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Archiv verlassen und diese Seite im Standarddesign anzeigen : Second Chance - Für immer einfach weg



DieFlamme
24.06.2010, 21:42
Morgens, viertel vor vier. Der Telefonwecker reißt mich unsanft aus dem Schlaf. Halb blind taste ich nach dem Lichtschalter, finde ihn und schalte meine Nachttischlampe ein. Ich seufze, stehe auf und schlurfe in Richtung Küche. Gebe den Katzen ihr Fressen. Stecke zwei Scheiben Toastbrot in den Toaster und hole Salami und Margarine aus dem Kühlschrank. Frühstücke und hole meine Kleidung aus meinem Zimmer. Schleppe mich, noch immer Hunde müde, die Holztreppe hoch ins Badezimmer. Stelle mich unter die Dusche und lasse mir fast zehn Minuten lang heißes Wasser übers Gesicht laufen. Es fühlt sich an, als würde alles weg gespült. Alle Sorgen die ich je hatte. Alle Probleme, einfach alles scheint von mir abgespült zu werden. Irgendwann piepst mein Handy und ich schalte die Dusche ab. Stelle mich auf den Badezimmerteppich, trockne mich ab und steige in meinem Klamotten. Gehe die Treppe runter, schlüpfe in meine Schuhe und verlasse das Haus. Der Bus kommt, ich steige ein und fahre zur Arbeit. Alles läuft wie immer. Ich arbeite, fahre nach Hause, esse etwas und sehe den Rest des abends fern. So verläuft ein Tag nach dem anderen. Bis ich einen Entschluss fasse. Einen Entschluss, der das Leben vieler Menschen nicht unbedingt ändern wird. Meines aber schon.

Ein paar Monate später habe ich endlich das nötige Geld zusammen gespart. Keiner weiß etwas, niemand ahnt, dass ich Deutschland, meiner Familie, meine wenigen Freunden, meiner Arbeit, den Kollegen, einfach allem hier, für immer den Rücken kehren will. Nein, ich WILL nicht nur, ich WERDE und ich MUSS es tun. Nicht für irgendjemand besonderes. Nicht für meine Eltern oder meinen Freund oder meine Schwestern oder so. Nein, für mich. Einfach, weil es sein muss. Knapp zweitausend Euro kostet mich der Flug. Es ist eine einmalige Sache, ein One Way Ticket. Über das Internet kenne ich seit ein paar Jahren einen Australier namens Bryan*. Mit ihm habe ich alles nötige besprochen, wann ich an welchem Flughafen lande und wann er mich abholt. Bryan weiß, dass ich länger bleiben werde. Er stellt keine Fragen, als ich schließlich in Canberra lande und wir uns kurz begrüßen. Bei Bryan angekommen, bringe ich meine Sachen direkt in das Gästezimmer. Es ist klein, nur ein Bett, ein Schreibtisch mitsamt Stuhl, ein Nachtisch mit einer kleinen Lampe und ein Teppich vor dem Bett. Aber mir reicht es. ,,Do you want to take a shower before dinner?'' fragt Bryan, als ich anfange, meine Sachen auszupacken. Ich nicke. ,,Yes, please. Where's the Bathroom?'' Er zeigt mir das Badezimmer und wo die Handtücher liegen. ,,Fourtyfive minutes!'' sagt er noch, bevor ich die Badezimmertür zu mache und abschließe. Einen Moment lang glaube ich zu träumen. Dann stehe ich unter der Dusche und heißes Wasser läuft mir über das Gesicht. Doch kein Traum, stelle ich fest. Mit einem mal muss ich lachen. Ein neues Leben liegt vor mir, wartet darauf, von mir gelebt zu werden.

Ein halbes Jahr später. Ich bin immer noch in Canberra, habe mittlerweile aber eine eigene Wohnung und durch einen Bekannten von Bryans Eltern sogar einen Job. Anfangs verstehe ich nur die Hälfte von dem, was man zu mir sagt. Mit der zeit aber verstehe ich immer mehr und irgendwann kommt es mir vor, als wäre der Canberra-Accent schon immer meine Muttersprache. Irgendwann sitze ich abends in meiner Wohnung und schalte meinen Computer ein. Schaue in mein E-Mail Postfach. Eine einzige Mail. Von Kris*. Ich schlucke, dann öffne ich die Mail. Viel steht nicht drin, nur ein paar Zeilen.

,,Wo bist du? Wir alle machen uns Sorgen um dich! Sag wenigstens, ob es dir gut geht!''

