nur aufgehalten. Und Juliette wollte nicht warten bis es sich befreit hatte.
„Das ist die Gelegen`eit! Wir müssen `ier weg!“, sprach die Adlige schnell zu der Dalish. Schnell blickte sie auch zu der Magierin. Diese hatte sich der anderen Gestalt genähert und redete auf sie ein. Die Söldnerin bekam nur mit das die Gestalt, etwas habe was der Magierin gehöre, sie es jedoch nur noch schaffte ihr zu versichern das ihr kein Leid geschähe. Da brach sie offensichtlich schwer erschöpft zusammen, ein kleines Gasflaschen in den Händen. Ein auffälliges Tattoo hinterm Ohr der zusammen Gesunkenen, fiel der Söldnerin noch ins Auge, doch konnte sie auf Anhieb nichts damit in Verbindung bringen. Als sie ein ungutes verheißendes Knirschen des Eises vernahm, schob sie den Gedanken daran auch schnell beiseite und eilte vor zu den beiden.
Die Magierin war jedoch ohne Zweifel zu erschöpft um nun noch aus eigener Kraft zu fliehen. So dachte Juliette gar nicht erst lange darüber nach und griff nach der Magierin um sie zu tragen. Niemals würde sie jemand wehrlosen in Gefahr zurück lassen, schon gar nicht bei solch einem Monster, egal ob Magier oder nicht. Jene schien sich wehren zu wollen doch fehlte ihr die Kraft dazu sich Juliettes starken Armen zu entwinden.
„Wir `aben keine Zeit!“, zischte sie nur als sie die Magiern hoch hob. Da bemerkte sie den Blick der anderen Gestalt, welche sich aus dieser Nähe als Elf entpuppte. Mit weit aufgerissenen Augen blickte er die Söldnerin an, wie ein Hase der gerade erst den Fuchs wahrnahm, abwägend ob er fliehen sollte.
„Kommt mit uns!“, sprach sie ihn, schon halb im Gehen an, als ein weiteres beunruhigendes Knirschen ertönte. „Dann `abt i`r vielleischt eine Chance diesem Ding zu entkommen, bevor es eusch schnappt!“
Mehr konnte sie für ihn nicht tun und anders wie die Magierin konnte er noch sehr wohl auf eigenen Beinen laufen, so sah sie sich nicht weiter verpflichtet ihm zu helfen. Die Elfe auf Juliettes Armen schien etwas sagen zu wollen doch ging es im weiteren Knirschen unter. Länger wartete Juliette nicht.
Hastig so schnell es mit dem zusätzlichen Gewicht ging rannte sie los, ihren restlichen Begleitern laut zu rufend sich zum Wagen zurück zu ziehen. Hinter ihr, aber das sah sie schon nicht mehr, schienen die glühend roten Augen des Ungetüms, wie vor Wut nur so blitzen als es an seinem eisigen Gefängnis zerrte. Sein bohrender Blick war auf den Elfen gerichtet.
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Juliette reagierte nicht auf Leirâs Frage, sondern starrte nur weiterhin den finsteren Koloss an. Gerade, als die Dalish sie anstoßen wollte, spürte sie die Erschütterung. Sah das Wesen einbrechen. Und gefrieren.
Leirâ hatte schon Magie gesehen. Dennoch überwältigte dieses Schauspiel sie jedes Mal aufs Neue, sodass sie nur mit offenem Mund zu der Szene herüberstarrte, bis Juliette schreiend losrannte.
"Natûrlich!", rief Leirâ aus und wunderte sich darüber, dass es ihr nicht gelang, mit der Shem Schritt zu halten. Trotz ihrer kürzeren Beine hätte sie schneller sein müssen als das Rosenohr.
Meine Verletzungen beeinträchtigen mich. Das muss es sein. Moment! Warum hält Juliette? Die Kämpferin redete auf diese Xydia ein, warf sie sich über die Schulter und schnauzte den anderen Elfen an, ihr zu folgen. Als der nur weiterhin verdattert in die Nacht starrte, ergriff Leirâ seine Hand und zog ihn auf die Füße.
"Nun komm schon!" Im Zwielicht hatte sie kurz geglaubt, Vallaslin in seinem Gesicht zu erkennen, doch als er nun stand, sie nur wenig überragte, erkannte sie, dass es nur Narben waren.
Ein Flachohr. Dann setzte er sich plötzlich in Bewegung. Auch mit ihm konnte sie kaum Schritt halten.
Es muss an den Verletzungen liegen. Juliette, nun deutlich langsamer, umrundete den steilen Abhang und preschte an der flacheren Seite des Hügels nach oben. Die Dalish nun direkt neben ihr. Rhaego hatte sie aus den Augen verloren.
Im Lager brannte Feuer, und vor der gewaltigen Gestalt des Eisbären saßen Kasha und Alrik. Leirâ war erleichtert, dass er wieder bei Bewusstsein war.
Gerade hob er eine Hand und wollte, mit leicht dümmlichen Gesichtsausdruck, grüßen, als Leirâ rief:
"Kêne Zêt! Wir mûssen fort!"
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Weiter zurückweichen konnte er nicht. Es gab keinen Ausweg. Hämisch langsam beschrieb die riesige Klinge ihren Weg durch die Luft, als würde ihn das Monster absichtlich verspotten. Rowen drückte sich gegen die Felswand, sein Blick schoss hektisch in alle Richtungen, auf der Suche nach einer Lücke, die es nicht gab. Unaufhörlich kam der blanke Stahl näher. Nicht so. Nicht hier. Nicht durch dieses Ding!
Auf einmal veränderte sich die Bewegung des Dings. Es... ruderte mit den Armen und erstrahlte in einem bläulichen Licht. Sekunden später war das Licht verschwunden und einem massiven Eispanzer gewichen. Der Elf konnte selbigen nur fassungslos anglotzen. Nochmal davongekommen? Die Magierin... Was war gerade passiert? Oder vielmehr, warum war das passiert? Aus für ihn nicht nachvollziehbaren Gründen hatte sie ihm gerade den Hals gerettet. Obwohl sie ihm vorhin noch mordlüsternd durch den halben Wald gefolgt war...
Die Magierin schleppte sich auch schon auf ihn zu. Wäre es ihm möglich gewesen, würde Rowen noch weiter auf Abstand gehen. So starrte er sie nur an, wobei sein Blick immer wieder kurz zu der spontanen Eisskulptur wanderte.
"Gib mir, was Du für misch in die Gewahrsam genommen 'ast."
Von was redete sie... ach richtig. Die blöden Dolche. Hatte er schon beinah vergessen. Für was brauchte sie die jetzt unbedingt?
"Es wird Dir keine Leid gesche'en…"
Ja klar. Erzähl das dem Untoten da drüben.
„Hast du keine andern Probleme?“ zischte er mit genervtem Tonfall zurück, so leise als fürchtete er, das gefrorene Monster könnte dadurch wieder zum Leben erwachen. Nicht ganz zu unrecht.
Die schneidende Dämonenstimme kehrte langsam und schleichend zurück, hatte aber sich zu einer Art... Flüstern gewandelt. Na gut, mehr einem eisig kaltes Wispern. Mit einem sehr seltsamen Echo, so als würde dieselbe Stimme mehrmals gleichzeitig sprechen. Der Elf meinte fast einige Worte verstehen zu können, wenn er sich nur genau drauf konzentrierte. Völlig abgelenkt starrte er auf den Eisklotz, im Bemühen vielleicht Informationen, oder irgendetwas das gegen dieses Monstrum helfen konnte, zu erkennen. Wie aus weiter Ferne mischte sich noch eine andere Stimme mit ein, aber diese klang sehr gedämpft und ging in dem alles beherrschenden Flüstern in seinem Kopf unter.
Erst eine fremde Berührung riss Rowen wieder zurück in die Wirklichkeit. Verdutzt blickte er in das von einer Unmenge an Tätowierungen verschandelte Gesicht einer Dalishelfe und realisierte dann, dass sie ihn an der Hand hochzog.
"Nun komm schon!"
Was... Rowen riskierte noch einen kurzen Blick auf den gefrorenen Riesen und die stechenden roten Augen bohrten sich förmlich in ihn hinein. Noch tiefer und durchdringender als beim letzten Mal. Es will, dass ich in der Nähe bleibe. Diesen Gefallen werde ich ihm aber nicht tun! Endlich setzte sich der Elf in Bewegung und rannte den anderen hinterher, mit allem was seine Beine noch hergaben.
Seine Beute ein weiteres Mal entkommen zu sehen, spornte den Koloss zu noch größerer Anstrengung an. Mit aller Macht stemmte er sich gegen sein eisiges Gefängnis und ein hasserfülltes dämonisches Kreischen brandete über die flüchtende Gruppe hinweg. Ein Kreischen, dass die ohnehin schon bohrenden Kopfschmerzen des Elfen auf ein unerträgliches Maximum steigerte. Schwarze Flecken huschten über sein Sichtfeld und er geriet ins Stolpern. Auf der verzweifelten Suche nach Halt griff er blindlings zu – und bekam die Ecke eines Umhangs zu fassen, dessen unglückliche Dalish-Besitzerin durch das plötzliche zusätzliche Gewicht nach hinten gerissen wurde und rückwärts auf die Wiese knallte.
Alles drehte sich. Zusammengekrümmt kauerte Rowen auf dem Boden, nahm die gestürzte Elfe und die Kriegerin samt Fracht nur teilweise wahr. Fühlte sich hundeelend. Hoffte vergeblich, dass es bald vorbei ging.
„Was... willst du... von mir...?“ wisperte er beinah tonlos und halb erstickt vor Schmerz. Das Ding steckte in seinem Kopf... irgendwie, so halb, auf eine Weise über die er nicht nachdenken wollte. Es beobachtete ihn. Es war da und lauerte. Und es war wütend. Richtig wütend.
Warum ich? Ich hab es als einziger hier nicht angegriffen...
Jemand zog ihn wieder auf die Füße und eine weitere Welle des Schwindelgefühls erfasste ihn. Mit letzter Anstrengung schleppte er sich weiter vorwärts und meinte, jeden Moment zusammenbrechen zu müssen.
Einfach wieder zu dem Ding zurückzurennen und es hinter sich zu bringen, schien langsam keine komplett schlechte Idee mehr zu sein... Halt, was war das? Nein, verdammt noch mal! Das Monstrum flüsterte ihm wieder etwas ein, wollte ihn scheinbar mit allen Mitteln wieder zu sich locken. Von selbst würde er nie auf solch abwegige Selbstmordideen kommen!
Okay, ich werde irre. Und da hinten sehe ich schon einen Eisbären... friedlich am Feuer neben ein paar Leuten. Ja, so geht’s los.
Da war noch ein anderes Geräusch, das, wie zuvor, nur für den Elfen bestimmt zu sein schien. Wie eine Spitzhacke grub es einmal quer durch seinen Schädel.
Es klang beinah wie ein Lachen.
Feiner Eisstaub rieselte zu Boden und ein Geflecht aus Rissen überzog den Eispanzer wie ein Spinnennetz. Die gefrorene Statue wippte ein wenig hin und her, es war äußerlich kaum zu sehen, mit welch brachialer Gewalt sich der Riese an dem Eis zu schaffen machte.
Schließlich ein weiteres lautes Knacken und ein paar größere Brocken prasselten zu Boden.
Die skelettierten Finger der Schwerthand bewegten sich knirschend und langsam, der Rest steckte noch fest im Eis. Dessen völlig ungeachtet wob das Monster einen weiteren Zauber, diesmal auf die Felswand vor sich gerichtet. Mit einem dumpfen Krachen löste dort sich ein vorstehender Felsblock, blieb eine Sekunde lang in der Luft schweben... und donnerte anschließend wie ein Geschoss mit bogenförmiger Flugbahn auf den Eisklotz hernieder.
Ein lautes und endgültiges Krachen später war der Koloss aus seinem Gefängnis befreit, bis auf einige einzelne Eisbrocken, die nach wie vor an ihm klebten. Diese schien er jedoch gar nicht zu bemerken. Ein zweites Mal steckte er sein riesiges Schwert neben sich in die Erde und streckte die Hand für einen weiteren Zauber aus.
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Sprachlos starrte Rhaego das untote Monster an, das reglos unter der dicken Eisschicht gefangen war. Die roten Augen waren offen und starrten auf die Personen unter ihm auf der Lichtung herab. Sogar in seiner Totenstarre schien es noch mächtig... und zornig. Er konnte den Blick nicht von der uralten Gestalt losreißen.
Da zupfte jemand an seinem Ärmel. Gereizt wandte er sich um und blickte in die blinden Augen der Händlerin. Sobald er den Blick von dem Riesen abwandte, schwand der Bann und mit ihm sein irrationaler Zorn über die Störung.
„Wir müssen weg von hier“, flüsterte Adriana ihm zu. Von ihren Worten in die Realität zurückgebracht, warf Rhaego einen Blick auf die Lichtung unter ihm und sah, wie auch die anderen fluchtartig die Lichtung verließen. Er fragte nicht, woher sie wusste, dass genau jetzt ein geeigneter Moment war - ob sie das auf die selbe Art gespürt hatte, wie sie wusste, dass die merkwürdige Elfe eine Magierin war, oder ob sie einfach die Stille richtig interpretiert hatte, jetzt wo das Monster nicht mehr in seiner unbändigen Wut um sich schlug. Der Koloss, nun schweigend und starr, war auch in seinem Käfig aus gewaltiger Elementarmagie nicht harmlos, das wusste Rhaego instinktiv, sondern lediglich bewegungsunfähig gemacht, bis das Eis im Laufe einiger Zeit – vielen Sonnenstunden vielleicht – schmelzen würde.
In diesem Moment knackte es ganz leise, gerade so laut, dass es Rhaegos Gedanken durchbrach. Ein feiner, zarter Riss zog sich über die blanke Schicht über dem Gesicht des Untoten. Mit einem weiteren Knacken wurde er länger, verzweigte sich. Kleine Eissplitter bröckelten heraus und fielen zu Boden.
„Weg hier“, wiederholte er die Worte der Händlerin, und schob sie in die Richtung, aus der sie gekommen waren. Adriana stolperte los, an seinem Arm. Sie war relativ behände, eilte rasch an seiner Seite von der Lichtung mit dem Riesen weg, doch Rhaego verfluchte innerlich jedes kleine Straucheln, wenn sie auf ungeahnte Unebenheiten auf dem Boden trat.
Rücksichtslos drängte er sie weiter, während hinter ihm, von der Lichtung, erneut Lärm erklang, als der Untote sich wieder zu regen begann. Nach wenigen Schritten war er es jedoch, der auf einen Ast trat. Laut hallte das Knacken durch den Wald. Schreckensbleich fuhr er herum, um zu sehen, ob er vielleicht dadurch die Aufmerksamkeit des Monsters wieder auf sich gezogen hatte, doch zwischen den Bäumen hinter sich schien es noch immer starr auf seinem Platz zu stehen, noch immer von dem künstlichen Schein des Eises um ihn herum umgeben.
Ungeduldig stieß er Adriana voran und endlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, lugte das weiße Fell des Bären durch das Dickicht vor ihnen. Das Lager war schon in Aufruhr, als sie auf die Lichtung stolperten. Der Rest der Gruppe hatte also irgendwie einen Weg durch das Dickicht des Waldes von dem unteren Ende des Abhangs hinauf gefunden. Adriana eilte sofort zu ihrer Dienerin, um ihr zu helfen, den Bären anzuspannen. Die fremde Magierin lag bereits auf der Ladefläche, ebenso wie der Großteil ihres Gepäcks, während Leirâ den jungen Elfen vor sich her zu dem Karren scheuchte. Die Dalish selbst sammelte ihre Sachen ein und sprang dann ebenfalls auf die Ladefläche, das Gesicht bei ihrer Landung leicht verzerrt, als litte sie unter Schmerzen. Ihre großen Augen richteten sich immer wieder unruhig auf den Wald, wo – weit hinter ihnen – das Monstrum noch immer mit dem Eiszauber kämpfen musste.
Die gesamte Lichtung war von schweigender Betriebsamkeit erfüllt, während alle so schnell wie möglich den Aufbruch vorbereiteten. Lediglich Alrik, der mühsam von seinem Sitzplatz hochzukommen versuchte, hörte nicht auf zu reden.
„Was ist denn los? Sprecht doch endlich – erklärt mir, was geschehen ist! Was ist passiert? Und wer sind eigentlich diese Leute?“ Verwirrt deutete er auf die Elfenmagierin sowie den dünnen Burschen, der gerade von Leirâ in eine Ecke des Wagens dirigiert wurde, wo er wenigstens nicht im Weg war, auch wenn er sonst nicht sonderlich hilfreich war, wie er in sich gekehrt und gekrümmt auf der Ladefläche zusammengesunken war.
Juliette war schon bei Alrik und half ihm, sich aufzurichten, doch ob sie ihm die Antworten gab, die er suchte, hörte Rhaego nicht. Rasch eilte er zu ihnen, um ihr zu helfen, denn der schmächtig aussehende Bursche war schwerer, als er aussah. Gemeinsam schoben sie ihn auf den Karren hinauf, wobei Alrik selbst sich zwar anstrengte, dennoch aber – so erschien es Rhaego zumindest – den geringsten Teil der Arbeit übernahm. Endlich war er sicher auf der Ladefläche und kroch neugierig zu der fremden Elfen-Magierin, um sie genauer anzusehen.
In diesem Moment ertönte weit hinter ihnen ein unheimliches, lautes Knallen, als ob etwas sehr schweres dumpf auf den Boten krachte. Rhaego fuhr herum, nach der Quelle des Lärms Ausschau haltend, der vage aus der Richtung der düsteren Lichtung zu kommen schien, konnte allerdings zwischen den Bäumen nichts sehen. Rasch kletterte er nun selbst eilig auf den Karren, gefolgt von der Händlerin, der es mithilfe ihrer Dienerin gelungen war, den Bären anzuspannen. Kaum war sie oben, gab Adriana der Bärin das Kommando zum Aufbruch und der Wagen setzte sich in Bewegung, noch während Juliette sich auf die Ladefläche emporzog. Trotz der schweren Last durch die vielen Personen legte der weiße Bär ein rasches Tempo vor, schneller als Rhaego zu Fuß hätte mithalten können.
Abgesehen von Alriks fst unaufhörlichem Strom an Fragen waren seit ihrer Ankunft bei dem Wagen höchstens ein Dutzend Worte gefallen. Alle, die das untote Monster gesehen hatten, wussten instinktiv, dass sie so schnell wie möglich hier weg mussten, um so viel wie möglich Abstand zwischen sich und dieses Ungeheuer zu bringen.
Rhaego selbst suchte unruhig immer wieder mit dem Blick die Bäume hinter ihnen ab, zuckte bei jeder kleinen Bewegung zusammen, meinte in jedem Schatten die furchterregenden rotglühenden Augen zu sehen. Noch immer stand er unter dem Schrecken der Ereignisse. Hinter ihm wurden Alriks Nachfragen und Erkundigungen immer drängender und fordernder, doch Rhaego beachtete den Burschen nicht. Es schüttelte ihn immer noch innerlich, wann immer er an die leuchtend roten Augen des Untoten dachte, doch gleichzeitig schaffte er es nicht, den blutgierigen Blick aus seinen Gedanken zu vertreiben.
Weg von hier!, dachte er. Einfach nur so weit weg wie möglich von diesem unheimlichen, verfluchten Ort.
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„Ist irgendjemand verletzt?“, fragte die Orlaisianerin nach einer unendlich wirkenden Weile in die schweigsame Gruppe. Sie wusste nicht wie lang sie nun schon unterwegs waren, die Bäume und Sträucher, die neben der im Dunkel liegenden Waldstraße wuchsen, sahen für sie alle gleich aus. Besonders zu dieser Stunde.
Tatsächlich hatten sie bereits eine halbe Wegstunden hinter sich, als der Schrecken der ihnen wohl allen, wenn man von Alrik und der Begleiterin der Händlerin mal absah, in den Gliedern saß so langsam abebbte. Ein paar verneinende Blicke, ansonsten Schweigen, war die Antwort auf ihre Frage.
Es war Juliette, die in der Mitte des Wagens neben dem immer noch fragend blickenden Alrik saß, fast schon ein vertrautes Schweigen. In ihren Jahren als Söldnerin hatte sie bereits ähnliche schweigsame Momente nach Kämpfen erlebt, meistens wenn ihre Mitstreiter nicht sonderlich erfahren gewesen waren oder etwas fürchterlich schief gelaufen war. Oder, und das kam ihrer Situation am nächsten, wenn etwas völlig unerwartetes geschehen war, dass ihnen allen einen gehörigen Schrecken eingejagt hatte.
Und beim Erbauer. Die Adlige glaubte nicht, dass sie schon einmal solche Angst gehabt hatte, als im Kampf gegen dieses unheilige Monster. Noch immer schauderte es sie, wenn sie an die unnatürlich große Gestalt, mit dem verwesenden Fleisch und der uralt wirkenden Rüstung dachte. Besonders das rote Leuchten der liedlosen Augen, war es das sie wohl noch lange verfolgen würde.
Wie sie feststellte, war sie auch nicht die einzige die hier und da einen nervösen Blick über die Schulter warf. Den Magier schien es nicht weniger als sie mitgenommen zu haben. Sein Blick suchte unruhig die Schatten zwischen den Baumstämmen nach ihrem monströsen Verfolger ab, wenn auch weniger gehetzt als es zu Beginn ihrer eiligen Flucht der Fall war.
Mit einem Schaudern versuchte sie den Gedanken an das Ungeheuer beiseite zu schieben. Es gelang ihr nicht wirklich. Dafür würde sie wohl mehr Wein benötigen als sie tragen könnte. Nichtsdestotrotz nahm sie einen großzügigen Schluck aus ihrem Trinkschlauch und dankte dem Erbauer im gleichen Gedankengang sowohl für den billigen aber starken Wein als auch noch einmal davon gekommen zu sein.
„Will jemand?“, fragte sie in die Gruppe, den Trinkschlauch reichend. „Meiner Ansischt, nach wo`l die beste Art mit so etwas fertig zu werden.“
Etwas zögerlich nahm Alrik den dargebotenen Wein.
„Wollt ihr mir vielleicht jetzt sagen was ich verpasst habe?“, meinte der Fereldener in die Runde. Er nahm einen Schluck vom Wein um kurz darauf zu husten, nachdem er ihn nicht ohne Mühe runtergeschluckt hatte. Auch die Dienerin der Händlerin blickte sich bei seiner Frage um, doch keiner der Gruppe konnte sich so recht zu einer Antwort bewegen.
„Isch erkläre es eusch später.“, speiste die Adlige den immer noch neugierigen Burschen ab. „Dafür brauche ich me`r Wein.“
Um über ihr unverhofftes Erlebnis zu sprechen, befand Juliette für sich, dass ihr der Schrecken einfach noch zu sehr in den Knochen steckte.
Was sie mehr interessierte, waren die beiden Fremden, die sich fast schon instinktiv etwas von der Gruppe entfernt, näher am Wagenende saßen. Leirâ, die sich wohl langsam ihrer geprellten Rippen wieder gewahr wurde, schien sich ebenfalls für die beiden zu interessieren, am ehesten wohl für die Magierin.
Beide Fremden waren Elfen, wie es aussah keine Dalish, wenn auch die Magierin einige Worte gesprochen in der Sprache dieses fremden Volkes. Als Verzauberin Xydia vom weißen Turm hatte sich diese vorgestellt und an Hand ihrer Aussprache brauchte das wohl keine Lüge sein. Die ersten paar Minuten war sie, offensichtlich höchst erschöpft durch ihre Magie, nur im Wagen gekauert doch hatte ihr Blick, der sich schier in ihr Gegenüber bohrte, stets dem anderen Elfen ihr gegolten. Mittlerweile hatte sie sich aufgerichtet mit einem fordernden Ausdruck in ihren dunklen Augen. Ihr Blick ließ den Fremden unbehaglich auf seinem Platz herumrutschen, als fürchtete er gar ihr nächster Zauber könnte ihm gelten. Nach der beeindruckenden Darbietung ihrer Magie, wäre es der Söldnerin wohl nicht anders gegangen.
Er hatte die ganze Fahrt über genauso wenig gesprochen wie der Rest der Gruppe, doch galten seine nervös suchenden Blicke nicht nur einem möglichen dämonischen Verfolger. Auch die Gruppe beäugte er mit einem vorsichtigen Glanz in seinen Augen.
Wie ein scheues Reh…oder ein Dieb. , dachte sich Juliette eine Ahnung erhaschend was die beiden Elfen wohl verband.
Bevor hier jedoch jemand, beflügelt durch den letzten Rest ihrer Aufregung, auf dumme Gedanken kämme oder gar versuchen würde zu fliehen, entschloss sich Juliette, die nun beide Fremden aufmerksam mit einer misstrauischen Miene musterte, ihr Interesse zu stillen.
„Isch glaube dieses Ding, liegt nun weit genug `inter uns, dass wir uns nun eusch zuwenden können.“, sagte sie ernst zu den beiden Fremden. „Und im Anbetracht der Tatsache das wir eusch nischt mit diesem Ding zurück gelassen `aben, wäre es nur rescht und billig, wenn ihr e`rlisch antwortet.“
Sie schwieg kurz und blickte beide Elfen kurz an.
„Was ´attet i´r zu dieser späten Stunde, mitten im Wald zu schaffen?“
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Langsam, nur langsam kehrte sie in die Welt wieder zurück. In ihrem Kopf hämmerte und dröhnte es, ihre Umwelt sah sie im ersten Moment nur verschwommen war. Noch langsamer kam die Erinnerung zurück, was passiert war und endete damit, dass sie neben dem Elfen, der ihren Dolch gestohlen hatte zusammengesackt war. Dann waren noch schattenhafte Erinnerungen da. Alles war noch wirr.
Die junge Elfe schwieg zog ihre rote Jacke fester um ihren Körper, ihr war kalt. Zu gerne hätte sie einen Schluck angenommen von was auch immer in der Feldflasche gewesen war, doch war es wirklich ein Angebot an alle gewesen? Auch an Klingenohren? Menschen behandelten Elfen nicht gut in aller Regel, hielten sie als Dienstboten, eine andere Bezeichnung für Sklaven. Es gingen Gerüchte, das junge Chevalier, die Krohne der Krieger, in die Bezirke der Elfen geschickt wurden um das erlernte, das Töten, zu praktizieren. Xydia war sich bewusst darüber, dass sie gleich zwei 'Nachteile' in sich vereinte: sie war eine Elfe und sie war eine Magierin. Wer sollte ihr trauen? Vielleicht die Orlasianerin, immerhin hatte sie sie nicht getötet, als sie die andere Elfe versucht hatte zu heilen. Vielleicht überwog aber auch die Angst vor der magischen Kunst und das was sie gezeigt hatte um das Monstrum zu stoppen, war so erschreckend wie ein Blick hinter den Vorhang. Immerhin hatte sie sie fortgebracht, sie getragen. Hätte sie es nicht getan, das Monster würde sie schon jetzt langsam und qualvoll getötet haben.
Xydia zwinkerte, versuchte ihren Blick klar zu bekommen. Es brauchte noch etwas, aber dann konnte sie die Gestalten erkennen. Das war die Orlasianerin, die Elfe, der Verzauber, noch andere Personen im Wagen und direkt neben ihr, der Elf. Ihr Blick war finster, denn all das was passiert war, ihr passiert war, hatte er ausgelöst. "Was 'attet i'r zu dieser späten Stunde, mitten im Wald zu schaffen?" Dröhnte, hallte die Stimme der Frau, deren Namen ihr nicht präsent war in ihrem Schädel wieder.
Beschwichtigend hob Xydia langsam ihre zitternden Hände. "Bitte, nicht so laut, mein Schädel dröht fürchterlich. Gerne werde ich meinen Teil dazubeitragen alles zu erklären…" Sprach sie leise. Die Verzauberin wollte ansetzen und hielt dann inne. Die Frau hatte nicht Orlais gesprochen, also wechselte Xydia zur Handelssprache. "Pardon, isch 'atte nischt oufgepasst mit die Sprach. Bon isch bin Xydia, eine Verzauberin von die Tour Blanc… von die Weiße Turm. Die ganze Tag war, um e'rlisch zu sein keine schöne Ding. Isch wurde aus die Kutsche geworfen, obwohl isch die Fa’rgeld beza'lt 'atte und konnte zu die nächste 'erberge ge'en, zu Fuß. Sacre Constructeur! Dort gab es nur noch eine Schlafstatt, wie sagt man, gesammelte Schlafraum für alle? Dort stellte ich die meine wenige Sach ab." Sie atmete durch, wandte ihren Blick in Richtung des Elfen. "Dort kam es dann zu unser erst Begegnung, nes pas?" Sie hoffte, das die Orlasianerin verstand, dass sie dem anderen Elfen nichts Böses wollte. "Er 'atte die Messer genommen, meine Messer. Des'alb eilte isch i'm nach… die…“ Die Elfe rang mit den Worte. "… die Messer, die Dolche sind eine Unterpfand, eine letzte Gruß, von meine Liebe…" Ihre Stimme brach, ihre Augen wurden feucht, wie beim ersten Mal, sie schluckte, rang damit sprechen zu können doch für einen Moment wollte es sich nicht einstellen. Xydia wischte die Tränen fort. "… es tut mir leid. Bei allem was war, bitte straft i'n nischt, es würde nischts ändern, an dem was passiert ist. Och weiß isch zu gut, was man ist bereit zu tun, um eine klein bisschen Leben zu können, die Grenzen verwischen schnell und sind nischt mehr existent." Unbeholfen zuckte sie mit den Schultern. "Isch gebe Eusch meine parole d‘honneur, dass isch nischt die Absicht 'atte Eusch zu schädigen und ebenso gebe isch Eusch ouch meine parole d’honneur, dass nichts damit zu tun 'abe mit die Monstrum." Sie blickte von einem zum anderen. "Bitte...wir 'aben zusammen gekämpft, wenn das nischt eine Grund ist mir eine klein wenig zu vertrauen, eine andere 'abe isch nischt."
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In seinen Umhang gehüllt und in einer Ecke des Wagens zusammengekauert hatte der Elf das Geschehen weitgehend ausgeblendet. Anfangs bekam er nicht so richtig mit was passierte oder wer die ganzen Leute waren, die über den Karren wuselten. Doch je weiter sie dieses Monsterskelett hinter sich ließen, desto schwächer schien auch dessen finsterer Einfluss zu werden und Rowen konnte sich langsam wieder auf das Hier und jetzt konzentrieren.
Wenn er sich bewegte, drehte sich zwar noch alles, ihm war nach wie vor leicht übel und und die holprige Straße war seinen Kopfschmerzen nicht gerade förderlich. Oh richtig, in seinem Kopf war offensichtlich auch irgendwas kaputtgegangen, da er nach wie vor einen riesigen weißen Bären sah, der diese Kutsche zog. Er meinte auch noch, dass ein letztes Echo von dieser Dämonenstimme dort drin hin und her hüpfte und ihm zusammen mit der unaufhörlichen Fragerei dieses jungen Menschen langsam aber sicher um den Verstand brachte.
Aber davon mal abgesehen ging es ihm gar nicht so schlecht.
Fragte sich nur, wie lange das so bleiben würde.
„Was ´attet i´r zu dieser späten Stunde, mitten im Wald zu schaffen?“
Tja, ausgezeichnete Frage. Ich war blöd genug, um mich erwischen zu lassen.
Der Dieb überlegte angestrengt, wie er am besten reagieren sollte. Glücklicherweise kam ihm die Elfenmagierin mit einer Antwort zuvor.
Okay. Übermäßiger Einsatz von Magie beeinträchtigte offensichtlich auch das Geistesvermögen. Die brach doch jetzt glatt in Tränen aus, weil sie ihre beiden Messer verloren hatte. Messer, die für sie nicht einmal einen praktischen Nutzen hatten, verfügte sie doch über diese beeindruckende und zerstörerische Magie. Jede herkömmliche Waffe war, verglichen damit, ziemlich lächerlich.
Naja... jedem das Seine, oder?
Dieses Mädchen, äußerlich war sie vielleicht keins mehr aber ihr Verhalten war schon irgendwie kindlich, war so... unschuldig. Sie schien noch an das gute im Menschen – beziehungsweise Elfen – zu glauben. Sie nahm ihn doch tatsächlich in Schutz weil sie glaubte, hier einfach nur einen Gelegenheitsdieb vor sich zu haben, und nicht jemanden, für den das Stehlen seit x Jahren ein fester Bestandteil des Tagesablaufs war. Wie süß. Jeder andere hätte ihn ohne mit der Wimper zu zucken ans Messer geliefert. Dankbar griff der Elf diese Vorlage auf. Es schien wohl seine beste Chance zu sein, heil hier rauszukommen, wenn er das Spiel mitspielte.
Ganz langsam griff er mit einer Hand unter seinen Umhang und förderte die beiden gestohlenen Dolche zu Tage. Ebenso langsam legte er sie auf den Boden der Kutsche und schob sie im Zeitlupentempo zu Xydia hinüber. Dann folgte er ihrem Beispiel und hob ebenfalls die Hände, wobei er seinen vorsichtigen Blick wieder auf die orlaisianische Kriegerin richtete. Die schien wohl so eine Art Anführer in dieser Gruppe zu sein.
„Schuldig im Sinne der Anklage“, hauchte er leise. Passenderweise zitterten seine Hände immernoch leicht, was wohl eine Nachwirkung war von diesem... was auch immer das für ein Zauber gewesen war, den er da abbekommen hatte. Auch sonst gab er sich Mühe, so klein und kläglich wie möglich zu wirken.
„Ich kann nicht viel zu meiner Verteidigung sagen. Ich habe die beiden Messer da liegen sehen und... hab zugegriffen. Ich dachte dass ich vielleicht etwas Geld draus machen könnte...“
Ein gequältes Lächeln huschte über Rowens Gesicht, was sowohl Rat- als auch Hilflosigkeit ausdrücken sollte.
„Allerdings wäre ich schon froh, wenn ihr mich überhaupt unbeschadet davonkommen lasst...“
Er hielt kurz inne.
„Und von dem Riesenskelett hatte ich wirklich keine Ahnung... sonst hätte ich mich wohl kaum in der Höhle versteckt.“
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Ghilan'nain, beweg dich!, dachte Leriâ, als sie den unbekannten Elfen mit einem unsanften Schulterstoß auf den Wagen beförderte und hinterher sprang, ihre Habe bereits in den Händen. Als sie auf den Planken des Wagens landete fuhr ihr eine Klinge in die Rippen, sodass sie scharf die Luft einzog.
Mythal, wie oft muss das denn noch geheilt werden? Egal, dafür ist nun keine Zeit. Ihre Blicke glitten zurück zum Hügel, die Steine waren zwischen den Bäumen noch sichtbar.
Leirâ bemerkte, dass sie zitterte. Ihre Zunge zuckte nervös über ihre Lippen und die Seite schmerzte wieder. Die Jägerin zuckte erschrocken zusammen, als die stumme Elfe sie an der Schulter berührte. Die Dalish vermochte die vielen Gesten nicht zu verstehen, doch ahnte sie, was die Stumme wissen wollte.
„Wir... Sollten uns êlen, diese Zwergenstêtte zu errêchen.“, meinte sie nur halblaut, unfähig, das Geschehen jetzt schon wiederzugeben. Und auch wenn ihr die Vorstellung, unter Tonnen von Gestein begraben zu sein, alles andere als gefiel, so musste sie zugeben, lieber diese Tonnen zwischen sich und diesem gewaltigen Monster zu haben als noch einmal unter freiem Himmel dagegen kämpfen zu müssen. In diesem Moment erfüllte ein lauter Knall die Luft und ließ die Dalish herumfahren. Nichts als Schatten hinter ihnen.
Was bei Dirthamen ist dieses Wesen bloß? Vielleicht... Einer der Vergessenen? So unglaublich dieser Gedanke auch war, anders konnte sie sich so ein... Monstrum nicht erklären. Doch wenn dem so war, was sollten sie gegen dieses Wesen ausrichten? Die Vergessenen wussten sogar die Erschaffer zu bekämpfen, wie würde es dann erst Sterblichen ergehen, die sich gegen sie stellten?
Nun hör aber auf! Magie kann die verblüffendsten Dinge. Einer der Vergessenen, bestimmt nicht.
Aber... vielleicht ein Gesandter der bösen Götter...
Mit diesen düsteren Gedanken schaute sie den Schatten zu, welche den Hügel hinter ihnen verschluckten.
Ihre Gedanken waren ein wirrer Strom von Fragen, ihre Ohrenspitzen zuckten kaum merklich bei jedem Geräusch. Bis Juliette den Weinschlauch herum reichte. Leirâ lehnte ab, sie brauchte all ihre Sinne beisammen. Ihr BLlick fiel wieder auf die beiden Elfen, die sich ihnen angeschlossen hatten und neue Fragen formten sich in ihrem Kopf, welche jedoch von Juliette unterbrochen wurden, die ihrerseits nun Fragen an die Fremden richtete.
Dummerweise konnte Leirâ Xydias Antwort aufgrund deren starken Akzents kaum verstehen und auch was das andere Flachohr dazu sagte, machte für sie wenig Sinn. Er war... was? Hatte Xydia die Dolche genommen? Sie seufzte. Unterm Strich schien auf jden Fall keiner der beiden zu wissen, was sie da angegriffen hatte. Ihr überraschter Blick fiel nach unten.
Ohne es selbst zu bemerken, hatte sie ihren Bogen bespannt.
Mythal, ich bin angespannter, als ich dachte. Mit einem raschen Blick versicherte sie sich, dass ihnen niemand folgte, was sie bei den dicht stehenden Bäumen aber genausogut hätte lassen können. Dann glitt ihr Blick zu dem schwarzgewandeten Elfen.
„Beruhige dich. Nîmand wird dich hîr verurtêlen. Es schênt, wir alle haben Schuld ûf uns geladen.“ Sie zwinkerte Juliette zu, ehe sie sich an die Magierin wandte.
„Verzêh, ich versteh dich kâm. Dennoch dank, dass du mich hêltest. Doch nun: Woher stammst du? Woher sprichst du dî Zunge des Volkes? Und da du ûber Magî gebîtest, wie entkâmst du dêner Gefangenschaft?“ Sie hatte noch weitere Fragen, doch musste abbrechen, um sich die Hüfte zu halten. Irgendwie war der Schmerz nun anders als in den vergangenen Tagen, saß an der falschen Stelle. Sie hoffte, dass es keiner bemerkt hatte, sie alle hatten dringendere Sorgen und Alrik und Juliette würden nur wieder einen Aufstand darum machen.
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Aufmerksam hatte sie dem Elfen, Rowen, zugehört, was er zu sagen hatte. Als er dann die Dolche ablegte, legten sich Ihre zarten, filigranen Finger auf diese, nahmen sie auf, legten sie an ihr Herz. "Danke." Hauchte die Elfe in Richtung Rowan. Innerlich war sie immer noch gerührt ob der Geste und doch war ihr klar, dass niemand sich wohl vorstellen konte, wie sie sich fühlte, was ihr diese Dolche bedeuteten.
Es blieb ihr nicht wirklich Zeit um ihren Gedanken weiter nachzuhängen, denn nun sprach die Elfe, Leirâ zu ihnen. Xydia schaute sie an, folgte dem was sie sagte aufmerksam, wollte keines der Wort verpassen, denn wenn es eine Fürsprecherin gab, dann sie. Hatte sie die Elfe nicht geheilt? Doch die Fragen, die dann kamen waren keine, die einfach zu beantworten waren und weniger noch um etwas Ruhe hineinzubringen. Einzig und allein der Satz 'Nîmand wird dich hîr verurtêlen. Es schênt, wir alle haben Schuld ûf uns geladen.' ließ sie hoffen, nicht direkt verurteilt zu werden. Das Zucken, der Moment wo man den Schmerz im Gesicht der Elfe hatte ablesen können, war ihr nicht entgangen, dafür war sie zu gut im Turm ausgebildet worden. Leirâ schien starke Schmerzen zu haben. Nicht nur Elfen versuchten Schmerz zu verbergen um keine Schwäche zu zeigen, so manch Cheavalier tat dies, manchmal vollkommen unsinnigerweise nach einem Duell, nur um seinem Gegner zu zeigen dass er nicht 'berührbar/antastbar' war. Zu oft schon hatte jemand diesen Fehler mit dem Leben bezahlt.
Langsam begann sie zu sprechen, langsamer als zuvor und versuchte sich besser zu artikulieren. "Bitte verzei'h, aber die Buchstabe 'H' von die allgemeine 'ändlersprach ist für misch eine Nemesis. Ich spreche die Sprache von unsere Volk, aber isch kann Dir nicht sagen, wo'er isch komme, noch wer meine Familie ist. Mir ist klar, dass das die Vertrauen nischt förderlisch ist…" Ihr Blick hätte einen Stein erweichen können, denn sie zeigte offen, das sie darunter litt, es selbst nicht zuwissen woher sie kam. "Man sagt, dass die Vergangen'eit abgeschnitten wurde, als isch eine Schlag auf die Kopf erhielt." Vorsichtig nahm sie ihre blauschwarzen Haare, dort wo die Stirnlocke war hoch, teilte sie nach links und rechts und eine lange, rötliche, leicht wulstige Narbe wurde für alle sichtbar. Man brauchte nicht viel über die Heil- oder Kriegskunst zu wissen, dass diese Verletzung am Schädel schwerwiegend gewesen war. Vorsichtig schob sie ihre Haare nach einem Moment des Wartens wieder zu recht, nachdem sie glaubte, dass alle sie gesehen hatten.
Nach einer weiteren kurzen Pause begann sie wieder zu sprechen, ebenso akzentuiert, ebenso langsam."Isch weiß nur, dass ich die Sprach von unsere Volk immer gesprochen 'ab, aber wie gesagt, eine Teil von meine Leben liegt im Verborgenen. Das erste woran isch misch erinnern kann ist, dass isch Edme, die Wirt von 'La Baliste' ge'örte. Er 'atte mich für sieben Kupferstücke von eine 'ändler' gekauft, so sagte man mir. Isch, weiß offiziell gibt es keine Sklaverei in Orlais. Aber die Wirklischkeit ist nicht immer das, was geschrieben ste't. Von da an tat isch, was er misch auftrug… -ihre Augen spiegeln eine Traurigkeit und tief empfundenes Leid wieder – Von da an, war isch eine Laternenmädschen bis zu die Tag, als eine Kerl misch verprügelte, weil er unzfrieden war..." Stille trat ein. Xydia sah keinen Sinn darin es zu verschweigen, die Tätowierung hinter ihrem Ohr, die stilisierte Schwalbe, würde es die meisten wissen lassen was sie war, die sich in der 'Unterwelt‘ auskannten "Das war die Tag als die Magi 'ervorbrach aus mir und er, Rhys, so 'ieß die Prgelbold, za'lte teuer für jede einzelne Schlag den er misch 'atte schmecken lassen. Isch schwöre, isch konnte nichts lenken... die Feuer war mächtig und er gezeichnet für seine Leben. Das wäre meine End' gewesen, wenn nischt eine Verzauberer anwesend gewesen wäre. Er 'ielt die andere davon ab misch zu lynchen, brachte misch in die Tour Blanche. Nach eine Gespräsch mit die Erste Verzauberer wurde isch aufgenommen in die Turm und in die Künste von die Magi unterrichtet." Ihre Augen leuchteten, strahlen und es war etwas wie Freude in ihnen zu lesen. "Zu die Enttäuschung von meine Le'rer Radulf war isch nur gele'rig in die 'eilkünste. Jedenfalls ist es das, was isch wirklisch kann und die einzige Sach, wo isch bin stolz drauf in meine Leben."
Sollte sie noch mehr ausbreiten von ihrem Leben? Hatte sie nicht schon mehr als genug erzählt? Jedes Wort war wahr gewesen. Xydia entschied sich es dabei bewenden zu lassen. "Oui, isch bin eine Verzauberin geworden, 'abe die Prüfung 'inter die Vor'ang bestanden und oui, als solsche ste'e isch unter die Schutz von die Templier, das ist korrekt… aber die Templier ist tot, gestorben dursch die 'and von Radulf. Er ist die zweite Verzauberer. Warum er es tat weiß isch nisch, isch 'atte Angst… Panik... und bin geflo'en, eine Fe'ler, oui. Sacre Constructeur! Isch weiß dass isch 'ätte anders 'andeln müssen, aber isch 'atte pansiche Angst vor was kommen würde. Verste't ihr? Wenn isch our i'n treffe, wird er misch töten... wenn er in die Tour zurückke'rt wiegt seine Wort me'r als die meine." Sie blickte von einem zum anderen. Musste sie noch mehr preisgeben?
"Leirâ, Madame." Sie blickte als sie sprach zu der Elfe und der Orlaisianerin. "Wir immer i'r Eusch entscheidet, was i'r mit mir tun wollt, bitte erlaubt mir beide Leirâ zu 'eilen… es muss getan werde. Bitte. Wenn i'r misch nicht traut, dann ne'mmt eine von meine Klingen und setzt sie an meine Kehle‚ sollte isch etwas anderes tun als Leirâ zu 'eilen, tut was i'r tun müsst."
Die Elfe wartete auf das Urteil, als solches empfand sie es, der beiden. Ja, sie hatte nicht gesagt, dass sie ein gewisser Teil ihres Lebens auch im Turm nicht wirklich sich verändert hatte. Radulf hatte dafür gesorgt das er seinen Spaß mit ihr hatte und auch all jene, die er für seine Zwecke brauchte. Aber sie sah keinen Sinn darin dies zu tun. Wer sich in Mode auskannte wusste, dass der Stecker unterhalb ihrer Unterlippe eigentlich nur typisch war für die Menschen auf Rivain, die, die sich in anderen 'Kreisen' auskannten machten sich einen Spaß daraus ihre Huren so zu schmücken, um ihrer Ansicht über die rivianische Gesellschat und deren Status Ausdruck zu verleihen. Das in Anlehnung der alten orlaisianischen Tradition, seinem Hund oder anderen Haustieren den Namen seines Feindes zu geben um klar zu stellen wer wem etwas zu sagen hat.
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Rhaego verdrehte die Augen, als er die Geschichte der beiden Elfen hörte, während er sich erschöpft gegen den Wagenrand lehnte. Es war nicht so sehr körperliche Erschöpfung – obwohl ihn das ganze Gerenne in den letzten Stunden und Tagen doch an die Grenzen seiner Ausdauer gebracht hatte – sondern vielmehr eine... geistige Leere. Der Eindruck, den die toten Augen des Ungeheuers hinterlassen hatten, der Schrecken, den es in ihm hervorgerufen hatte – all das hatte ihn weit mehr erschöpft, als die Zauber, die er gewirkt hatte. Noch immer ertappte er sich dabei, über die Schulter in die schweren Schatten zwischen den Bäumen hinter ihnen zu blicken, nach dem verräterischen roten Glänzen zu suchen...
Doch der weiße Bär lief rasch und scheinbar unermüdlich weiter. Rhaego wusste, dass auch dessen Kraft irgendwann nachlassen würde, doch er hoffte inständig, dass es bis dahin noch lange dauerte.
Zusätzlich zu seiner Anspannung störte ihn der orlaisianische Dialekt, den er nun ständig hörte. Die Geschichte des Elfenmädchens war an sich auch nicht überraschend. Fast jeder Magier im Zirkel erzählte irgendetwas in diese Richtung. Eine extreme Situation – Angst, Zorn, Verwirrung – der plötzliche Ausbruch von Magie... und ein Mitglied des Zirkels in der Nähe. Erst nach der Ankunft im Turm gab es verschiedene Entwicklungen: die einen, die sich von den Templern entrechtet und gefangen fühlten, und diejenigen, die den Handlangern der Kirche ihre hohlen Geschichten abkauften, dass sie lediglich zu ihrem Schutz da waren – vor äußeren Feinden und, viel wichtiger noch, den inneren Feinden der Sünde.
Rhaego ließ seinen Blick über den anderen Neuankömmling schweifen. Nach wenigen kurzen Sätzen schien er sich wieder in sich zurückzuziehen. Auch sonst war er nicht wirklich auffällig. Ein kleiner Gelegenheitsdieb, wie es sie tausende gibt... Nun, es gab schlimmeres als das. Zum Beispiel eingeschüchterte Magier, die sich wie Schoßhunde der Templer verhielten.
Er konnte sich bei dem Ausruf „Sacre Constructeur!“ ein abfälliges Schnauben nicht verkneifen. Es war offensichtlich, zu welcher Seite die Magierin gehörte, so offensichtlich wie sie den „Schutz der Templer“ erwähnte. Wobei dieser Teil der Geschichte durchaus spannend war. Ein Verzauberer, der einen Templer tötete... Vielleicht hätte er doch in Orlais geboren werden sollen. Andererseits hatte er die drakonischen Strafmaßnahmen der Templer bei kleinen Vergehen kennengelernt und wollte gar nicht erst wissen, was genau geschehen war. Er wäre bereit seinen ganzen Besitz gegen einen Haufen Dreck zu verwetten, dass der orlaisianische Turm auf den Kopf gestellt worden war und nun unter dem Templeräquivalent von Kriegsrecht lag.
Langsam schüttelte er den Kopf. Wie schnell er doch wieder in die alten Denkmuster des Zirkels zurück gefallen war... Gute Magier, böse Templer, oder anders herum. Er seufzte. So sehr es ihm missfiel, noch eine gottesfürchtige Orlaisianerin an seiner Seite zu haben, ihre Geschichte klang plausibel. Und wenn ihre Fähigkeiten in den Heilkünsten ihre Elementarzauber übertrafen, hatte Leirâ ihre Hilfe bitter nötig.
„Ich denke, das wird nicht nötig sein“, erwiderte er kurz angebunden auf das Angebot der Elfe, ihr einen Dolch an die Kehle zu halten. Was für eine affige Idee! Die Blicke der anderen wandten sich ihm zu, da er sich bisher aus der Diskussion herausgehalten hatte. „Es klingt, als wüsste sie, wovon sie spricht“, fügte er wie eine Erklärung hinzu.
Alrik nickte rasch. Dann hielt er inne. „Vielleicht wäre es besser, zu warten, bis der Wagen nicht mehr so ruckelt? Nicht dass es zu... Komplikationen kommt – dass sollte nicht beleidigend sein, werte Magierin – ich meinte, nicht dass Ihr...“ Der junge Bursche brach ab, ehe er sich noch weiter verhaspeln konnte, seine Wangen verlegen gerötet. Dann setzte er neu an. „Vielleicht sollten wir einfach beim nächsten Gasthaus halt machen.“ Er blickte in das undurchdringliche Dickicht des Waldes um sie herum. „Wo immer das ist“, setzte er leise hinzu, ehe er noch leiser und unsicherer fortfuhr: „Wo genau sind wir eigentlich?“
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Die Geschichte der Elfe, hätte Juliette, die keine Miene verziehend zuhörte, fast schon Mitleid abgerungen, wäre diese Xydia keine Magiern und auch keine Fremde…vor allem jedoch keine Magiern. So blieb das für Juliette, und weite Teile der Bevölkerung, nur natürliches Misstrauen gegen jede Art von Magie, gleichsam ob sie nun zusammen gekämpft hatten oder nicht. Auch wenn sie andererseits glaubte mit Rhaego eine Art Frieden geschlossen zu haben, verflogen die Spuren ihrer religiösen Erziehung und Jahrelange Vorbehalte nicht einfach so, und einen weiteren Magier um sich zu haben, und auch wenn sie von Orlais zu stammen schien, war dem nicht gerade zuträglich. Besonders unter den Umständen ihres Zusammentreffens.
Als die Elfe den weißen Turm in Val Royaux erwähnte, meinte Juliette tief in ihrem Hinterkopf eine ungute Erinnerung rumoren zu spüren, doch tat sie das ab und hörte stattdessen eher auf das folgende Gesagte, welches doch mit einen noch stärkeren Akzent als der ihre belegt war. Sie fragte sich fast ob die anderen davon überhaupt ein Wort verstünden.
Wie sich rausstellte bewahrheitete sich die erste Ahnung der Söldnerin über die Verbindung der beiden Elfen. Ein Dieb. Ihre bis jetzt neutrale Miene wurde eine Spur kälter beim Blick auf den manteltragenden Elfen. Wohl für außenstehende genau der Blick einer Adligen die sich der Gesellschaft niederster Stände gewahr wurde und da war wohl auch nicht wenig dran.
Doch war dies wohl auch nicht wenig auf die schlechten Erfahrungen die die Orlaisianerin in ihren Jahren als Söldnerin gemacht hatte zurückzuführen. Als jemand der nur wenig besaß und an dem wenigen sehr hing, war man auf Diebe nur schlecht anzusprechen. Kaum merklich ballte sich ihre behandschuhte Faust die von ihrem wertvollen Siegelring, abgesehen von ihrem Säbel, ihrem wohl letzten Gegenstand von Wert geschmückt wurde. Sie war sich fast schon sicher dass der Dieb diesen bereits bemerkt hatte.
Dass der Dieb ein Elf war hatte darauf jedoch wenig Einfluss. Ob Mensch, Elf, Zwerg oder was sonst noch auf des Erbauers schöner Welt umherschlich, sie mochte alle Diebe gleich wenig. So konnte sie der Magiern, welche den flüchtigen Dieb angeblich durch den Wald verfolgt hatte, doch noch etwas abgewinnen. Für ihren Siegelring wäre sie gerannt als sei die Brut hinter ihr…um dem diebischen Kretin anschließend alle Zähne auszuschlagen.
Die Entschuldigung den Diebstahl aus der Not heraus begangen zu haben, wollte sie dem Elfen auch nicht wirklich abkaufen. Zumal diese Ausrede nicht einmal von ihm stammte sondern von der Magiern. Wie praktisch, dachte sich die Adlige, während sie wiederum nun dem Elfen lauschte. Er brauchte nur zu bestätigen und musste sich gar nicht erst etwas ausdenken. Hatten die beiden vielleicht doch mehr gemein als es bisher den Anschein hatte? Ein diebisches Gespann? Die Magiern lenkte die Gruppe ab, während der Langfinger zuschlug? Und falls sie erwischt wurden hatten sie diese kleine Ausrede gleich einstudiert? Hatten sie es hier gar mit Spielern des Spiels zu tun, mutmaßte die Adlige. Immerhin kam die Magierin aus Orlais. Doch mitten im Nirgendwo zu so später Stunde?
Überführte Diebe neigten ja gerne zu solchen oder ähnlichen Ausreden, wenn ihre Schuld bewiesen war und ihrer Ansicht nach sah er nicht sonderlich abgemagert aus. Schmal, ja. Aber für einen Elfen war dies ja natürlich. Da hatte sie schon andere Diebe, wirklich verzweifelte und abgebrannte Gestalten gesehen.