Einen Moment lang überlege ich, ob ich antworten soll oder nicht. Nein, entscheide ich. Kris und alle anderen gehören der Vergangenheit an. Also schießt der Mauszeiger in die andere Richtung. Schneller als mein Gehirn der Befehl dazu gibt, klickt mein Finger die linke Maustaste. ,,Message deleted!'' teilt mir der Provider mit. Ich lehne mich in meinem Schreibtischstuhl zurück, greife nach meinem ,,Foster's'' und nehme einen Schluck. Das Telefon klingelt. Ich stelle mein Bier auf den Schreibtisch, stehe auf und nehme den Hörer ab. ,,Danielle Richards?'' sage ich. Debbie, meine Chefin, ist am anderen Ende der Leitung. Sie fragt, ob ich David's Wochenend- Schicht übernehmen könnte, er fährt zu seinen Eltern. ,,Sure. I'll be there at six. See ya!'' Debbie legt auf und ich hänge den Hörer wieder ein. So geht es immer weiter, bis ich irgendwann aufhöre, daran zu denken, was passieren würde, wenn Kris oder einer der anderen hier auftauchen würde. Nach einiger Zeit stelle ich fest, das schon fast zwei Jahre vergangen sind. Unglaublich, wie schnell die Zeit vergeht, wenn man nicht darauf achtet.

Eines Morgens, als ich gerade meine Kaffeetasse in der Spüle auswasche, klingelt es an meiner Wohnungstür. Ich stelle eine Tasse weg und öffne. Mir bleibt fast das Herz stehen, als ich erkenne, wer da vor meiner Tür steht. ,,Mila*?'' Es ist Kris. Er steht hier in Canberra vor meiner Tür, mit tiefen Ringen unter den Augen und einer Reisetasche neben den Füßen. ,,I'm sorry, you must mistake me from somebody!'' stammele ich und knalle die Tür zu. Denke eine Sekunde lang nach. Drehe mich wieder um und öffne die Tür erneut. Trete einen Schritt zur Seite, damit er reinkommen kann. Schließe die Tür hinter ihm und folge ihm ins Wohnzimmer. Es ist still, keiner von uns spricht ein Wort. Schließlich bricht Kris denn Bann und fragt:,,Wo warst du?'' auf deutsch. Ich antworte auf englisch. ,,Here. Why do you ask?'' Kris runzelt die Stirn. ,,Warum ich frage? Weil zwei Jahre lang niemand wusste, wo du bist! Ob es dir gut geht oder sonst was! Wir wussten ja nicht mal, ob du noch lebst!'' antwortet er aufgebracht. Ich seufze. ,,That's exactly what i wanted. I wanted a new Start. I wanted to be someone else.'' Er unterbricht mich wütend. ,,Ach wirklich? Und das ging nicht mit mir?'' Erst jetzt merke ich, wie verletzt er ist. ,,No.'' antworte ich und für einen Moment glaube ich, ein leichtes Zittern in meiner Stimme zu hören. Aber dann ist es auch wieder vorbei. ,,I needed to be on my own to start everything new. No Family, no Friends, no Foes, no Job, no home. I came here with nothing to lose. I had to rebuild everything. They asked me about my Family. I told them, that my parents died and i don't have any siblings. They asked me about my education. I showed them the certificate from Germany. They asked me about a home. I said i don't have one. So they gave me a Job, a Home and the rest was up to me.'' Ich schweige und wiederhole im Kopf meine Worte. Aber alles stimmt. Kris schweigt. Er ist aufgestanden, läuft durch mein Wohnzimmer wie ein nervöser Tiger. Irgendwann fauche ich genervt:,, Would you please stop running around like a hyperactive Tiger? Makes me insane!'' Kris bleibt stehen, dreht sich um und sieht mich an. ,,Ich dachte eigentlich, ich würde meine Freundin wiederfinden. Stattdessen finde ich...'' Er sucht nach Worten, um zu beschreiben, was er sieht. Kris seufzt. ,,Stattdessen finde ich eine schlechte Kopie von ihr.'' fährt er fort. Mit einem mal klingt seine Stimme müde, er sieht erschöpft aus. Es scheint, als würde er in sich zusammen fallen. Ich seufze. Und sage auf deutsch:,,Geh wieder zurück nach Deutschland. Sag ihnen du hast mich nicht gefunden. Sag ihnen, du hast nur mein Grab gefunden. Ich komme nie mehr zurück, Kris, nie wieder. Hier bin ich nicht Mila, sondern Dannie. Ich bin jetzt ein neuer Mensch mit einem neuen Leben...und in diesem neuen Leben haben alte Gefühle, alte Freunde und alles was ich in Deutschland zurückgelassen habe, keinen Platz. Also geh, um Himmels Willen, wieder zurück und versuch mich zu vergessen. Genauso wie ich auch.'' Ich schlucke den Kloß in meinem Hals herunter, stehe auf und gehe in die Küche. Starre aus dem Fenster und beobachte einen Vogel. Lausche auf die Stille in meiner Wohnung. Schließlich höre ich, wie die Tür geöffnet wird und dann wieder ins Schloss fällt. Dann sehe ich, wie Kris in ein Taxi steigt und wegfährt. Ich gehe zurück ins Wohnzimmer und sehe, dass auf dem Couchtisch ein Briefumschlag liegt. Mit einem stumpfen Messer öffne ich den Umschlag und hole eine einzelne Seite heraus. Ein einzelner Satz steht darauf. ,,Ruf bitte an wenn du das liest.'' Und eine deutsche Telefonnummer. Ich stecke die Seite zurück in den Umschlag und zerreiße beides in kleine Teile.