Nichtsdestotrotz bemerkte die Adlige die seltsamen Augen des Elfen. Die sonderbarerweise unterschiedlich farbigen Augen des Elfen schienen einen durchtriebenen Eindruck zu hinterlassen…vielleicht war dies jedoch auf die Nachwirkungen des Schreckens zurückzuführen. Sie war ja nicht die einzige der der Schreck noch in den Knochen saß.
Aufgekratzt durch ihren ungleichen Kampf hatte Leirâ, während des Gespräches, sogar ihren Bogen gespannt, fast als erwarte sie einen weiteren Zwischenfall.
Ein abschließendes Urteil konnte die geübte Spielerin des Spiels jedoch nicht fällen da die Gestalt des Elfen von seinem Mantel größtenteils verdeckt wurde. Absicht? So oder so musste man ihn im Auge behalten. Sie beide.
Sie verbarg ihren forschenden Blick geschickt hinter ihrer kühlen Miene, sodass der Elf, wenn er es den bemerkte, es wohl eher auf adelige Arroganz und das nur übliche Misstrauen gegenüber einem Langfinger schieben würde. Sobald sich die Gelegenheit ergäbe würde sie versuchen genauer auf Tuchfühlung zu gehen sowohl bei dem Langfinger als auch bei der Magierin.
Beide beteuerten sie jedoch mit dem untoten Koloss nichts zu schaffen gehabt zu haben…und das glaubte ihnen Juliette auch. Die Situation hatte doch alles andere als unter irgendjemandes Kontrolle gewirkt, wenn man von dem Monster einmal absah, doch konnte sie ihre Theorie über eine diebische Zusammenarbeit der beiden noch nicht ausschließen…auch wenn sie ihr bei näherer Überlegung eher unwahrscheinlich erschien.
„Beruhige dich. Nîmand wird dich hîr verurtêlen. Es schênt, wir alle haben Schuld ûf uns geladen.“, wandte sich Leirâ an den anderen Elfen, ehe sie Juliette zuzwinkerte.
Juliette antwortete auf das Zwinkern der Dalish mit einem Blick und einer Miene, der man die Zweifel an ihrer Aussage ablesen konnte auch ohne das Spiel gespielt zu haben. Abgesehen davon das Juliette noch kein Urteil fällen würde, betrachtete sie sich frei von jeder Schuld. Sie hatte nur ein Gruppenmitglied das von einer unbekannten und potenziell gefährlichen Magierin verzaubert oder gar verhext wurde versucht zu beschützen. Und hätte sie damit über die Stränge geschlagen, was sie so ohnehin nicht einsah, sah sie ihre Schuld damit wieder beglichen die erschöpfte Magiern zum Wagen getragen anstatt sie dem Monster überlassen zu haben.
…vielleicht war es aber doch etwas unhöflich gewesen ihr die Klinge an die Kehle zu setzen, gab Juliette im Geiste kleinlaut zu. Etwas jedenfalls. Sie wollte ja anscheinend doch nur helfen.
Bevor sich die Adlige jedoch überlegen konnte ob sie sich tatsächlich entschuldigen sollte, sprach die elfische Magierin schon weiter. Als Antwort auf die Frage der Dalish, erzählte sie von ihrem Leben, ihrer selbst ihr nicht bekannten Herkunft, zeigte eine grässliche Narbe auf die das zurückzuführen sei, wie sie in den Zirkel kam. Als ehemalige Spielerin lauschte Juliette genau. Immerhin ergab sich aus dem Gesagten das diese Xydia von weniger rebellischer Natur gegenüber den Templern als Rhaego war. Etwas was auch jenem nicht schlecht stehen würde, wie Juliette mit einen kurzen Blick auf ihn befand.
Er schien von ihrem Gesagten nicht gerade angetan zu sein. Schnaubte gar abfällig während die offensichtlich deutlich gläubigere Magierin sprach. Anfreunden würden sich die beiden wohl nicht. Juliette sicher auch nicht, doch sorgten die offenbar glaubenskonformeren Worte der Magierin, dass sich die Augenbrauen der Orlaisianerin, sachte, etwas auseinanderzogen.
Schließlich erläuterte sie eher vage, wie sie anscheinend bei einem Zwischenfall oder gar einer Intrige mit tödlichem Ausgang, den Turm verlassen musste, was vermutlich auch der Grund war das sie nun im Ausland verweilte. Eine Rückkehr, so stellte sie dar, hätte ungute Folgen.
Eine verräterisch bekümmerte Regung im Gesicht verbergend, kam das Juliette doch sehr bekannt vor…sofern es stimmte versteht sich. Bis jetzt glaubte sie nicht Anzeichen einer Lüge im nach elfischen Standarts wohl hübschen Gesicht der Magierin zu erkennen, aber einen guten Spieler durchschaute man auch nicht schnell. So beschloss sie es erst einmal hinzunehmen.
Schließlich bat die Magierin darum Leirâ nun vollständig heilen zu dürfen und bot sogar an ihr eine ihrer Klingen an den Hals zu setzen. Sie schien der anderen Elfe wohl inständig helfen zu wollen. Wäre Xydia keine Magiern, und somit besser einzuschätzen, hätte dies bei Juliette für deutlich mehr Sympathie gesorgt. Doch es blieb dabei dass Juliette Magie nun einmal nicht verstand und daher nicht darauf vertrauen wollte, was eine Fremde versprach.
So hätte sie sich fast dagegen ausgesprochen doch der Zuspruch, auch wenn er wenig freundlich war, seitens Rhaegos ließ sie verstummen. Er war schließlich Magier. Er kannte sich mit so etwas sicher aus…hoffte Juliette jedenfalls. Vielleicht konnte er ja sehen, wenn die Elfe etwas tat das nicht mit rechten Dingen zu tun hatte? Auch dies hoffte sie.
Sich verhaspelnd schlug Alrik jedoch vor erst auf eine ruhigere Fahrt zu warten, ehe er seine stockende Erklärung mit geröteten Wangen unterbrach und bei einem neuerlichen Ansatz vorschlug beim nächsten Gasthaus halt zu machen.
„Wo immer das ist“, setzte er leise hinzu, ehe er noch leiser und unsicherer fortfuhr: „Wo genau sind wir eigentlich?“
„Irgendwo im Nirgendwo.“, antwortete Juliette ruhig. „Isch glaube da müssen wir uns `eute keine Gedanken me ´r darüber machen. `auptsache wir sind in Sischer`eit. Mein Vorschlag wäre es noch so weit es die werte `ändlerin ihrem Tier zumutet zu fahren und dann zu ruhen.“
„Was die `eilung betrifft…“, setzte sie an die Magierin aber auch an Rhaego gewandt hinzu. „…stimme isch zu. Nischtsdestotrotz werden wir natürlich ein Auge auf eusch `aben.“
Indirekt war dies auch eine Aufforderung an Rhaego, dessen Gesellschaft sie nach wie vor nicht allzu sehr schätzte, doch mehr Vertrauen entgegen brachte als dieser Fremden.
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Ohne ein Wort hockte der Elf da, leicht nach vorn gelehnt, die Hände inzwischen mit den Handgelenken auf seinen Knien abgestützt und bewegte sich nicht mehr als unbedingt notwendig, während er mit wachsamen Augen die Umgebung und vor allem seine Mitfahrer untersuchte. Schweigen. Bloß nichts tun, das als Bedrohung aufgefasst werden könnte. Solang man ihn nicht ausdrücklich das Wort an ihn richtete, würde er weiter die Klappe halten und sich auch sonst so kurz fassen wie möglich. Gewohnheit. Ein redseliger Dieb war in der Regel ein toter Dieb.
Den Blick dieser Menschenfrau kannte er nur zu gut. Es war ihm praktisch sein ganzes Leben gefolgt, wann immer er sich tagsüber in der Öffentlichkeit blicken ließ. Es mussten nicht einmal reiche Säcke sein. Auch die normale Bevölkerung tat das bisweilen. 'Sieh, ich bin was besseres als du! Zurück in dein dreckiges Loch, Klingenohr!' Angenehmerweise blieben ihm dieses mal aber die Beschimpfungen, Tritte und die umherfliegende Spucke erspart. Das war doch schonmal ein Anfang.
Ganz kurz blieb sein Blick an dem Ring der Kriegerin hängen, doch er besann sich rasch wieder eines besseren und schaute weg, bevor sie den Anflug eines interessierten Funkelns in seinen Augen bemerken konnte. Junge, jetzt behalt bloß deine Finger bei dir, schellte er sich in Gedanken. Das wird sonst wirklich böse ausgehen.
„Beruhige dich. Nîmand wird dich hîr verurtêlen. Es schênt, wir alle haben Schuld ûf uns geladen“, meldete sich die Dalish zu Wort. Ja sicher. Dann erklär mir bitte, warum du schon mal deinen Bogen vorbereitet hast... In dem vorsichtigen Blick, mit dem er dem ihrem begegnete, mischten sich Erschöpfung und ein bitte-tut-mir-nichts-Ausdruck. Er glaubte ihr kein Wort, ebenso wenig wie sie ihm.
Auch ohne seine jahrelange Erfahrung mit Schwindlern und Betrügern konnte er dieses stille Einverständnis zwischen ihr und der Kriegerin deuten. Nicht weiter überraschend, er kaufte sich den Blödsinn ja kaum selbst ab. Hätte das einer aus seiner alten Bande gesehen, wäre der vor Lachen wohl rückwärts aus der Kutsche gefallen. Naja. Wär ja auch zu einfach gewesen... Der Elf starrte wieder geradeaus auf seine Hände und gab sich weiterhin Mühe, so harmlos wie möglich auszusehen und ja keine verdächtige Bewegung zu machen.
Die Magierin, Xydia, trug jedenfalls eindeutig zu dick auf mit ihrer Geschichte. Die hatte sie doch nicht mehr alle. Praktisch gesehen waren er und sie Gefangene, dem guten Willen dieser Idioten ausgeliefert, und sie hatte nichts besseres zu tun, als ihren Aufsehern ihre ganze Lebensgeschichte vorzujammern und noch darum zu bitten, mit einem Messer an der Kehle die Wildelfe da drüben zu heilen. Der Dieb konnte nicht verhindern, dass sich eine Spur Verwirrung in seinen bisher sorgfältig aufgebauten unglücklichen Gesichtsausdruck schlich. Ihm waren ja schon eine Menge verrückter Leute begegnet, aber das hier...
Wollte sie Mitleid, oder was? Lächerlich. Wenn sie so eine Vergangenheit hatte wie die meisten Elfen die er kannte – sich selbst eingeschlossen – wäre er froh drüber, sich nicht an selbige erinnern zu können. Auch sonst löste das Gesagte nicht viel in ihm aus, außer Abneigung. Es erinnerte ihn an die unzähligen bettelnden Elfen im Gesindeviertel. Alle hocken sie da und jammerten wie schlecht es ihnen ging, wie grausam die Menschen sie behandelten, das ihnen dies und jenes schreckliche widerfahren war... Und so weiter und so weiter. Ändern taten sie aber nichts, sondern nahmen trotzdem dankbar jeden Brotkrumen, denen ihnen ihre Sklaventreiber zuwarfen.
'Zahme Hauselfen' war der Begriff, mit denen Rowen und seine Bande derlei Leute sehr treffend beschrieben. Brave Hündchen, die bereitwillig nach fremder Pfeife tanzten. Denen nicht im Traum einfallen würde etwas anderes zu tun, als zu unfairen und erniedrigenden Bedingungen nach den Regeln der Menschen zu spielen.
Die Magierin hier war eindeutig auch so eine. Offiziell wurden alle Magier weggesperrt, waren im Prinzip alle mehr oder weniger Gefangene, die die ganze Zeit über von Templern überwacht wurden. Aber wenn Rowen Xydia so reden hörte... nein, sie klang so als fände sie das alles auch noch gut und richtig so.
Wer ließ sich bitte einsperren, rund um die Uhr bewachen und fand das dann auch noch gut?
Die war eindeutig nicht mehr ganz richtig im Kopf...
Einen Vorteil hatte ihre übertriebene Hilfsbereitschaft jedenfalls. Die allgemeine Aufmerksamkeit galt ihr und der Dieb hatte noch ein bisschen Schonfrist, ehe er sich dem unausweichlichen stellen musste. So billig würden die ihn nicht laufen lassen, das war sicher. Nur... welche Form würde das Verhör wohl annehmen? Eine Art altbekanntes Gute Wache-Böse Wache – Spiel? Oder gar andere, ebenso bewährte... Methoden zur Wahrheitsfindung? Immerhin war er ja nur ein Klingenohr, da war alles möglich...
Ein mulmiges Gefühl kroch bei der Vorstellung in ihm hoch.
Er war fest entschlossen sich zu verteidigen wenn er es musste, allerdings machte er sich auch keine Illusionen darüber, wie es um sein Kampfgeschick stand. Es waren einfach zu viele. Zu viele richtige Krieger. Nicht ein paar Stadtbewohner, die noch nie eine Waffe in der Hand gehalten hatten. Nein, sich hier auf einen Kampf einzulassen wäre glatter Selbstmord. Da blieb er lieber bei der klein-und-harmlos-Taktik, um sich in einem günstigen Moment heimlich abzuseilen. Er hatte ganz bestimmt nicht dieses Riesenskelett überlebt, nur um sich jetzt von einer Bande Streuner ins Jenseits befördern zu lassen...
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"Oui, natürlisch werdet i'r darüber wachen, was isch tue und es liegt mir daran, dass i'r das auch tut. Was die 'eilung ange't so kann isch diese tun, jetzt und 'ier. Es liegt nischts Gutes darin, dass sie noch leidet o'ne Not. Bitte, ja?" Xydia Blick wanderte zu der Elfe. Erst als man es ihr erlaubte, begann sie mit dem Weben des Zaubers.
Um dies zu tun berührte sie Leirâ langsam, vorsichtig und zartfühlend an ihrer Schulter. Ihre Hand nicht schwerer als ein Schmetterling auf einer Blühte. Die Worte, die sie murmelte waren machtvoll, aber ihr Klang war ein ganz anderer als jene, die die Elfe gesprochen hatte um das Monster zu stoppen. Diese waren fast melodisch wie eine Melodie. "… Ce Negris Gehu altara téleal Zôal …" Was sie tat war eine Art Kadenz, sie fühlte, suchte nach dem was bei der Elfe geschädigt worden war, rief es auf magische Weise wieder an ihren Platz, sie richtete Sehnen, Knorpel und Knochen. Wenn Leirâ etwas spürte war es ein Gefühl der Wärme, das sich entlang des Weges zur lädierten Stellen ausbreitete. Es brauchte Zeit, viele Minuten doch war endlich alles gerichtet.
Die Magierin ließ sich schließlich, als der Zauber fertig gewoben war, gegen den Rand des Wagens sacken. Die Haut ihres Gesichtes wirkte fast Papieren, sie sah zerbrechlich aus, so als sei sie eine Skulptur aus Glas, einzig ihre Augen strahlten. Xydia hatte die Verletzungen geheilt, Leirâ würde keinen Schmerz mehr spüren, noch würde sie unter Narben oder Spätfolgen zu leiden haben. Das war der Grund warum Xydias Augen strahlten. Die Elfe schlang beide Arme um sich, die fror, was nur natürlich war, da sie vollkommen erschöpft war. "Merci für die Vertrauen."
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Leirâ widersprach.
"Nên, es tut noch nicht Not." "Ich bin nicht in Gefâr." Oder "Wenn wir rasten ist dî beste Gelegenhêt." Aber sie wurde völlig übergangen. Rhaego nickte es ab und damit war es gut. Xydia beugte sich über sie, Wellen von warmen Licht durchliefen der Dalish Körper und die Schmerzen verschwanden. Sie schnaubte.
Es tat gut, die Schmerzen los zu sein, doch dass sich diese Shemlen immer wichtiger nahmen und dabei das eigentlich Dringende aus den Augen verloren kostete sie den letzten Nerv. Sie nuschelte ein knappes "Ma serannas." und lehnte sich gegen die Karrenwand. Ihr BLick glitt zwischen Xydia, die sie wie ebtrunken anlächelte und diesem anderen Flachohr hin und her.
Xydia war freundlich und allem Anschein nach aufrichtig, wenngleich überführsorglich und etwas anbiedernd, doch diese schlanke, schwarze Gestalt...
Er erinnert mich an jene Elvhen, die aus den Städten zum Volk kommen, um sich uns anzuschließen. Schüchtern, zurückhaltend und... Ein Seufzen entfuhr ihr. Eigenartig.
Naja, niemand hier hatte es leicht, als er oder sie zur Gruppe steiß. Juliette und ich wären beinah aufeinander losgegangen, Rhaego streitet sich mit ihr, als hätten sie schon vor Jahren den Bund geschlossen... Bei diesem Gedanken spürte sie einen kleinen Stich im Hinterkopf, konnte sich aber nicht erklären, warum oder welcher Art. Ihr Blick fiel auf ihren Bogen, dann hastig zurück zum Weg. Ob der Abstand schon reichte? Sie wollte sich erheben, doch ihr Körper protestierte.
"Dirthamen und Mythal, wî oft muss ich denn gehêlt werden, êh ich mich besser fûhle.", murmelte sie leise, worauf ihr das Grummeln ihres Magens antwortete. Zuerst hielt sie erstaunt Inne. Dann musste sie Kichern.
Bei Andruil, ich habe den ganzen Tag kau etwas gegessen. In der all der Aufregung, all den überraschenden Entwicklungen hatte sie das völlig vergessen.
"He, Julêt. Gib mir bitte von den Vorrâten, die du im Dôrf...." Was für ein Wort hatten sie dafür nochmal benutzt? Äähhhm.... Ach ja: "Kêftest."
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Ein kaum unterdrücktes Schaudern durchlief die Adlige, als sie erneut Zeuge der Magie der Elfe wurde, wenn auch diese Zurschaustellung deutlich weniger spektakulär ausfiel als die letzte. Wenn man mal vom offensichtlichen absah, hatte sie davon wohl genau so viel verstanden, wie von der ersten Zurschaustellung. Ein Interesse dies zu ändern bestand jedoch auch nicht. Ihrer Ansicht nach hatte sie in den letzten Tagen genug Magie gesehen für den Rest ihrer Tage und darüber hinaus. So etwas war doch einfach nicht natürlich!
Eine Spur Besorgnis um das Wohlergehen ihrer Gefährtin sickerte ebenfalls durch ihre vorher gefasste Mine, doch sah Leirâ, die die Heilung zwar nicht wirklich gut zu heißen schien, nicht aus als ob die Magierin ihr ein Leid antat. Viel mehr wirkte sie genervt.
Ihr Widerspruch war ohne Beachtung zu finden übergangen worden, wie Juliette fast schon beschämt erst jetzt realisierte. Sie war wohl die einzige Gewesen deren Einverständnis man sich nicht eingeholt hatte. Und das bei solch einem widernatürlichen Eingriff.
Nicht auszudenken wenn es zu ihrem Schaden gewesen wäre…oder noch wird, beschlich es die Söldnerin unangenehm.
So diskret wie möglich fragend blickte sie rüber zu Rhaego, doch dieser schien deutlich weniger beunruhigt als die Söldnerin. Eher schien ihre Besorgnis ihm ein Augenrollen abzuringen, was ihr wiederum ihre Augenbrauen näher zusammen rücken ließ.
Na toll, es fangt schon wieder an, dachte sich Juliette verstimmt und wandte den schärfer werdenden Blick eben wieder ab. Von wegen Frieden…
Eher unterbewusst hoffte sie dass sich nicht schon die ersten Anzeichen des Alkohols bemerkbar machten. Sie hatte schließlich einen ordentlichen Schluck heruntergestürzt und unter Alkohol sah sie schnell mal Provokationen wo eigentlich gar keine waren. Nicht wenige Schlägereien in ihrer ungewollten Laufbahn in Ferelden waren letztendlich darauf zurück zu führen. Jedenfalls mehr als sie zugegeben würde. So etwas ziemte sich schließlich nicht…aber wenn sie es alle herausforderten…
"He, Julêt. Gib mir bitte von den Vorrâten, die du im Dôrf…Kêftest.", wandte sich plötzlich Leirâ mit ihrem fremdländischen Akzent an die Söldnerin. Diese brauchte noch einmal gut einen Wimpernschlag um zu verstehen was die Dalish überhaupt wollte. Vor allem das letzte Wort, welches sich die Dalish scheinbar selbst hatte erst zurechtlegen müssen, bereitete ihr Schwierigkeiten.
Als sie anfing zu begreifen, traf es sie wie einen Hammerschlag. Welche Vorräte? Die die sie bei diesem unfreundlichen Wirt hatte kaufen wollen? Mit dem sie sich gestritten hatte bis er ihr nichts mehr verkaufen wollte? Als dann anschließend die Schergen ihres Vaters aufkreuzten und die Gruppe, dann nach einem Handgemenge fliehen musste?
Ja, genau die…
„Ich fürchte…“, fing sie nach einem unangenehmen Schlucken an. „…dazu war im Dorf keine Zeit.“
Sie vermied es nur mit Aufbringung einiger Willenskraft, ihren Blick nicht vor schuldbewussten Unbehagen zu senken, um nicht das volle Maß ihrer aufkeimenden Schuldgefühle durchblicken zu lassen. Stillschweigend ertrug sie die Blicke ihrer Gefährten.
„Wir mussten flie`en, bevor isch dergleischen im Dorf kaufen konnte.“
„Was haben wir den noch an Vorräten?“, fragte Alrik, der in seiner Ecke saß, besorgt.
„Nur dass was wir `atten bevor wir Winhorn betraten.“, erklärte die Adlige betreten, als sie Leirâ den Rucksack mit den letzten Vorräten reichte. „Und das reischt kaum für einen Tag.“
„Ne´mt ihr nur davon!“, fügte Juliette beteuernd, sowohl an Leirâ, Rhaego und Alrik gewandt hinzu. „Und lasst für misch nischts übrig. Isch `abe schon früher länger ohne Proviant, lange Strecken `inter mich gebracht.“
„Ihr braucht euch da nicht zu sorgen, denke ich.“, meinte Alrik, der über das gesagte nicht glücklich zu sein schien, aber die Miene dennoch nicht zu sehr verzog. „Wir können sicher unterwegs noch etwas auftreiben.“
Seine Zuversicht, ob sie nun echt war oder nicht, linderte Juliettes Scham etwas doch dann fragte er wovor sie sich schon gefürchtet hatte.
„Aber wer waren diese Männer in Winhorn? Sie sprachen in eurer Sprache und haben dann angegriffen. Wer…“
„Isch se´e,“ unterbrach die Sölderin rasch, bevor der Bursche gegenüber den Fremden noch mehr preis gab. „isch schulde eusch da noch eine Erklärung.“
Fast schon wäre sie wütend auf den Burschen geworden, soviel in Anwesenheit der Fremden auszuplaudern. Dies war jedoch nicht den Resten ihres einst immensen Stolzes zuzuschreiben. Vorsicht war es die sie dazu trieb. Fremde Ohren brauchten nicht zu hören das Jagd auf sie gemacht wurde.
„Isch schlage vor, wir ´alten sobald es die `ändlerin gebietet und dann werde ich misch erklären.“, schlug sie vor, insgeheim fast schon froh darüber es noch etwas aufgeschoben zu haben über ihre unglückselige Vergangenheit zu sprechen.
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"Bê Mythal, Dirthamen und Andruil! Kônnt ihr Shemlen endlich aufhôren, euch wie die Narren aufzufûhren? Du isst, Julêtt! Jeder isst. Es ist weniger da, aber was geschên ist, ist geschên! Du hilfst uns nicht wêter, wenn du vor Hunger schwâchelst oder deine Klinge nicht mêr heben kannst! Du, Xi... Xydia! NîMAND wird dir êne Klinge an den Halse setzen, wenn du uns hilfst! Und du!" Leirâs wutentbrannter Blick fiel auf das Flachohr in dem schwarzem Umhamg.
"Sên wir aus wie Lête, denen es NICHT glêch ist, woher du stammtest oder was du tatest?" Sie schnaubte.
"Oh, und das will ich euch allen mal mittêlen, im Besonderen dir, Alrik:
Ich bin eine Jâgerin! Ich bin Teil dîser... Gemênschaft! Und im Gegensatz zu jedem von êch ist mir nicht gleich, ob ich lebe oder sterbe! Wenn ich aber zu êch sage: 'Es gêt! Es ist nicht so schlimm!', dann mêne ich: 'Kûmmert euch nicht jetzt um jeden klênen Mist, das machen wir, wenn die Zêt dafûr ist!" Ihre Blicke schossen Pfeile, als sie jeden der Anwesenden nacheinander taxierte.
"Vir'Adahlen sagen wir bêm Volk. Gemeinsam sind wir stârker als allên und bê den Gôttern: Wir benôtigen jedes Bisschen Kraft, dessen wir Habhaft werden kônnen! Also râft êch endlich zusammen und hôrt ûf, wegen jedem klênen Flîgenschiss zusammen zu brechen!" Sie konnte ihre eigenen Zähne knirschen hören, als sie in den Apfel biss, den sie sich soeben aus Juliettes Rucksack genommen hatte. Dann warf sie der Kämpferin den Sack mit einem Blick zu, der keinen Widerspruch duldete. Konnten diese Idioten nicht begreifen, dass jetzt nicht die Zeit der Selbstzweifel und Schuldgefühle war? Wenn sich weiter nur jeder mit sich selbst beschäftigen würde, würde diese Gruppe auseinander brechen und, im Hinblick auf ihre zahlreichen Verfolger, getötet werden.
Leirâ vermochte die eigenartigen Blicke, die ihr alle zuwarfen, nicht zu deuten und sie hatte im Moment auch keine große Lust, sich darüber den Kopf zu zerbrechen. Stattdessen starrte sie wieder auf die Straße hinter dem Karren, nur um festzustellen, dass sie langsamer wurden.
"Was ist...?", wollte sie alarmiert nach vorne fragen, doch just in jenem Moment gab ihnen die blinde Händlerin zu verstehen, dass der Bär allmählich am Ende seiner Kräfte war. Inzwischen hatten sie felsiges Waldland erreicht und waren ein gutes Stück höher als die Höhle mit den Obelisken lag...
"He. Da unten ist ein kleines Tal!", reif Alrik aus und die stumme Elfe musste einige von ihnen zurückhalten, nicht alle auf dieselbe Wagenseite zu springen, was diesen wohl zum Umfallen gebracht hätte. Leirâ erlaubte sich ein Lächeln.
"Ên bênah perfektes Versteck."
Sie mussten alle den schmalen Weg zu dem kleinen Tal zu Fuß zurücklegen und den Wagen verstecken, was bereits die ersten Probleme nach sich zog.
"Auf den zweiten Blick vielleicht doch keine so gute Idee...", meinte Alrik. Und als er Leirâs Blick bemerkte stammelte er hastig: "Ich... Also, ich hab das Tal ja auch gesehen, und..."
"Nur den vorderen Têl, Alrik. Sieh: Jensêts des kleinen Sees stehen Bûme. Unter denen werden wir uns verbergen."
Sobald wir erst einmal dort unten sind. Leirâ würde es vor den anderen nie zugeben, aber sie lehnte nicht aus Lässigkeit an der Felswand. Und weder Xydia noch Alrik waren in der besten Verfassung.
Beinah scheint es mir, als würde Fen'Harel uns verfolgen und das Pech an den Hals wünschen...
"Abgesên davon kommen wir jetzt eh nicht mêr wêter. Da ist dîs Tal unsere beste Aussicht."
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An die rumpelnde Karrenwand gelehnt, musterte Rhaego abwesend die Heilung. Die Elfe schien eine Art Beschwörung zu benutzen, da sie unverständliche Worte murmelte. Vielleicht lehrten sie das so in dem Zirkel in Orlais. Vielleicht war es aber in den Heilkünsten immer so. Er kannte sich damit nicht aus, wie sein eigener Versuch, die Wunden der Dalish zu heilen, gezeigt hatte.
Juliettes Blicke zuckten immer wieder zwischen ihm und der Elfe hin und her, als erwarte sie, dass er mögliche Unregelmäßigkeiten in deren Zauber erkennen könnte. Wenn es nur so einfach wäre. In Wahrheit hatte er keine Ahnung, was das Mädchen dort tat. Sie könnte Leirâ in eine Abscheulichkeit verwandeln und er würde es nicht bemerken. Selbst in seinem eigenen Bereich, den Elementarzaubern, spürte er meist erst Sekundenbruchteile vor der Vollendung eines Zaubers, den ein anderer wirkte, grob die Richtung und Wirkung, die dieser haben würde.
Dennoch fühlte er sich nicht in der Pflicht, das die Orlaisianerin auch wissen zu lassen. Juliette würde ihn sonstwas heißen, sobald sie herausfände, dass er die Elfe nicht strengstens überwachte; und für diese Diskussion hatte er im Moment wirklich keinen Nerv.
Als die Magierin sich erschöpft zurücksinken ließ, gab er es auf, so zu tun, als ob er ihr Handeln beobachtete und kontrollierte. Stattdessen ließ er seinen Blick über die schattigen Bäume hinter ihnen schweifen, ohne sich dessen recht bewusst zu sein. Der stetige Trott des Bären brachte sie immer weiter von der Höhle und dem schrecklichen Monster weg; und nun, wo der Schreck und die Aufregung langsam nachließ, kroch matte Müdigkeit zurück in seine Knochen. Sie waren den ganzen Tag unterwegs gewesen, er hatte eine ordentliche Menge Magie gewirkt – und anschließend, während sie eigentlich schon hätten rasten und schlafen wollen, war die Episode mit dem untoten Riesen gefolgt... noch mehr Rennerei, noch mehr Magie. Immer wieder ertappte er sich bei den Gedanken an sein weiches Bett im Zirkel, an das warme, lodernde Feuer in seinem Zimmern, und vor allem an die festen Mauern, die sie alle dort beschützt hatten.
Abwesend bekam er mit, dass sie keine Vorräte mehr hatten, doch er war zu müde um sich aufzuregen. Ich werde auf jeden Fall nicht weniger essen, nur weil Juliette uns sowohl diese Verfolger auf den Hals gejagt hat als auch nicht in der Lage war, Vorräte zu besorgen, dachte er mürrisch, auch wenn ihm im Grunde genommen klar war, dass das ungerecht von ihm war.
Statt den Orlaisianern hätten es auch Häscher der Templer auf der Suche nach ihm sein können, oder einfältige Bauerntölpel, die Leirâ allein aufgrund der Tatsache, dass sie eine Dalish war, steinigen wollten. Vielleicht hatte die Elfe ja tatsächlich recht mit ihrer Aussage: „Es schênt, wir alle haben Schuld ûf uns geladen.“
Und letzten Endes hatte Juliette ihm das Leben gerettet.
Er seufzte leise. So schnell war die Welt um ihn herum so kompliziert geworden und es schien ihm fast, diese Verwirrungen würden sich immer schneller entwickeln. Jetzt hatten sie auch noch eine orlaisianische Magierin und einen elfischen Gelegenheitsdieb bei sich.
In diesem Moment hielt der Wagen an und sie mussten aussteigen, um das kleine Tal zu Fuß zu erreichen. Rhaego bewunderte mit einem gewissen Neid den Elan, mit dem Alrik aus dem Wagen sprang, während er selbst müde nach seinem Rucksack griff. Andererseits hat er ja auch den Großteil des Tages verschlafen, dachte er.
Mühsam stolperte Rhaego mit den anderen den kleinen Pfad hinab, wobei er mehr als einmal ausrutschte und beinahe fiel. Als sie dann auch noch den kleinen See umrunden mussten, um die Bäume auf der anderen Seite zu erreichen, hätte er beinahe gestreikt, doch Alriks frischer Mut, so sehr er ihm auf den Geist ging, trieb ihn weiter an. Er war auch nicht der einzige, der erschöpft war, wie ihm auffiel, als er sich zusammenriss und weiter lief. Leirâs Schritte waren bei weitem nicht so federnd wie am Morgen, und auch die andere Elfe ging leicht in sich zusammengesunken, die Arme fröstelnd um sich geschlungen.
Als Juliette und Leirâ endlich der Meinung waren, dass sie nun weit genug in den Bäumen verborgen waren, ließ er seinen Rucksack fallen und sank selbst daneben zu Boden. Auch den Wagen zu verstecken hatte einiges an Aufwand gemacht, doch er war nicht zu mehr im Stande gewesen, als müde zuzuschauen, wie Juliette, Alrik und die stumme Begleiterin der Händlerin einige Zweige über den Karren gedeckt hatten, bis er auf den ersten Blick nicht mehr zu erkennen war.
„Vielleicht sollten wir ein kleines Feuer machen... uns ein Abendessen kochen...“, meinte Alrik hoffnungsvoll. „Wir könnten alle zusammen eine Stärkung gebrauchen – mehr als die werten Damen“, er nickte Leirâ zu, „vorhin zu sich genommen haben. Aus dem, was wir noch haben, könnten wir ein leckeres Mahl bereiten und dann morgen am nächsten Gasthaus neue Vorräte besorgen, ja?“
Seine Stimme riss Rhaego aus der Leere, in die er bisher gestarrt hatte. „Macht, was Ihr wollt“, knurrte er. „Ich brauche nichts mehr – abgesehen von Schlaf...“
Er wandte sich ab, rollte sich in seinen Umhang und schloss die Augen. Schon nach wenigen Momenten rückten die Geräusche der anderen im Lager in die Ferne, während sein Körper endgültig mit aller Macht seinen Schlaf forderte.
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Gleichermaßen neugierig wie misstrauisch beobachtete Rowen, wie sich Xydia mit ihrem Hokuspokus an der Dalish zu schaffen machte. Allem Protest zu Trotz, denn Klingenohren wurden bekanntermaßen nie ernst genommen, auch hier nicht. Er konnte die Elfe durchaus verstehen. Wer ließ schon gerne irgendwelchen gruseligen magischen Blödsinn an sich ausprobieren?
Allmählich schien sich sein geduldiges Abwarten auszuzahlen. In diesem Haufen die ersten Ausfallerscheinungen breit. Noch ein bisschen mehr und er könnte sich in aller Stille davonschleichen, ohne dass es einem von ihnen auffallen würde. Innerlich konnte er darüber nur den Kopf schütteln. Anfänger. Völlig übermüdete Anfänger. Kam wohl nicht oft vor, dass sie sich eine Nacht um die Ohren schlugen? Rowen fand es jedenfalls äußerst erheiternd, diese kleinen Familienstreitigkeiten mitzukriegen. Allein schon dieses Blickduell zwischen dem blonden Rockträger und der Kriegerin... Die hatten ja Probleme. Und dieser Ausraster von Lady Tattoogesicht – in Kombination mit diesem absolut lächerlichen Sprachfehler – einfach herrlich. In jeder anderen Situation hätte sich Rowen ein Grinsen und einen blöden Kommentar nicht verkneifen können, aber er hatte hier eine Rolle zu spielen. Unglücklicher Gefangener. Nicht vergessen. Also zog er sich seine Kapuze über die Ohren, senkte den Blick und trottete brav mit seinen Aufsehern mit.
Seinem schauspielerischen Bemühungen zum Trotz war es erkennbar, dass der Elf sowohl hellwach als auch fit und einsatzbereit war – ganz im Gegensatz zu den meisten anderen hier.
Am Lagerplatz angekommen versuchte er sich ein bisschen abseits, beziehungsweise am Rand der Gruppe, hinzusetzen.
Mal sehen, wann die restlichen Aufpasser unaufmerksam wurden...
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Sie war eingeschlafen und auch das Rütteln des Wagens, der von einem Bären gezogen wurde hatte Xydia nicht davon abhalten können. Ihre Träume waren wirr und beunruhigend gewesen. Ab und an hatte sie einige wenige Worte im Schlaf gesprochen. Erst nachdem sie angehalten hatten erwachte die Elfe langsam. Sie brauchte einiges um sich zu orientieren, um wieder in die Welt der Lebenden zurückzukehren. Ihre Augen huschten von einem zum anderen. Scheinbar gab es einen Streit zwischen Juliette und Leirá. Der Grund erschloss sich ihr nicht, sie hatte die Unterhaltung ja nicht mit verfolgt. Langsam erhob sie sich und kletterte etwas unbeholfen aus dem Karren, was daran lag, das sie noch stark unter Erschöpfung litt, aufgrund ihrer magischen Anstrengungen. Nach und nach versuchte sie wieder Leben in ihre tauben Glieder zu bekommen, dazu machte sie einige Übungen, die man sie im Turm gelehrt hatte.
Ihr Blick ging während sie es tat stets über die Gruppe. Einige Mitglieder hatte sie bisher nicht richtig wahrgenommen gehabt und sie verschaffte sich so gut es ging ein Bild über die Stärke der Gruppe. Die meisten schienen kaum fitter als sie selbst zu sein. Die Ausnahme war der Elf, jener, der ihr die Dolche entwendet hatte, er schien fit, agil und hellwach zu sein. So wie er da saß erinnerte er sie an ein Raubtier, das auf einen Fehler seine Beute wartete. Xydia kannte einige Menschen, die ebenso waren wie Rowen, gute Erfahrungen hatte sie mit ihnen nicht gemacht. Aber war das ein Grund gleich den Stab über ihn zu brechen? Wohl kaum. Er selbst würde es bestätigen oder negieren durch seine Handlungen, ob kleine oder große. Am Ende würde er sein wahres Gesicht zeigen.
Die Worte von Rhaego waren an ihr Ohr gedrungen, nur bruchstückhaft, aber das wichtigste Wort 'Feuer' hatte sie verstanden. "Kann isch 'elfen bei die Feuer machen? Brauchen wir noch 'olz?" Das wenige was sie würde tun können, würde sie tun, so lange sie nicht all zu weit sich vom Lager entfernen musste. Der Gedanke an das 'Ding' ließ sie erschaudern. Feuer hatte ihm weniger angetan als Eis. Sie hoffte, dass dieses Ding die Verfolgung von ihnen nicht angetreten hatte, aber sicher war sie sich nicht.
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„Ein Feuer? Nischt bevor wir diesen verfluchten Wald `inter uns gelassen `aben.“, schlug Juliette neben Alrik stehend, den Vorschlag ab. Das letzte was sie wollte war Rauchsignale für dieses Ungetüm als auch ihre restlichen Verfolger zu schaffen. „Außerdem glaube isch das i´r eusch schon genug verausgabt `abt.“, meinte sie diplomatisch an die Magierin gewandt, im Geiste hoffend nicht noch mehr Magie mit ansehen zu müssen.
Der hungrige Alrik blickte enttäuscht, doch die Adlige würde sich davon nicht abbringen lassen. Ihre bestimmende Art, war wohl ein Erbe ihrer Erziehung. Vermutlich erinnerte sie gerade nicht wenig an ihre Abstammung: Aufrecht stehend, ein geübter Beobachter würde wohl die Haltung einer geübten Fechterin erkennen, und mit erhobenen Haupt. Wären da nur nicht die Augenringe, die auch keine noch so gute Scharade verbergen konnte.
Nur noch die Reste der Aufregung hielten sie wach und das ahnte sie bereits. Dennoch musste sie noch etwas tun.
„Wir sollten uns jetzt lieber ausruhen, solange wir noch können und morgen gleisch weiter gehen. Dann können wir von mir aus frühstücken.“, schlug sie vor.
„Isch übernehme die erste Wache.“, verkündete sie selbstbewusst und keine Müdigkeit vorschützend ehe sie ihren Blick zum ersten Mal wirklich direkt auf den Elf richtete.
„Ihr se`t noch ziemlisch frisch aus.“, sprach sie ihn an. „Warum schließt ihr eusch mir nischt an…und nennt euren Namen?“
Elfen hatten gute Augen, besonders bei Nacht aber das war nicht der eigentliche Grund warum Juliette ihn dazu mehr dazu aufforderte denn fragte.
Diese Sorte Elf kam ihr nur zu gut bekannt vor und diese Sorte Elf ließ man besser nicht unbeaufsichtigt. Zwei Fliegen mit einer Klappe also.
Wenn sie nur daran dachte wie ihr Vater mit dieser Sorte wohl umzugehen pflegte. Eine präventive Entfernung der rechten Hand? Legte dem Langfinger das Handwerk und nebenbei ließen sich Diebesfinger gut als Glücksbringer an Abergläubische verkaufen. Sie fand allein schon den Gedanken grässlich aber wenn sie andererseits an ihren wertvollen Ring oder ihren Säbel dachte…
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Kopfschüttelnd beobachtete der Dieb das Verhalten der Kindergruppe. Menschen... einfach nur lächerlich. Allen voran die Kriegerin, die krampfhaft versuchte, Autorität auszustrahlen. Nun ja, sie versuchte es zwar, aber ihre Übermüdung konnte sie nicht verbergen. Aber nein, sie ließ es sich natürlich nicht nehmen, trotzdem den Oberbefehlshaber zu spielen und unbedingt Wache halten zu wollen. „Isch übernehme die erste Wache.“ ...und weigere mich zu akzeptieren, dass ich genauso fertig bin wie ihr anderen. Bitte. Rowen gab ihr noch höchstens eine Stunde, bis sie sich ins Reich der Träume verabschiedete. Aber das war nicht sein Problem.
Zu diesem Schluss schien sie auch selbst zu kommen. Sie wandte sich an ihn, offensichtlich dem einzigen hier, der nicht wie ein schlafwandelnder Untoter durch die Gegend stakste und kaum noch die Augen offen halten konnte. „Ihr se`t noch ziemlisch frisch aus.“ Ach nee.... „Warum schließt ihr eusch mir nischt an…und nennt euren Namen?“
Rowen legte den Kopf leicht schief und starrte sie an. Wahrscheinlich war es sowieso zu dunkel, als dass die Menschen hier noch etwas erkennen konnten...
„Hm... meinetwegen...“ gab er in gedämpften Ton zurück, zuckte die Schultern und richtete seinen Blick auf den Waldrand. Er war geduldig und hatte kein Problem zu warten... und wenn es eine Gelegenheit zu Verschwinden gab, würde er bereit sein. „Rowen.... ist mein Name, übrigens.“ Danach hüllte er sich wieder in Schweigen.
Es überraschte ihn nicht, dass sie ihn nicht aus den Augen lassen wollte, er kannte ja selbst genug Berufskollegen, die irgendwelche Leute im Schlaf abmurksten und dann ausraubten. Rowen gehörte allerdings nicht dazu... es war einfach... unnötig... seiner Auffassung nach brauchte ein guter Dieb sowas nicht. Das nahm allem die Herausforderung... Stattdessen übte er sich in Geduld, beobachtete die finstere Nacht, lauschte den Geräuschen der Ferne und spähte hin und wieder verstohlen zu seiner Aufpasserin hinüber.
Je länger er wartete, desto länger und häufiger schien sie zu blinzeln. Auch der letzte, mühsam aufrecht gehaltene Ausdruck von Autorität verschwand allmählich. Na komm schon. Ich will nicht hier sein, bis es hell wird.
Schließlich sank sie doch noch in sich zusammen. Na endlich. Sogleich kam Bewegung in den Elfen. Vollkommen lautlos erhob er sich, behielt seine unfreiwilligen Kumpanen im Auge. Keiner rührte sich. Viel Spaß noch... Dann schlich er in leicht geduckter Haltung auf Zehenspitzen hinaus in die Nacht, weg von dem provisorischen Lager, hin in Richtung Straße. Ein schwarzer, stiller Schatten war er, nicht mehr. Aus Gewohnheit zog der Elf sein schwarzes Halstuch über sein Gesicht, sodass nur noch seine Augen hervorschauten. Die wussten zwar sowieso alle wie er aussah, aber es brachte noch ein bisschen mehr Tarnung im finsteren Wald, und das kam ihm gerade recht.
Äußerst aufmerksam setzte er seine Schritte. Bloß nicht auf einen Ast treten und die ganze Bande wieder aufscheuchen. Ob er nochmal einen Blick in den Karren werfen sollte? Nur... aus Interesse...? Bei dem Gedanken juckten ihm unweigerlich die Finger. Ach, die haben doch da eh nur Müll... das hast du doch vorhin schon gesehen... Und war da nicht immernoch dieser weiße Riesenbär in der Nähe? Trotzdem blieb Rowen kurz stehen und sein Blick ging in die fragliche Richtung. Du bist heute schon mal fast draufgegangen. Lass es. Treib es nicht auf die Spitze.
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Leirâ murmelte Leise in der Sprache des Volkes, während sie aufwachte.
Wo bin... Sie lehnte gegen eine Felswand in niedrigem Buschwerk. Sie gähnte. Notfalllager auf der Flucht. Aber wo bin... Ach ja. Wollte Früchte suchen, hab mich vom Lager entfernt. Muss eingeschlafen sein. Die Dalish streckte sich und musste feststellen, dass sie sich kein bisschen ausgeruht fühlte. Hinzu kam ein dumpfes Pochen ihrer Rippen, als hätte sie auf einem Ast geschlafen. "Mh.", war alles, was ihr dazu einfiel. Wenigstens waren die Schmerzen verschwunden. Sie stellte fest, dass sie sich am Beginn des Pfades den Hang hinauf befand, den sie herabgestiegen waren. Ihr Blick glitt gen Himmel. Es scheint etwa Mitternacht zu sein. Visíra, eine Jägerin ihres Klans, hatte sie das Sterndeuten gelehrt, allerdings hatte sich Leirâ nie sonderlich dafür interessiert. Dementsprechend lückenhaft erinnerte sie sich an den Unterricht. Da hörte sie etwas. Kauerte sich zwischen die Sträucher. Ihre Ohrenspitzen zuckten leicht. Nur der Wind strich sacht über die Zweige, und bald drückte ihr die Müdigkeit einmal mehr auf die Augenlider. Sie gähnte. HAb ich mich geirrt? Vielleicht ein kleines Tier, wie ein Fuchs oder...
Halt! Da ist was! Sie duckte sich tiefer. Dort! Etwa zehn Schritte entfernt hatte sich etwas aufgerichtet. Es stand im Schatten der Bäume, was es unmöglich machte, zu erkennen, was es war. Leirâs Finger schlossen sich um ihr Dar'Misu, während ihr Körper sie an die Strapazen des letzten Tages erinnerte.
Ich bin in keiner Verfassung, um zu kämpfen. Soll ich Juliette...? Dann bewegte das Wesen sich wieder. Es schien zu schleichen, die Jägerin hatte Mühe, es in den Schatten im Auge zu behalten. Man hörte ein leises Scharren und Rascheln. Ein Mensch. Aus dem Tal? Dort waren nur... Sie musste Grinsen. Dann erhob sie sich und sagte mit fester Stimme:
"Uns zu verlassen ist êne große Dummhêt."
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Rowen erstarrte in der Bewegung. Da war ein Geräusch gewesen, ein Rascheln. Wer schlich noch hier draußen herum? Die Menschen lagen doch alle da hinten und schliefen... Angespannt und reglos wartete er. In der Nähe gähnte jemand. Sogleich schoss sein Blick in die Richtung, in ein Gebüsch, genauer gesagt. Die scharfen, geübten Augen des Diebes entdeckten dort ein weißes Büschel Haare, in dem sich das Sternenlicht fing. Da war also die Wildelfe abgeblieben. Unter seinem Halstuch musste der Elf grinsen. Amüsiert beobachtete er, wie sie mehr oder weniger erfolglos versuchte, ihn im Schatten auszumachen. So, du willst spielen, Schätzchen? Kannst du haben. Mit fließenden Bewegungen schlich der Elf weiter und bückte sich gleichzeitig, wobei er ein paar Kieselsteine aufhob. Dann änderte er die Richtung und duckte sich tiefer in die Dunkelheit zwischen Bäumen und Sträuchern. Im Halbkreis schlich er vollkommen lautlos von hinten auf die Dalish zu. Hier und da warf er eins der Steinchen auf die andere Seite, wobei sich die Elfe jedes Mal dem Rascheln zuwandte. Anfänger... Siegesgewiss stand sie auf, offensichtlich fest davon überzeugt, ihn aufgespürt zu haben.
"Uns zu verlassen ist êne große Dummhêt."
„...und zu bleiben ist eine noch größere“, entgegnete Rowen gelassen, als er hinter ihr aus dem Schatten trat und in etwa zwei Metern Entfernung stehen blieb. Er sprach leise und durch das Tuch vor seinem Gesicht klang seine Stimme nochmals etwas gedämpfter. Kleine Falten um seine Augen verrieten, dass er sich nach wie vor ein leichtes Grinsen nicht verkneifen konnte.
„An deiner Tarnung könntest du durchaus noch arbeiten.“
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Leirâ zuckte zusammen, als die Stimme plötzlich hinter ihr erklang. Sie murrte leise.
Tiere zu jagen ist etwas anderes. Sollte ich mir merken. Sie entspannte sich und steckte den Dolch wieder weg. Dann drehte sie sich langsam um.
"Du hast kêne Erfârung in der Wildnis. Wie wêt kommst du ône uns, mitten in der Nacht?" Ihre Augen wurden zu breiten Schlitzen, während sie das Klingenohr musterte.
"Dî dunkle Klêdung mag dich des Nachts verbergen, doch ûberdeckt sî nicht dênen Geruch. Oder hilft dir bê Tage im Wald." Sie gähnte erneut, dann kam ihr eine Idee. Während sie eine ihrer Ersatz-Bogensehnen ausrollte, sprach sie weiter: "Es ist dî Zêt der Wôlfe und Wildschwêne. Ich vermute, du kennst dî Wege dîser Gegend nicht? Oder wî du an Essen gelangst?" Sie spannte die komplett ausgerollte Sehne über den schmalen Pfad und band sich ein Ende um den Finger. Dann zog sie die Kapuze ihres Mantels über den Kopf und lies sich wieder in die Büsche sinken. Müde schaute sie auf.
"Was wîgt dîse Umstânde ûf, dass du uns verlassen willst?"
Und warum kümmerte es sie überhaupt? Sie kannte den Mann nicht, der offenbar kein Interesse an irgendeiner Art von Gesellschaft hatte. Aber jetzt war er Teil dieser Gruppe.
Vielleicht will ich einfach nur nicht, dass noch eine Sippe auseinander bricht. Ihre Gedanken wanderten zu ihrem Klan. Ob sie eines der Menschenlager erreicht hatten? Ob Ràsalah sie bereits in ihren Untergang geführt hatte? Gerade, als sie einzunicken drohte, unterbrachen die Worte des Elfen ihre Gedanken.
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„Ah. Weil ihr euch da ja so viel besser anstellt.“
Rowen rollte mit den Augen und sein Tonfall war leicht genervt. War ja klar, dass die Wilde jetzt unbedingt mit ihrer Überlegenheit gegenüber den 'Stadtelfen' angeben musste. Nur weil sie zwischen Dreck, Viechern und zu groß geratenem Unkraut aufgewachsen war, machte es sie automatisch zu etwas Besserem. Gut, vielleicht hatte sie hier den Heimvorteil, aber Rowen war auch nicht vollkommen blöd und unfähig. Immerhin hatte sie doch zugelassen, dass sich ein dummes - wie war das Dalish-Wort dafür? - ein dummes Flachohr hinter sie geschlichen hatte, als ob sie so taub wie ein Mensch wäre. Und der Dieb mochte wetten, dass er schon wesentlich mehr Mist überlebt hatte als die da.
„Du kannst die Augen kaum noch offen halten, meinst aber trotzdem, dass du in der Lage bist, gegen Viecher oder was-auch-immer zu kämpfen, falls hier jetzt welche vorbeikommen. Deine menschlichen Freunde schlafen alle tief und fest und bekommen überhaupt nichts mehr mit... großartiges 'Wache halten' übrigens...“
Was noch... der Elf überlegte einem Moment.
„Ihr werdet von Söldnern oder Kopfgeldjägern verfolgt, habt keine Vorräte, streitet die ganze Zeit nur miteinander... habt eine flüchtige Magierin dabei?“
Mit einem Kopfschütteln brach er die Aufzählung ab. Je mehr er darüber nachdachte, desto lächerlicher erschien ihm das alles.
„Kannst du mir es verübeln, dass ich da nicht unbedingt mit reingezogen werden will?“
Nein, es war besser für alle Beteiligten, wenn er sich einfach aus dem Staub machte. Baldmöglichst. Was ging ihn der ganze Blödsinn eigentlich an? Er blieb noch einen Moment stehen und sah die Elfe aufmerksam an, um ihr Zeit für eine Antwort zu lassen. Bevor er letzten Endes hinaus in die Schatten verschwinden würde.
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"Tue ich.", erwiderte Leirâ leicht genervt,
"Ich stelle mich ganz gut an, wenn du bedenkst, dass ich fûnf trampelnde, wildnisunkundige Shemlen mit mir durch die Wâlder schlêfe, und das berêts sêt Tagen."
Sie rutschte tiefer ins Gebüsch und legte ihren Dolch in ihren Schoß. Sie war zu müde, um sich viel länger den Beleidigungen des Flachohrs zu stellen. Sollte er doch zusehen, wie weit er in der Nacht kam.
Nein. Denk immer daran: Vir Adahlen. EIn Seufzen entfuhr ihr. Wie sollte sie diesen Sturkopf nur zum Bleiben bewegen?
"Und dort drâßen erwartet dich ein Ungetûm, dem du selbst nur durch unsere Hilfe entkâmst. Von dem weder ich, noch sonst jemand hîr, je hôrte." Sie machte eine wegwerfende Handbewegung.
"Aber nur zu. Gê, versuch dên Glûck, wenn du der Mênung bist, dass es dîs Risiko wert ist."
Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen.
"Aber achte ûf mêne Stolperfallen, wenn du gêst." Sie hatte mehr als nur eine Bogensehne auf dem Weg angebracht, noch bevor sie das Tal überhaupt betreten hatten. Gerade fragte sie sich, ob sie daran gedacht hatte, ihre Spuren zu verwischen, als das Flachohr erneut das Wort an sie richtete.
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Der Elf seufzte. Sein Halstuch hatte er inzwischen wieder runtergezogen.
Die Baumflüsterin hatte ja Probleme. Warum gab sie sich dann mit den Menschen ab, wenn sie sie angeblich so sehr aufregten? Die war doch keine Hauselfe, die das alles als Vom-Erbauer-gegeben und richtig-so-wie-es-ist hinnahm. Sollte sie doch einfach gehen, wenn sie die Schnauze voll hatte. Und die Menschen sehen lassen, wie sie allein klarkamen. Oder wo lag das Problem?
Naja, vielleicht war das ja so ein Dalish-Ding...
Kein Wunder dass er das als mehr oder weniger zivilisierte Lebensform nicht nachvollziehen konnte.
„Scheint dir ja echt wichtig zu sein, dass ich hierbleibe“, stellte er trocken fest. DAS konnte er auch nicht nachvollziehen.
„Ist dir die menschliche Gesellschaft wohl nicht gut genug? Naja, kann ich verstehen.“
Langsam wurde das hier lächerlich.
„He, nicht einschlafen. Gut, ich bleib in der Nähe. Aber sobald es hell wird, mach ich mich vom Acker.“
Kopfschüttelnd verschwand er im Schatten der Bäume. Irgendwo am Rand des Lagers, wo alle andern noch selig vor sich hin schnarchten, setzte er sich in und lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baum. Zwischen ihm und den andern befand sich genug Gestrüpp, damit er nicht ohne weiteres von ihnen gesehen werden konnte, sollte doch jemand aufwachen.
Wenn er die Sterne richtig deutete, hatte er nur noch ein paar Stunden bis Sonnenaufgang vor sich.
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Unruhig wog sie sich im Schlaf hin und her, ihre zarten Finger verkrampften, verkrallten sich in der Decke, die sie wie einen Schatz hütete. Unter den Lidern bewegten sich ihre Augen blitzschnell hin und her. Ihre Züge verspannten sich mehr und mehr.
Die Hand griff nach ihr, packte sie, riss hoch wie ein Püppchen. Sie starrte in die toten Augen des Riesen, des Untoten. Schrecken fuhr in ihre Glieder ließen ihren Körper erzittern. Xydia schrie auf, strampelte wild mit den Beinen doch nichts schien sie tun zu können, um sich aus der Umklammerung zu befreien. „Du Wurm…“ Mit den Worten des Untoten kam ein Schwall fauligen Gestanks zu ihr. „… Du hast gedacht Du kannst mir entkommen?“ Das Lachen hörte sich an wie als wenn man Holz raspeln würdest. Verzweifelt versuchte sie an einen der Dolche von Anbihan zu kommen. Das Lachen noch bohrender, noch lauter. Die Elfe musste, ob sie wollte in das Gesicht blicken. „Nein!!!“ Schrie sie auf, dass das Gesicht des Untoten verändert hatte und nun eine leblose Variante des Gesichts von Verzauberer Radulf war. „Du wirst mich niemals vergessen…“ Wieder das eklige Lachen. “Geh zurück in die Finsternis! Lasst mich in Ruhe Radulf!“ Das riesige untote Monster ließ sich von ihr nicht beeindrucken, setzte stattdessen schier unglaubliche Kraft ein, ums sie wie ein Insekt zu zerquetschen. Nach Luft japsend, war ihr Kopf auf einmal wieder klar, so klar wie er nur sein konnte. Xydia ließ ab von dem unsinnigen Unterfangen an die Dolche zu kommen, konzentrierte sich stattdessen und ließ sich von der Magie durchströmen. Blitze zuckten aus ihren Fingern, fokussiert auf die Augen, bohrten sich in sie, kochten, verbrannten sie. Die riesige Hand öffnete sich und Xydia fiel in die Unendlichkeit der Finsternis. Eine Stimme dröhnte in ihrem Kopf, die Stimme Radulfs. „Ich komme wieder und wirst mir dienen, wie zuvor!“ Aus der Schwärze schoss die Hand des Monsters auf sie zu.
Keuchend wachte sie auf, spähte aus dem Wagen. Der Schrecken hatte sich tief in ihr Herz gebohrt. Ihre Augen wanderten über die Landschaft, ihre Ohren lauschten tief in die Nacht hinein. 'War ES dort draußen? War es ihnen schon so nah?' Kein verdächtiger Laut drang an ihr Ohr, nichts was nicht zu einem Wald gehörte und das Schnarchen eines der anderen. Xydia schloss die Augen wieder, entspannte sich langsam wieder, bis sie schließlich wieder einschlief.
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Juliette erwachte.
Es war jedoch kein schönes Erwachen.
Eher schreckte sie aus dem unruhigen Schlaf auf und blickte sich hastig um. Die Sonne schien bereits durch das dichte Blätterdach, frühe Vögel zwitscherten im Geäst der starken Bäume während die meisten Mitglieder der kleinen Gruppe noch friedlich schliefen. Und sie dachte sie hätte die Augen nur mal kurz zu gemacht…
Ihre ersten Blicke galten ihren Mitreisenden. Sie schienen unversehrt und schliefen…bis auf einen.
Der Elf, Rowen hatte er sich gestern noch vorgestellt, schien hellwach und saß etwas abseits der Schlafenden. Er schien wohl der einzige gewesen zu sein, der nicht ins Reich der Träume abgedriftet war. Umgehend galten ihre zweiten Gedanken ihrer Habe. Deren Vorhandensein war schnell überprüft. Wenn man von ihrem Ring und dem Säbel absah hatte sie nichts deren Verlust sie wirklich schmerzen würde…wenn man von ihrem Wein ebenfalls absah…
Mit einem spottenden Lächeln schien sich der Elf über die Adlige, die gestern noch so selbstsicher die erste Wache übernommen hatte, zu amüsieren. Diese verkniff es sich allzu finster drein zu schauen, ebenso wie den naheliegendsten Kommentar. So etwas ließ einen nur noch schwächer aussehen und höflich war es auch nicht gerade. Nicht das sie Höflichkeiten, besonders nach einem unsanften Erwachen und Tagen voller Strapazen, großen Wert bemaß.
Andererseits lag es aber auch durchaus im Bereich des Möglichen das Juliette im Verhalten des Elfen als eigentlich da war. Zu der Schwierigkeit der Deutung elfischer Gesichtszüge gesellte sich die erst langsam abfallende Müdigkeit.
So grüßte sie ihn schlicht mit: „Ach? Ihr seid ja noch da?“
Sie hielt die Herablassung mit Mühe aus ihrer Stimme und gab vor ihm keine Beachtung mehr zu schenken während sie sich auf rappelte und ein paar kurze Dehnübungen machte um wach zu werden.
Für eures gleichen hätte es sich geziemt. , dachte sie sich noch giftig als sie den Oberkörper begleitet vom leisen Knacken ihrer Gelenke einmal nach links und einmal nach rechts drehte. Andererseits hätte seinesgleichen auch versucht sich an der Habe der Gruppe zu bedienen…oder gar die Kehlen der Schlafenden aufzuschlitzen. Offensichtlich hatte er dies aber unterlassen, was der Adligen den Schluss nahe legte ihn vielleicht falsch eingeschätzt zu haben.
Sie warf ihm einen forschenden Blick zu, fast als wollte sie sich vergewissern ob er jetzt immer noch da war. Stattdessen versuchte sie jedoch so viel wie möglich über ihn in Erfahrung zu bringen.
Er war klein, fast einen ganzen Kopf kleiner als Juliette und schmal, was für einen Elfen auch nicht ungewöhnlich war. Es schien als wäre er etwa in ihrem Alter doch war es für die Söldnerin nicht zu übersehen dass er aus keinem wohlhabenden Hause stammte. Die zwar subtilen Kratzer im Gesicht und die unordentliche Erscheinung sprachen dagegen. Mehr konnte sie aus dem kurzen Blick nicht herauslesen, jedenfalls nicht das er den allzu forschenden Blick bemerkte, so wandte sie ihn wieder ab.
Stattdessen beschloss sie dass es Zeit war den Rest der Gruppe zu wecken. Es war schließlich bereits morgen und sie alle hatten sicher nichts dagegen so schnell wie möglich von dem Ort ihres nächtlichen Schreckens noch weiter zu entfernen, von ihren Verfolgern ganz zu schweigen.
Wenn sie glaubte das ginge jedoch schnell, einfach und vor allem würdevoll von dannen hatte sie sich geschnitten.
Vorsichtig trat sie an Leirâ um sie zu wecken. Sie hatte noch gut in Erinnerung wie sie beim letzten Mal mit ihrem Messer an der Hand Alrik an die Kehle gegangen war. Fast schon argwöhnisch näherte sich die Adlige der weißhaarigen ach so friedlich schlummernden Gestalt. Sie sprach die Dalish mit dem Namen an aber abgesehen von einem verschlafenen Murren gab es keine Reaktion. Juliette seufzte.
Wie war das noch mit in einem Wespennest stochern?
Behutsam stupste die Söldnerin die Schlafende mit der Spitze ihrer Stiefel an und sprach sie erneut an, was diese jedoch nur die Beine, unverständlich murmelnd, etwas mehr zusammen ziehen ließ. Tatsächlich spielte sie kurz mit dem Gedanken Alrik, der kaum eine Armlänge weit von ihnen lag, diese undankbare Aufgabe übernehmen zu lassen aber dieser ruhte ebenfalls noch. Ihre ungute Vorahnung ignorierend stupste sie, nach kurzem Zaudern erneut die Elfe an…
Wie der sprichwörtliche Blitz war die Dalish auf den Beinen und hatte ihr scharfes Messer schneller in der Hand als Juliette schauen konnte. Sie hatte gerade genug Zeit gehabt das gefährliche Blitzen in den himmelblauen Augen Leirâs zu registrieren und mehr instinktiv zu handeln.
Hastig wollte sie einen Schritt zurück tun…und trat auf Alrik der zusammenzuckend hochschreckte. Beinahe wäre die Adlige unelegant gestolpert. Sie bekam gerade so noch das vorschnelle Handgelenk der Dalish mehr durch einen Impuls zu fassen bevor sich die Klinge ihr an die Kehle gelegt hätte. Doch verlor sie den wenigen Halt den Alriks Schenkel boten und sie fiel doch…und zog auch Leirâ mit sich.
So stürzen beide Frauen eher unelegant auf den mehr überrascht ächzenden Burschen.
Ein Schauer lief der Adligen bei dem gefährlichen Glitzern in Leirâs Augen, kaum eine Handbreit entfernt, die noch unentwegt auf sie gerichtet waren den Rücken herab, das zierliche Handgelenk der Dalish noch etwas fester umklammert. Doch dann verschwand das Glitzern und machte einer fast gelassenen Erkenntnis Platz, die selbst Juliette mit ihrer mangelhaften Kenntnis elfischer Mimik als ein ach du bist es erkannte.
„Guten Morgen, meine Liebe.“, antwortete Juliette höchst steif das Handgelenk Leirâs erst ein paar Herzschläge später aus ihrem fast schon eisernen Griff entlassend, als auch diese so langsam zu realisieren schien wo sie gelandet war…oder besser gesagt auf wem.
„Äh…wünsch ich ebenfalls.“, fügte Alrik unter Juliette eingeklemmt verlegen hinzu, die Wangen gerötet.
Ziemlich zügig standen beide Frauen auf und warfen sich unsichere und verlegene Blicke zu.
„Wir…müssen weiter.“, nahm die Adlige den Faden etwas ungeschickt wieder auf. Peinlich berührt über das Spektakel das die ganze restliche Gruppe geweckt zu haben schien. Alle bis auf einen wie es den Anschein hatte.
Gar ein leises Schnarchen ertönte wo Rhaego sich niedergelassen hatte.
Juliette drehte sich vielleicht etwas zu zackig in Richtung des Magiers, ging dann aber als wäre nichts geschehen zu ihm.
Er ließ sich ebenfalls nicht so leicht wecken. Aber immerhin unterließ er es sich dabei zur Wehr zu setzen. Fast schon hatte Juliette den Eindruck dass er gar nicht aufwachen wollte. Verdenken konnte sie es ihm nicht. Angesichts ihrer Probleme und im Moment vor allem wegen dieses kleinen Vorfalls wäre die Adlige auch lieber nicht erwacht. Das ihr noch die Schamesröte ins Gesicht stieg war das letzte was noch fehlte. Nichtsdestotrotz ging sie dann eben dazu über den Schlafenden zu rütteln während sie ihn beim Namen rief, bis er schließlich verwirrt die Augen aufschlug.
„Vergebt mir. Aber wir müssen weiter.“, entschuldigte sie sich bei ihm, eine Bestimmtheit in der Stimme mit der sie wohl eher sich selbst von dem Vorfall ablenken wollte.
Mürrisch blickte er, wohl aufgrund ihres Tonfalls auf. Vermutlich legte er ihren Tonfall bereits gegen ihn gerichtet aus.
Die andere Magierin war bereits erwacht, das unschöne Spektakel war laut genug um sie aus dem Schlaf zu reißen gewesen.
Sie wirkte wie jemand dem man aus einem schlechten Traum gerissen hatte. Geschockt und erleichtert zu gleich, während ihre großen elfischen Augen über ihren Rastplatz schweiften als müsse sie sich erst daran erinnern wo sie eigentlich war. Vielleicht litt sie aber auch einfach nur an der langen Nacht und dem viel zu frühen Morgen, wie sie alle.
Die Händlerin samt ihrem Gefolge waren ebenfalls erwacht. Man beriet sich in der Gruppe welche Richtung nun einzuschlagen sei. Laut der fachkundigen Meinung Leirâs lag ihr Ziel weiter in Richtung Nordosten was jedoch nicht dem Reiseziel der Händlerin entsprach. So beschloss man nun getrennter Wege zu gehen, worüber Juliette gar nicht mal so unglücklich war.
Dies lag nicht an der Händlerin, ihrer stummen Dienerin oder dem ungewöhnlichen Zugtier. Erstere schien eigentlich ganz umgänglich und letzteres wäre in jeder Auseinandersetzung in die sie noch schlittern könnten von großen Nutzen. Andererseits konnten sie sich nun wieder leichter querfeldein bewegen ohne die unverkennbaren Spuren des Wagens zu hinterlassen und Juliette hatte es auch unauffällig genug unterbunden dass das eigentliche Ziel ihrer Reise erwähnt wurde. So würde die Händlerin, wenn man sie aufgriff nicht wissen wohin die Gruppe genau unterwegs war.
Also verabschiedete man sich nun von der Händlerin die der Gruppe alles Gute wünschte, ehe sie rumpelnd mit ihrem Wagen davon fuhr.
Der Rest der Gruppe machte sich in entgegen gesetzter Richtung auf, geführt durch die Dalish die flinken Fußes durch das Unterholz hüpfte. Sehr zu Juliettes Überraschung entschlossen sich beide Neulinge die Gruppe auf ihrem Weg in Richtung Orzammar zu begleiten.
Auch um an etwas anderes als diesen unschönen Morgen zu denken, nahm sich Juliette vor nachher mit den anderen reinen Tisch zu machen. Die beiden Neulinge mussten wissen worauf sie sich einließen und damit verdienten sowohl sie als auch der Rest der Gruppe zu erfahren warum sie verfolgt wurden…sie war sich nur nicht so sicher ob es klug war mit offenen Karten zu spielen. Insbesondere wenn sie an die beiden Neulinge dachte.
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Xydia ging weiter, folgte den anderen. Es war für sie wie meist, schmerzhaft, jemanden zu verlieren. Gut, es tat nicht so weh, den die, die sich nun von ihnen getrennt hatten, hatte sie kaum gekannt. Dennoch, es war ein Verlust. Der Wind auf ihrem Gesicht tat gut, denn der Schlaf war nicht halb so erholsam gewesen, wie er hätte sein müssen. Die Stille nagte an ihr, es gab Momente wo sie Stille umarmt hätte, aber das war im Moment anders, nach all dem was geschehen war. 'Sie musste reden. Reden, ja, nur mit wem?' Der Elf war ihr suspekt, er war der typische Loner, der sich nur um sich kümmerte und nicht um andere. Leíra, die andere Elfe war ihr sympathisch, doch sie hatte gespürt, das sie sie verwirrte, warum auch immer. Dennoch war Leíra für sie eingetreten und hatte sie vor dem Monster gerettet. Xydia stand in ihrer Schuld. Nein, das waren alles keine Gedanken um einen Tag zu beginnen. Rhaego, der andere Magier schien ihr zu misstrauen, was sie nachvollziehen konnte, er schien Angst zu haben, Angst das sie nur ein Teil dessen war das sie vorgab, das sie ein Problem war und nicht ein Teil einer Lösung. Die Elfe seufzte. Ihr Blick viel auf die Frau aus Orlais. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Vielleicht ergab sich ja mit ihr ein Gespräch, über Orlais, über irgendetwas belangloses.
Auf ihren Stab gestützt beschleunigte sie um mit ihr aufzuschließen. "Verzeiht, wenn ich Euch anspreche, ich dachte nur, dass wir vielleicht etwas reden könnten. Wir kommen beide aus Orlais." Um sie so anzusprechen hatte die Elfe schon ihren Mut zusammengenommen, "Darf ich fragen, wann ihr zu Letzt in der Stadt wart? Wenn man im Turm lebt sieht man nicht zu viel von ihr, nur wenn man mal den Turm verlassen darf. Von weitem ist der Weiße Turm ein wunderschöner Anblick... leider teilt nicht jeder dies, weil viele Angst haben vor denen die darin sind und das, obwohl wir ihnen dienen und unseren Teil tun um die Plage von uns fern zu halten." Sie musterte die Frau, da war etwas das sie irritiert wahrnahm, der süßliche Geruch von Wein und dann war da eine gewisse Ähnlichkeit mit jemandem den sie kannte. 'Konnte es sein?' Für den Moment wartete sie ab ob Juliette ihr überhaupt antworten würde.
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Juliette war…nicht gerade angetan davon, von der Magierin, die auf ihren Stab gestützt zu der Adligen aufgeschlossen hatte, angesprochen zu werden. Es war weniger ihr Missachten der in Orlais übliche Manier Hochgeborene als Standesniedrigere nicht einfach so anzusprechen. Über so etwas war Juliette hinweg…zumindest größtenteils. Allein das sie eine Magierin war, war bereits genug Grund für Juliette sich nur ungern mit der Elfe zu unterhalten. Die Umstände unter denen sie aneinander geraten waren taten ihr Übriges.
Trotzdem zwang sie sich zur Höflichkeit. Im Spiel war es nie ratsam gewesen neue Spieler gleich bei deren Erscheinen gegen sich aufzubringen, was man nun von ihnen hielt oder nicht und so handelte sie auch diesmal.
Sie verbarg ihren Unwillen mit der anderen Orlaiserin zu reden jedoch wohl etwas zu knapp. Ihr Sinn für Höflichkeit hatte etwas spät gezündet. Einer guten Beobachterin wäre der kurze Ausdruck des Unmutes in Juliettes Blick und Mimik wohl aufgefallen ehe sie einen diplomatischeren Ausdruck annahmen.
Kurz blickte sie der Elfe ins Gesicht. Stellte fest das sie für eine Elfe wohl durchaus sehr gut aussehend war und nahm ihren durchaus angenehmen Geruch war. War auf jeden Fall eine Abwechslung zu den üblen Ausdünstungen von Fereldens Pöbel.
Doch gerade als sie den Mund aufmachte und Luft geholt hatte meldete sich der andere Magier, der vorher noch ein paar Meter hinter den beiden stillschweigend gelaufen war…
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Es kam Rhaego vor, als hätte er gerade erst die Augen geschlossen, als ihn auch schon jemand kräftig an der Schulter rüttelte. Gleichzeitig rief eine Stimme ungeduldig seinen Namen. Er murrte irgendetwas in der Hoffnung, das würde diese aufdringliche Person davon überzeugen, dass er wach war, so dass er in aller Ruhe weiterschlafen konnte. Doch das Rütteln ließ nicht nach, bis er sich schließlich auf den Rücken wälzte und die Augen öffnete.
Vor ihm stand Juliette, merkwürdig rot angelaufen, und begrüßte ihn mit leicht unfreundlichem Ton: „Vergebt mir. Aber wir müssen weiter.“
Er runzelte die Stirn. Vergebt mir? Das hatte er schon lange nicht mehr gehört und trotz ihres harschen Tons war es eine erfreuliche Überraschung im Vergleich zur Weck-Methode der Templer. Nicht, dass das oft vorgekommen war. Der Turm hatte wenigstens den Vorteil, dass man so lange schlafen konnte, wie man wollte – außer natürlich, die Templer hatten wieder einmal einen ihrer Notstände wegen mehr oder weniger eingebildeten Unruhen unter den Magiern ausgerufen.
Mühsam rappelte er sich schließlich hoch. Er schien der letzte zu sein, der noch geschlafen hatte, um ihn herum waren alle schon wach. Sehr wach, wie er fand. Wie kann man so wach sein nach einer so kurzen Nacht und einem so anstrengendem Tag?, fragte er sich. Sogar die blinde Händlerin und die orlaisianische Magierin wirkten relativ ausgeruht, während er noch immer gegen seine schweren Augenlider ankämpfen musste.
Wenigstens hatte er etwas Zeit, sich zu sammeln, während die anderen mit der Händlerin sprachen und ihre nächste Vorgehensweise planten. Bestandsaufnahme, dachte er. Seine Schultern waren steif, seine Füße schmerzten, ebenso wie seine Beine. Diese ganze Lauferei, dachte er missmutig. Und dann noch dieses Herumrennen gestern Abend. Doch er fand keine Blasen oder Schwellungen an seinen Füßen, was einigermaßen positiv war.
Abwesend verfolgte er die Unterhaltung neben ihm. Erst als klar war, dass Adriana sich nun wieder von ihnen trennen würde, fuhr es ihm siedend heiß durch den Kopf: die Rune! Dass dieses Zeichen auf ihrem Stab etwas mit ihrem Ziel zu tun hatte, stand außer Frage. Ebenso würde die Händlerin sich wohl kaum für ihn davon trennen.
Unauffällig schob Rhaego sich näher heran und prägte sich die Rune genau ein, ehe er rasch eines der neu gekauften Papiere aus seinem Rucksack zog und die Form skizzierte. Sobald er etwas freie Zeit fand, wollte er sie mit ihrem Zwilling auf Alriks Schatzkarte vergleichen. Noch ehe die Bärin angespannt war, war seine rasche Zeichnung fertig und sogar schon mehrfach kontrolliert. Jeder Strich stimmte exakt mit dem Original überein. Da er sich nicht in das Gespräch einmischte, schienen die anderen seine Aktion gar nicht zu beachten.
Schließlich brach Adriana mit ihrer Gehilfin und ihrem Wagen auf. Rhaego blickte dem Gefährt sehnsuchtsvoll hinterher. Die Fahrt auf dem Wagen war zwar sehr rumpelig gewesen, dafür viel erholsamer als das ewige Laufen.
Als der Wagen außer Sicht war, griff er seufzend nach seinem Rucksack und folgte den anderen.
Natürlich. Es muss ja immer durch das Unterholz sein, dachte er sich und stolperte rasch der Gruppe nach.
Nach einer Weile änderte er seine Meinung jedoch. Mit jedem Schritt ließ das unangenehme Ziepen in seinen Beinen etwas nach, bis er es lediglich noch im Hintergrund wahrnahm. Die frische Morgenluft trug auch dazu bei, dass er bald vollständig wach war. Vielleicht tauge ich doch etwas für diese Abenteuer, dachte er sich, wobei er jeden Gedanken an die Stunden des Laufens, die noch vor ihnen lagen, bewusst vermied.
Stattdessen begann er, ihre neue Begleitung noch einmal in Augenschein zu nehmen. Den dunklen Burschen konnte er nicht einschätzen, doch diese verschlossene Attitüde hatte er schon öfters gesehen, bei vielen der elfischen Neuankömmlingen im Zirkel. Wie sich das dann entwickelte, war immer schwer abzuschätzen. Einige erkannten rasch, dass der Zirkel nur eine neue Art von Gefangenschaft war. Andere schienen den Templern und Priestern ihr Gerede über die Sünden der Magier abzukaufen. So wie dieses dürre Elfenmädchen vor ihm. Schutz der Templer. Er schnaubte, als er an ihre Worte gestern dachte.
Misstrauisch beobachtete er, wie Xydia zu Juliette aufschloss. Er kannte die Kämpferin nun schon lange genug, um den missmutigen Ausdruck zu erkennen, der für den Bruchteil einer Sekunde in ihren Augen erschien, als die Magierin sie ansprach. Ein kurzes Grinsen huschte über sein Gesicht bei dem Gedanken an ihr Unbehagen gegenüber Magie, doch schnell verschwand es wieder.
Rhaego konnte nicht genau sagen warum, aber irgendwie störte ihn der Anblick der beiden zusammen. Sie beide hatten diesen religiösen Antrieb... wenn sie sich miteinander darüber austauschten, würden sie vermutlich bald unerträglich werden. Und so sehr er Juliette schätzen gelernt hatte, so nett und fähig Xydia auch schien, er kam nicht über sein Misstrauen fromm religiösen Leuten gegenüber hinweg.
Aber das war nicht der Grund für den feinen Schauder, der ihm über den Rücken lief.
Xydia würde ihm auch nicht anderweitig gefährlich werden. Die Gruppe hatte ihn nicht mitgenommen, weil er ein Magier war, sondern weil er einer der wenigen in Ferelden war, der so alte Runen überhaupt noch lesen konnte. Er schob den Gedanken beiseite, doch seine Unruhe ließ nicht nach.
Kurzentschlossen schob er sich an Alrik vorbei, der vor ihm lief, und drängte sich zwischen die beiden Frauen, als Juliette gerade antworten wollte, im Gesicht den überaus höflichen Ausdruck, den Rhaego selbst gut genug von ihr kannte – sie würde sich freuen, nun gleich von zwei Magiern in Beschlag genommen zu werden, dachte er spöttisch.
„Jeder Turm des Zirkels sieht von außen am besten aus“, wandte er sich schroff an die Elfe. „Insbesondere von mehreren Meilen Entfernung.“ Wie schade, dass Ihr nicht dorthin zurück könnt, wo Ihr die Templer doch so verehrt, dachte er bei sich. Es nagte noch immer an ihm, dass sie hier frei herumlaufen konnte, während bessere Magier – unglücklichere Gefangene – im Turm festsaßen.
Doch er zügelte sich, dies nicht laut auszusprechen. Stattdessen wandte er seine nächsten Worte an beide zugleich. Sein Missmut und seine Unruhe schienen jedoch trotzdem hinauszudrängen, denn seine Worte waren etwas schroffer, als er es eigentlich beabsichtigt hatte. „Findet Ihr es nicht sehr unhöflich den anderen gegenüber, in einer Sprache zu sprechen, die sie nicht verstehen können?“
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"Verzeiht, dass ich Euch angesprochen habe." Entschuldigte sie sich bei Juliette. Eigentlich hätte sie sich zurückfallen lassen wollen aber dann war Rhaego, der andere Magier da. Seine Wortwahl grob, von Vorwürfen nur so triefend. "Verzei't, ebenfalls, Rhaego. Die Absicht war eine gutte gewesen, weil i'r dann nischt zusammenzucken müsst und meine Aussprache Eure O'ren beleidigt. Was die Turm ange't, so ist das eine Sach wie man sisch mit dem arrangiert was ist Wirklischkeit. I'r 'abt mein Bedauern, dass I'r eine andere Erfa'rung mit die Templier gemacht 'abt." Ihre Augen wurden feucht, was sie ärgerte. Ja, sie war nur eine kleine schmutzige, magiebegabte Elfe und von daher schon gehörte sie mit zum Bodensatz der Gesellschaft. Sie fragte ob das alles war, was sie getan hatte, das man sie so behandelte und nicht einmal in Betracht zog was sie getan hatte um alle zu retten.
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„Und empfindet ihr es etwa als sonderlich taktvoll jemanden einfach so das Wort abzuschneiden, Rhaego?“, konterte Juliette schon wieder etwas kühler im Tonfall, den Magier der sich einfach so zwischen sie gedrängt hatte herablassend anfunkelnd, in besten orlaisisch. Tatsächlich war ihr der Gedanke auch kurz gekommen sich mit Xydia besser in der fereldischen Zunge auszutauschen um eben so etwas zu verhindern, doch der Klang ihrer Muttersprache, aus dem Munde einer Landsfrau zu hören war für den Moment einfach zu angenehm gewesen, als das sie dagegen aufbegehrt hätte. Orlaisisch war so viel fließender und melodischer als das dieses unelegante Grummeln und Geschnatter des hiesigen Landvolks jemals sein könnte.
Rhaegos Orlaisisch war zwar hingegen auch fehlerfrei, doch war es eher schon zu fehlerfrei. Klang es doch fast schon sehr förmlich und etwas steif. Vermutlich fehlte ihm nun mal die Praxis. Als Bewohner des Zirkels von Ferelden fehlten ihm vermutlich angemessene Gesprächspartner…und damit waren Leute gemeint die ihm nicht gleich eine reinwürgen wollten wenn er so sprach.
Sein Tonfall war es jedoch, der Juliette nicht wenig dazu provozierte im klarsten Orlaisisch dem sie fähig war weiter zu sprechen, ganz egal was er sagte. Ihre adelige Zurückhaltung und Geduld waren in den Jahren in Ferelden wohl mehr eingerostet als sie dachte…andererseits schien Rhaego geradezu ein Naturtalent darin zu sein sie zu provozieren.
„Möglicherweise fehlt es der lieben Xydia noch an etwas Gewandtheit im Sprechen der hier gemeinen Zunge und sie war froh darüber sich nicht mit jener rustikal klingenden Sprache belasten zu müssen.“, setzte Juliette mahnend nach.
Kurz kam ihr die Frage auf weshalb der andere Magier auf einmal so barsch reagierte? Scherte es ihn wirklich so sehr ob der Rest der Gruppe ihre wohl belanglosen Worte verstand? Oder war er nach der kurzen Nacht noch müde und gereizt und suchte einfach nach Streit? Oder steckte gar mehr dahinter…etwas im Bezug auf die andere Magierin?
Die Frage trat jedoch schnell in den Hintergrund als Juliette Rhaegos trotzigen Gesichtsausdruck gewahr wurde, doch hielt sie an sich. Dieses Mal würde sie nicht ganz so schnell austicken, nahm sie sich vor und leitete ihre Streitlust um. Dieses Mal würde nicht sie den Streit vom Zaun brechen.
„Warum übersetzt ihr unsere Worte nischt einfach für unsere weniger sprachbegabte Mitreisende, wenn ihr glaubt dass man einem `armlosen Tratsch über unsere `eimat unbedingt beiwohnen muss?“, fragte sie ihn beinahe freundlich klingend doch dadurch nicht weniger provokant wieder in der örtlichen Bauernsprache. „Ihr seid doch `ier der Sprachgelehrte oder nicht?“
Als ob sie sich vorschreiben lassen würde, wie sie zu sprechen hatte!
Sie war nicht wenig versucht den Magier, wie einen strengen Hauptmann einen aufmüpfigen Rekruten zurück ins Glied schob, wieder nach hinten zu drängen. Fähig wäre sie dazu gewesen doch sprach ihr Sinn für Anstand sich dagegen aus. Einer Dame stand so etwas nicht so Gesicht…zumindest solange man ihr nicht doch noch einen Fehdehandschuh vor die Füße warf.
„Ihr müsst euch nicht entschuldigen, Xydia.“, sprach sie einfach an dem anderen Magier vorbei an die Elfe gerichtet, wieder in ihrer Muttersprache. „Das steht mir, und anderen Leuten“, ein kurzer fast schon beiläufiger Blick wurde auf Rhaego geworfen. „eher zu. Ich bin einfach nicht gewohnt mit Leuten eures Schlages, und damit meine ich lediglich eure Zugehörigkeit zum Zirkel, umzugehen. Und die Nacht als hart zu beschreiben wäre untertrieben, darum verzeiht bitte.“
Dennoch wollte sie doch wirklich besser nicht den Faden wieder aufnehmen und darüber reden ob das Misstrauen gegenüber Magiern gerechtfertigt war. Das war es nämlich. Ganz gleich was einige einzelne Magier auch für einen respektablen Dienst an der Gesellschaft taten. Zumindest wenn man Juliette fragte. Und auch über den Turm wollte sie nicht reden, denn ihrer Meinung nach war jeder Turm eine unschöne Mahnung was in ihm hauste, von der Ästhetik ganz zu schweigen. Aber sie wollte die Elfe nicht unbedingt noch mehr vor den Kopf stoßen.
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Einige Augenblicke wusste Rhaego nicht was er sagen sollte.
Immerhin hatte Juliette Recht – er könnte einfach übersetzen, falls die anderen wissen wollten, worüber die beiden Frauen sprachen. Andererseits interessierte vermutlich niemand der Inhalt des Gesprächs, sprachen sie doch beide nur über ihr Heimatland, tauschten sich darüber aus. Nichts spannendes, keine Intrigen, keine Verschwörungen... nur tratschende Weiber.
Vergeblich versuchte er sich seine kurze Sprachlosigkeit nicht anmerken zu lassen und stapfte zwischen den beiden weiter.
Doch dann setzte Juliette noch eins drauf – natürlich auf orlaisianisch – direkt nachdem sie Xydia versichert hatte, es gäbe keinen Grund sich zu entschuldigen, und beleidigte die Elfe und ihn im selben Satz. Leute unseres Schlages. Beinahe vergaß Rhaego dabei, dass der eigentliche Grund, weshalb er das Gespräch unterbrochen hatte, nicht die Absonderung durch die fremde Sprache gewesen war, sondern das unwohle Gefühl, als er die beiden miteinander tratschen gesehen hatte. Einen Moment lang fragte er sich, ob der Orlaisianerin überhaupt bewusst war, wie beleidigend dieser Satz klang. Doch schließlich war sie doch sonst immer so bedacht, anderen Leuten – von ihm und Leuten seines Schlages abgesehen – nicht auf die Füße zu treten. Und ihr Nachsatz eliminierte jeden Zweifel. „Und damit meine ich lediglich eure Zugehörigkeit zum Zirkel.“ Was zur Hölle sollte sie sonst damit meinen? Der einzige Grund, weshalb sie das noch hinzugefügt hatte, dessen war er sich sicher, war um deutlich zu machen, dass auch er gemeint war. Und nachdem er all die Zeit im Zirkel eingesperrt gewesen war, dort gehalten von der Angst der Bevölkerung und der Verachtung der Templer für Leute seines Schlages, sah er nicht den geringsten Grund, dies auch nur noch einen weiteren Augenblick grundlos zu ertragen.
Er hatte nicht mehr mitbekommen, was Juliette danach gesagt hatte, doch das war auch nicht wichtig. Sobald sie geendet hatte, erwiderte er frostig, wie er es von ihr gelernt hatte, aus reinem Trotz auf fereldisch: „Nun zumindest waren es nicht Leute unseres Schlages, die uns in diese Lage gebracht haben – im Gegensatz dazu haben Xydia und ich euch vor diesem Monstrum gerettet, während eure Waffen ja völlig nutzlos dagegen waren.“ Eine kleine Stimme in seinem Hinterkopf murmelte ihm zu, dass er sich besser entscheiden sollte, ob er nun auf Xydias Seite stand oder sie aufgrund ihrer Templerliebe nicht ausstehen konnte. Doch er verdrängte dies, ebenso wie den Fakt, dass seine Feuerzauber ebenso ineffektiv wie die Waffen der anderen gewesen waren, und fuhr fort: „Vielleicht erinnert Ihr Euch noch daran, Juliette, diese ganze Misere fing erst an, als wir Hals über Kopf aus diesem Dorf flüchten mussten!“
Noch während seine Worte verklangen, schossen ihm erneut die Bilder durch den Kopf – das gleißende Licht der Flammen, der Gestank von verbranntem Fleisch, der Ausdruck namenlosen Entsetzens in den Augen ihrer Angreifer und der Dorfbewohner gleichermaßen... Und wie Juliette sich auf die beiden Männer geworfen hatte, kurz bevor diese ihn erreichen konnten. Die Orlaisianerin war vielleicht die Ursache für diesen Kampf gewesen, doch er hatte seinen Teil dazu beigetragen, dass sie Hals über Kopf flüchten mussten. Und Juliette hatte sein Leben gerettet.
Sein Zorn und seine Gereiztheit waren so schlagartig verraucht wie sie gekommen waren und hinterließen ein Gefühl, wie er es schon lange nicht mehr erlebt hatte: lauter nagende Gewissensbisse. Am liebsten hätte er seine Worte zurück genommen, aber dazu konnte er sich nun doch nicht durchringen. Abgesehen davon hätte er sowieso keine Ahnung, wie er das anstellen sollte. Also streckte er trotzig das Kinn vor, starrte sie herausfordernd an – und hoffte, dass sie nicht gesehen hatte, wie schwer er gerade schlucken musste.
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Es hat mich!
Leirâs Dolch flog ihr in die Hand, ihr Körper rauschte durch die Luft.
Muss es töten bevor es mich tötet!
Hass brannte in ihren Muskeln, als sie versuchte, die Shemlen am Hals zu treffen, doch die war der Jägerin an Stärke und Geschick überlegen. Plötzlich gab der Boden nach, einen Augenblick lang nahm Leirâ nur Beine und Haare wahr, dann starrte sie Juliette in die Augen.
Und gähnte.
"Guten Morgen, meine Liebe."
"Morgen.", grummelte sie verschlafen. Sie wollte nicht mit der Shemlen reden. Nicht, nachdem sie...
Mythal, was...? Die Dalish durchforstete ihre Gedanken kurz, woher dieser Zorn auf die Kämpferin stammte, aber da war nichts. Außer einem flauen Gefühl im Magen und ein Bild. Ein gespaltener Pfeil, von dessen Spitze Blut tropfte. Leirâ vermochte es nicht zu erklären, doch als sie das Bild heraufbeschwor, durchzuckte Zorn ihren Geist.
Sie schüttelte und streckte sich.
Juliette drängte zum Aufbruch, während Leirâ noch verschlafen versuchte, sich der Geschehnisse der letzten Tage zu erinnern. Beim Gedanken an den unheiligen Koloss, der das Flachohr verfolgt hatte, drängte es auch sie zur Eile. Während die anderen sich berieten, bemerkte Leirâ schmunzelnd, dass dieser Rowen noch bei ihnen war. Sie konnte es sich nicht erklären, aber dass die Gruppe noch beisammen war, erfüllte sie mit einem warmen Gefühl. Als sie nach dem Weg zur Zwergenstadt gefragt wurde, bat sie um einen Moment, um sich zu orientieren.
"Dîs Orzamâ ist mir unbekannt, doch ich wurde im Frostgipfelgebîrge geboren.", erwiderte sie nach kurzer Zeit, "Dîse Richtung." Die Blinde hatte sich offenbar entschlossen, samt Wagen und Elfe in einer anderen Richtung weiter zu reisen.
Ohne den Wagen wird es leichter, aber ich hätte zu gern die Geschichte der stummen Dalish vernommen.
Leirâ ging allein voraus, die Schultern ob ihrer düsteren Gedanken schlapp herabhängend.
Wieder ist die Gemeinschaft kleiner geworden. Wieder schwächer. Wollen es die Rosenohren denn nicht verstehen? Werden sie irgendwann alle gehen? Wäre das so eine große Veränderung? Abgesehen davon, sie durch die Wildnis zu führen, brauchen sie mich nicht. Im Dorf und diesem Turm war ich ihnen bereits nur eine Last... Ein Seufzen entfuhr ihr, ehe sie den Rücken wieder durchstreckte und die Schultern hob.
"Vir Bor' Assan. Gil Dirthalen." Dirthamen, Wahrer der Geheimnisse, wird diese Gemeinschaft überhaupt bestand haben?
Sie hielt.
"Ich habe dir gesagt, dass dîse Kleidung dich bei Tag nicht zu verbergen vermag." Und mein waches Gehör kannst du auch nicht so einfach überlisten. Sie stemmte die Hände in die Hüften und schaute zu, wie Rowen sich aus dem Schatten einiger Bäume löste. Leirâ atmete tief ein.
"Willst du uns nun verlassen?"
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Der Dieb hatte sich etwas abseits von der Gruppe im Schatten der Bäume gehalten und war ihnen von dort aus, grade noch in Sichtweite, gefolgt. In solcher „ehrenwerten“ gesetzestreuen Gesellschaft unterwegs zu sein behagte ihm nicht. Und das Gezanke ging ihm langsam wirklich auf die Nerven. Konnten die sich nicht einfach die Fressen polieren und die Sache damit erledigen?
Er war ihm ein Rätsel, weshalb sich die Dalishelfe diesen Blödsinn antat. Sie lief ebenfalls einsam voraus und wurde von den anderen genauso ignoriert wie es Elfen auch sonst überall wurden. Egal. Nicht sein Problem.
Rowen ließ seinen Blick durch den Wald schweifen. Bäume, Bäume, und was noch? Natürlich noch mehr Bäume. Unkraut, soweit das Auge reichte. (Was auch immer gewisse Elfen daran toll genug fanden, um wie religiöse Fanatiker in die Wälder zu rennen und sich den Dalish anzuschließen).
Worauf wartete er eigentlich noch? Keiner von denen würde ihn aufhalten, wenn er verschwinden wollte. Wie wäre es langsam mal einen sicheren Unterschlupf zu finden? Sogar er wurde irgendwann mal müde...
Huh? Der Elf spitzte die Ohren. Wenn er das Geplärre der Kindergruppe ausblendete, hörte er aus der Ferne noch ein anderes Geräusch. Leise, wohl ein gutes Stück weg. Knackende Zweige? Brechende Äste? War das etwa... nein... Blödsinn... vollkommener Blödsinn... Der Elf schlich sich ein Stück in die fragliche Richtung und lauschte. Die Geräusche wurden lauter. Was es auch war, es kam näher und walzte ohne Rücksicht auf Verluste alle Äste und Gestrüpp nieder, das ihm in den Weg kam. Das ist aber nicht euer Ernst, oder? Nein, das wollte er nicht wahr haben. Das ergab doch keinen Sinn. Wieso sollte ihnen das Ding die ganze Nacht lang gefolgt sein? Nein, absoluter Unfug. Und dennoch warnte ihn sein Bauchgefühl, das es etwas richtig übles werden würde.
Na, und jetzt? Das war dein Stichwort. Taktischer Rückzug. Brauchst du's noch deutlicher? Im Eilschritt begab sich Rowen zurück zur Abenteurerbande, wo er sogleich von der Wildelfe begrüßt wurde.
"Ich habe dir gesagt, dass dîse Kleidung dich bei Tag nicht zu verbergen vermag."
„Ach nee“, platze es nur aus ihm heraus. Als ob er das nicht selbst wusste...
"Willst du uns nun verlassen?"
Statt einer Antwort hob er nur eine Hand und bedeutete der Elfe mit einer Geste, zu schweigen. Ein Blick in den Wald... Doch die lärmenden Streithähne machten ihm einen Strich durch die Rechnung.
„Haltet mal die Schnauze da hinten!“ blaffte er sie an.
Als ihn alle kurz in einem Moment des Schweigens anstarrten, deutete er statt einer Erklärung in den Wald. Das Geräusch brechenden Holzes in der Ferne war nun auch für schlechte Menschenohren zu hören.
„Mhmm“, brummte er als Antwort auf Leiras Frage, wobei er sie nun wieder direkt ansah.
„Wir kriegen Gesellschaft... ein perfekter Zeitpunkt um Leine zu ziehen. Viel Spaß.“
Er verabschiedete sich mit einem Kopfnicken und machte sich daran, seinen Worten Taten folgen zu lassen. Bis ihm einige Meter weiter siedend heiß in Erinnerung kam, was letztes Mal passiert war. Er wäre dem Ding beinah ins Schwert gerannt... Stolpernd kam er zum Stehen und starrte unschlüssig zurück. Und wenn das nochmal passierte? Wenn er nochmal noch eine Ladung komisches Magie-Zeugs abbekam?
Vielleicht reagierte er dieses Mal nicht schnell genug, um seine Haut zu retten...
Dann eben langsam und vorsichtig... immer schön aufpassen, wo er hin trat. Hier bleiben konnte und wollte er jedenfalls auch nicht.
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Leirâ schaute Rowen unschlüssig nach..
Was bist du nur für ein eigenartiges Flachohr? Das Dröhnen und Stampfen wurde lauter, der Elf lief ins Unterholz. Plötzlich hielt er inne und...
Hab ich ihm nicht eben gesagt, dass man ihn in dieser Kleidung ohne Probleme sehen kann? Ihr Blick richtete sich in die Richtung, aus der die monströsen Geräusche kamen. Sie seufzte, zückte und bespannte ihren Bogen, dann huschte sie an der Gruppe vorbei, in ebendiese Richtung. Irgendjemand fragte sie halblaut, was vor sich ging, woraufhin sie nur "gêt ênfach wêter, aber lêse." erwiderte.
Die Geräusche, die sie vernahm, passten, aber es ergab keinen Sinn. Warum sollte der finstere Halbgott sie verfolgen? Was hatten sie...
Sie gelangte an einen Abhang. Nichts als Bäume vor ihr. Sie kniff die Augen zusammen. Man sah und hörte keine Tiere mehr.
"Mythal halte dêne Hand ûber uns, es ist es.", keuchte sie. Was sollten sie nun tun?
Verstecken? Kämpfen? Rennen? Sie schüttelte den Kopf und eilte zurück zu ihren unfreiwilligen Gefährten. Die hatten weniger Weg gut gemacht, als ihr lieb gewesen wäre. Rhaego ging hinten, sie berührte ihn an der Schulter.
"Es ist wîder da.", flüsterte sie. "Das Wesen der vergangenen Nacht." Sie warf einen raschen Blick über die Schulter.
"Du gêst die Wege des Jenseits." Mehr sagte sie nicht, sie schaute ihn einfach nur fragend an.
Leirâ wollte es vor den Shemlen nicht zugeben, aber sie hatte Angst. So große Angst wie noch nie zuvor in ihrem Leben. Sie verstand dieses Wesen, seine Herkunft und seine Absichten nicht, aber sie wusste, dass sie es nicht besiegen konnte. Leirâ hoffte, dass der Magier vielleicht einen Ausweg wusste.
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Offensichtlich war Juliette nun doch ein Fettnäpfchen getreten. Dem wütenden Blick des Magiers zu folgen wohl geradezu mit Anlauf, wie sie sich innerlich seufzend eingestand. Wie sehr ihr diplomatisches Geschick wohl gelitten hatte…
Andererseits, kam ihr mit wachsendem Zorn in den Sinn, was war an „Leute eures Schlages“ denn so schlimm? Sie hatte der anderen Magierin nicht das Wort „Magier“ auf die Nase binden wollen, dass durchaus ebenfalls negativ behaftet war, und gleichzeitig ihre elfische Herkunft ausschließen wollen, da diese nicht der Grund für Juliettes Unbehagen war. Was sollte sie dann also sonst sagen? Sie kannte sich ja schließlich kaum im Umgang mit Magiern aus!
Jede Alternative, die ihr in den Sinn kam, könnte genauso negativ aufgefasst werden bis ihr eines bei dem zornigen Vorwürfen des Magiers klar wurde: Er wollte sich doch provozieren lassen! Egal was Juliette sagen würde, es wäre falsch!
Unwillkürlich verzogen sich ihre aristokratischen Züge kaum merklich.
Doch seine Vorwürfe versetzen ihr auch einen schuldbewussten Stich. Dass alles, ihre panische Flucht und ihr anschließendes Hineinstolpern in dieses Monster, war durch sie ausgelöst worden. Sie trug eine Mitschuld für jeden der dadurch zu Schaden gekommen war. Im Entferntesten wäre es ihr nicht in Sinn gekommen sich selbst zu Gute zu halten, dass sie immerhin Kopf und Kragen riskiert hatte um ihre Mitreisenden, auch Rhaego und die Magierin, vor Schaden zu bewahren. Mehr hatte sie in dieser Situation, sowohl gegen die Schergen ihres Vaters als auch gegen dieses Ding, nicht tun können. Doch dafür überlagerten zu viele Schuldgefühle ihr Denken.
Man sah wie sich ihre Mine von Gereiztheit wieder zurück zur diplomatischen Neutralität wandelte, jedoch fast eine Spur traurig.
Sie kam jedoch nicht dazu zu antworten. Der Elf maßte sich blaffend an Ruhe zu gebieten. Er lauschte. Die Elfen hörten es zuerst bis es auch schließlich an die Ohren der Menschen drang. Das Krachen von brechenden Ästen und raschelnden Laub. Etwas folgte ihnen. Etwas Großes.
Ein ungutes Gefühl gefolgt von einem Schrecken erfasste die Adlige.
Kurz darauf verabschiedete sich der Dieb ganz der selbstsüchtigen Art, die Juliette bereits vermutet hatte, nach und verschwand zwischen dem Gebüsch.
„Als ob von dem etwas anderes zu erwarten war!“, gab sie noch abfällig von sich. „Soll er schauen wo er bleibt!“
Leirâ schien die einzige zu sein, der der Abgang des Elfen etwas ausmachte aber Juliette hatte nun keinen Kopf sich darüber Gedanken zu machen. Fieberhaft überlegte sie was sie diesem Ding entgegen setzen könnten. Das Einzige was ihr in den Sinn kam, wäre eine weitere Kostprobe von Xydias Kräften. Andererseits hatte die Aufwendung dieser Kräfte die Magierin gestern erschöpft zusammen brechen lassen. Sie wusste nicht ob man ihr das erneut zumuten konnte oder ob sich das Monster gar bereits auf so etwas vorbereitet hatte.
"Du gêst die Wege des Jenseits.", wandte sich die Elfe in ihrer in Rätsel sprechenden Weise an den Magier.
Juliette brauchte einen Moment um zu begreifen was die Dalish damit meinte, bis ihr aufging das Rhaego, begünstigt durch sein Leben im Zirkel, vielleicht etwas über solch ein Unwesen wusste. Ein kleiner Funken Hoffnung flammte auf, als auch sie ihn anblickte.
„Wisst ihr etwas das uns gegen dieses Ding `elfen könnte?“, fragte nun auch sie. „Wenn ja, nur raus damit! Aber Beeilung! Es ist nischt mehr weit!“
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Wage Vermutungen über die Art ihres übernatürlichen Verfolgers, abgeleitet aus alten Schriften die er im Turm gelesen hatte und Nennung des ohnehin offensichtlichen. Mehr konnte der Magier über das Ding nicht sagen. Zumindest nicht im Moment. Somit nichts was ihnen weiter helfen würde.
Juliette sparte es sich ihrer Frustration Luft zu machen. Das würde nichts ändern. Sie hatte auch gar nicht die Zeit dafür, als die Gruppe, fast schon kopflos, ums weitere Mal die Beine in die Hand nahm um es dem Dieb gleich zu machen.
Geführt von Leirâ eilte die Gruppe durch den Wald, nicht die Muße habend irgendwelche Spuren zu verwischen, das wenig subtile Krachen und Knirschen ihres Verfolgers hinter ihnen.
Schneller atmend und schwitzend spürte die Adlige jedes Mal einen weiteren Schauer über den Rücken laufen wenn sie ihren Verfolger vernahmen, der sich auch nach etlichen Herzschlägen nicht nur nicht abschütteln ließ, sondern auch näher zu kommen schien. Hitze stieg in ihr auf und der Schweiß floss, doch begünstigt durch ihre Furcht und die Jahre in Ferelden würde sie problemlos noch deutlich länger fliehen können…doch andere in ihrer Gruppe machten bereits schlapp. Allen voran Rhaego keuchte immer lauter unter der Last seines Gepäcks.
Juliette versuchte ihn darum zu erleichtern und ihn anzutreiben doch nur wenige Herzschläge später hatte der Magier seine Grenzen ausgelotet. Anderen in der Gruppe ging es nicht besser, während das Krachen dicker Äste unermüdlich näher kam.
Die Gruppe stand nun auf einer kleinen Lichtung inmitten dieses endlos wirkenden Waldes, als man zu dem Schluss kam dass man nicht mehr weiter weglaufen konnte. Rufe wurden laut was zu tun sei doch wusste keiner eine Antwort bis sich die Magiern dafür aussprach zu versuchen das Ding ein weiteres Mal mit ihrer Magie zu stoppen. Um das Monster dieses Mal wirkungsvoller zu stoppen forderte sie auch den anderen Magier auf sie dazu unterstützen. Schnaufend und keuchend vor Anstrengung brachte er keine Widerworte hervor und kramte stattdessen zwei Fläschchen mit einer seltsamen Flüssigkeit aus seinem Gepäck hervor.
Die Adlige hatte keine Ahnung um was es sich bei der bläulichen Substanz handelte, machte sich darüber keinen Kopf. Die Magier sollten tun was nötig war um ihnen das Ding vom Hals zu halten, wenn sie auch einen überrascht bis entsetzen Blick zeigte als die beiden das Zeug tranken. Aber was sie auch taten, das Geräusch weiteren brechenden Holzes, tiefer im Wald im Dunkel jener Bäume, trieb sie dazu schneller zu handeln.
Angestrengt fingen beide an unverständliche Silben vor sich hin zu murmeln, die eine gekonnter, der andere weniger, bis Juliette mit einem weiteren Schauder regelrecht Spürte wie es um sie herum kälter wurde. Mit jeder weiteren Silbe schien sich gar ein Raureif um die Gräser linksum die beiden Zaubernden zu legen, doch dafür hatte sie Söldnerin kaum ein Auge.
Der riesenhafte Umriss, der im Dunkel des Blätterdachs auf sie zu kam, beanspruchte all ihre Aufmerksamkeit. Als es erkannte das es seine Beute eingeholt hatte schien die Kreatur, trotz ihres knöchernen Antlitzes, nur um so breiter und finsterer zu grinsen, während sie sich immer weiter näherte. Jetzt würde es kein Entkommen für die Sterblichen mehr geben!
Doch dann entfesselten die beiden Magier unter lauten Rufen die angesammelte Macht. Eine gewaltige Woge eisblauer Energie schoss in einen schier endlosen Strom aus den emporgestreckten Händen der Magier auf die Gestalt zu und umschloss sie, bis sie ganz darin verschwand.
Juliette, gebannt durch dieses Schauspiel, hätte fast gejubelt bis plötzlich der endlose blaue Strom sich an der entgegen geregte knöcherne Hand des Ungetüms teilte. Entsetzen fuhr wohl durch alle der Sterblichen, als das Ding der magischen Energie wie ein Fels in der Brandung trotze und dabei nur geringfügig langsamer wurde. Die roten Augen des Dings glühten nur so.
Vor Furcht gepackt verdoppelten die Magier unter Aufbringung nicht geringer Kräfte ihre Anstrengungen doch schien dies dem Ungetüm nun wenig anzuhaben! Mehr noch! Plötzlich stieß es sein riesige Klinge umspielt von Ranken einer dunklen Energie nach vorne in den Strom!
Für einen kurzen Moment erstarb jedes Geräusch als kurz darauf ein seltsam widerhallender Knall die Erde erzittern ließ. Tannennadeln, kleinere Äste und Blätter von den umstehenden Bäume wurde davon gewirbelt als die magischen Energien kollidierten und in etwas endeten das Juliette niemals für möglich gehalten denn überhaupt verstanden hätte. Die ganze Gruppe wurde von den Beinen gerissen, als die entfesselten Kräfte sie erfassten.
Ein weitentferntes doch dadurch nicht minder markerschütterndes Kreischen war das letzte was Juliette vernahm ehe alles um sie herum dunkel wurde…
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Xydia vernahm die Frage an Rhaego, der sich hinter einer Maske des Nachdenkens zu verstecken schien, als das Ding viel zu nah für ihren Geschmack wieder sichtbar wurde. ‚Bei, bei allen Heiligen!‘ Sie schluckte harte, wandte sich um und floh panisch. Nach all dem was sie an Magie gegen dieses Gegner geschickt hatte war es ein Erhaltungsreflex, der von ihr Besitz ergriff. Nein, die Elfe war nicht die schnellste, die letzte magische Anstrengung saß noch tief in ihren Knochen und Eingeweiden. Warum blieb Juliette stehen, warum Rhaego? Sie wirbelte herum, eilte ihnen entgegen, wollte ihnen entgegen rufen, das es sinnlos wäre nach etwas zu suchen, nichts was sie bei sich tragen würden, könnte ihnen auch nur im Geringsten im Kampf gegen den gigantischen Untoten helfen, als sie die Flakons mit der blauen Flüssigkeit sah. Ihre Augen weiteten sich, dass wahr mehr, als ein erster Verzauberer für sich beanspruchen durfte. Angst stieg in ihr auf. Dennoch es gab kein zurück. Angekommen nahm sie den Flakon entgegen, leerte ihn in einem Zug. Das Tränen ihre Wangen hinunterlief während sie die das Gefäß leerte, war nur eine Randnotiz auf die niemand Rücksicht nahm oder nehmen konnte.
Alles ging so schnell und die Worte der Macht gingen so einfach über ihre Lippen, so viel einfacher als gestern noch. Die Magie hatte sie durchdrungen, ja sie schien schier aus ihrem Körper herausbrechen zu wollen heraus. „Ce Nergis Pyrés gennear téleal Pyrés!!!” Gesprochenes Wort und Geste bildeten eine Einheit. Dann entludt sich die magische Essenz mit verheerender Kraft, hüllte das untote Monster ein. Das Ende!
Das Ende?! Das Schwert schnitt durch die Flammen Wand, schien dabei die Flammen in sich aufzunehmen. Mit einem zischenden Geräusch wurde die letzte Flamme eingesogen. Die Fratze des Untoten schien schier endlos erfreut. Ein kehliges, raues Lachen war zu vernehmen, als er das Schwert, so als würde er wie ein Champion vor einem Duell seinem Gegner salutieren, damit ihm Respekt bezeugen, aufnehmen. Weit gefehlt! Die Klinge schnellte vor, nicht um jemanden zu durchbohren, dafür war die Entfernung zu weit, sondern um gesammelte magische Energie mit einem Streich zurück zu schleudern. Bäume wurden entwurzelt Blätter schienen zu vergehen und selbst die Farbe des Horizontes veränderte sich zu einem nebulösem grau. Die Energiewelle traf alle ohne Unterschied mit brachialer Gewalt, riss sie von den Füßen.
... Schwärze
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Blindlings stolperte Rhaego über den unebenen Waldboden, folgte Leirâs Führung, war sich nur grob der anderen um ihn herum bewusst. Sein Herz tobte in seiner Brust und bereits nach wenigen Schritten begann das kalte Brennen in seiner Lunge, das ihm mittlerweile nur allzu gut bekannt war. Im Laufen wandte er sich um, versuchte einen Blick auf die Gestalt hinter ihm zu erhaschen, blieb mit seinem Fuß an einer Wurzel hängen, wurde lediglich durch eine rasch zupackende Hand an seiner Seite vor dem Sturz bewahrt, und eilte weiter. Jeder Schritt war mühsamer als der vorherige, seine Muskeln brannten, während er versuchte, seine kraftlosen Beine weiter zu bewegen, und das Knacken und Bersten der Äste unter dem schweren Tritt ihres Verfolgers immer lauter wurde.
Plötzlich hielt Leirâ an, so dass er fast in die kleine Elfe hineingestolpert wäre. Ein rascher Blick über die Schulter zeigte ihm, dass die Bäume um sie herum einer kleinen Lichtung gewichen waren und das Ungeheuer sie noch immer nicht erreicht hatte, doch es würde nicht mehr lange dauern, bis es aus den letzten Schatten unter den dichten Ästen treten würde, begleitet von dem Splittern der Zweige, die es mit seiner massiven Gestalt achtlos durchbrechen würde.
Wieso Leirâ angehalten hatte, war dennoch klar. Sie konnten dem Untoten nicht entkommen, nicht zuletzt seinetwegen. Er hatte das Gefühl, als könne er nicht einen einzigen Schritt weiter stolpern. Schon auf den Füßen stehen zu bleiben kostete seine ganze Kraft.
Doch wie sollten sie es bekämpfen? Irgendjemand rief, sie müssten das Monster mit Magie stoppen, wie sie es schon einmal gemacht hatten. Rhaego hatte nicht einmal mehr den Atem, darüber zu lachen. Der letzte Kampf mit diesem Monster hatte ihn schon ausgelaugt und der kurze Schlaf hatte nicht annähernd ausgereicht, seine Kräfte zu regenerieren. Dennoch machte er sich für den unausweichlichen Kampf bereit, löste den schweren Rucksack von seinen Schultern, der ihn nur behindern würde, und ließ ihn achtlos zu Boden fallen, wo er mit einem leisen Klirren im Gras landete. So leise das Geräusch der zusammenstoßenden Flakons und Fläschchen auch war, beinahe übertönt von einem Bersten hinter ihnen, als wäre das Ungeheuer geradewegs mitten durch einen der jungen Bäume gelaufen, es jagte Rhaego durch den Körper wie ein Blitz. Adrenalin schoss ihm durch die Adern, als er ihre plötzliche Chance erkannte. Rasch ließ er sich auf die Knie sinken und durchwühlte fieberhaft den Rucksack, suchte nach den fast unbezahlbaren Fläschchen mit dem unersetzbaren Inhalt, so wertvoll, dass sie nur in der absoluten Notlage eingesetzt werden konnten. Doch was war eine solche Notlage wenn nicht dies, von einem unaufhaltsamen, untoten Monster angegriffen zu werden?
Juliette rief irgendetwas an seiner Seite, doch er achtete nicht auf sie, denn in diesem Moment hatten sich seine Finger um die filigranen Hälse der kleinen Flaschen gelegt, die er gesucht hatte, und er zog sie hinaus, warf eines davon der Magierin, die mittlerweile zu ihnen herumgewirbelt war, mehr zu als dass er es ihr gab. An ihrem ungläubigen Blick sah er, dass sie sofort erkannte, worum es sich handelte. In ihren Augen las er die Angst davor, vor dieser blauen Flüssigkeit, in der kleine Schlieren zu tanzen schienen, die den Blick bannten und den Geist leerten, wenn man sie zu lange betrachtete. Doch er sah auch die sofort aufkeimende Entschlossenheit und gleichzeitig setzten sie sich das flüssige Lyrium an die Lippen und stürzten es hinunter.
Energie schoss durch ihn hindurch, Magie brodelte wie ein flüssiger Strom in seinen Adern, durchströmte ihn mit tosendem Lärm. Das Nichts rückte näher, umgab ihn, umwarb ihn, schmeichelte ihm. Noch immer spürte er seine schmerzenden Muskeln, seine brennende Lunge, die atemlose Angst in seinen Gliedern, aber es bedeutete ihm nichts mehr. Der Strom aus Macht toste unaufhaltsam in ihm.
„Eis“, sagte er zu Xydia, erinnerte sich an die einzige Gewalt, die den Untoten im Mindesten beeinflusst hatte. Oder vielleicht dachte er es auch nur, er wusste es nicht. Eis, nicht Feuer, leider, denn das Feuer war ihm nahe, seine zweite Natur, kam wenn er es rief. Doch auch Eis gehörte zu den Elementen, des Feuers kalte Schwester, und die Elementen hatten ihm schon immer besser gehorcht als alle anderen Formen der Magie.
Noch immer war das Ungeheuer nicht auf die Lichtung gekommen, doch es war nur noch eine Frage von Augenblicken, schon war sein bösartiges Grinsen in den tiefen Schatten erkennbar.
Rhaego griff in das Nichts, das ihn schon umschmeichelte, lehnte sich in es zurück, zog dessen gewaltige Kraft in seinen Geist, mehr durch seine Gedanken und Instinkte als durch die wenigen Worte, die aus seinem Mund flossen. Und die Energie des Nichts kam willig zu ihm, und er formte sie, gestaltete sie, unterwarf sie seinem Willen, doch er ließ sie noch nicht frei. Er spürte die Spannung um ihn herum, das Unwillen, mit dem die Welt auf die Kräfte des Nichts reagierte, ehe sie sich ihnen doch unterwerfen musste. Die Temperatur um ihn herum sank, deutlich doch entfernt spürte er die Kälte, sah den Raureif, der sich um ihn und Xydia herum bildete und den eisigen Nebel seines eigenen Atems vor sich.
Dann kam der Untote schließlich aus den Bäumen heraus, sein tödliches Antlitz zu einem gierigen Grinsen verzogen, so schien es. Und Rhaego lächelte und ließ endlich die Energie frei, die tobende Kraft in seinem Inneren, die ihm so schmeichelte und ihn gleichzeitig zu zerreißen drohte. Er ließ einfach die Barrieren sinken, die er ihr gestellt hatte, ließ sie frei und spürte, wie Xydia neben ihm dasselbe tat. Begierig tobend schoss die Energie aus ihm hinaus, in einem Strom aus eisblauen Flammen. Eis, des Feuers kleine Schwester, in der Tat. Ein Lächeln spielte auf seinen Lippen, ohne dass er sich dessen bewusst war, während er die Kraft weiter kanalisierte und die Woge aus Eis den Untoten umhüllte. Nichts konnte dem widerstehen!
Und doch bewegte sich plötzlich die knochige Hand, teilte den Strom aus Eis um sich herum. Rhaegos spürte den Schock in seinem weit entfernt scheinenden Körper, den Schreck, fast so kalt wie die eisigen Kräfte, die aus seinen Händen flossen, und gleichzeitig glühend heiß. Instinktiv griff er tiefer in das Nichts, ergriff es fester als jemals zuvor, und verstärkte den Strom der Macht, der das Monster umgab; obwohl er spürte, wie seine Kräfte schwächer wurden, wie das Lyrium aus ihm herauszuströmen schien und ihn schwach und kraftlos zurückließ, obwohl er wusste, dass er dies nicht viel länger durchhalten konnte.
In diesem Moment stieß die dunkle Klinge des Monsters, von schattigen Schlieren umrankt, nach vorne. Rhaego fühlte den Stoß fast körperlich, als die Klinge den Strom aus Eis und Kälte nicht teilte, wie es zuvor die Hand getan hatte, sondern den unaufhaltsamen Strom schlicht stoppte. Die beiden Kräfte kollidierten mit einer Wucht, die Rhaego bis in die tiefsten Winkel seines Geistes erschütterte. Mit einem schrillen, schmerzerfülltem Schrei jubelte das Nichts um ihn herum kurz auf, doch er bekam es gar nicht mehr richtig mit, während er in wohltuender, schweigender Schwärze versank.
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In weiser Voraussicht hatte Rowen eine andere Richtung eingeschlagen als die restliche Gruppe – die gaben auch wirklich den perfekten Köder ab, um das Monstrum von ihm wegzulocken. Und wenn er ihren Heldenkomplex richig einschätzte, würden die sich eher nochmal einem aussichtslosen Kampf stellen, als einfach den schwächsten Anhang seinem Schicksal zu überlassen und damit ihre eigene Haut zu retten.
Bis jetzt schien der Plan aufzugehen, denn die Geräusche waren beständig leiser geworden, je länger und weiter der Dieb unterwegs war.
Idioten. Alle miteinander.
Plötzlich und unvermittelt erbebte der Boden unter einer gewaltigen Druckwelle und wurde dem Elfen förmlich unter den Füßen weggerissen. Er geriet ins Stolpern und schnappte sich, Halt suchend, einen Ast. Doch dieser gab sofort mit einem trockenen Knacken nach und schickte den Dieb ungebremst Richtung Boden. In jeder Faser seines Leibes spürte er, wie der ganze Wald erzitterte. Bäume schwankten, Laub rieselte zu Boden. Glücklicherweise hatte Rowen sich schon weit genug entfernt, um der schlimmsten Wucht des Zaubers zu entgehen. Wie es an der Quelle aussah, und wie viel von seinen unfreiwilligen Reisegefährten jetzt noch übrig geblieben war, wollte er sich gar nicht vorstellen.
Erst einmal blieb er liegen wo er war (wobei tot stellen bei diesem Monstrum vermutlich sowieso nicht viel brachte) und wartete. Ein infernalisches und viel zu vertrautes Kreischen brandete über ihn hinweg. Dann... nichts mehr. Stille. Kein einziger Laut war mehr zu hören.
Nochmal davongekommen? Beinah erlaubte sich der Dieb, sich zu freuen.
Doch etwas wollte ihn nicht einfach entkommen lassen.
Die kalte Magie, die die Druckwelle freigesetzt hatte, breitete sich in der Umgebung aus wie Wellen in einem einem Teich, nachdem jemand einen Stein hineingeworfen hatte. Als eine dieser Wellen ihr Ziel gefunden hatte, fokussierte sie sich und packte zu.
Was zunächst nur wie ein kalter Windhauch gewirkt hatte, wich unvermittelt einem eisigen Schraubstockgriff direkt aus dem Jenseits. Doch es war nichts körperliches, das er einfach bekämpfen konnte. Viel mehr schien es direkt das tiefste Innerste seine Seele zu packen. Verzweifelt stemmte sich der Dieb unter Aufbegehren seiner ganzen Willenskraft dagegen, doch dieses dunkle Etwas war stärker und zog ihn in unbarmherziger Gewalt mit sich.
Die Welt versank in einem Wirbel aus Schatten, bis nichts mehr übrig war als Finsternis.
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Schwärze. Um ihn herum nur dichte, undurchdringliche Schwärze.
Aber es war nicht die Dunkelheit, die Rhaego wenige Herzschläge zuvor eingehüllt hatte, als der Traum im Nichts zersplittert war. Etwas war anders. Er versuchte sich umzudrehen und plötzlich wusste er es: Er schwebte nicht mehr mitten in einer lichtlosen Umgebung, sondern lag auf kaltem Stein. Seine Muskeln schmerzten, sein Kopf dröhnte und er fühlte sich matt und kraftlos.
Ein Geräusch in der Nähe ließ ihn erstarren. Irgendetwas war dort in der Dunkelheit, scharrte leise über den Stein. Ein leises Stöhnen ertönte. Rhaego atmete auf. Dieses Geräusch war nur all zu menschlich. Aber er musste wissen, wer das war. Und wo er selbst war.
Mühsam stemmte er sich vom harten, zerklüfteten Boden in eine kniende Position. Er streckte seinen Geist aus und merkte sofort, dass er nicht mehr im Nichts war. Der Schleier war wieder da, der ihn von den verlockenden Kräften auf der anderen Seite trennte. Nachdem die gewaltige Flut ihn im Nichts direkt umspült hatte, fühlte es sich nun ungewohnt schwerfällig an, durch den Schleier hindurch zu greifen. Eine kleine Flamme begann, auf seiner Handfläche zu tanzen, doch ihr unsicher flackernder Schein reichte bei weitem nicht aus, die Dunkelheit zu durchdringen. Feuer war immer Rhaegos Element gewesen und an seinen Schwierigkeiten damit merkte er erst, wie müde und fertig er tatsächlich war. Es schien unvorstellbare Anstrengungen zu kosten, genug Kraft aus dem Nichts zu ziehen, um das Feuer auflodern zu lassen, bis sein Licht die Höhle erleuchtete.
Rhaego zog zischend Luft ein, als die Flammen auf seiner Hand sich auf zahllosen kleinen Erhebungen entlang der rauen Höhlenwand widerspiegelten. Jeder Fleck der zerklüfteten Wand war mit Inschriften versehen, mit Formeln und Zeichnungen, die ihm zum Teil vage bekannt vorkamen. Er hob den Arm mit dem Licht und sah sich um. Obwohl die Höhle nicht allzu groß war, war ihre Decke so hoch, dass der flackernde Schein sie nicht mehr erreichte. Der steinerne Boden war zu weiten Teilen mit Erde bedeckt, die alt und ausgetrocknet erschien.
Ein leises Geräusch rief Rhaegos Aufmerksamkeit. Einer der dunklen Hügel in seiner Nähe bewegte sich, wälzte sich herum und er erkannte den Dieb, dem sie vor einiger Zeit – nein, halt, so lange war das noch gar nicht her! – begegnet waren. Auch andere stumme Körper lagen in der Nähe. Der bullige Körper Alriks war nicht unweit von ihm, weiter weg hob die Elfe Xydia ihren Kopf.
Doch da war noch etwas anderes auf diesem festen, erdigen Boden. Rhaego senkte die Hand, um sich die merkwürdigen Linien genauer anzuschauen, die sich unter ihm durch die Höhle zogen, feine Striche, die sich verzweigten, zusammenführten, alle um eine dicke Linie herum... Mit einem Aufschrei sprang er zurück, als er erkannte, dass er mit einem Fuß in einem uralten Bannkreis stand. Er erkannte nur einen Teil der zahllosen Zeichen und Schriften, die um die Linien herum führten. Aber das reichte um zu wissen, dass es sich hierbei um uralte, mächtige Magie handeln musste. Und es war genug um zu erkennen, dass sie alle so schnell wie möglich von hier verschwinden mussten.
Rhaego fuhr herum, um die anderen zu wecken. Er schüttelte Alriks Schulter, bis dieser etwas unverständliches murmelte. Doch gerade als er sich zur nächsten Person wenden wollte, ertönte in der Ferne, irgendwo außerhalb der Höhle ein malmendes Geräusch, das ihn erstarren ließ.
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Durch ihre Kleidung sickerte die Kälte hindurch. In ihrem Mund war ein Geschmack, einer der ihr nur zu gut bekannt war: Kupfer. Xydia stöhnte auf. Jede Bewegung schien ihr unendlich fiel an Kraft zu kosten und verursachte Schmerzen. Mit der Hand tastete sie über den kalten Boden nach ihrem Stab. Sie zwang sich dazu ihre Augen zu öffnen, langsam, doch der stechende Schmerz blieb aus, denn statt Licht umgab sie Dunkelheit.
Um sie herum gab es Geräusche. Nur das ein oder andere konnte sie einordnen. Der Elfe fiel es schwer sich zu konzentrieren. Noch immer suchte sie ihren Magierstab, war aber bis jetzt nicht fündig geworden. Leere, in ihr war Leere. 'Das Nichts...' Der Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Sie und die anderen waren dort gewesen und... Ihr Kopf schien platzen zu wollen und zu allem Übel biss nun auch noch die Helligkeit zu. Die Elfe stöhnte auf, dreht sich zur Seite. Ein weiterer Fehler. Nein, wenn sie gekonnt hätte, hätte sie ihre Atmung unterdrückt, alles und jedes schien nur Schmerz zu verursachen. Sie krümmte sich zusammen, stieß dabei gegen ihren Magierstab der klirrend über den Boden rollte. Ihre Hand schnellte nach vorne, bekam den Stab zu greifen und der Lärm verebbte.
Die Knie unter ihren Körperschiebend, den Stab fest umklammert hievte die zierliche Elfe sich hoch. Endlich stand sie, wenn sie auch leicht wankte. "Rhaego...???" Ihre Stimme klang schwach, weil sie schwach war. Ihr war klar, dass sie sich verausgabt hatte. Für den Moment würde sie keine Magie wirken können und falls sie es doch tun würde, wäre sie gut beraten sich gleich in die Siechenstube des Weißen Turmes zu begeben. Ein gurgelndes Lachen kam aus ihrer Kehle, ein Lachen der Verzweiflung. "Ist jemand hier???" Kaum, das sie ihre Stimme nochmals erhoben hatte, jagt ihr ein malmendes Geräusch Todesangst ein.
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Kaum war Rowen wieder einigermaßen bei sich, brummelte er einen undeutlichen Fluch. In seinem Schädel dröhnte es als hätte er eine Nacht lang durchgezecht und er fühlte sich auch wie erschlagen. Er presste eine Hand gegen seine Stirn und spürte förmlich wie es unter ihr pochte. Was war jetzt schon wieder passiert? Wo war er? Es war kalt, dunkel und ein flackernder Feuerschein erhellte die Umgebung. Nur allmählich gewöhnten sich seine Augen an das Licht. Er erkannte steinerne Wände, komische Striche und Zeichen überall... keine Ahnung was das nun wieder war. Er blieb liegen wie er war, das schien ihm gerade sowieso das angenehmste zu sein, und starrte nach oben an die verfinsterte Decke. Es fiel ihm schwer seine Gedanken zu ordnen.
Neben ihm waren Geräusche. Mühsam drehte er seinen Kopf in die entsprechende Richtung und sah den blonden Rockträger, der irgendwie... aufgeregt wirkte. Dann drangen andere Geräusche aus einer anderen Richtung und Blondie erstarrte. Ein Stück weiter weg lag die Hauselfe... Xydia? Auch sie wirkte irgendwie nervös und aufgeregt, zumindest daran gemessen wie eilig sie es hatte auf die wackeligen Füße zu kommen. Rowen blinzelte müde und sah die ganze Szene reg- und kommentarlos an. Er hatte mittlerweile endgültig die Fähigkeit verloren zwischen Realität und Einbildung zu unterscheiden, deswegen trafen die Alarmstimmung des Rockträgers und der Elfe bei dem Dieb nur auf Unverständnis. Rowen sah es einfach nur an, nahm es hin und war ernsthaft versucht sich einfach nochmal hinzulegen und zu warten bis sich sein Kopf wieder klärte und er sich etwas besser fühlte. Die ganze Szene hier war schon wieder so merkwürdig und unmöglich, das er es für einen weiteren Traum und ein Hirngespinst hielt.
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Während Alrik sich mühsam aufrichtete, wandte Rhaego sich ab und blickte zu den anderen Gefährten. Der Dieb regte sich, lag aber immer noch auf dem Boden, während Xydia sich mühsam auf ihren Stab gestützt aufrecht hielt. Die dürre Elfe sah sogar noch fertiger aus als Rhaego selbst sich fühlte. Doch von Juliette und Leirâ war nichts zu sehen. War das etwa ein weiterer Albtraum? Nein, er spürte den Schleier immer noch, während die kleiner gewordenen Flammen auf seiner Hand flackerten. Aber wie kamen sie hierher? Sie waren vor dem Untoten geflohen, hatten sich schon in Sicherheit gefühlt, ehe es wieder auftauchte... dann das Nichts...
Waren sie wirklich geflohen? Seine Erinnerungen fühlten sich so unwirklich an, vage und verschwommen. Aber das konnte ebenso gut an seiner Erschöpfung nach dem ersten Kampf mit dem Wiedergänger liegen. Normalerweise konnte er die Realität sehr gut von anderen Ebenen unterscheiden. War nicht das der Kern seiner Ausbildung im Zirkel gewesen?
Unwirsch schüttelte er den Kopf. All das war nicht wichtig. Wo immer sie waren, sie mussten hier raus. Während er sich Rowen näherte, um ihn endgültig zum Aufwachen zu bewegen, sah er sich erneut in der Höhle um. Die geschrumpften Flammen, die er trug, reichten nun nicht mehr aus, um die Wände der Höhle zu erleuchten, doch er fühlte sich zu müde, um sie ohne einen triftigen Grund noch einmal anzufachen. Als er gerade bei dem Elfen angekommen war, erweckte etwas auf der fernen Seite der Höhle seine Aufmerksamkeit. Er blinzelte, bewegte dann seine leuchtende Hand aus dem Sichtfeld, um besser sehen zu können. Ja, eindeutig, dort fiel Licht auf den steinernen Boden, helles Tageslicht. Dort musste der Eingang liegen!
Rasch trat er einen weiteren Schritt zur Seite und erhaschte einen Blick auf einen hohen Spalt, der halb hinter einem Felsvorsprung verborgen lag. Deshalb hatte er ihn nicht von Anfang an gesehen!
Doch nur einen Herzschlag später verwandelte sich seine Aufregung in kalte Angst. Ein langer Schatten teilte den dünnen Strahl aus Tageslicht, als sich vor dem Eingang etwas bewegte, begleitet von demselben malmenden Geräusch wie zuvor.
Rhaego fiel neben dem Dieb auf die Knie und schüttelte ihn panisch. Der Elf musste aufwachen, sie konnten es sich nicht leisten, auf die Fähigkeiten irgendeines Gruppenmitglieds zu verzichten. Sie mussten eine Lösung finden, schnell, egal ob dieses Etwas vor dem Eingang der Wiedergänger war oder etwas ähnlich großes.
Er zerrte den Elfen in eine sitzende Position, dann rief er halblaut, um das Monster ja nicht noch mehr anzustacheln, zu Alrik und Xydia hinüber: „Es blockiert den Eingang!“
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Xydia stolperte mehr das sie ging und landete schließlich an einer Wand. Die Kälte des Steines war nicht was ihr Körper brauchte, das Anlehnen war da schon bei Weitem eine bessere Unterstützung. Sie Elfe versuchte langsam aber sicher wieder Herrin ihrer Sinne zu werden. Sie war so verdammt kraftlos! Wenn nicht irgendwer, war es Rhaego, sie konnte sich nicht entscheiden gebrüllt hätte "Es blockiert den Eingang, wäre sie an der Wand herunter gerutscht und einfach liegen geblieben. "Es, ist es ES?" Beim Macher, das durfte doch nicht wahr sein. Ihre zarte Hand zog den Dolch aus der Scheide, hielt ihn mit zittrigen Fingern fest. "Wir müssen ES fort bekommen von dort... ich... mir... habe keine Kraft mehr, meine Konzentration schwindet mehr und mehr und ich finde die Phiole...." Hatte sie die Phiole überhaupt noch? Würde was darin war, so sie diese hätte noch reichen um ES in den Tod zu schicken, den wahren, wirklichen Tod?!
Vorsichtig stieß sie sich von der Wand ab, wollte in Richtung Rhaego gehen doch die Bewegung verebbte weit schneller als gedacht! Harte knallte sie mit den Knien auf dem Boden auf, kippte zur Seite. und blieb erst einmal liegen. 'ich bin nutzlos... ein verdammtes Dolchohr.' Sie schluchzte, ihre Körper zitterte schlimmer als ein Baum im Sturm. Der Gedanke bohrte sich wie ein Dolch in ihr Herz und sie war nahe dran zu verzweifeln. irgendwann ebbte es ab, das Weinen und sie wischte mit ihren Ärmeln über ihre Augen, damit sie wieder besser sehen konnte. Elendiglich, wie sie sich fühlte war sie kaum in der Lage zu handeln. Nicht weit von ihr entfernt war es Rhaego, der Rowen in eine sitzende Position brachte. 'Sitzen? Nein, sie blieb liegen. Vielleicht kam sie ja an ihre Tasche. Unendlich langsam zog sie , veränderte sie die Position und dann endlich hatte sie ihre Tasche vor sich liegen. Ihre linke Hand, ihre 'gute' Hand führte sie hinein und durchsuchte deren Tiefen. Ihre Fingerspitzen berührten etwas, etwas das sie Glas sich anfühlte. Sie ertastete das Obejekt. Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. "Rhaego..." Ihr rufen war nicht laut. "... eine Phiole... ich habe noch eine Phiole..."
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Rhaegos Maßnahmen zeigte schnell und effektiv Wirkung. Nun war der Elf tatsächlich wach und alles andere als begeistert. Am liebsten hätte er Blondie jetzt eine gescheuert, nur die Tatsache das er sich so elend fühlte und sich in seinem Kopf durch das Geschüttle alles noch mehr drehte, hielt ihn davon ab.
„Heyheyheyhey, krieg dich mal wieder ein“, grummelte er genervt und schob grob die Griffel des Magiers von sich. Dann musste er sich erst einmal selbst wieder mit beiden Händen an den schmerzenden Kopf fassen und abwarten bis dieses Elend wieder nachließ. Was musste der dämliche Blondschopf so ein riesiges Drama machen... Die Elfe Xydia hatte in der Zwischenzeit einen Nervenzusammenbruch und sogar einen Heulkrampf bekommen. Und faselte nun irgendwas von einer Phiole. Der Dieb konnte sich nicht erklären was sie damit meinte. Was lief bei den Leuten hier verkerhrt? Alles ergab keinen Sinn mehr für ihn und mit jeder Sekunde schien das schlimmer zu werden.
Nachdem sich sein Kopf wieder einigermaßen beruhigt hatte, zog er die Beine an und stand mühsam auf. Wenn er das nicht tat würde Blondie in seinem Wahnsinn wohl sowieso nachhelfen.
Rowen fühlte sich ziemlich verkrampft und verspannt als hätte er eine Nacht lang auf einem Steinhaufen gelegen, aber an sonsten noch vergleichsweise normal. Ihm schienen auch soweit alle seine Gliedmaßen zu gehorchen... immerhin etwas. War wohl doch hauptsächlich sein Kopf der irgendeinen Schaden abbekommen hatte.
„Erklärt mir mal jemand was hier los ist?“
Fragend und ratlos ging sein Blick durch den Raum, von einem Anwesenden zum nächsten. Dann über den Boden an den Linien entlang und zu der dunklen Falte im Fels, die den Tunneleingang darstellte. Und tatsächlich, dort in der Ferne zeichnete sich ein allzu bekannter Umriss im Licht ab.
„Schon wieder?“ Dieser Anblick gab Rowens Realitätsverständnis endgültig den Rest. Er begriff gar nichts mehr und konnte das Monstrum einfach nur ungläubig anstarren. Das war doch jetzt schon der dritte Untote dieser Sorte der ihn da heimsuchte. Hatten die letzten zwei nicht gereicht? Konnten die sich nicht mal etwas anderes einfallen lassen? Er empfand auch nicht wirklich Panik davor, ein leichtes Unwohlsein vielleicht, aber ihm kam es fast so vor als hätte die letzte Illusion im Alptraum seine restliche Angst bereits aufgebraucht.
Alles ein weiteres Hinrgespinst. Alles nur Einbildung. Jetzt war Rowen sich da fast sicher.
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Der Elf stieß Rhaego weg, aber wenigstens lag er nun nicht mehr nutzlos auf dem Boden.
Xydia rief etwas von der anderen Seite des Raumes. Ihre Stimme war so brüchig, dass Rhaego kein Wort verstand. Doch er erkannte sofort den blauen Schimmer, der durch ihre Finger hindurch drang, mit dem selben sehnsüchtigen Gefühl nach pochender Macht, die diese Flüssigkeit verlieh. Doch jetzt verschwendete er keinen zweiten Gedanken daran.
„Dann nimm es, bei Andrastes Asche!“, schnauzte Rhaego der Magierin zu. Die letzten beiden Worte machten ihm deutlich, wie fertig er war. Er vermied normalerweise alle Ausdrücke, die mit der Kirche zu tun hatten. Doch jetzt stand er unter viel zu viel Stress und fiel unwillkürlich in alte Muster zurück, noch vor seiner Zeit beim Zirkel... Er schüttelte den Kopf, bereute die Bewegung sogleich, als der pochende Schmerz in seinen Schläfen sich verstärkte. Er musste klar denken. „Und gib mir den Rest, falls noch etwas übrig ist...“, fügte er leiser hinzu. Hatte er nicht selbst Lyriumvorräte in seinem Rucksack gehabt? Aber wo war sein Rucksack?!
Er blickte sich um, doch in dem immer schwächer werdenden Licht der Flammen auf seiner Hand sah er den Rucksack nirgendwo. Er hatte ihn das letzte Mal gehabt, ehe die Explosion aus Magie sie ins Nichts geschleudert hatte...
Und jetzt waren sie hier... Warum waren sie nach dem Ende des Traumes hier gelandet? Irgendetwas musste das mit dem Wiedergänger zu tun haben. War dies hier sein Hort, in den er sie gebracht hatte, wo sie nun festsaßen wie Fliegen in einem Spinnennetz? Es gab irgendeinen Zusammenhang, das wusste er, aber welchen?
Alrik riss ihn an seinem Kragen zurück und schob ihn hinter sich, als das Monster sich mit schleifenden Geräuschen durch den engen Eingang schob. Die Felsen protestierten gegen die massive Gestalt des Wiedergängers und gaben mit lautem Krachen nach, wo er sich mit Gewalt durch die zu enge Öffnung schob. Faustgroße Brocken rieselten um ihn herum zu Boden, während sich das Monster durch den aufwallenden Staub weiter näherte. Rhaego wich noch weiter zurück.
Sie brauchten jetzt unbedingt einen Plan, wie sie hier lebend wieder herauskamen.
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"Ja... natürlich... Magus..." Mechanisch öffnete die Elfe die Phiole, ihre Hand zitterte stark. Xydia hatte Angst etwas von dem wertvollen und im Moment auch lebenswichtigen Nass zu verschütten. Endlich erreichte die Phiole ihre Lippen und sie ließ die blaue Flüssigkeit in ihre Kehle Rinnen. Sie spürte wie ein Stück der magischen Kraft wieder in ihren Körper floss. Noch bevor sich die Wirkung vollends einsetzte ging, nein stakste hinüber zu Rhaego. "Bitte... hier.... nehmt..." Gerne hätte die Elfe sich gesetzt, doch sie traute sich nicht, denn sie war unsicher ob sie wie auf ihre Füße kam. Angst stand in ihren dunklen Augen geschrieben. "Habt ihr einen Plan? Er scheint unbesiegbar... und wir sind vor dem Vorhang, nicht dahinter. Wo sind unsere anderen Gefährten." Schwer stützte sie sich auf den Zauberstab um Halt zu bekommen.
Mit ängstlichem Blick schaute sie zum Eingang. "ES ist wieder da... wir sind so schwach." Ihre Stimme ist mehr ein Flüstern als alles andere. Langsam wandte sie sich Rhaego wieder zu. "Ich kann versuchen einen Einsturz der Höhle herbei zuführen damit das Monster darunter begraben wird... aber das würde uns nicht mehr helfen... Eis... auch das kann ich noch einmal versuchen, doch das wird ihn nicht lange aufhalten... " Ihr Blick klebte flehentlich an dem Verzauber. "... wißt mehr als ich... ich bin nur eine einfache Heilerin... bitte... " Sie sah jämmerlich aus, die Spuren des Nasenblutes waren noch deutlich in ihrem Gesicht zu sehen. "Bitte... ich tue alles was ihr sagt..."
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Sprachlos erfasste Rowen, wie sich das monströse Ungetüm mit brachialer Gewalt einen Weg durch den Gang bahnte. Der Elf wich vom Ganz zurück, sein Blick ging hektisch durch den ganzen Raum. Er suchte nach Optionen... irgendwas musste ihm doch einfallen! Die Elfe Xydia drehte inzwischen komplett ab. Die Höhle einstürzen lassen?! Der Dieb glaubte sich verhört zu haben. Die drehten ja alle komplett durch! "Bitte... ich tue alles was ihr sagt..." wimmerte sie. Es war alles an Blondie gerichtet, doch der wirkte auch nicht wirklich so als hätte er irgendeine Idee.
„MACHT LICHT VERDAMMT!“ platzte Rowen dazwischen. War er hier der einzige der noch einigermaßen bei Verstand war? Blondies Flamme war jedenfalls immer kleiner geworden und im gleichen Maße breitete sich die Finsternis wieder in dieser stickigen Gruft aus. Und dann verteilt euch... dann erwischt er nicht alle gleichzeitig. War zwar nicht der beste Plan, aber was blieb anderes übrig? So bestand immerhin eine Chance von eins zu vier das es nicht ihn als erstes erwischte, was ihm dann Zeit verschaffen würde durch die Lücke zu huschen und nach draußen zu flüchten. Wie weit er kommen würde war natürlich fraglich, aber ein paar Minuten Lebenszeit mehr schadeten ja nie...
Da es in der Gruft immer finsterer wurde, musste Rowen besonders angestrengt auf den Boden starren, während er sich auf der Suche nach einer besseren Position durch den Raum bewegte. Fehlte ja grade noch das er dem Wiedergänger im Dunkeln direkt vor die Füße stolperte... Überall diese komischen Linien auf dem Boden. Was hatte es damit nur auf sich? Sein Gefühl sagte ihm das da mehr dahinter steckte als nur sinnfreie Kunst, aber er war kein Magier und kannte sich mit derartigem Unsinn nicht aus. Ihm fiel am Rande auch ein einzelner Schuhabdruck aus verschmierter Farbe auf, aber der Dieb schenkte dem keine Beachtung.
Seine Gedanken galten dem untoten Bollwerk, das sich lautstark und unaufhörlich wie eine Naturgewalt in ihre Richtung walzte.
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„MACHT LICHT VERDAMMMT!“
Rhaego zuckte zusammen und wandte den Blick von dem Schatten im Höhleneingang ab. Erst jetzt bemerkte er, dass er abwesend mit der rechten Hand nach dem Lyriumfläschchen gegriffen hatte. Die Flammen auf der Handfläche waren beinahe erloschen. Rasch nahm er die Phiole mit der linken und stürzte ihren Inhalt hinunter. Sofort spürte er die zusätzliche Kraft in sich, doch es war wenig so wenig im Vergleich zu dem, was er benötigt hätte, um auch nur annähernd wirksame Zauber gegen das Monster zu beschwören.
Einen Teil der neuen Kraft leitete er sofort in seine Hand. Die Flammen flackerten auf, doch es wurde nicht heller. Wogen von Dunkelheit schienen von dem Wiedergänger auszugehen und das Licht zu ersticken. Hatte er das zuvor schon gemacht? Rhaego konnte sich nicht erinnern... Bedeutete das, dass das Monster hier stärker war?
Mit einem leisen Fluchen verstärkte er seine Anstrengung. Mittlerweile verwandte er einen großen Teil seiner neugewonnen Kraft für einen Zauber, der ihn normalerweise nur einen kurzen Gedanken kostete. Doch dafür wurde es endlich wieder hell genug in der Höhle, um den Boden zu erkennen.
Ein scharrendes Geräusch ertönte, als Alrik vor ihm sein Schwert aus der Scheide zog. Rhaego schüttelte den Kopf. Waffen hatten schon bei ihrem ersten Kampf nichts gegen das Ungeheuer genutzt. Und jetzt fehlten ihnen auch noch Leirâ und Juliette...
Unsicher wich er weiter zurück. Was sollte er denn der Elfe sagen? Er wusste doch genauso wenig, wie sie dieses Monster besiegen konnten.
Aus den Augenwinkeln bemerkte er, wie der Dieb einen Sekundenbruchteil lang auf den Boden starrte. Er folgte dem Blick des Elfs und bemerkte den verschmierten Fleck, wo die klaren Linien verwischt waren. Unwillkürlich lief ihm ein Schauer über den Rücken. Er hatte keine Ahnung, wofür diese Runen und Zeichnungen dienten, aber er wusste genau, dass selbst die geringsten Fehler und Veränderungen dieser Zeichen gewaltige Auswirkungen haben konnten. Er hoffte nur, dass es sich bei dieser einen Linie, die so harmlos schmal am Rande lag, um keinen essentiellen Teil handelte. Wer wusste schon, welches Ungeheuer sonst durch diese kleine Lücke in die Welt jenseits des Schleiers entweichen konnte?
Mit einem weiteren knirschenden Geräusch brachte der Wiedergänger den engen Höhleneingang hinter sich. Ein Ungeheuer... befreit... Ein Gedanke regte sich in ihm, so entsetzlich, dass es ihm die Luft abschnitt.
In einem verzweifelten Aufwallen der Kräfte konzentrierte er sich, griff hinter den Schleier und zog die pochenden Mächte durch sich hindurch, leitete sie in das Feuer auf seiner Hand. Fast explosionsartig weiteten sich die Flammen aus, wurden zu einem weißglühenden Feuerball. Die modrige Dunkelheit zuckte zurück und die Höhlenwände offenbarten sich erneut, versehen mit zahllosen Runen und Linien, eingeätzt in die steinernen Wände. Die Zeichen setzten sich auf dem Boden fort. Wo der Fels sichtbar war, waren auch die Linien in den Stein geritzt. Doch wo staubige Erde den Stein bedeckte, waren sie nahtlos mit Farbe weitergeführt, woben sich wie feine Spinnweben durch die gesamte Höhle.
„Es ist ein Bannkreis!“, rief er. „Was immer ihr tut – tretet nicht auf die Linien!“ Automatisch blickte er hinab und merkte, dass er selbst beinahe den Fuß auf eine fein verwobene rote Rune gesetzt hätte. So rasch zog er das Bein zurück, dass er beinahe gestolpert wäre, fing sich lediglich im letzten Moment und setzte den Fuß mit einem großen Schritt auf einen steinernen Bereich. Auch hier bildeten die Linien ein feines Netz, doch solange er vorsichtig war, würden seine Schritte die Bannrunen nicht beschädigen.
Mittlerweile war er sich sicher, dass diese Höhle der Schlüssel war, wie sie das Monster besiegen konnten. Aber wie?
„Wir brauchen mehr Zeit!“, fügte er ebenso dringlich hinzu. „Haltet es irgendwie auf!“
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Alles um sie herum schien sich zu drehen. Da war das Gesicht von Rowen, des Elfen der sie angewidert anschaute, dann das von Rhaego. Seine Stimme hallte in ihrem Schädel nach. 'Das ist ein Bannkreis.' Das Lyrium schoss durch ihre Adern. Als der Effekt abebbte, übernahmen ihre Sinne wieder die Kontrolle. Xydia wäre fast ins Straucheln gekommen, doch sie fing sich schnell genug um Schlimmes zu vermeiden. "Ein Bannkreis... schützt er uns vor dem Monster, Rhaego?" Sie sah nicht besser aus als vor der Einnahme, aber ihre Augen wirkten wacher. "Zeit? Ich kann eine Wand erschaffen, aber ich weiß nicht wie lange das Ding braucht um sie einzuschlagen..." Sie umfasste ihren Magierstab fester und blickte sich um. Die Muster auf dem Boden schienen sich zu bewegen, die Muster zu altanieren. "Rhaego... " Ihre Wangen röteten sich vor Aufregung. "... schaut... die Muster... könnte das ein Reiseweg sein? Einer aus alter Zeit." Sie wagte nicht zu sagen von ihrem Volk. Sie biss sich auf die Lippen und wandte sich dann, so als wolle sie Abstand zu dem gewinnen, was sie dachte zu dem Monstrum, dass sich langsam aber unaufhörlich auf sie zu bewegte.
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Ein Reiseweg? Was zur Hölle war ein Reiseweg? Davon hatte Rhaego noch nie gehört. Vielleicht hatte die Elfe recht. In dem Licht der Flammen waren die zahlreichen Zeichen und Linien gut zu erkennen und einige... einige sahen durchaus fremd und...elfisch aus.
Mit einem Aufschrei stürmte Alrik nach vorne und hieb mit dem Schwert auf das Monstrum ein. Nutzlos, aber mit einem hässlichen Knirschen, prallte die Klinge von dem Wiedergänger ab. Der wuchtige Schlag des Monsters verfehlte den Burschen nur um wenige Zentimeter, als dieser sich zur Seite warf.
Es war Zeit, irgendwas zu tun! Rhaego war kurz davor, diese Höhle zu verstehen, aber er brauchte noch einige Augenblicke. Ein Reiseweg...Nein! Rhaego war mittlerweile überzeugt, dass es sich eher um einen Bannkreis handelte. Denn einige Zeichen kannte er. Und die breite Linie, die im Zentrum der Höhle einen Kreis bildete, war definitiv der Kern eines solchen Bannes.
Alrik rollte unweit von ihm über den Boden und stöhnte unwillkürlich, als die harten Spitzen des Felsens sich in seinen Rücken bohrten. Das Monster setzte ihm nach und war nun fast in der Mitte der Höhle. Dunkler Staub wirbelte unter seinen schweren Tritten auf... aber die roten Runen, die scheinbar so leicht verwischten, blieben dennoch gestochen scharf.
Das Monster kann keinen Einfluss auf die Runen nehmen! Es musste der Wiedergänger selbst gewesen sein - es musste einfach so sein! - der hier gefangen gewesen war... und aus irgendeinem Grund nun befreit durch die Gegend lief.
Wie magisch wurde sein Blick von der kleinen Stelle angezogen, wo ein verwischter Fußabdruck die Runenzeichen unterbrach. Es sah harmlos aus, so weit am Rand... doch als Rhaego den Linien folgte, die mit dieser Rune verbunden waren, sah er mit Entsetzen, wie schnell sie sich mit anderen Linien verflochten, verdickten und schließlich zu dem zentralen Bannkreis führten.
Xydias Aufschrei ließ ihn aufblicken. Urplötzlich hatte das Monster von Alrik abgelassen, wandte sich herum und stapfte auf den Elfen zu, der sich bisher unbemerkt am Rande der Höhle entlang geschlichen hatte. Egal! Die anderen mussten sich darum kümmern! Er selbst konnte nicht viel gegen den Wiedergänger ausrichten, das hatte er bereits während des ersten Kampfes gemerkt.
So schnell wie möglich eilte er zu der Stelle, wo die rote Farbe verwischt war, nur von der nötigen Vorsicht gebremst, nicht selbst auf die Linien zu treten. Ein Gedanke schoss ihm durch den Kopf – was, wenn dies ein geprägter Bannkreis ist? – doch er verjagte ihn rasch, als er hinter sich ein tiefes, fauchendes Knurren hörte, das nur von dem Wiedergänger stammen konnte. Fast nie wurden geprägte Bannkreise genutzt! Welchen Sinn machte es auch, einen einmal geschlossenen Bann auf denjenigen zu beschränken, der ihn zum ersten Mal veränderte?
Neben der Lücke ging er in die Hocke. Er fokussierte die lyriumverstärkte Kraft, die durch seine Handfläche schoss und sich als Feuer manifestierte, zog sie auf einen Punkt zurück. Es wurde dunkel in der Höhle, eine lichtlose Schwärze, nur unterbrochen von dem leisen Glühen, das von seinem Zeigefinger ausging. Er setzte den Finger an, exakt auf die Linie, zog ihn dann weiter, eine rot leuchtende Spur hinter sich lassend, bis er die beiden Teile jenseits des verwischten Fußabdrucks verbunden hatte.
Er hielt den Atem an. Einen Augenblick geschah nichts. Und dann... verlosch die Linie einfach.
Rhaego musste nicht einmal die Flammen wieder auf seine Hand zurückrufen, um zu wissen, dass der Wiedergänger noch immer in der Höhle war. Der Bannkreis hatte nicht reagiert und noch ehe er den nächsten donnernden Schritt des Monsters hörte, wusste er, dass er gescheitert war. Seine schlimmste Befürchtung war eingetreten – der Bannkreis war geprägt.
„Wir sind verloren“, dachte er und merkte nicht einmal, dass er es laut ausgesprochen hatte. „Nur derjenige, der den Bann verändert hat, kann ihn auch wieder schließen.“
Ein fernes Stöhnen in der Dunkelheit riss ihn aus seinem Schock. Seine Gefährten waren der Finsternis hilflos ausgesetzt und dem Monster so noch weiter unterlegen! Innerhalb eines Herzschlages loderten wieder Flammen aus seiner Hand, strömte das Licht zurück in die Höhle und brach sich wieder an dem so fein ausgeklüngelten Runenbann.
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Die Stimme die sie vernahm war für keinen anderen zu vernehmen. Ob es wirklich gesprochenes Wort war oder eine Form der Magie blieb verborgen. 'Kind, was tust Du an diesem Ort?' Die Elfe wandte sich der Richtung zu aus der sie die Stimme vernommen hatte. Sie schrie auf, als sie die Gestalt auf sie zutreten sah. Die Gestalt ein Elf, gekleidet in Roben, Roben, welche die 'alten glorreichen Tage' widerspiegelten, die Tage der Macht, des Friedens und der Freude. "Wer... wer bist Du..." 'Wer ich bin tut nichts zur Sache, ebenso wenig mein Name, Tochter. Ihr werdet sterben und ich spüre, dass Du sie retten möchtest. Warum?' Die Elfe wich noch einen Schritt zurück. "Kannst Du helfen?" 'Ja, denn ich war es der das Thaumagram schuf. Einst sollte es das Monster in den Zwischenwelten halten... doch dann verging so vieles.' "Du? Du hast es geschaffen?" 'So war es Kind doch alles geriet außer Kontrolle und die Plage begann und der Untergang unseres Volkes. Sieh dir nur den Elfen an, dort, der lieber beim Versuch stirbt zu fliehen, statt man euch allen gemeinsam gegen das Monster zu streiten. Das Volk ist verloren.' Vehement sprach sie dagegen. "Nein, nein! Das stimmt nicht. Er mag selbstsüchtig sein, aber wer gibt Dir das Recht ihn zu beurteilen? Weißt Du was er durchlitten hat umso zu werden? Weißt Du das?" 'Ist das wirklich von Relevanz, Kind?' "Das ist es! Zeig mir, dass Du anders bist, zeig mir, dass Du Mitleid hast, zeig mir den Weg hier heraus. Bitte." Sie ging auf die Knie, wie man es ihr in der Zeit als sie versklavt war beigebracht hatte. 'Und wenn das einen Preis hat? Dein Leben, Kind?' "Dann bin ich bereit, ich... ich sehre andere Leben als hochwertiger an, als da meine..." Als sie es aussprach war es so als würde ihre Stimme brechen. 'Hmm, das ist ein verlockendes Angebot, Kind. Was wenn ich ein Dämon bin und dich verführe alle ins Verderben zu führen?' "Das bist Du nicht, denn Du trägst ein Sigil. Eines von denen man sagte, sie seien alle geborsten oder verschollen." 'Erstaunlich, Kind, Du weißt Dinge die ich unter den Trümmern der Welt verschüttet glaubte. Nur deshalb helfe ich, nicht um deinetwillen und weniger noch ihretwillen. Gehe hinüber und schließe den Kreis dort wo die Zauberschrift verwischt wurde. Rufe alle Deiner Freunde in die Mitte... und vergiss nicht, das ich Dich gewarnt habe, denn der Preis wird hoch sein.' Stumm nickte sie.
Schnellen Schrittes ging sie zu Rhaego hinüber. "Herr Rhaego ruft alle in den Kreis, so bald ich das Muster wiederhergestellt habe. Bitte fragt nicht." Behände ergänzte sie die Muster des Thaumagrams. Für den Beobachter erschien es, als habe sie in ihrem jungen Lebens nie etwas anderes gemacht, ja, die Handschrift schien sich nicht von der zu unterscheiden, die es vor Äonen hier geschaffen hatte.
Als sie sich erhob, war es, als läge das Gewicht der ganzen Welt auf ihren Schultern. Nur mit Mühe kam sie wieder auf die Füße, sie stolperte in Richtung der Mitte, des Thaumagrams. Ihre Augen waren nicht in der Lage wahrzunehmen ob ihre Gefährten noch kämpften oder ob sie schon mitten im magischen Kreis standen. Ihre zitternden Finger umklammerten den weißen Zauberstab. Nun galt es.
'Du willst es wirklich tun, Kind? Du kannst ja kaum noch stehen?' Es schwang etwas in der Stimme mit das man als Mitleid hätte interpretieren können. 'Alles was Du tust, tust Du für sie, nicht für Dich... warum?' Sie blickte den anderen an, er mochte die Antwort in ihren Augen lesen, aber zum Sprechen hatte keine Kraft mehr. 'Es tut mir leid was ich Dir aufbürde... sie werden dorthin gelangen, aber es ist an Dir zuvor...' Mit aller Kraft stieß sie ihren Stab auf den Boden. Alle Worte die hätten ausgesprochen werden müssen klangen nur in ihrem Kopf. Als der Stab den Boden berührte ging von dort eine Welle aus, die alles zu zerstören schien, sie alle hoch warf als seien sie Puppen.
Ihre Gefährten erblickte sie nicht mehr, starrte stattdessen nur in die Toten Augen des Monsters.
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„Es ist ein Bannkreis!“ Was? „Was immer ihr tut – tretet nicht auf die Linien!“ Sonst noch Wünsche?! Falls es dem dämlichen Rockträger nicht aufgefallen war, der ganze Boden war voll mit diesem Gekrakel. Und nebenbei sollte man auch noch darauf achten, dem riesigen Untoten auszuweichen. „Wir brauchen mehr Zeit!“ WIE DENN? „Haltet es irgendwie auf!“
Sehr witzig.
Dem sonstigen Geschwafel schenkte der Dieb nur noch eingeschränkte Aufmerksamkeit. Er war kein Magier, oder Schriftgelehrter, oder Elfenfanatiker, oder sonst irgendwas das mit diesem Blödsinn hier etwas anfangen konnte. Er war ein Dieb und ein feiger Herumtreiber, also würde er das tun was er konnte: Leine ziehen und den freiwilligen Selbstmord anderen überlassen. Er arbeitete sich vorsichtig im Halbkreis an der Wand entlang, penibel darauf achtend ja nicht in die Kritzeleien zu treten weil das ja angeblich so wichtig war, und schlich sich so lautlos und stetig in Richtung Ausgang. Wieder einmal entwickelte jemand einen Heldenkomplex und entschied sich den Untoten anzugreifen. Dankbar nahm Rowen diese Situation an. Besser konnte man das Ding ja nicht ablenken, oder?
Doch dann – wie könnte es anders sein – änderte das Monstrum sein Verhalten, ließ von dem Menschen ab und stampfte plötzlich wieder auf den Elfen zu. Warum immer ICH?! schoss es ihm noch durch den Kopf, während das Ding mit erhobener Waffe immer näher kam...
Und dann wurde es unvermittelt stockfinster.
Blind stolperte der Dieb gegen die Wand und die Panik flammte in ihm auf wie eine glühende Stichflamme. Nicht das er dem Monstrum überhaupt etwas entgegenzusetzen gehabt hätte. Jetzt war er sogar seines einzigen Vorteils – des Ausweichens – beraubt. Hilflos und blind musste er mit anhören wie das Monster näherstapfte, jede Wette das es auch ohne Licht genau wusste wo es und seine Beute sich befanden.
Die Finsternis dauerte vielleicht ein paar Sekunden. Doch dann als es wieder hell und das erste was Rowen dann wahrnahm war das silberne Aufblitzen vor seinen Augen, als das riesige verrostete Schwert des Ungetüms direkt auf ihn zuraste. Er versuchte noch aus dem Weg zu springen, wodurch das Schwert funkenschlagend über die Höhlenwand schrammte und ihn nur um wenige Millimeter verfehlte, doch war das Monstrum mittlerweile zu nahe als das er ihm entgehen könnte. Statt mit dem Schwert machte der Dieb nun harte Bekanntschaft mit dem Schild, das der Untote am anderen Arm trug. Der Aufschlag trieb ihm das letzte bisschen Luft aus den Lungen und ließ eine Flut von bunten Sternchen vor seinen Augen erscheinen, und schleuderte ihn unabsichtlich ins Innere des Bannkreises. Noch bevor er dort dann auf dem Boden aufprallte, erfasste ihn der uralte Elfenzauber.
--> Elfenruine nahe Orzammar